2. Grundlagen
2.3.2. Alter und Einsamkeit
Nach dem positiven Altersbild ist der alte oder ältere Mensch leistungsfähig, selbständig und integriert und "Frauen und Männer dürfen in ihrer Altersphase darauf hoffen, neue Potentiale und Kompetenzen zu erwerben, sie dürfen darauf hoffen, dass ihnen neue Lebensoptionen zur Verfügung stehen" (Niederfranke 1999: 46). Demnach müssten ältere Menschen weitestgehend sozial integriert sein bzw. die Kompetenzen erwerben, um sich sozial zu integrieren, wäre da nicht die self-fulfilling-prophecy, nach der die Rede über Einsamkeit im Alter dazu beiträgt, dass ältere Menschen einsam werden, nach dem Motto: alt sein bedeutet allein sein und allein sein bedeutet einsam sein. So ist "das Bild des älteren Menschen in unserer Gesellschaft auch heute noch durch Feststellungen von Isolation und Vereinsamung, von Abhängigkeit und Hilfsbedürftigkeit charakterisiert" (Lehr 1991: 284) und auch Elbing kommt zu dem Schluss, dass es "zweifelsohne Beispiele gibt, die als Belege für das Zutreffen dieses Syllogismus im Einzelfall angesehen werden können. Der gegenwärtige, empirisch gestützte Wissensstand hierzu erlaubt jedoch nicht, von einem typischen oder gar repräsentativen Sachverhalt zu sprechen" (Elbing 1991: 201). Auch ist häufig die Rede vom "Mythos der Einsamkeit im Alter". Wie man sieht, schließt die Einsamkeitsdebatte an die Diskussion um positive und negative Altersbilder unmittelbar an.
Untersuchungsergebnisse zu Einsamkeit im Alter sprechen eine sehr unterschiedliche Sprache und die Ergebnisse sind eher als Anhäufung empirischer Einzelbefunde zu verstehen denn als zusammenhängendes Befundbild zur Thematik.16 Zunächst sollen aber die verschiedenen Begriffe geklärt werden, die hier eine Rolle spielen, bevor es um Aussagen zu Einsamkeit17 im Alter geht. So bezieht sich Alleinsein auf die Zeit (in Minuten und Stunden), die ein Mensch tatsächlich allein verbringt, z.B. beim spazieren gehen oder beim Fernsehen (Tesch-Römer 2000: 163). Allein sein kann dabei als positiv oder negativ empfunden werden. Einsamkeit bezeichnet sozusagen das negative Erleben des Alleinseins. Elbing führt noch einen "indifferenten Erlebnisbereich" hinzu, d.h., es ist einem gleichgültig, ob man allein ist oder nicht. Gleichgültigkeit äußert sich als Mangel an Strebungen im Bereich der Gefühle ("emotionale Stumpfheit") und der Bindungen an andere ("Engagementlosigkeit") bei äußerem Funktionieren sozialer Kontakte und Fertigkeiten. Der Gleichgültige verschließt sich und nimmt sich aus der Gemeinschaft heraus, wobei dieser Zustand weder positiv noch negativ empfunden wird (Elbing 1991: 11f.).
