2. Grundlagen
2.2.4. Soziologische Ansätze zur Rolle der Institution, unter Bezugnahme auf das Modell der totalen Institution
Die unterschiedlichsten Fragestellungen wurden herangezogen, um zu prüfen, wie und auf welche Art und Weise ein Altenheim als Institution, als gesellschaftliche Einrichtung, das Leben im Allgemeinen und das soziale Leben der Bewohner dieser Institution im Speziellen beeinflusst. Ausgangspunkt ist stets das negative Bild des institutionalisierten älteren Menschen, der den institutionellen Zwängen ausgeliefert ist und durch Reglementierung zu einem inaktiven Versorgungsempfänger mit einem Minimum an Sozialkontakten wird. Sämtliche Studien, die sich mit dieser Frage beschäftigten und die uns vorlagen, nutzten Goffmans Konzept der "totalen Institution" als Rahmen, um die psycho-sozialen Effekte der Institutionalisierung auf den Heimbewohner (und damit einhergehend auf sein Verhalten) zu diskutieren und kamen dabei zu recht unterschiedlichen Ergebnissen. Es sollen die wichtigsten Ergebnisse einiger vorliegender (leider hauptsächlich älterer) Studien skizziert werden.
Myles (1978) unternahm den Versuch, Goffmans Konzept der "totalen Institution" dahingehend zu überprüfen, inwiefern die Institution die dem Bewohner zugeschriebene Krankenrolle verfestigt und damit jene Verhaltensweisen manifestiert, die dieser Rollenerwartung entsprechen. Die Frage war, ob der Bewohner, unabhängig von seinem eigentlichen Gesundheitszustand automatisch die Rolle des Patienten übernimmt und danach sein Verhalten ausrichtet. Zunächst konnte festgestellt werden, dass sich Heimbewohner im Vergleich zu in Privathaushalten lebenden Älteren wesentlich seltener und weniger stark ausgeprägt als krank oder behindert wahrnahmen und es zeigte sich auch, dass dies nicht darauf zurückzuführen war, dass sie sich in einem sozialen Milieu befanden, welches ohnehin Krankheit und Behinderung als normal betrachtet. Demnach reduziert Institutionalisierung die Wahrscheinlichkeit, dass Individuen ihren Gesundheitszustand als schlecht beurteilen. Im gleichen Zuge schlussfolgerte Myles, dass durch Institutionalisierung die Lebenszufriedenheit steigt, da Krankheit und Behinderung viel weniger wahrgenommen werden. Myles kommt zu dem Ergebnis, dass es nicht so ist, dass die Institution bei den Bewohnern die Tendenz verstärkt, sich selbst in erster Linie als krank oder behindert wahrzunehmen bzw. diese Kennzeichnung in die Definition des Selbst aufzunehmen und ihr Verhalten danach auszurichten. Vielmehr - bezogen auf die Gesamtsituation der Älteren in der Gesellschaft - stellt die Institution Altenheim eine unproblematische Wohnumgebung für Ältere dar. Der Einfluss der Institution auf die Selbstwahrnehmung und auf das Verhalten des Individuums wird hier als relativ gering eingeschätzt, und die verheerenden Konsequenzen von Institutionalisierung wie sie von Goffman gezeichnet wurden, fanden hier keine Entsprechung (Myles 1978: 508 - 521).
Zu einem ähnlichen Ergebnis, wenn auch unter einer anderen Fragestellung, kam die Studie von Closs und Kempe (1979), wonach nicht so sehr Typ, Lage oder Größe des Heims und spezifische Heimgegebenheiten ausschlaggebend sind in Bezug auf das Kontaktverhalten der Bewohner, sondern vielmehr die Charakteristika der Bewohnerschaft und die Lebens- und Wohnsituationen der Bewohner vor Heimeintritt. Vorrangiges Interesse der Forscher dabei war, das defizitäre, negative Bild des institutionalisierten älteren Menschen und das Negativ-Image von Alteneinrichtungen zu relativieren bzw. zu widerlegen. So wurde u. a. ermittelt, dass von der bis zu 15-stündigen Wachzeit der Bewohner durchschnittlich täglich 3 bis 5 Stunden auf Sozialkontakte (gemeint sind private Kontaktpersonen) entfallen, wobei diese Kontakte im Wesentlichen aus Binnenkontakten (gemeint sind Kontakte zu anderen Bewohnern) bestehen. Die Anzahl der vertrauten Partner innerhalb des Heims liegt allerdings bei durchschnittlich nur 1-2 Personen, außerhalb des Heims bei 8-9 Personen - bei einem Großteil davon handelt es sich um Familienangehörige. Die Frage, wo, wie viel Zeit mit wem verbracht wird, ergab, dass die Bewohner durchschnittlich ca. eine Stunde täglich mit Zimmernachbarn verbrachten, sich ca. 1,5 Stunden täglich in öffentlichen Zonen des Hauses aufhielten und den Rest des Tages hauptsächlich allein auf dem eigenen Zimmer verbrachten. Die Frage, in welchem Ausmaß kollektive Kontaktformen gesucht wurden, ergab, dass durchschnittlich ca. 30 Minuten sowohl intern als auch extern private Geselligkeit gepflegt wurde, ca. 20 Minuten der Tageszeit entfielen auf vom Heim organisierte Gruppenaktivitäten. Die Forscher sprechen im Zusammenhang mit diesen Daten von "einem erheblichen Ausmaß privater Geselligkeit" und grenzen sich damit gegen den negativen Heimstereotyp ab (Closs / Kempe 1979: 328 - 340).
