1. Einleitung
1.1 Einleitung
"Das kommt doch auf jeden einzelnen selbst an". Diese Meinung ist oft anzutreffen, wenn es darum geht, wie erfolgreich ein Mensch befriedigende soziale Kontakte findet. Tatsächlich scheint es Stile der Kontaktaufnahme und Kontaktpflege zu geben, die - vielleicht biographisch erlernt und 'habitualisiert', aber vielleicht auch situativ frei verfügbar - Beziehungen in der modernen Gesellschaft leicht oder schwer, angenehm oder schwierig machen. Daneben gibt es Rahmenbedingungen, die vorgegeben sind und die die Kontaktchancen eines jeden einzelnen in ganz unterschiedlicher Weise beeinflussen oder gar festlegen.
Diese Arbeit beschäftigt sich mit den Kontakten zwischen Bewohnern in Einrichtungen der stationären Altenhilfe und mit den Bedingungen, die sich ihnen für einen sozialen Austausch bieten. Aber warum fragen wir nach den Kontakten zwischen Heimbewohnern? Ist es überhaupt wichtig danach zu fragen? Konfuzius sagt, dass das Leben an einem Ort erst dann schön ist, wenn die Menschen, die dort leben, ein gutes Verhältnis zueinander haben. Ein gutes Verhältnis zu seinen Mitmenschen zu haben hat also etwas mit Lebensqualität zu tun und wirkliche Lebensqualität entsteht nur da, wo man sich mit anderen austauschen und befriedigende soziale Beziehungen aufbauen kann. Lebensqualität in Heimen wird in erster Linie mit Privatsphäre, selbst bestimmtem Leben, Schutz und Geborgenheit in Verbindung gebracht und wird i. d. R. an bestimmten Kriterien gemessen, wie Vorhandensein eines Einzelzimmers, Möglichkeit zur Selbstbestimmung des Tagesablaufs, Mitsprache, Angebot an therapeutischen und rehabilitativen Maßnahmen, Integration von Angehörigen und qualifizierte, engagierte Mitarbeiter. So wird auch im 3. Altenbericht formuliert, dass "eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe für die Gruppe der Heimbewohner darin besteht (.), neben dem Bemühen um Linderung der Folgen von körperlichen und/oder psychischen Krankheiten und der Erhaltung einer qualitätvollen Unterstützung und Pflege ein menschenwürdiges Leben mit einem möglichst hohen Grad von Normalität und Selbstbestimmung sicherzustellen" (BMFSFJ 2001: 124). Danach kann Lebensqualität also auch als Gewissheit von Normalität aufgefasst werden. Normal ist aber auch das Bedürfnis nach Kommunikation, nach menschlicher Zuwendung, nach Austausch, demnach beinhaltet Lebensqualität weit mehr als Selbstbestimmung und Schutz der Privatsphäre. Aber wie wird dieser Bestandteil der geforderten Normalität in den Heimen gewährleistet und wird er überhaupt gewährleistet? Das Personal bewegt sich in festen Zeitkorridoren, die keine Zeit für Gespräche lassen. Die Angehörigen kommen im Idealfall ein- oder zweimal in der Woche vorbei und einmal im Jahr wird mit dem alten Vater oder der Mutter zum Geburtstag eine Dampferfahrt gemacht. Bleiben nur noch die Mitbewohner, die im Gegensatz zu allen anderen sehr viel Zeit haben und idealerweise jederzeit als Gesprächspartner verfügbar zu sein scheinen. Vor diesem Hintergrund stellen wir uns die Frage, ob befriedigende Beziehungen zu anderen Bewohnern hergestellt werden, um eine Normalität, die ja eben in Gemeinschaftlichkeit und Geselligkeit besteht, in ihren eigenen Alltag zu bringen. Bei allem Bemühen um eine Verbesserung der Lebensqualität der Heimbewohner zwecks Sicherstellung eines menschenwürdigen