2. Grundlagen
2.2.3. Gerontopsychologische Studien zum Zusammenhang von psychischen Erkrankungen und der Bedeutung sozialer Kontakte zu anderen Heimbewohnern
Zur Frage nach einem Zusammenhang zwischen psychischen Erkrankungen und Einsamkeit bei Bewohnern stationärer Einrichtungen liegen nur vereinzelte Untersuchungsergebnisse vor. Im Hinblick auf unsere Fragestellung wäre es zum einen interessant, zu erfahren, ob psychische Erkrankungen, die gerade bei Heimbewohnern signifikant höher ausfallen als bei einer vergleichbaren Altersgruppe in Privathaushalten, ursächlich sind für ein reduziertes Kontaktverhalten zu anderen Heimbewohnern und zunehmendes Einsamkeitsempfinden. Es müsste geklärt werden, ob Heimbewohner aufgrund ihrer höheren Morbidität (vor allem auch in Bezug auf psychische Erkrankungen) von vornherein ungünstigeren Lebensumständen ausgesetzt sind und sich so das Risiko sozialer Isolation oder Vereinsamung automatisch stark erhöht. Zum anderen müsste geklärt werden, ob Depressionen und andere psychische Erkrankungen bei Heimbewohnern die Folge von zunehmender Vereinsamung sein können und inwiefern solche Erkrankungen durch eine Förderung und Zunahme sozialer Kontakte zu anderen Heimbewohnern reduziert werden können.
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Fessman und Lester (2000) fanden heraus, dass soziale Beziehungen zu anderen Bewohnern in stationären Einrichtungen einen weitaus größeren Einfluss auf das Entstehen von Depressionen und Einsamkeit ausüben als soziale Beziehungen zu Personen außerhalb des Heims. So konnte kein Zusammenhang hergestellt werden zwischen einer geringen Besuchsfrequenz von Freunden, Verwandten oder Familienmitgliedern und einer Zunahme an Depressionen bzw. einem verstärkten Einsamkeitsempfinden. Vielmehr beeinflussten die sozialen Netzwerke innerhalb des Heims das Einsamkeitsempfinden und das Entstehen von Depressionen. Vor allem die Abwesenheit von engen Freunden innerhalb des Heims stand in engem Zusammenhang mit dem Vorhandensein einer Depression. Und diejenigen Bewohner, die depressiv waren, fühlten sich am häufigsten einsam. Fessman und Lester stellten vor diesem Hintergrund die These auf, dass der emotionale und psychologische Zustand von Heimbewohnern am ehesten dadurch normalisiert werden kann, indem man ihnen hilft, positive Beziehungen zu anderen Heimbewohnern zu entwickeln und auch aufrechtzuerhalten (Fessmann / Lester 2000: 137 - 141).
Einer ähnlichen Fragestellung zum Zusammenhang von sozialer Isolation und psychischen Erkrankungen ging eine deutsche Studie aus den 80er Jahren nach (Cooper et al. 1984), und diese kam zu ganz anderen Ergebnissen. So wurde festgestellt, dass zwar Heimbewohner in weitaus stärkerem Maße dem Risiko einer sozialen Isolation unterliegen als in Privathaushalten lebende Ältere. Aber ein allgemeiner Zusammenhang zwischen psychischen Erkrankungen und sozialer Isolation konnte so nicht abgeleitet werden, abgesehen von der Zahl der sozialen Kontakte zu Personen außerhalb des Heims. So hatten Personen, die als psychisch krank diagnostiziert worden waren, weniger Kontakte zu Angehörigen oder Freunden außerhalb des Heims, als psychisch Gesunde - eine Tatsache, die nach Cooper et al. auf die geringere Mobilität dieser Personen zurückzuführen war. Offenbar spielte hier also das soziale Netzwerk zu Personen außerhalb des Heims eine weitaus größere Rolle im Zusammenhang mit psychischen Erkrankungen.
Die Untersuchung zu den sozialen Kontakten der Heimbewohner ergab, dass die Mitbewohner für den größten Teil der Heimbewohner die Hauptquelle sozialer Kontakte waren: so nahmen mit 65,9 % die Kontakte zu anderen Heimbewohnern den größten Anteil an der Gesamtzahl sozialer Kontakte ein, gefolgt von Kontakten zu Familienangehörigen mit 16,5 %, davon etwa die Hälfte zu den Kindern.14 Im Vergleich zur Gemeindestudie ergab sich allerdings, dass die durchschnittliche Kontakthäufigkeit der Heimbewohner weit unter der der Älteren in der Gemeinde lag. Die qualitativen Unterschiede in den sozialen Kontakten blieben jedoch weitgehend unberücksichtigt (Cooper et al. 1984: 117 - 125).
Als Fazit bleibt, dass das Leben im Heim vor allem von quantitativ eingeschränkten Sozialbeziehungen gekennzeichnet ist. Zum anderen wurde aber auch festgestellt, dass mit der Übersiedlung und dem Leben in einem Alten- oder Pflegeheim nicht zwangsläufig der Verlust von sozialen Kontakten und sozialer Isolierung verbunden ist, sondern dass vielmehr die ungünstigen Lebensumstände bereits vor dem Heimeintritt (hohes Alter, körperliche und psychische Behinderungen) Probleme im Kontaktbereich begünstigen können.
14 Untersucht man das soziale Netzwerk von jüngeren Heimbewohnern und vergleicht man dieses mit dem der älteren, dann ergibt sich insgesamt kein erwähnenswerter Unterschied. Die Netzwerke von Hochbetagten Bewohnern werden nicht kleiner im Gegensatz zu den weniger alten Bewohnern. "Im Gegenteil in einigen Parametern scheinen die Netzwerke Älterer sogar stärker ausgeprägt zu sein (Enzlberger et al. 1992: 82).