Einsamkeit als negatives Erlebnis von Vereinzelung, des Nicht-Kontakt-finden-Könnens, als Einsamkeit in der Gemeinschaft, umfasst folgende psychologische Merkmale: Unfreiwilligkeit, Hilflosigkeit, Erfahrung eigener Schwäche, Selbstunsicherheit, Selbstabwertung, emotionale Trennung von anderen und Sehnsucht nach sozialer Eingebundenheit und Wertigkeit (Elbing 1991: 12). Einsamkeit entsteht also durch die Koppelung des Alleinseins mit dem Gefühl des unzureichenden privaten Austauschs mit anderen oder einem empfundenen Mangel oder Verlust an sozialen Quellen emotionaler Bindung, Wärme und Trost. So kann ein Mensch sich einsam fühlen, obwohl er in ein soziales Netz eingebunden ist. Im Mittelpunkt steht also nicht die Verfügbarkeit und Häufigkeit von sozialen Kontakten18 zu Familienangehörigen oder Freunden, sondern der qualitative Aspekt im Sinne einer gelungenen Bedürfniserfüllung durch Beziehungen zu anderen (Smith & Baltes 1996). Einsamkeit ist dabei immer rein subjektives Erleben der eigenen sozialen Situation, also einsam ist, wer sagt, er sei es. Einsamkeit ist für sich genommen kein objektiv messbares Phänomen. Isolation hingegen beschreibt einen Mangel an Sozialkontakten, wobei es dabei um die tatsächliche, objektiv fassbare - und nicht um die subjektive - Einschätzung, also die Zahl und Dauer, der Sozialkontakte geht. Ein Indikator für Isolation wäre beispielsweise, wenn jemand weniger als einmal pro Woche Personen außerhalb des eigenen Haushaltes besucht (Tesch-Römer 2000: 163), also wenn Zahl und Dauer der sozialen Kontakte unter einem als allgemein notwendig erachteten Minimum liegen.19 Ein Defizit in der Häufigkeit der Kontakte und der Zahl der Interaktionspartner wird auch als soziale Isolation bezeichnet. Wenn das wahrgenommene Netzwerk und die Quantität sozialer Beziehungen von den eigenen Wünschen und Ansprüchen abweichen, kann daraus Einsamkeit resultieren. Unter emotionaler Isolation wird ein Mangel an Personen (oder an einer Person) verstanden, zu denen man Zuneigung und Vertrauen empfindet, ein Mangel an emotionaler Unterstützung; Resultat ist das Erleben von Einsamkeit (Mullins 1996).
Aber welche Faktoren gelten als diejenigen, die der Einsamkeit im Alter Vorschub leisten? Bei der Frage nach den Risikofaktoren für Einsamkeit im Alter gehen die Meinungen stark auseinander. Vor allem in Bezug auf folgende Faktoren herrscht weitestgehende Unklarheit:
- Alter: Es gibt keinen eindeutigen Zusammenhang zwischen zunehmendem Alter und einem erhöhten Einsamkeitsrisiko. In Bezug auf diesen Faktor gibt es sich widersprechende Ergebnisse, was wahrscheinlich auf unterschiedliche Untersuchungsdesigns (quer- vs. längsschnittliche Untersuchungen) und auf eine unterschiedliche Auswahl der untersuchten Altersgruppe zurückzuführen ist. Elbing (1991: 218ff.) bezieht sich auf eine Vielzahl von Studien, "die mit zunehmendem Alter eine Abnahme der Einsamkeit belegen" und zieht den Schluss, dass "die Auffassung, Einsamkeit trete im Alter besonders häufig auf, empirisch nicht haltbar sei". Wenger et al. (1996: 335) verweisen auf eine Studie von Bury & Holme, nach der 61% der über 90jährigen Befragten sich niemals einsam fühlen. Gleichzeitig werden aber andere Studien zitiert, nach denen Einsamkeit im Alter ein zentrales Problem darstellt. Wagner et al. kommen in der Berliner Altersstudie zu dem Ergebnis, wonach "alte Menschen sich um so einsamer fühlen, je älter sie sind" (Wagner et al. 1996: 315). Lehr führt Untersuchungsergebnisse an, wonach "Personen, die über 75 Jahre und älter sind, mehr über Einsamkeitsgefühle klagen als solche, die 65-74 Jahre alt sind" (Lehr 1991: 280). Auch Tesch-Römer konstatiert, dass "Einsamkeit für eine - allerdings beträchtliche - Minderheit älterer Menschen im hohen und höchsten Alter zum Problem wird" (Tesch-Römer, 2000: 165).
- Geschlecht: Die meisten Studien kommen zu dem Ergebnis, dass das Geschlecht entweder gar keinen Einfluss auf das Einsamkeitsempfinden hat (Wagner et al., 1996) oder dass Frauen einsamer sind als Männer (Wenger et al. 1996; Smith & Baltes, 1996; Tews 1979, Lehr 1991), was jedoch nur darauf zurückzuführen ist, dass Frauen im Alter mit höherer Wahrscheinlichkeit verwitwet sind20 und alleine leben als Männer und somit eher weiteren Risikofaktoren für Einsamkeit ausgesetzt sind. Andererseits verweist Elbing auf Untersuchungsergebnisse, wonach bspw. verwitwete Männer wesentlich stärker Einsamkeit empfinden als verwitwete Frauen und er führt dies zurück, auf "geschlechtsspezifische Differenzen des Sozialverhaltens" (Elbing 1991: 225).