Lebens besteht jedoch gleichzeitig nur recht vages Wissen über deren soziale Lebenssituation und insbesondere deren subjektive Perspektive scheint dabei stark vernachlässigt zu werden. Eine Vielzahl an "harten" Daten zu sozialstrukturellen Charakteristika der Gruppe der Heimbewohner wurde bisher erhoben; so existiert ausreichend Wissen über deren Alter, Familienstand, Aufenthaltsdauer, Hilfebedarf und über die Heimeintrittsgründe. Aber wenn es um die soziale Situation in den Heimen geht, um das, was jenseits der Erledigung der Vitalfunktionen noch (oder auch nicht) stattfindet und welche Bedeutung dies für die Bewohner, resp. für ihre Definition von Lebensqualität hat, betritt man ein weites Feld an Mutmaßungen. Gleichzeitig sieht man sich mit dem Problem konfrontiert, dass das Leben in einem Altenheim häufig mit Einsamkeit und Isolation in Verbindung gebracht wird. Vielleicht kommt es dann doch nicht auf jeden einzelnen selbst an, wenn es darum geht, befriedigende Kontakte zu anderen Heimbewohnern zu finden? Bieten sich denn den Heimbewohnern tatsächlich gute Bedingungen für einen sozialen Austausch oder kann Lebensqualität auch jenseits von Zwischenmenschlichkeit stattfinden? Wir wollen versuchen, diesen Fragen in der Arbeit nachzugehen. Das Leben in einem Alten- oder Pflegeheim scheint mit einer Reihe von Problemen einherzugehen. Zahlreiche Missstände werden immer wieder in der Politik, in den Medien thematisiert. Skandalös ist, wenn alten Leuten am Morgen supersaugstarke Windeln verpasst und erst am Abend wieder gewechselt werden, wenn sie geschlagen werden, wenn sie für Stunden im Rollstuhl in eine Ecke geschoben werden, wenn ihnen (heimlich) Beruhigungsmittel verabreicht werden, wenn sie aufgrund eines Schlaganfalls aus dem Bett fallen und erst am nächsten Morgen gefunden werden. Aber ist Einsamkeit auch skandalös? Ist es nicht beschämend, wenn ein Bewohner glaubt, keinen Geburtstag zu haben, nur weil die letzten Jahre niemand daran gedacht hat? Zieht man in Betracht, dass Einsamkeit bzw. fehlender oder unbefriedigender Kontakt zu anderen Menschen psychische Erkrankungen (möglicherweise auch eine erhöhte Mortalität) zur Folge haben kann, dann sollte Einsamkeit im Altenheim eben nicht nur als reines Gefühl der Bewohner, dessen Dasein nicht weiter hinterfragt werden und wodurch sich die Politik ihrer Verantwortung entziehen kann, verstanden werden. Bevor man sich also nach der Qualität des Essens erkundigt, sollte man die Frage nach der Qualität des Gemeinschaftsgefühls stellen. Fessman und Lester (2000) konstatieren beispielsweise, "that the emotional and psychological state of nursing home residents may be best improved by helping them develop relationships with other residents of the institutions" (S. 141). Es gilt daher, die Bedingungen zu ergründen, die für die soziale Situation im Heim verantwortlich sind. Möglicherweise lassen sich mit der Überwindung von Einsamkeit auch andere Probleme lösen. Wir beschäftigen uns mit den Kontakten zwischen Heimbewohnern, weil es uns darum geht, eine häufig vernachlässigte Dimension von Lebensqualität in den Mittelpunkt zu rücken, nämlich das, was die Heimbewohner in ihrem Alltag an Zwischenmenschlichkeit erfahren. Dabei richtet sich der Fokus auf die Interaktionen zwischen den Bewohnern, allerdings werden die Beziehungen zu den Angehörigen und zum