3. Untersuchungsdesign
3.1. Fragestellung der Untersuchung und Forschungsansatz
Ausgehend von der Überlegung, dass in einem Altenheim viele Menschen sehr nah beieinander wohnen, sich dort täglich auf den Fluren oder in den Räumlichkeiten immer wieder begegnen, zusammen Mahlzeiten einnehmen, an verschiedenen Formen der Freizeitgestaltung gemeinsam teilnehmen, viel freie Zeit haben und möglicherweise auch über ähnliche Lebenserfahrungen verfügen, stellt sich uns die Frage, ob zwischen den Bewohnern überhaupt irgendwelche Interaktionen stattfinden (denn dass da nichts stattfindet und jeder für sich lebt, ist nur schwer vorstellbar) und wenn ja, welcher Art die wechselseitigen Beziehungen sind. Wie gehen die Bewohner miteinander um? Interessiert man sich füreinander? Werden Freundschaften geschlossen? Was tun die Leute, wo, mit wem? Was ist mit denjenigen, die über kein externes soziales Netzwerk verfügen, keine Besuche von außen erhalten - werden hier soziale Beziehungen zu anderen Bewohnern aufgebaut? Geht es über gegenseitiges Beobachten und den Austausch von Höflichkeiten hinaus? Gibt es ein Gemeinschaftsgefühl zwischen den Bewohnern?
Der vorliegenden Untersuchung liegen folgende Fragestellungen zugrunde:
- Gemeinsam einsam? Nutzen Bewohner die Möglichkeiten zum sozialen Austausch?
- Was sind die Gründe, dass diese genutzt oder nicht genutzt werden?
- Spielen strukturelle Bedingungen der Heimsituation dabei eine Rolle?
Da es sich bei unserer Fragestellung um ein bisher kaum erforschtes Feld handelt und daher bislang nur wenig gesichertes bzw. recht vages Wissen existiert, haben wir den Themenbereich im Vorfeld nur grob abgegrenzt und möglichst viele verschiedene Dimensionen zugrunde gelegt. Demzufolge können auch keine expliziten Hypothesen gebildet werden. Unsere Untersuchung hat also einen reinen explorativen25 Charakter, weshalb wir auch darauf angewiesen waren, ein möglichst "offenes", also nicht-standardisiertes "Erhebungsinstrument" einzusetzen (siehe Kapitel 3.2.). Es kann zunächst von folgenden Erwartungen ausgegangen werden:
Nahezu alle von uns im Kapitel 2.2. dargestellten Studien kommen zu dem Ergebnis, dass es nur wenig Kontakte zwischen den Heimbewohnern gibt, dass sich viele zurückziehen, dass die Kontakte zu den Mitbewohnern qualitativ weniger bedeutsam sind als die Kontakte zu Personen außerhalb des Heims und dass ein unkomplizierter Umgang untereinander von einer Vielzahl von Konflikt- und Belastungssituationen beeinträchtigt wird. Dementsprechend stellt sich die soziale Situation im Heim als äußerst desolat dar. Andererseits wird diese mangelnde Kontaktsituation aber auch von vielen bedauert bzw. bemängelt und - dass bestätigen die Studien - viele Altenheimbewohner fühlen sich einsam bzw. äußern den Wunsch nach mehr Kontakten. Obwohl wenig einschlägige und systematische Forschung zu Einsamkeit bei Heimbewohnern existiert und insbesondere der Einfluss der Institution nur selten einbezogen wird, gilt Einsamkeit bei Heimbewohnern als relativ gesicherte Erkenntnis, da hier alle Risikofaktoren, z.B. Mangel an nahe stehenden Personen, Verwitwung und schlechter Gesundheitszustand kumulieren (Wenger et al. 1996, Wagner et al. 1996, Elbing 1991). Rein objektiv betrachtet könnte jedoch insbesondere ein Mangel an nahe stehenden Personen gerade durch den Eintritt in ein Heim eine Verbesserung erfahren, d.h. durch räumliche Nähe und häufigen Kontakt zu anderen Menschen könnte es zu einer Ausweitung der Sozialkontakte bei Heimbewohnern kommen, das Gefühl des Isoliertseins würde sich reduzieren und eben jene Nähe zu anderen Menschen würde sich somit positiv auf das psychische Wohlbefinden auswirken. So wird auch immer wieder von der Vielfalt sozialer Kontaktmöglichkeiten im Heim gesprochen, die eine Chance für neue Beziehungen darstellen (vgl. beispielsweise Häussler-Szcepan 1998: 73 oder Enzlberger 1992: 73). Darüber hinaus könnte es zu einer Stabilisierung oder gar Verbesserung der gesundheitlichen Situation im Rahmen einer vollstationären Pflege kommen, so dass es leichter fallen würde, Kontakt zu anderen zu suchen.
