2. Grundlagen
2.2.5. Zusammenfassung
Eingangs wurde bereits erwähnt, dass der aktuelle Forschungsstand zum Thema nicht sonderlich umfassend ausfällt. Aus diesem Grund haben wir auch etwas ältere Studien berücksichtigt. Die thematische Komplexität unseres Forschungsanliegens erforderte es auch, dass wir Ergebnisse anderer Forschungsdisziplinen berücksichtigten, um überhaupt geeignete Studien ausfindig machen zu können, die zumindest ansatzweise unsere Fragestellung berührten. Insgesamt konnten wir vier Typen von Studien identifizieren, die im Hinblick auf die Forschungsfrage als relevant bewertet wurden.
- Allgemeine Studien, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, die Lebenssituation der Bewohner in stationären Einrichtungen der Altenhilfe zu analysieren. So konnten hier jeweils Aussagen über das soziale Klima oder die Atmosphäre in Altenheimen und über Einflussgrößen auf das Heimklima (z.B. Kontakte zwischen den Bewohnern) herangezogen werden.
- Auch Netzwerkstudien wurden in die Betrachtungen einbezogen. Insbesondere Aussagen über den Einfluss des Heimübergangs auf die Größe und Zusammensetzung sozialer Netzwerke älterer Menschen lieferten interessante Ansatzpunkte. Es überraschte, dass der Heimübergang die Größe des Netzwerks nicht wesentlich beeinflusst und dass wichtige Bedürfnisse über das bestehende Netzwerk weiterhin befriedigt werden. Dieses Ergebnis spricht im Grunde genommen gegen die These zunehmender Einsamkeit nach dem Heimübergang.
- Gerontopsychologische Studien, die als relevant bewertet wurden, sind u. a. der Frage nachgegangen, ob mangelnde Sozialkontakte innerhalb oder außerhalb der Einrichtungen zu Depressionen und damit zu Vereinsamung führen können. Interessant war hier der Ansatzpunkt, dass insbesondere durch Beziehungen zu anderen Bewohnern die Wahrscheinlichkeit einer psychischen Erkrankung (z.B. einer Depression) reduziert und damit am ehesten der Einsamkeit vorgebeugt werden kann. Solche Ergebnisse sprechen für enormen Handlungsbedarf, beispielsweise im Rahmen von Freundschaftsprogrammen für Altenheimbewohner.
- Soziologische Ansätze zur Rolle der Institution, die sich auf das Modell der "totalen Institution" von Goffman stützen, wurden auch in die Überlegungen einbezogen. Im Ausgangspunkt der Ansätze steht stets das negative Bild des institutionalisierten Älteren, welchem aber im Verlauf nicht immer entsprochen werden konnte. Die vielfältigen Fragestellungen unter Bezugnahme auf das Modell der totalen Institution belegen, dass Goffmans Modell in phantasievoller Anwendung vielfältigste Anleihen bieten kann und somit für sämtliche Forschungen im Altenpflegebereich einen wertvollen Theoriebaustein darstellt, der darüber hinaus offensichtlich nichts an Aktualität eingebüßt hat (Konkretisierung dazu siehe Kapitel 2.3.).
Um einen zusammenhängenden Eindruck darüber zu erhalten, welche Kenntnisse in der Forschung kursieren, welche Faktoren prinzipiell für die Bewohner eine Belastung darstellen können und sich von daher auch unter Umständen negativ auf die Kontaktsituation der Bewohner untereinander auswirken, haben wir zu diesem Zweck eine Tabelle erstellt.