Pflegepersonal - als weitere Interaktionspartner - ebenfalls Bestandteil der Betrachtungen sein, jedoch nicht vordergründig (zumal es dazu bereits Forschungsergebnisse gibt). Insbesondere der Kontaktsituation zwischen den Bewohnern wurde bisher kaum Aufmerksamkeit geschenkt, obwohl sich u. E. gerade im Verhältnis zu den Mitbewohnern Akzeptanz der Wohnsituation, Wohlbefinden und Lebenslust begründen, resp. erfahren lassen. Die Kontaktaufnahme zu anderen Bewohnern beruht auf Freiwilligkeit und ist nicht an eine Abhängigkeitsbeziehung gebunden, so wie die Pflegebeziehung zu den Mitarbeitern. Wer aus eigenem Antrieb heraus Kontakt zu den Mitmenschen sucht und bereit ist, sich auf zwischenmenschliche Nähe einzulassen, der wird vermutlich zufrieden sein. Von daher kommt den Kontakten zwischen den Bewohnern eine enorme Bedeutung zu. Wichtig ist die subjektive Sichtweise der Bewohner, denn sowohl Lebensqualität als auch Einsamkeit ist nicht (zumindest nicht nur) objektiv messbar. Über deren subjektive Bilanzierung der Kontaktsituation im Heim erhoffen wir uns dann Rückschlüsse auf die soziale Situation im Heim zu ziehen.
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Zunächst werden wir uns mit den Grundlagen beschäftigen und dementsprechend Daten zu Bewohnern in Einrichtungen vorstellen (Kapitel 2.1.). Einführend in die Thematik soll insbesondere auf die zunehmende Bedeutung einer Heimunterbringung vor dem Hintergrund der demographischen Entwicklung und auf die stetige Zunahme an psychisch erkrankten Pflegebedürftigen eingegangen werden. Ferner geht es um die Bedeutung einer wachsenden Konkurrenzsituation am (stationären) Pflegemarkt und um die damit verbundene Bedeutung ökonomischer Verhältnisse der Klienten. Abschließend werden sozialstrukturelle Charakteristika pflegebedürftiger Menschen in Heimen beschrieben, wobei insbesondere Daten zu Heimeintrittsgründen und zu möglichen Institutionalisierungseffekten dargelegt werden.
Im darauf folgenden Kapitel (2.2.) wird eine detaillierte Übersicht über vorliegende Forschungsergebnisse zu Kontakten zwischen Heimbewohnern präsentiert, wobei es im Einzelnen um das Aktivitäts- und Kontaktverhalten der Bewohner und um spezifische Belastungs- und Problemsituationen geht. Des Weiteren wird eine Netzwerkstudie berücksichtigt, da hier insbesondere Aussagen über den Einfluss des Heimübergangs auf die Größe und Zusammensetzung sozialer Netzwerke älterer Menschen gemacht wurden. Um herauszustellen, dass Einsamkeit bzw. fehlende befriedigende Beziehungen bei Heimbewohnern weit reichende Konsequenzen, z.B. in Form von schweren psychischen Erkrankungen, haben können, werden auch diesbezügliche Studien berücksichtigt. Diese Problematik darf sicherlich nicht unterschätzt werden. Abschließend werden, im Hinblick auf unseren theoretischen Bezugsrahmen, einige wenige Studien vorgestellt, die sich alle auf recht unterschiedliche Weise dem Goffmanschen Modell der totalen Institution annehmen, um auf dieser Grundlage Schlussfolgerungen im Hinblick auf die soziale Situation im Heim zu ziehen. Am Ende werden die wichtigsten Ergebnisse tabellarisch zusammengefasst. Insgesamt handelt es sich um einen sehr unsystematischen, z. T. veralteten Forschungsstand, so dass widersprüchliche Ergebnisse keine Seltenheit sind, was jedoch auch auf unterschiedliche Erhebungszugänge zurückzuführen ist.