Da also jene personengebundenen Faktoren theoretisch zum Teil durch einen Heimeintritt kompensiert werden könnten, und Heimbewohner vor diesem Hintergrund nicht unbedingt gehäuft ungünstigeren Lebensumständen ausgesetzt wären als in Privathaushalten Lebende, bleibt zu fragen, warum trotzdem ein Eintritt in die institutionelle Pflege gemeinhin mit Einsamkeit oder Vereinsamung in Beziehung gesetzt wird, und zwar wesentlich vehementer als der Aspekt des Alleinlebens.26 Da also nicht nur die individuellen Konstellationen, wie sie ins Heim mitgebracht werden (Verwitwung, Kinderlosigkeit usw.) eine Rolle spielen können, wenn ein Heimbewohner einsam ist, bleibt oder wird, müssen auch die institutionellen Bedingungen in die Überlegungen einbezogen werden, was in unserer Untersuchung insbesondere unter Bezugnahme auf Merkmale der totalen Institution und auf die Erwartungen an die Rolle des Heimbewohners geschehen soll. Es scheint also ein Widerspruch zu bestehen: obwohl es viele Möglichkeiten gäbe, Menschen zu treffen und kennen zu lernen, Gesprächspartner zu finden, sich auszutauschen, werden diese Möglichkeiten kaum genutzt. Aber warum nicht? Verschiedene Faktoren ließen sich als Erklärung heranziehen:
- Durch die Verschlechterung des Gesundheitszustandes, was jeden Heimbewohner mehr oder weniger betrifft, etwa durch eine altersbedingte Abnahme der Seh- und Hörkraft, Mobilitätseinschränkungen und einen allgemeinen Kräfteverlust, sind die Bewohner einfach physisch nicht mehr in der Lage, Kontakte zu anderen Bewohnern aufzunehmen. Zum anderen ließe sich bei gesundheitlicher Belastung eine Tendenz zu häufiger Niedergeschlagenheit vermuten, so dass nur wenig Motivation für soziale Kontakte aufgebracht werden kann. Durch die ständige Beschäftigung und Auseinandersetzung mit Erkrankungen bzw. Beschwerden treten Aspekte wie sozialer Austausch in den Hintergrund. Wichtiger ist es, Beschwerden zu lindern, Erkrankungen zu heilen - alles andere ist sekundär, d.h., die Bewohner sind gar nicht an Kontakten interessiert, da sie nur mit sich und ihren Beschwerden zu tun haben (vgl. Kapitel 2.3.2.).27
- Auch könnte man sagen, dass ein ausreichendes externes soziales Netzwerk keinen Bedarf entstehen lässt, Kontakte zu anderen Bewohnern aufzunehmen: das Bedürfnis nach Kommunikation, Anerkennung und Austausch wird über das externe Netzwerk (also Familienmitglieder oder Freunde) befriedigt, so dass keine Notwendigkeit besteht, zusätzliche Mittel der Bedürfnisbefriedigung zu suchen. Kontakte zu anderen Bewohnern hätten demnach eher nachbarschaftlichen (relativ oberflächlichen) Charakter, die auf gegenseitigem Grüßen und auf den Austausch von Höflichkeiten beschränkt bleiben. Wenn die Kontaktfrequenz zu Personen außerhalb des Heims allerdings nachlässt, kann es zu Frustration und Einsamkeit kommen, da zwischen Bedürfnis und Realisierungsmöglichkeit eine Diskrepanz entsteht. Kontakte zu Mitbewohnern können die fehlenden außerinstitutionellen Kontakte dann wahrscheinlich auch nicht ersetzen (vgl. Rückert 1983, Enzlberger 1992).