Tab.: Zusammenfassung von in der Forschungsliteratur diskutierten Belastungs- und Problemsituationen
| Belastungs- und Problemsituationen | |
| Merkmale | Studie |
Gesundheitliche Probleme |
Schmitz-Scherzer et al. 1978, Rückert 1983 |
Störende Persönlichkeitseigenschaften der anderen Bewohner z.B. Streitsüchtigkeit |
Schmitz-Scherzer et al. 1978 |
Unzureichendes Aktivitätsangebot (Unzufriedenheit)- Rückzugstendenzen der Männer (z.B. zu wenig männeradäquate Veranstaltungen) |
Schmitz-Scherzer et al. 1978, Kruse et al.1992 |
Bildungs- und Interessenunterschiede |
Schmitz-Scherzer et al. 1978, Kruse et al. 1992 |
Divergenzen von Lebensgewohnheiten |
Kruse et al. 1992 |
Neugier der anderen Bewohner / Angst vor Gerede und Getratsche |
Schmitz-Scherzer et al. 1978, Kruse et al. 1992 |
Scheu davor, jemand anderen zu belästigen |
Kruse et al. 1992 |
Angst vor Abweisung |
Kruse et al. 1992 |
Bewohner fühlen sich durch Nichtbeachtung von den Mitbewohnern ausgegrenzt |
Schmitz-Scherzer et al. 1978 |
Interesse- und Initiativlosigkeit der anderen Bewohner (Rückzugstendenzen auf das eigene Zimmer) |
Schmitz-Scherzer et al. 1978, Kruse et al. 1992, Saup 1990 |
Flüchtigkeit der Sozialkontakte (bspw. auf den Gängen und Treppenhäusern) |
Saup 1990 |
Einsamkeit- 3 Bewohnergruppen sind besonders gefährdet: Bettlägerige, Demenzkranke, Neuankömmlinge |
Saup 1990, Albrecht 1997 |
Mangel an Sozialkontakten zu den Mitbewohnern- Mangel an adäquaten Gesprächspartnern |
Kruse et al. 1992 |
Einseitigkeit der Gesprächsthemen |
Kruse et al. 1992 |
Verlust sozialer Kompetenzen aufgrund sozialer Isolation |
Kruse et al. 1992 |
Mangelnde finanzielle Leistungsfähigkeit der Bewohner - Angehörige sozial niederer Schichten leben häufiger in Heimen mit ungenügenden Rahmenbedingungen (Pflegeheime, Pflegestationen) |
Schmitz-Scherzer et al. 1978 |
Konflikte und Streitigkeiten - Unausweichliche Auseinandersetzungen ohne Ausweichmöglichkeiten (bspw. in Form von geregelten Sitzordnungen) |
Kruse et al. 1992, Saup 1990 |
Umgangsstil des Personals |
Rückert 1983, Häussler-Sczepan 1998 |
Heterogene Bewohnerstruktur (bedarf außerordentlicher Anstrengungen seitens des Personals) |
Rückert 1983, Häussler-Sczepan 1998 |
Konfrontation mit verwirrten Bewohnern |
Kruse et al. 1992 |
Umstände des Heimübergangs |
Rückert 1983 |
Mangel an dezentralen, in der Nähe des eigenen Zimmers liegenden, sozial-räumlichen Gelegenheiten |
Saup 1990 |
Aktivitäts- und Funktionsverlust durch die totale Fremdversorgung |
Saup 1990 |
Kaum Selbstbestimmung der eigenen Lebensführung |
Saup 1990 |
Wahrnehmung des Heims als anonymer Massenbetrieb |
Saup 1990 |
Leben im Zwei- bzw. Mehrbettzimmer |
Saup 1990 |
Zu geringe Wohnfläche und zu wenig Möglichkeiten zur individuellen Raumgestaltung |
Saup 1990 |
Keine Anerkennung der Privatsphäre (bspw. durch das Personal) |
Saup 1990 |
Zumutung einer gemeinsamen Nutzung von Sanitäranlagen |
Saup 1990 |
Schlechte Heimführung, -organisation und Kontrolle (Heimträger, Heimleitung, Heimbeirat) |
Saup 1990, Rückert 1983 |
Außenkontakte werden als subjektiv am wichtigsten beurteilt, obwohl durch sie die Kontaktbedürfnisse nicht ausreichend befriedigt werden können |
Rückert 1983, Enzlberger et al. 1992 |
Der Heimeinzug führt nicht zu einem Abbruch der Sozialkontakte nach außen, weil die Bewohner an bedeutenden Bezugspersonen emotional festhalten, allerdings sinkt i. d. R. die Kontaktfrequenz - Diskrepanz zwischen Bedürfnis und Realisierungsmöglichkeit. Die Folge: Frustration und Einsamkeit |
Enzlberger et al. 1992 |
Kein Zusammenhang zwischen einer geringen Besuchsfrequenz von Freunden, Verwandten oder Familienmitgliedern und einer Zunahme an Depressionen bzw. einem verstärkten Einsamkeitsempfinden - Mangel an vertrauten Personen innerhalb des Heims führt zu Depressionen und Einsamkeitsempfinden |
Fessman / Lester 2000 |
Psychisch kranke Bewohner haben weniger Sozialkontakte zu Personen außerhalb der Einrichtung, aber auch nicht mehr oder weniger Kontakte zu den Mitbewohnern als psychisch gesunde Bewohner |
Cooper et al. 1984 |
Infantilisierung der Umwelt, daraus resultierend weniger Eigenständigkeit und Selbstbestimmung- Mehr Kontakte und Freundschaften zwischen den Bewohnern in einem erwachsenen Umfeld und bei altersentsprechenden Angeboten |
Miner Salari / Rich 2001 |
In einer weiteren Tabelle haben wir sämtliche Interventions- und Verbesserungsvorschläge aufgelistet, die häufig in den einzelnen Studien aus den identifizierten Belastungs- und Problemsituationen der Bewohner von stationären Einrichtungen der Altenhilfe abgeleitet wurden. Diese Zusammenfassung und Einordnung der Maßnahmen soll in erster Linie zu einem besseren Überblick verhelfen und eine Stütze dabei sein, wenn es darum geht, einzelne Maßnahmen zu diskutieren und zu bewerten.