- Bildung und/oder Schichtzugehörigkeit: Ob Bildungsunterschiede einen Einfluss auf das Einsamkeitsempfinden im Alter ausüben ist sehr strittig. So wird davon ausgegangen, dass nicht Einsamkeit, sondern nur Isolation von der sozialen Schichtzugehörigkeit abhängig ist: "Social class status has been found to be associated with isolation but not loneliness. Working class older people appear to be more likely than others to become isolated in addition to the effect of marital status. This may reflect lower levels of income and access to transport as well as life-style" (Wenger et al. 1996: 337ff.). Tews (1979) und Elbing (1991) kommen zu dem Ergebnis, dass weniger Einsamkeit auftritt, je höher Einkommen und Schulbildung sind. Die Entstehung der Einsamkeit wird jedoch auch hier über eine schichtspezifische Isolation erklärt, also je niedriger die Schicht und das Einkommen, um so geringer sind Sozialkontakte zu anderen (Tews 1979: 355).
Es gibt jedoch auch übereinstimmende Forschungsergebnisse. So findet ein Großteil der Studien einen Zusammenhang zwischen Einsamkeit und Abwesenheit eines (Ehe)-partners, unbefriedigenden Kontakten oder Beziehungen zu den Kindern, Mangel an engen, nahe stehenden Personen und/oder schlechtem Gesundheitszustand. Vor allem wenn diese Faktoren gleichzeitig auftreten, ist es sehr wahrscheinlich, dass ein (älterer) Mensch verstärkt unter Einsamkeit leidet. Der Zusammenhang zwischen Verwitwung und Einsamkeit scheint substanziell zu sein, vor allem wenn die Verwitwung früh eintritt, also nicht im sehr hohen Alter, und ein verstärktes Einsamkeitsempfinden kann auch durch häufige Besuche von den Kindern nicht kompensiert werden. So fühlen sich auch alte Verwitwete, die bei den Kindern leben, am häufigsten einsam (Wenger et al. 1996: 336). Tews führt ähnliche Untersuchungsergebnisse an, wonach vereinsamte verwitwete Frauen häufig mit den Kindern zusammen wohnen, auf der anderen Seite jedoch am liebsten allein wohnen wollen: "Dass sie nicht allein wohnen können (beispielsweise aus gesundheitlichen Gründen), mag ein Grund für ihre Reaktion sein, die sich als "Vereinsamung" niederschlägt - insgesamt aber eher wohl eine Unzufriedenheitssituation ist" (Tews 1979: 351f.). Das Zusammenleben älterer (verwitweter) Menschen mit ihren Kindern wirkt sich demnach nicht unbedingt einsamkeitsmindernd aus. Elbing führt hier als Ursache an, dass "familiäres Eingebundensein für den alten Menschen auch zugleich eine Einschränkung der eigenen Entscheidungs- und Kontrollmöglichkeiten bedeutet; hingegen bietet das Leben im eigenen Haushalt eine größere Chance für eigene Entscheidungen" (Elbing 1991: 223). Offenbar gibt es einen Zusammenhang zwischen Einsamkeit und dem Gefühl fehlender personaler Kontrolle. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt auch Lehr, die einen Zusammenhang zwischen Einsamkeit und Abhängigkeit konstatiert (Lehr 1991: 281). Aber auch wenn Verwitwung mit Kinderlosigkeit zusammenfällt, kann sich dies folgenschwer auswirken: so fühlen sich verwitwete Kinderlose einsamer als verwitwete Eltern, während sich verheiratete Kinderlose nicht von verheirateten Eltern unterscheiden.21 Betrachtet man nur den Familienstand, zeigt sich, dass Verwitwete häufiger einsam sind als Verheiratete, sich aber nicht signifikant von Geschiedenen und Ledigen unterscheiden (Wagner et al. 1996: 303ff.; Wenger 1996: 337). Allerdings ist, betrachtet man den Partnerverlust, auch die Qualität der Beziehung zu berücksichtigen. So wird die Einsamkeit besonders stark oder häufig empfunden, wenn die Qualität der Ehe- oder Partnerbindung gut bzw. die