2. Grundlagen
2.2.2. Studie zu sozialen Netzwerken bei Altenheimbewohnern und dem damit verbundenen Vereinsamungsrisiko
Wann fühlt sich ein Mensch einsam? Ob ein Mensch sich einsam fühlt, hängt nicht allein vom Netzwerkumfang oder der Kontaktfrequenz der Sozialkontakte ab, sondern vor allem auch von deren Intensität bzw. Qualität. Es ist anzunehmen, dass Menschen mit wenigen, aber intensiven Sozialkontakten sich weniger einsam fühlen, als diejenigen mit vielen, aber oberflächlichen soziale Kontakten.
Der Frage, wie groß die Gefahr ist, dass ältere Menschen in stationären Einrichtungen der Altenhilfe vereinsamen, geht Enzlberger (1992) in ihrer Studie "Soziale Netzwerke und Unterstützungsressourcen bei Bewohnern von Altenheimen" nach. Die Daten dieser Untersuchung basieren auf Befragungen von 36 verschiedenen Altenheimbewohnerinnen, die in zwei verschiedenen Einrichtungen in Salzburg leben. Die soziale Netzwerksituation von Altenheimbewohnern wird wie folgt beschrieben.
Die Altenheimbewohner verfügen im Schnitt über ein soziales Netzwerk von ca. 15 Personen, wobei 10 von den 15 Netzwerkmitgliedern von den meisten Bewohnern als persönlich wichtig bewertet werden. Die Verwandten nehmen quantitativ mit etwas über 5 Personen den größten Stellenwert im sozialen Netzwerk ein. Die zweitgrößte Gruppe stellen die Heimmitbewohner dar. Übrige Personengruppen, wie z.B. das Personal, spielen keine weitere Rolle im Kontaktnetzwerk. Dieses Ergebnis wurde vorab nicht so erwartet, da man davon ausgegangen war, dass die Heimbewohner die größte Gruppe im Kontaktnetz bilden. Die Forscher waren davon ausgegangen, dass mit dem Heimeinzug die Außenkontakte überwiegend abbrechen, so dass die Gruppe der Heimbewohner zur bedeutendsten Gruppe im Netzwerk wird. Der Heimeinzug bedeutet für einen älteren Menschen, dass dieser sein altes Umfeld verlassen muss, wodurch die Annahme begründet wird, "dass es mit dem Eintritt in ein Altenheim zu einem Wegfall von Beziehungen und einem Schrumpfen des Kontaktnetzwerkes kommt" (Enzlberger et al. 1992: 73). Nach einem Abschied aus einem Umfeld folgt auch ein Neuanfang, der auch eine Chance auf neue Sozialkontakte bietet.
So "könnte man für Heimbewohner vor allem jene, die mobil und aktiv sind, argumentieren, dass ein Heim viele Möglichkeiten zur Kompensation fehlender familiärer und außerfamiliärer Kontakte durch Beziehungen innerhalb des Heims bietet" (ebd.). Enzlberger räumt aber ein, dass auch beachtet werden muss, dass soziale Kontakte zu Mitbewohnern nur allmählich und erst nach einer gewissen Dauer geknüpft werden.13
Letztendlich werden folgende deskriptive Befunde dargestellt. Eine Reduktion des Netzwerkumfangs, bedingt durch den Heimeinzug, findet zwar statt, aber nicht in dem Umfang, wie die Forscher es vorab erwartet hatten. "Im Bereich der wichtigsten und bedeutsamen Personen findet sich überhaupt kein Defizit. Dies deutet am stärksten darauf hin, dass der Abbau nur in der Peripherie und nicht im emotionalen und subjektiv bedeutsamen Zentrum beginnt und Platz greift" (ebd.: 83). Die Bewohner halten innerlich an den emotional bedeutsamen Bezugspersonen fest, die in der Regel außerhalb des Heims leben. Die meisten emotional bedeutsamen Kontakte älterer Menschen bestehen in der Regel schon seit sehr vielen Jahren, d.h. im Durchschnitt seit 30 Jahren, und diese sind so gefestigt, dass sie durch den Heimeinzug nicht abreißen. Problematisch für die Bewohner ist also nicht, dass die Kontakte zu den emotional wichtigeren Netzwerkmitgliedern abreißen, sondern dass sich die Kontaktfrequenz mit dem Heimeinzug zu diesen Personen verringert.
Im Bezug auf die Disengagement-Theorie wird der soziale Rückzug nicht auf die emotionale Bindung zur Außenwelt bezogen, sondern in erster Linie mit der Aktivitätsbereitschaft und den Verhaltensweisen der Bewohner in Zusammenhang gebracht. "Es kann damit sicherlich nicht von einem emotionalen Rückzug auf die eigene Person gesprochen werden, sondern eher von einem vermutlich schmerzlichen Verlust der Möglichkeiten, sich seine Kontakt- und Unterstützungsbedürfnisse zu befriedigen, was viel eher zu Einsamkeit und Frustration führt (.) Die damit verbundene Diskrepanz zwischen Bedürfnis und Realisierungsmöglichkeit könnte eine spezifische Vulnerabilität von Altenheimbewohnern darstellen" (ebd.: 84). Neu geknüpfte Sozialkontakte zu Heimmitbewohnern können i. d. R. qualitativ nicht mit den bereits langjährig bestehenden Sozialkontakten mithalten und müssen diese auch nicht gänzlich ersetzen. Die neu geknüpften Sozialkontakte dienen den Bewohnern häufig als zusätzliche Ressource, um ihre sozialen Bedürfnisse befriedigen zu können.
Die hier gewonnen Erkenntnisse beziehen sich in erster Linie auf die Untersuchung externer sozialer Netzwerke. Es geht aus der Studie eindeutig hervor, dass die Kontakte zu den Angehörigen, Freunden und Bekannten, zumindest die emotional bedeutsamen, nicht unbedingt mit dem Heimeinzug abrechen, aber diese Ressource nicht hinreichend des eigenen Kontaktbedürfnisses ausgeschöpft werden kann. Des Weiteren konnte ermittelt werden, dass die Mitbewohner in den sozialen Netzwerken von Heimbewohnern eine untergeordnete Rolle spielen. Den Ursachen wurde in dieser Studie aber nicht weiter nachgegangen.
13 Untersucht man das soziale Netzwerk von jüngeren Heimbewohnern und vergleicht man dieses mit dem der älteren, dann ergibt sich insgesamt kein erwähnenswerter Unterschied. Die Netzwerke von Hochbetagten Bewohnern werden nicht kleiner im Gegensatz zu den weniger alten Bewohnern. "Im Gegenteil in einigen Parametern scheinen die Netzwerke Älterer sogar stärker ausgeprägt zu sein (Enzlberger et al. 1992: 82).