Unserem Verständnis nach relativieren die Daten jedoch keinesfalls das negative Bild des institutionalisierten älteren Menschen, der nur noch über ein Minimum an Sozialkontakten verfügt, sondern bestätigen es geradezu, obwohl die Forscher das Gegenteil behaupten. Darüber hinaus sind rein quantitative Daten über das Kontaktverhalten von Heimbewohnern nicht aussagekräftig genug, um Aussagen zu treffen über Gemeinschaftlichkeit oder Vereinzelung der Bewohner als mögliche Wirkungen der Institutionalisierung. Sicherlich ist die schwierige, vor allem empirische, aber auch inhaltliche Erschließung der Thematik dafür verantwortlich, dass es zum Einfluss der Institution nur stark vereinzelte soziologische Forschungsergebnisse gibt.
Eine neuere Studie aus den USA (Miner Salari / Rich, 2001) beschäftigte sich mit dem Einfluss des Umfeldes auf die sozialen Interaktionsmuster der Bewohner. Allerdings wurde die Studie in Einrichtungen der Tagespflege durchgeführt. Dennoch sind die Ergebnisse auch für unsere Fragestellung interessant, da die Effekte der "Infantilisierung" im Umfeld der Tagespflege von den Forschern vor dem Hintergrund der von Goffman identifizierten verschiedenen Anpassungsformen untersucht wurden. Die Forscher kamen zu dem Ergebnis, dass zwischen den Klienten umso weniger soziale Interaktionen stattfanden, je "infantiler" das Personal und das Umfeld, je weniger Eigenständigkeit der Klienten vorgesehen war und je weniger Möglichkeiten für eine persönliche, individuelle Gestaltung des Tages angeboten wurden. Im Gegensatz dazu konnten in einem erwachsenen Umfeld, mit dem Alter entsprechenden Aktivitäten, wesentlich mehr soziale Kontakte und Freundschaften zwischen den Klienten, aber auch mehr Eigenständigkeit festgestellt werden. Im Vordergrund des Interesses stand also nicht so sehr die "Infantilisierung" der Sprache, wie sie älteren Leuten häufig entgegengebracht wird (und vielfach schon untersucht worden ist), sondern die "Infantilisierung" der physischen und sozialen Umwelt und die Effekte, die davon auf die Interaktionsmuster der Älteren ausgehen. Der Vergleich zweier unterschiedlicher Tagespflegeeinrichtungen ergab, dass in der Einrichtung mit nicht altersgerechter Ausstattung und einem fehlenden altersgerechten Tagesangebot der Großteil der sozialen Interaktionen nur zwischen Personal und Klienten stattfand, und darüber hinaus immer auf die Initiative des Personals zurückging. Eigenständige soziale Interaktionen fanden hier nur im Rahmen von vorgegebenen größeren Gruppenaktivitäten statt, aber nicht unabhängig davon. Hier konnten die Formen der Anpassung festgestellt werden, wie sie von Goffman beschrieben wurden: Rückzug bzw. "situational withdrawal", Kompromisslosigkeit bzw. "the intransigent line" (eine Kooperation mit dem Personal und mit den Zielen der Institution wird verweigert), Gesinnungswandel bzw. "conversion" (Aneignung der Sprache und des Verhaltens des Personals) und Kolonisation bzw. "colonization"(Anpassung an die Gegebenheiten, trotz innerer Ablehnung). Alles in allem verhielten sich die Klienten sehr zurückgezogen und unkommunikativ und schliefen die meiste Zeit. In der Einrichtung, die auf die Bedürfnisse älterer Menschen abgestimmt war, entwickelten die Klienten auf Eigeninitiative Freundschaften oder fanden sich mehrheitlich in Zweierbeziehungen zusammen. Die Teilnahme an Gruppenaktivitäten war freiwillig. Mehr Eigenständigkeit schien also hinsichtlich der Formation von sozialen Interaktionen förderlich zu sein. Die Klienten in dieser Einrichtung, die eigenständiger waren, ihren Tagesablauf individueller gestalten konnten und wie Erwachsene behandelt wurden, entwickelten weniger eindeutig jene Anpassungsformen, wie sie typisch für die andere Einrichtung waren.
Zusammenfassend kam die Studie zu dem Ergebnis, dass das Umfeld einer Einrichtung eine Schlüsselposition bei der Erklärung von Interaktionsmustern zwischen den dort lebenden Individuen einnimmt und dass soziale Interaktionen hauptsächlich vom Grad der Selbständigkeit, Unabhängigkeit, Privatsphäre und der persönlichen Freiheit abhängig sind, wie sie von der jeweiligen Einrichtung zugestanden werden (Miner Salari / Rich 2001: 115 - 134).