Fürsorge des verlorenen Partners für den anderen besonders stark war (Elbing 1991: 222, Tesch-Römer 2000: 165, Tews 1979: 354). Der Verlust der zentralen Beziehungsperson stellt sich dann offenbar umso schmerzlicher dar.22 Die Umstellung infolge einer Verwitwung, also der Verlust einer wichtigen Bezugsperson, wird häufig als Krise empfunden, die mit dem Gefühl der Vereinsamung einhergeht. Für ältere Personen ist der Verlust einer engen Bindung in der Regel dann - auch nicht über vermehrte Kontakte zu den Kindern - nur schwer substituierbar. In Bezug auf Einsamkeit und Kontakt zu den Kindern ist also nicht so sehr die Häufigkeit der Kontakte von Bedeutung, sondern vielmehr das Engagement in der Beziehung. Je besser das Verhältnis zu den Kindern ist, umso weniger tritt Vereinsamung auf. Tews fasst diesbezüglich zusammen, dass "ein wesentlicher Grund für das subjektive Gefühl der Vereinsamung im Verhältnis zu den Kindern zu suchen ist, das eher schlecht ist, wenn Zusammenleben mit den Kindern vorliegt, wobei die Reaktion der älteren Menschen sich im Wunsch nach getrenntem Wohnen niederschlägt" (Tews 1979: 353). Aber nicht nur ein gutes Verhältnis zu den Kindern, sondern auch das Vorhandensein enger Freunde und Zufriedenheit mit den Beziehungen wirken sich positiv auf das emotionale Wohlbefinden älterer Menschen aus. Nach Wenger et al. spielen Freunde eine zentrale Rolle bei der Frage, ob ein Mensch sich einsam fühlt: ".intimate relationships outside the family may be more important than family relationships." Und weiter heißt es: "Loneliness is unrelated to the availability of spouse or children but the existence of friends is significant" (Wenger et al. 1996: 335ff.). So neigen auch Personen ohne vertraute Freundschaftsbeziehungen eher zu Depressionen (ebd.). Ähnliche Ergebnisse präsentiert ebenfalls Elbing, wonach die Kontakte mit Freunden oder Nachbarn größere Bedeutung für das psychische Wohlbefinden haben als die Kontakte mit den erwachsenen Kindern oder mit engeren Verwandten (Elbing 1991: 217). Smith & Baltes stellen die Bedeutung der Zufriedenheit mit den Beziehungen für das allgemeine Wohlbefinden heraus. So "ist das Gefühl, dass es mindestens eine Person gibt, der man vertrauen kann und auf die man sich verlassen kann, wenn man emotionalen Trost braucht, vielleicht wichtiger als der Wunsch nach mehr Zeit mit seiner Familie und Freunden" (Smith & Baltes 1996: 238f.). Quantitative Aspekte von Sozialkontakten (Häufigkeit der Kontakte, Anzahl der Freunde) spielen also weniger eine Rolle als die Qualität der Kontakte. Smith & Baltes konstatieren auch, dass ein Mangel an Vertrauensbeziehungen zu anderen am ehesten Gefühle der Isolation, des Alleinseins und des Ausgeschlossenseins bewirken. Durch eine geringe Gesamtzahl von Freunden und einen Mangel an Beziehungen, die eine Bestätigung des Selbstwertes und der Zugehörigkeit bieten, kommt es am ehesten zu sozialer Vereinsamung (ebd.). Freunde dienen nicht nur als Vertrauenspersonen, sondern bieten sowohl emotionale als auch soziale Unterstützung, deren Wert vor allem darin besteht, dass sie nicht aus einem Pflichtgefühl oder Verantwortungsbewusstsein heraus gewährt wird, sondern i. d. R. freiwillig und unverbindlich erfolgt. Möglicherweise wird die von Kindern oder Verwandten gewährte Unterstützung jedoch häufig als reine Pflichterfüllung und weniger als Liebesbezeigung wahrgenommen, so dass das psychische Wohlbefinden größer ist, wenn man mit Freunden zusammen ist. Freunde vermitteln möglicherweise eher das Gefühl aufrichtiger Zuwendung und reduzieren somit das Risiko, dass man sich einsam fühlt.
