3. Untersuchungsdesign
3.2.2.3. Das Interview
Mit Hilfe des narrativen Interviews wollten wir erreichen, dass die befragten Heimbewohner uns u. a. ihre Haltung zu den Mitbewohnern offen darlegen. Des weiteren zielten wir darauf ab, einen Einblick in das Leben einer Einrichtung der stationären Altenhilfe zu erhalten und an Hand von verschiedenen, ausführlich formulierten Erfahrungen etwas darüber zu erfahren, welche Faktoren in irgendeiner Art und Weise auf die Heimgemeinschaft Einfluss nehmen können. Wir wollten damit Basisdaten ermitteln, um unserer Forschungsfragen auf den Grund zu gehen: Gemeinsam einsam? Nutzen Bewohner die Möglichkeiten zum sozialen Austausch? Was sind die Gründe, dass diese genutzt oder nicht genutzt werden? Und spielen strukturelle Bedingungen der Heimsituation dabei eine Rolle? Wir hatten uns für ein offenes Erhebungsverfahren entschieden, weil wir einen bisher wenig erforschten empirischen Sachverhalt untersuchen wollten, wobei es sinnvoll erschien, den interessierenden Themenbereich nur grob abzugrenzen.
Die Interviews wurden in den privaten Wohnbereichen der Bewohner durchgeführt, wobei es sich hierbei um Einzelzimmer handelte, so dass ungezwungen und weitgehend ungestört gearbeitet werden konnte. Es ließ sich leider nicht vermeiden, dass ab und zu eine Schwester ins Zimmer kam oder das Telefon klingelte. Die Interviews dauerten in der Regel 1 bis 1,5 Stunden.
Für das narrative Interview hatten wir vorab einen Gesprächsleitfaden entworfen, der uns während der Interviews als Orientierungshilfe dienen sollte.37 Dort konnten wichtige biographische und weitere objektive Daten und Ereignisse neben der Erzählaufforderung aufgelistet werden, wie z.B. der Geburtstag, der Geburtsort, Daten zur beruflichen Laufbahn, Hochzeit, Geburt der Kinder, Geburt der Enkel, Verwitwung, Heimübergang, Daten zur Kontaktsituation zu Familienmitgliedern / Freunden / Bekanntschaften, Informationen zum Gesundheitszustand, Daten zur Kontaktsituation zu anderen Heimbewohnern, Daten zum Tagesablauf, zu Angeboten im Heim und Daten betreffend der Heimstruktur. Diese Auflistung an Daten sollte uns dazu dienen, der Anfangserzählung des befragten Bewohners besser folgen zu können. Es war nicht notwendig, während des Interviews sämtliche Details zu notieren, da wir das Interview mit einem Tonbandgerät aufgezeichnet hatten. Wichtiger war es, der Erzählung so genau wie möglich zuzuhören und nur die erwähnten Stichpunkte abzuhaken, die ausreichend vom Bewohner erörtert worden waren und die Stichpunkte zu markieren, auf die später noch einmal genauer eingegangen werden sollte. Durch diese Herangehensweise fällt es dem Interviewer leichter, im Nachfrageteil des narrativen Interviews den Überblick über Unstimmigkeiten in der Erzählung zu behalten und er kann diese durch narrative Nachfragen eventuell auflösen. Mit großer Wahrscheinlichkeit fällt es dem Interviewer dadurch auch leichter, biographische Informationen zu identifizieren, die in der Erzählung bisher ausgelassen wurden; er kann diese so noch erfragen. Abschließend wurden in dem Gesprächsleitfaden auch Leitfadenfragen notiert, die u. a. die Bewohner dazu anhalten sollten, eigene Meinungen, Bewertungen und Bilanzierungen zu formulieren. Außerdem diente dieser Teil dazu, Antworten zu erhalten, die durch die Erzählung noch nicht hinreichend behandelt worden waren.
Den von uns geführten Interviews lag folgender Ablaufplan zu Grunde:
- Informationsphase
- Erzählaufforderung: Erzählung der Lebensgeschichte
- Nachfragen zur Lebensgeschichte
- Sonstige Nachfragen
- Mini- Fragebogen
- Verabschiedung
Wir wurden in den meisten Fällen von einem Mitarbeiter der Einrichtung zum Zimmer des zu interviewenden Bewohners gebracht und angekündigt. Nach der Begrüßung wurde der Bewohner von uns in das Thema der Untersuchung eingeweiht und es folgten noch ein paar Erläuterungen, z.B. an welcher Universität wir studieren und warum wir die Interviews durchführen. Es war auch unser Anliegen, den Bewohnern Ängste zu nehmen, indem wir versicherten, dass man nichts falsch machen kann und ihre Namen anonymisiert werden. Zudem war es auch wichtig, den Bewohnern zu vermitteln, dass man es sehr wertschätzt, dass diese sich für das Interview zur Verfügung stellten. Bevor die Interviews begannen, wurde zum einen noch das Einverständnis der Bewohner für die Tonbandaufzeichnung des Interviews eingeholt und zum anderen hatten die Bewohner auch die Möglichkeit, Fragen zu stellen, um letzte Unsicherheiten zu beseitigen.