Im Kapitel 2.3. wird der theoretische Bezugsrahmen festgelegt, von dem aus die Rahmenbedingungen untersucht werden sollen, die die Kontaktchancen jedes Einzelnen maßgeblich beeinflussen können. Das Leben im Heim verläuft unter außergewöhnlichen (totalen) Bedingungen. Dementsprechend gestalten sich die Interaktionsprozesse auf spezifische Art und Weise. Zunächst jedoch soll Einsamkeit im Alter allgemein definiert und u. a. im Lichte der Polarisierung zwischen positivem und negativem Altersbild diskutiert werden, denn Bewohner in Altenheimen scheinen geradezu "Idealrepräsentanten" eines negativen Altersbildes zu sein, und zwar so sehr, dass der Eindruck vermittelt wird, als gäbe es gar keine Notwendigkeit, Einsamkeit und Langeweile von Heimbewohnern zu hinterfragen. Im Teil 2.3.3. und 2.3.4. wird speziell auf das Forschungsprogramm von Goffman Bezug genommen, wobei es insbesondere um das Modell der totalen Institution und um Rollendistanz gehen soll (näheres siehe Einleitung zum Kapitel 2.3.).
Im dritten Teil der Arbeit wird das Untersuchungsdesign konkretisiert, im Einzelnen werden die Fragestellung, der Forschungsansatz (Kapitel 3.1.) und die dementsprechende methodische Verortung der Untersuchung (Kapitel 3.2.) dargestellt. Vor dem Hintergrund des von uns dargestellten Forschungsstandes kann zunächst von bestimmten Erwartungen in Bezug auf die Frage, ob Bewohner die Möglichkeiten zum sozialen Austausch nutzen, ausgegangen werden. Ferner werden Thesen zu den möglichen Ursachen einer genutzten bzw. ungenutzten Kontaktsituation formuliert. Im Methodenteil werden die von uns untersuchten Einrichtungen der stationären Altenhilfe, die befragten Personen und es wird der Ablauf der Interviews vorgestellt. Da wir lediglich einen thematischen Rahmen zur Grundlage haben und es sich im Rahmen der Frage nach Einsamkeit im Grunde um persönliche Erfahrungen handelt, waren wir darauf angewiesen, eine nicht-standardisierte, qualitative Methode zu wählen. Demzufolge wird das narrative Interview, als von uns gewählte Befragungsmethode, vorgestellt und diskutiert.
Im vierten Teil der Arbeit werden die Ergebnisse vorgestellt, gegliedert nach personenbedingten (Kapitel 4.1.), heimstrukturell bedingten (4.2.) und umweltbedingten Faktoren (Kapitel 4.3.). Ferner wird - auch vor dem Hintergrund unserer theoretischen Einbettung - die Rolle der Anpassung, insbesondere der Anpassungsstrategien (Goffman) besprochen und auf die Problematik der Einsamkeit in Heimen und den Totalitätsgrad bezogen (Kapitel 4.4.). Die spezifischen Anpassungsstrategien und die Notwendigkeit ihrer Anwendung lassen interessante Rückschlüsse auf die Kontaktsituation bedingenden Rahmenbedingungen zu.
Abschließend werden die einzelnen Ergebnisse kausal miteinander verknüpft und im Lichte der Forschungsergebnisse diskutiert (Kapitel 5.1.). Im Kapitel 5.2. werden auf Grundlage unserer Ergebnisse die wichtigsten Interventionsmaßnahmen erläutert. Es wird also auch darum gehen, herauszufinden, welche Bedingungen sich als besonders günstig für Kontakte und Gemeinschaftlichkeit erweisen, um so zu Prognosen zu kommen, wo angesetzt werden könnte, um der Vereinsamung in den Heimen vorzubeugen. Am Ende soll auch abrissartig ein bereits vorhandenes Konzept zur "Lösung des Problems Einsamkeit" vorgestellt werden, das im Wesentlichen unsere Gedanken bereits aufgreift (die "Eden-Alternative"). Ein Forschungsausblick wird die Arbeit abschließen (Kapitel 6).