Sämtliche Forschungsergebnisse bezeigen einen deutlichen Zusammenhang zwischen schlechtem Gesundheitszustand und größerer Einsamkeit. Vor allem Einschränkungen der Mobilität erschweren das Aufrechterhalten sozialer Kontakte durch weniger Besuche o. ä. und verstärken somit das Einsamkeitsgefühl (Tesch-Römer 2000: 165, Wenger et al.: 338; Elbing 1991: 219). Auch fühlen sich häufig diejenigen einsam, die ihre eigene Gesundheit als negativ einschätzen und Vereinsamte gehen häufig zum Arzt (Wenger et al.: 338). Darüber hinaus stellt für viele Ältere das Sterben eine einsame Erfahrung dar (ebd.). Die Beziehung zwischen schlechtem Gesundheitszustand und dem Gefühl der Vereinsamung muss jedoch als Wechselwirkung betrachtet werden: man fühlt sich einsamer, weil der Gesundheitszustand sich verschlechtert hat, aber Einsamkeit kann auch das psychische und somatische Wohlbefinden negativ beeinflussen und somit zu einer Verschlechterung der Gesundheit erst führen (Tews 1979: 353; Tesch-Römer 2000: 165). Zusammenfassend lässt sich zunächst festhalten, dass das Auftreten von Einsamkeit bei älteren Menschen an eine Reihe von verschiedenen Variablen (allein leben, Art und Qualität des sozialen Netzwerkes, Verwitwung, aber in Abhängigkeit von der Qualität der Beziehung, Kinderlosigkeit, Leistungen und Funktionen, die ein soziales Netzwerk erfüllt, werden als unzureichend empfunden, schlechter Gesundheitszustand) gebunden ist, wobei subjektive Faktoren wie Zufriedenheit oder Gefühl personaler Kontrolle von größerer Bedeutung in Bezug auf das Einsamkeitsempfinden sind als objektive Faktoren wie Anzahl der Freunde oder Häufigkeit der Kontakte. Als weitere, bisher nicht genannte Bedingungen für Einsamkeit im Alter müssen auch Merkmale der Persönlichkeit berücksichtigt werden; so werden Personen, die sich allein wohl fühlen, weniger häufig vereinsamt sein als solche, die ihre freie Zeit lieber mit anderen zubringen wollen. Und Personen, die einen eingeschränkten Interessenradius haben, eine geringe Zielgerichtetheit und eingeschränkte Zukunftsorientierung, die unzufrieden sind und von geringerem Selbstvertrauen, klagen häufiger über Einsamkeit (Tews 1979; Wagner et al. 1996; Lehr 1991). Auf der anderen Seite können persönliche Ressourcen aber auch Schutzfaktoren vor Einsamkeit darstellen, d.h., "wer in der Lage ist, neue soziale Kontakte zu knüpfen, und wer davon überzeugt ist, die eigene Lebenssituation steuern zu können, fühlt sich weniger einsam als jene Person, die über diese Fähigkeiten und Überzeugungen nicht verfügt" (Tesch-Römer 2000: 165). Welchen Einfluss hat die Wohnsituation - alleine oder im Heim leben - auf das Gefühl der Einsamkeit? Allein leben bedeutet nicht unbedingt einsam sein, allerdings ist Einsamkeit unter allein lebenden verbreiteter. Da die Anzahl der Verwitweten mit dem Alter zunimmt, steigt entsprechend auch die Zahl der Einpersonenhaushalte mit dem Alter an - so leben bei den 60-70jährigen etwa 20 % und bei den über 80jährigen 60 % allein (GeroStat). Allerdings gibt es zwischen den Geschlechtern große Unterschiede: während von den Männern, die 80 Jahre oder älter sind, ca. 32 % allein leben, sind es bei den Frauen in der gleichen Altersgruppe knapp 72 % (GeroStat). Am ehesten leben also Verwitwete allein, vornehmlich verwitwete Frauen. Allein leben kann positiv oder negativ erlebt werden, scheint aber bei älteren Menschen häufiger eine positive Qualität zu besitzen, da es mit Unabhängigkeit und Selbständigkeit verbunden wird. Allein leben kann jedoch dann negativ empfunden werden, wenn das Gefühl des Verlassenseins (etwa infolge von Verwitwung) und Kontaktmangel oder -verlust hinzukommen. So konstatiert Tesch-Römer, dass "die zunehmende ,Singularisierung' im Alter mit einem Anwachsen von Gefühlen der Einsamkeit und Verlassenheit korrespondiert" (Tesch-Römer 2000: 164), und zwar vor allem betrifft dies alte, verwitwete Frauen. Allein leben stellt demnach einen Risikofaktor für Einsamkeit dar; ist aber an weitere Variablen (Art & Qualität des sozialen Netzwerkes, Familienstand, Kinderlosigkeit bzw. Verhältnis zu den Kindern) gebunden.