- Dass die Bewohner untereinander wenig Kontakt haben, könnte aber auch daran liegen, dass es zu große Unterschiede gibt z.B. in Bezug auf Bildung und auch auf soziale Kompetenzen, so dass nur wenig Interessen geteilt, wenig Kompromissbereitschaft besteht oder keine gemeinsamen Gesprächsthemen gefunden werden können. Viele Heimbewohner leben vor dem Heimeinzug häufig sehr lange allein, und wenn vor dem Heimübergang soziale Kontakte stattfinden, dann finden die i. d. R. mit Personen statt, die seit vielen Jahren in ein bestehendes Kontaktnetz integriert sind. Vielen älteren Menschen fehlen eventuell die Fähigkeiten, sich mit fremden Menschen intensiver auseinander zu setzen und sich auf sie einzulassen (vgl. auch Schmitz-Scherzer 1978, Kruse 1992, Rückert 1983).28
- Aber auch der zunehmende Anteil an dementiellen Erkrankungen bei Heimbewohnern und die ständige Konfrontation mit kranken, verwirrten und sterbenden Menschen, die immer mehr die Kontrolle verlieren, könnte abschreckende oder beängstigende Wirkungen auf die geistig gesunden bzw. weniger pflegebedürftigen Bewohner haben. Diese Art der Umwelt stellt eine Bedrohung dar, von der man sich lieber abwendet (vgl. auch Kruse 1992).
- Häufig werden möglicherweise Persönlichkeitsmerkmale oder Verhaltensweisen der anderen als störend oder belastend empfunden, z.B. übermäßige Neugier, Gerede und Getratsche, Interesse- und Initiativlosigkeit, so dass man sich lieber zurückzieht. Unter Umständen spielen auch schlechte Erfahrungen mit anderen Heimbewohnern eine Rolle, so dass auch Angst vor erneuter Abweisung und davor, jemanden zu belästigen, eher der Rückzug gewählt wird (vgl. Schmitz-Scherzer 1978, Kruse 1992, Rückert 1983).
- Außerdem können verschiedene Beschaffenheiten der Institution ausschlaggebend sein in Bezug auf die Frage, warum es nur wenig Kontakte zwischen Heimbewohnern gibt: wenn es beispielsweise an räumlichen Gegebenheiten bzw. an öffentlichen Raumflächen mangelt, um sich zu treffen, so kann dies einen Rückzug des Individuums bewirken. Möglicherweise beeinflussen physische Hindernisse oder Entfernungen direkt die Wahrscheinlichkeit von sozialen Kontakten. Abgesehen davon scheint die häufige Unfreiwilligkeit des Heimeintritts und auch die Unfreiwilligkeit in Bezug auf unmittelbar den Bewohner betreffende Lebensbedingungen im Heim (vorgegebener Tagesablauf, Hausordnungen, Beschränkungen bei der Ausstattung des Zimmers, Schließzeiten usw.) eine Rolle zu spielen. Dadurch, dass der Bewohner eigentlich nicht da sein will, ist er auch nicht bereit, mit "den anderen" zu sympathisieren, zu kommunizieren. Die Zwangslage, in die der Bewohner sich hinein versetzt fühlt, führt zur Ablehnung der anderen Bewohner, da diese ebenfalls als "aufgezwungen" empfunden werden (vor allem in Mehrbettzimmern), mit der Folge eines allgemeinen Rückzugs oder einer aggressiven Feindseligkeit gegenüber den anderen. Schließlich führt das Gefühl, wenig oder gar keine Kontrolle über die Situation oder über Entscheidungen, die das Lebensgeschick des Bewohners betreffen, zu haben, zu Empfindungen der Hilflosigkeit. Durch die totale Fremdversorgung und einem Umgangsstil des Personals, der wenig Eigenständigkeit zulässt, kommt es zu einem allgemeinen Aktivitäts- und Funktionsverlust. Das Wohlbefinden geht zurück, die Motivation zur selbständigen Auswahl von Kontaktpartnern und selbst bestimmten Gestaltung von Beziehungen zu anderen reduziert sich (vgl. Rückert 1983, Häussler-Szcepan 1998, Saup 1990, Miner Salari / Rich 2001).
