2. Grundlagen
2.3. Theoretischer Teil
Nachdem wir einen Überblick über demographische Merkmale der Bewohner und über Problem- und Belastungssituationen des institutionalisierten Wohnens in unterschiedlichen Forschungszugängen gegeben haben, soll nun der theoretische Bezugsrahmen für unsere Problemstellung hergestellt werden. Zentrales Ziel der Arbeit ist, die Lebenslage älterer Menschen, die in einem Altersheim leben, und die Bedingungen für gegenseitigen sozialen Austausch zu beleuchten, die sich ihnen bieten. Die Annäherung an die Problematik der Kontakte und Interaktionen älterer Menschen in Heimen benötigt jedoch eine breite Einbettung, da es zwar in erster Linie um personale Faktoren geht, aber bei der Gruppe der Altenheimbewohner müssen genau so auch - im Gegensatz zu in Privathaushalten lebenden Älteren - strukturelle Bedingungen (also in erster Linie die Wohnbedingungen im Heim) berücksichtigt werden.
In der Alltagsvorstellung verbindet sich häufig die Vorstellung vom Leben im Heim mit negativen Aspekten, wie Langeweile, Einsamkeit und weitestgehender Hilflosigkeit. Aber auch "Alter" an sich wird gemeinhin mit negativen Merkmalen assoziiert, wie Verlust von Freunden, Isolation und eingeschränkte Aktivitäten. Immer wieder ist aber auch von positiven Trends die Rede, wonach sich im Hinblick auf die Darstellung des Alters (und auch auf die Vorstellung vom Alter) einiges verbessert. Bewohner in Altenheimen scheinen geradezu "Idealrepräsentanten" eines negativen Altersbildes zu sein, und zwar so sehr, dass der Eindruck vermittelt wird, als gäbe es gar keine Notwendigkeit, Einsamkeit und Langeweile von Heimbewohnern zu hinterfragen. In Kapitel 2.3.1. sollen einleitende Überlegungen angestellt werden, inwiefern Altersbilder als gesellschaftliche Bestimmungsfaktoren insbesondere für Einsamkeit im Alter in Frage kommen. Kurz soll auch auf die Rolle des Pflegepersonals eingegangen und gefragt werden, inwiefern diese für das Bild des hilfsbedürftigen und einsamen alten Heimbewohners verantwortlich gemacht werden können. Wir wollen fragen, ob es Sinn macht, die Auffassung von Einsamkeit im Alter (nur) als gesellschaftliche "Idee" zu betrachten, die in erster Linie durch Verallgemeinerungen von Einzelfällen zustande gekommen ist und daher als self-fulfilling-prophecy betrachtet werden kann.
Einsamkeit im Alter wird im Zuge der Polarisierung zwischen positivem und negativem Altersbild sowohl als Tatbestand vorausgesetzt als auch als "Mythos" deklariert. Gleichzeitig gilt Einsamkeit bei Heimbewohnern als relativ gesicherte Erkenntnis, obwohl wenig einschlägige und systematische Forschung dazu existiert und insbesondere der Einfluss der Institution nur selten einbezogen wird (siehe Kapitel 2.2.). Die Diskussion um Einsamkeit im Alter ist daher nichts anderes als die Fortführung der Diskussion um die eigentlichen Determinanten des Alters, welche mal positiven mal negativen Inhalts sind, je nachdem, welches Alter dargestellt werden möchte. Der schwierige Zugang erfordert zunächst eine präzise Abgrenzung des Begriffs und Sachverhalts Einsamkeit. Zentraler Bestandteil des Kapitels 2.3.2. ist dann die Erörterung der Risikofaktoren für Einsamkeit im Alter, die gemeinhin als wesentlich gelten.