Der Eintritt in die institutionelle Pflege wird recht einhellig mit (zunehmender) Einsamkeit und auch Isolation in Beziehung gesetzt. Wenger et al. stellen fest, "loneliness has been identified as a significant correlate with entry to residential care" (Wenger et al. 1996: 334); auch Wagner et al. kommen zu dem Ergebnis, dass bei Heimbewohnern "die Faktoren kumulieren, die sowohl zu sozialer Isolation als auch zu einer verstärkten Einsamkeit beitragen" (Wagner et al. 1996: 317) und Elbing konstatiert, dass "der Lebensraum Altenheim ein Bereich ist, der Isoliertsein und Einsamkeit stark begünstigt, da die Bewohner sich meist in einem schlechten Gesundheitszustand befinden, überdurchschnittlich alt und allein stehend sind und ferner die räumlichen und atmosphärischen Gegebenheiten des Altenheims als wenig einladend gelten" (Elbing 1991: 220). Heimbewohner sind überwiegend verwitwet, haben deutlich seltener Freunde als alte Menschen, die in einem Privathaushalt leben (34 % vs. 66 %), haben im Durchschnitt nur 4,5 Netzwerkpartner (alte Menschen in Privathaushalten 11,3 Personen), haben also vergleichsweise weniger soziale Beziehungen, haben deutlich weniger informelle Hilfe, berichten über weniger soziales Beisammensein und den Austausch von Zärtlichkeiten und sind sowohl in ihrer physischen als auch geistigen Funktionstüchtigkeit stärker eingeschränkt als die in Privathaushalten Lebenden (vgl. Wagner et al. 1996). Auch wird als Ursache für ein verstärktes Einsamkeitsempfinden bei Heimbewohnern das Gefühl fehlender personaler Kontrolle angeführt, wodurch Heimbewohner aufgrund geringerer Entscheidungs- und Wahlmöglichkeiten gegenüber den im eigenen Haushalt lebenden Personen dem Risiko der Einsamkeit wesentlich stärker ausgesetzt sind. Begründet wird dies damit, dass das Gefühl des Kontrollverlustes Empfindungen der Hilflosigkeit bewirkt und das allgemeine Wohlbefinden zurückgeht, wodurch auch die Motivation an sozialer Teilhabe nachlässt (vgl. Elbing 1991). Cooper et al. stellen darüber hinaus einen Zusammenhang her zwischen Singularisierung vor dem Heimeintritt und erhöhtem Risiko, dass Einsamkeit mit dem Eintritt in die institutionelle Pflege entsteht bzw. verstärkt wird. So sind "die meisten der in Heime eingewiesenen alten Menschen schon zum Zeitpunkt ihrer Aufnahme allein stehend, daher als eine Risikogruppe für soziale Isolation und Einsamkeit zu bezeichnen und darüber hinaus können Tendenzen zur sozialen Isolierung durch die Lebenssituation in den Heimen verstärkt werden" (Cooper et al. 1984: 118). Es wird also weithin angenommen, dass ein Heimeintritt Einsamkeit im Alter begünstigt oder entstehen lässt, weil bei Heimbewohnern häufig jene Faktoren zusammenkommen, die als relativ gesicherte Risikofaktoren für Einsamkeit gelten, nämlich Verwitwung, Kinderlosigkeit oder ein schlechtes Verhältnis zu den Kindern, sowohl qualitativer als auch quantitativer Mangel an nahe stehenden Personen und ein schlechter Gesundheitszustand. Gleichzeitig besteht jedoch auch große Unsicherheit über diese Schlussfolgerung und der institutionelle Einfluss auf die soziale Situation, auf die sozialen Beziehungen im Heim werden zwar häufig vorausgesetzt oder vermutet, aber nicht hinreichend in die Erklärung der Einsamkeit bei Heimbewohnern - die ja ebenso vorausgesetzt wird - einbezogen. So räumen auch Wagner et al. ein, dass der Heimaufenthalt sowohl im Alltagsverständnis