Aufgrund der Fülle an möglichen Faktoren werden im Zuge der Ergebnispräsentation folgende Untersuchungsdimensionen zugrunde gelegt:
- Personenbedingte Faktoren
- Heimstrukturell bedingte Faktoren
- Umweltbedingte Faktoren
Da wir in unserer Untersuchung den Bewohner als Mitglied in einer Organisation begreifen, die das Zusammenleben der Menschen, die darin leben, formt und gestaltet, wollen wir auch fragen, ob die Kontakte und Interaktionen alter Menschen in Heimen durch verschiedene Anpassungsstrategien an die Organisation, Rollenerwartungen und sich daraus ergebene Rollenkonflikte bestimmt werden. Ein Problem, dass eventuell verhindert, dass die Bewohner aufeinander zugehen, könnte in der Unklarheit über die eigene Rolle im Heim bestehen. Die Rolle des Heimbewohners ist in unserer Gesellschaft weniger positiv besetzt, was auch dadurch deutlich wird, dass nur Wenige tatsächlich freiwillig den Entschluss treffen, in eine Alteneinrichtung zu ziehen. Eine Konsequenz dieser Zwangsituation könnte sein, dass die Bewohner ihre Selbstsicherheit verlieren, was mit einem bewusst oder unbewusst gewählten Anpassungsverhalten einhergeht. Es soll also hier darum gehen, weitere soziale Strukturen aufzudecken, die das Handeln der Bewohner (Rückzug vs. Engagement) bedingen. Möglicherweise kann dann auch von der jeweiligen Anpassungsstrategie auf den Grad der Einsamkeit eines Bewohners geschlossen werden.
25 In der qualitativen Sozialforschung wird unter Exploration eine Perspektive innerhalb des Prozesses von Informationssammlung und -analyse verstanden. Exploration bezeichnet das umfassende, in die Tiefe gehende, detektivische Erkunden des Forschungsfeldes, das Sammeln möglichst vielfältiger und
das ganze Spektrum von Sichtweisen repräsentierender Informationen. Exploration bezeichnet einen Typ deskriptiver Fragestellung. Es geht also hierbei darum, einen noch relativ unbekannten empirischen Sachverhalt durch eine möglichst breit angelegte Deskription zu erkunden. Der Geltungsbereich bleibt dabei auf die untersuchten Fälle beschränkt (vgl. Kromrey 1998: 67ff).
26 Von der Mehrzahl der Studien wird der Einfluss der Institution auf das Verhalten und auf die Kontakte der Bewohner vermutet (vgl. Schmitz-Scherzer 1978, Rückert 1983, Saup 1990, Cooper et al. 1984, Wagner et al. 1996, Miner Salari / Rich 2001), von anderen vehement bestritten (Myles 1978, Closs / Kempe 1979).
27 Myles (1978) behauptet jedoch genau das Gegenteil: Institutionalisierung reduziert die Wahrscheinlichkeit, dass Individuen ihren Gesundheitszustand als schlecht beurteilen, sie nehmen sich seltener und weniger stark als krank und behindert wahr als in Privathaushalten lebende. Damit steigen auch die Lebenszufriedenheit und das allgemeine Wohlbefinden, wodurch es theoretisch zu einer Ausweitung der Kontakte kommen könnte.
28 Closs und Kempe (1979) gehen davon aus, dass zu überwiegendem Teil die Lebens- und Wohnsituation der Bewohner vor dem Heimeintritt ausschlaggebend in Bezug auf das Kontaktverhalten ist und dass andere Faktoren, insbesondere heimstrukturelle Einflüsse, so gut wie gar keine Rolle spielen (vgl. auch Cooper 1984).