Im Mittelpunkt stehen, wie bereits erwähnt, die Kontakte und Interaktionen zwischen Altenheimbewohnern, um über eine Bilanzierung der Kontaktsituation Aussagen zum Ausmaß der Einsamkeit zu machen. Aufgrund der Besonderheit ihrer Einbindung in eine Organisation bzw. in ein institutionalisiertes System, sind Bewohner in Altenheimen verschiedenen Normen und Verhaltensregeln ausgesetzt, die die Schaffung und Aufrechterhaltung von sozialen Beziehungen oder Kontakten maßgeblich beeinflussen können. Um die Verknüpfung zwischen mikrosoziologischer Betrachtung von Interaktionen zwischen einzelnen Individuen und makrosoziologischer Einbeziehung der Organisationsstrukturen von Altenheimen zu gewährleisten, bedarf es eines theoretischen Konstrukts, welches eben jenes erreicht und sich darüber hinaus auch für eine Analyse der Lebenslage älterer Menschen in Heimen eignet. Nach Kohli geben die Ansätze des Symbolischen Interaktionismus "einen Zugang zu gesellschaftlichen Konstruktionsprozessen auf der Mikroebene der Lebenswelt" (in: Backes / Clemens 1998: 133). Interaktionstheoretische Ansätze konzentrieren sich auf die Analyse von Interaktionsprozessen zwischen Individuen und sind somit auch mikrosoziologische Forschungsansätze. Einer der wichtigsten Vertreter des mikrosoziologischen Paradigmas ist Goffman und auch wenn seine theoretische Verortung eigentlich schwierig ist, da er Anleihen aus verschiedenen Theorietraditionen genommen hat, ist sein Forschungsprogramm zur Interaktionsordnung äußerst nutzbringend, da es verschiedene Einzelkonzepte zu bieten hat und darüber hinaus auch immer die Mikroebene überschreitet, da es ihm immer um die Aufdeutung von Regelstrukturen geht. Insbesondere die Konzepte der "Totalen Institution", der "Vorder- und Hinterbühne" und der "Rollendistanz" liegen dieser Arbeit zugrunde. Im Kapitel 2.3.3. soll nach einer Beschreibung der gemeinsamen Ausgangspunkte für die Deutung des Tatbestandes einer totalen Institution das Modell einer genaueren Prüfung unterzogen werden, inwiefern es sich unter Anwendung auf Altenheime verwenden lässt. Es soll geprüft werden, ob es als theoretisches Gerüst herhalten kann, von wo aus sich die Lebensbedingungen in einem Heim charakterisieren lassen. Nicht zuletzt wird das Konzept der totalen Institution herangezogen, weil eine eingehende Analyse von Altersheimen unseres Wissens unter diesem Aspekt bisher noch nicht stattgefunden hat.
Eine totale Institution ist also einerseits Wohn- und Lebensgemeinschaft, andererseits formale Organisation. Jede Organisation hat die Eigenschaft einer internen Rollengliederung nach einer zielorientierten, rationalen Ordnung. Die Mitglieder einer Organisation sind Positionsinhaber, die bestimmte Handlungen auszuführen haben, um diese Ordnung aufrechtzuerhalten und um die Ziele der Organisation zu erreichen. Es existiert also ein System von Regeln, Verboten und sozialen Abhängigkeiten, dadurch können Handlungserwartungen der Mitglieder einer Organisation kontrolliert werden. Auch die Bewohner in einem Altenheim sind Positionsinhaber einer oder möglicherweise mehrerer (gesellschaftlich zugewiesener) Rollen, die jedoch alle in ein Abhängigkeitsverhältnis eingebettet sind und deren Koordination aufgrund der Einbindung in eine totale Institution gestört sein kann. Aufgrund der Ermangelung an zugeteilter Autorität, Kompetenz und Eigenverantwortung und fehlender Mitgliedschaft in anderen sozialen Systemen scheint es sich bei der Bewohnerrolle um eine weitgehend negativ besetzte Rolle zu handeln, die darüber hinaus auf eine Fülle von Konfliktpotentialen schließen lässt. Daher soll in Kapitel 2.3.4. nach den Erwartungen an die Rolle des Heimbewohners und im gleichen Zuge nach den daraus sich ergebenen Bedingungen für eine Initiierung von Kontakten gefragt werden, wobei hier insbesondere das Konzept der "Rollendistanz" diskutiert werden soll.