als auch in den Wissenschaften zwar mit der Vorstellung sozialer Vereinsamung verknüpft ist, dass aber auch wenig darüber bekannt ist, "ob dieses ,Urteil' über die soziale Situation im Heim die Realität trifft oder ob auch unter Bedingungen der totalen Institution soziale Netzwerke bestehen, die dazu beitragen, soziale Isolation zu verhindern" (Wagner et al. 1996: 304). Auf die Fragen, ob ein Altenheim vorbehaltlos als totale Institution bezeichnet werden kann und welche Bedingungen hier vorgegeben sind, wird im folgenden Kapitel eingegangen. Da also nicht nur die individuellen Konstellationen, wie sie ins Heim mitgebracht werden (Verwitwung, Kinderlosigkeit usw.) eine Rolle spielen können, wenn ein Heimbewohner einsam ist, bleibt oder wird, sollen auch die institutionellen Bedingungen in dieser Arbeit, wenn auch nur bescheiden und ansatzweise, in die Überlegungen einbezogen werden.
16 Angemerkt sei hier, dass dies vermutlich größtenteils auf methodische Probleme zurückzuführen ist. Zum einen ist Einsamkeit als komplexes Phänomen konzepttheoretisch nur schwer zu fassen - so werden häufig die Konzepte Isolation und Einsamkeit vermischt und quantitativer Mangel an Sozialkontakten wird mit Einsamkeit gleichsetzt, ungeachtet der tatsächlichen subjektiven Befindlichkeit der Bewohner. Zum anderen besteht Unklarheit über die Erhebungszugänge (standardisiert vs. offen) und die zu befragenden Personen.
17 Einsamkeit wird in unserer Arbeit als ein subjektiv negatives Erlebnis verstanden, also Einsamkeit im Sinne von Vereinzelung, als Erleben der Trennung oder des Verlustes sozialen Eingebundenseins und sozialer Wertigkeit der eigenen Person. Einsamkeit stellt nach unserem Verständnis ein soziales Problem dar. Dass Einsamkeit auch positiv im Sinne von Selbstsein oder Ichfindung verstanden werden kann, wird hier ausgeblendet.
18 Unter sozialen Kontakten ist nach Townsend das Treffen mit einer anderen Person gemeint, gewöhnlich vorher arrangiert, das mehr als einen gelegentlichen Austausch von Grüßen umfasst (in: Tews 1979: 358).
19 Die Grenzen der Kontakthäufigkeit, von denen aus man jemanden als isoliert bezeichnet, können im Grunde nur willkürlich gesetzt werden. Was als notwendig erscheint, wird sich von Individuum zu Individuum unterscheiden. Eine quantitative Grenze zu setzen macht also nur Sinn, wenn auch Intensität, Breite und Art der Kontakte einbezogen werden.
20 Der Anteil verwitweter Personen wächst mit zunehmendem Alter, wobei hiervon wesentlich mehr Frauen als Männer aufgrund der höheren Lebenserwartung betroffen sind. So liegt der Anteil verwitweter Frauen bei den 60-70jährigen bei 23 %, bei den über 80jährigen schon bei etwa 80 %. Bei den Männern ist dies weniger stark ausgeprägt, so sind bei den 60-70jährigen nur 6 % verwitwet, bei den über 80jährigen sind es ca. 40 % (Tesch-Römer 2000: 164).
21 Wenger et al. führen jedoch auch Ergebnisse an, wonach Kinderlosigkeit an sich überhaupt keine Rolle spielt in Bezug auf Einsamkeit, sondern ausschlaggebend ist hier vielmehr das Fehlen guter Freunde. Also Personen, die Kinder haben, aber keine engen Freunde fühlen sich einsamer, als Personen, die keine Kinder haben, aber dafür über gute, enge Freundschaften verfügen (Wenger et al. 1996: 337).
22 Allerdings können sich auch Verheiratete zunehmend einsam fühlen, wenn die Beziehungssituation als unbefriedigend empfunden wird (Elbing 1991: 222).