Tab.: Zusammenfassung von in der Forschungsliteratur diskutierten Interventions- und Verbesserungsvorschlägen
| Interventions- und Verbesserungsvorschläge | |
| Handlungsbedarf | Studie |
Maßnahmen im Bereich Personal: |
|
Verbesserung der Aus- und Weiterbildung |
Kruse et al. 1992, Schmitz-Scherzer et al. 1978, Saup 1990, Rückert 1983 |
Erhöhung des Personalschlüssels |
Kruse et al. 1992 |
Entwicklung einer methodischen Anleitung für die Rehabilitation physisch und psychisch erkrankter älterer Menschen |
Schmitz-Scherzer et al. 1978 |
Achtung der Privatsphäre |
Kruse et al. 1992 |
Hilfestellungen bei Kontaktaufnahmen anbieten |
Kruse et al. 1992 |
Rückzugstendenzen entgegenwirken |
Kruse et al. 1992 |
Integration der Angehörigen |
Häussler-Sczepan 1998 |
Motivierte Heimleitung |
Lohmann 1970 |
Motivierung und Stärkung des Heimbeirats |
Lohmann 1970 |
Maßnahmen im Bereich Heimübergang: |
|
Veränderung des Heimaufnahmeverfahrens - Entwurf eines Ansatzes, der eine ausreichende Vorbereitung auf das Alter für einen Großteil der Bevölkerung ermöglicht (Delegation an die Forschung) |
Saup 1990, Schmitz-Scherzer et al. 1978 |
Aufbau von gut funktionierenden Öffentlichkeitsarbeitsabteilungen |
Kruse et al. 1992 |
Frühe Kontaktaufnahme zu potentiellen Einrichtungen in Form des Probewohnens oder mehr Besuche an Tagen der offenen Tür |
Kruse et al. 1992 |
Schaffung des Angebots von Patenschaften |
Kruse et al. 1992 |
Der Entschluss zum Heimeinzug sollte vom zukünftigen Bewohner selbst getroffen werden |
Kruse et al. 1992 |
Maßnahmen im Bereich räumliche Gestaltung: |
|
Ausreichend attraktive Cafés und Gemeinschaftsräume |
Kruse et al. 1992 |
Abbau räumlicher Barrieren |
Rückert 1983 |
differenziertes sozialräumliches Angebot |
Häussler-Sczepan 1998 |
abgestufte Anordnung privater, halbprivater und öffentlicher Bereiche |
Saup 1990 |
Vergrößerung des Raumangebots von Privatzimmern |
Saup 1990, Häussler-Sczepan 1998 |
Ausstattung der Privatzimmer mit persönlichen Einrichtungsgegenständen und Möbeln |
Saup 1990, Häussler-Sczepan 1998 |
Schaffung einer stimulierenden Umwelt |
Saup 1990 |
Maßnahmen im Bereich Heimangebot (Aktivierung, Förderung, Betätigung): |
|
Planungshinweis bei Veranstaltungen: Veranstaltungen sollten dem geistigen und kulturellen Niveau der Mehrheit der Bewohner entsprechen |
Lohmann 1970 |
Integration von Bettlägerigen - Installation von Lautsprechern in den Zimmern, die die Veranstaltungen übertragen - Organisation von Besuchspatenschaften |
Lohmann 1970 |
Schaffung von Gemeinschaftserlebnissen |
Häussler-Sczepan 1998 |
Einbeziehung bei der Tages- und Essensplanung |
Kruse et al. 1992 |
Förderungsmaßnahmen durch kleine Betätigungsaufgaben (bspw. Unterstützung bei der Organisation der Heimbücherei) incl. der Implementierung von Kontrollmöglichkeiten |
Saup 1990 |
Entwicklung eines Instrumentes zur Qualitätsentwicklung und zur pflegerischen Beurteilung zur Aufdeckung und Förderung von Potentialen für eine möglichst selbstständige Lebensführung |
Häussler-Sczepan 1998 |
Schaffung eines Angebotes von individuell abgestimmten Beschäftigungs- und Aktivierungsmaßnahmen durch Beschäftigungstherapeuten |
Lohmann 1970 |
Die Umsetzung der Beschäftigungs- und Aktivierungsmaßnahmen sollte auf dem Prinzip der Freiwilligkeit beruhen |
Lohmann 1970 |
Alle vorgestellten Studien bieten verschiedene Erklärungsansätze für Vereinsamungstendenzen und leiten daraus verschiedene Interventionsmaßnahmen ab. Nichtsdestotrotz stellt es sich als sehr schwierig dar, mit der Masse an Ergebnissen, Informationen und Daten umzugehen und diese systematisch zu verwerten. Zum einen sind die Studien unterschiedlich alt und zum anderen sind sie häufig methodisch unterschiedlich konzipiert und umgesetzt worden, wodurch ein direkter Vergleich sich als sehr schwierig gestaltet. Des Weiteren konnte keine Studie ausfindig gemacht werden, die ein größeres Spektrum an Faktoren zugrunde gelegt hat.