Zu Beginn der Interviews wurde den Bewohnern immer eine offene Erzählaufforderung gestellt, in der sie gebeten wurden, ihre Lebensgeschichte grob wiederzugeben, wobei es in dieser Phase des Interviews vor allem bei den Bewohnern lag, was diese als erzählenswert beurteilten.38 Wir, in dem Fall in der Funktion des Interviewers, haben zunächst die Rolle des interessierten Zuhörers übernommen. Die Bewohner sollen in ihrem Erzählfluss möglichst nicht unterbrochen werden. Ist der Bewohner von sich aus ins Stocken geraten, dann war es unsere Aufgabe, ihn zum Weitererzählen aufzufordern, z.B. mit Fragen "Wie ging es dann weiter?" oder "An was können Sie sich sonst noch erinnern?" Wir haben solange die Rolle des Zuhörers übernommen, bis der befragte Bewohner die Erzählung seiner Lebensgeschichte beendet hat. Das Ende konnte man beispielsweise an einer der folgenden Erzählkoda, wie "So, das war's" oder "nicht viel, aber immerhin."erkennen (Schütze 1983: 285).39
Im Anschluss hatten wir die Möglichkeit, Inhalte aus der Lebensgeschichte des Befragten, die entweder zu kurz oder überhaupt nicht zur Sprache gekommen waren, nochmals aufzugreifen. Um die Nachfragen narrativ stellen zu können, haben wir Formulierungen wie, "Können Sie noch einmal genauer erzählen, wie das war, als .?" oder "Wie kam es dazu, dass .?" benutzt. Unter anderem wurden die Bewohner an dieser Stelle des Interviews noch einmal aufgefordert, sich in die Zeit des Heimeinzugs zurückzuversetzen und uns genauer zu erzählen, wie das damals war.
Den Abschluss des Interviews bildete der von uns flexibel gehandhabte Leitfadenteil. In diesem Teil des Interviews haben wir einige abschließende teilweise bilanzierende Fragen gestellt, wie z.B. "Angenommen Sie hätten die Macht, hier im Heim etwas zu verändern: Was würden Sie verändern und warum?". Darüber hinaus hatten wir die Möglichkeit, bestimmte Wissenslücken im Lebenslauf der befragten Bewohner durch gezielte Nachfragen schließen zu können, und wir konnten uns auch verschiedene Einzelaspekte erschließen, die sich auf das Thema Gemeinschaft und Vereinsamung in Einrichtungen der stationären Altenhilfe beziehen. Der Leitfadenteil wurde von uns in zwei Kategorien von Fragen unterteilt. Zum einen gab es die Kategorie von Fragen, die unbedingt gestellt werden sollten, um ein Mindestmaß an Vergleichbarkeit zwischen den einzelnen Interviews herstellen zu können, zum anderen gab es die Kategorie von Fragen, auf die im Notfall auch hätte verzichtet werden können, wenn der zeitliche Rahmen nicht ausgereicht hätte.
Nach dem Interview wurden die Bewohner noch gebeten, vier Aussagen zu bewerten.
Die Aussagen lauteten:
- Ältere Menschen sollten zurückgezogen leben.
- Ich mache mir manchmal Sorgen, dass ich anderen Menschen zur Last fallen könnte.
- Ich fühle mich häufig einsam und traurig.
- Es gibt Menschen, die mich brauchen.
Die Bewohner hatten drei Möglichkeiten für die Bewertung. Entweder sie stimmten voll zu, sie stimmten teilweise zu oder sie stimmten nicht zu. Die Bewohner sollten selbstständig die entsprechenden Antworten auf einem Zettel ankreuzen, womit sich einige der Bewohner jedoch sehr schwer taten, da die Sehkraft z. T. stark beeinträchtigt war.40
Am Ende der Interviews waren die Bewohner in der Regel sehr erschöpft, was sich an der zunehmenden Unruhe und der nachlassenden Konzentrationsfähigkeit zeigte. Der überwiegende Teil der Interviews wurde vor dem Mittagessen durchgeführt, wodurch diesen Interviews ein zeitlicher Endpunkt gesetzt wurde, wobei aber der zeitliche Rahmen in der Regel völlig ausreichend war. Auf die Möglichkeit, mit den befragten Bewohnern einen weiteren Termin zu vereinbaren, mussten wir nicht zurückgreifen. Mit der Verabschiedung endete dann das Treffen. Im Anschluss der Interviews haben wir unseren ersten Eindruck der Interviews (beispielsweise zur Atmosphäre) notiert und eventuelle Besonderheiten, die uns an den befragten Bewohnern aufgefallen waren und/oder besondere Vorkommnisse, die sich während des Interviews ereignet haben, schriftlich festgehalten. Das ist wichtig, da dieses Kontextwissen sich mit der Zeit in unseren Erinnerungen verschieben kann und dann entspricht das Kontextwissen nicht mehr den zum Interviewzeitpunkt ereigneten Tatsachen.
37 Der Interviewleitfaden befindet sich im Anhang.
38 Die biographischen Informationen sind dabei hilfreich, die von dem Befragten dargelegten Erzählungen vor dem Hintergrund von lebensgeschichtlichen Erfahrungen besser deuten zu können.
39 In einigen Fällen war es uns nicht möglich, mit der anfänglichen Erzählaufforderung eine zusammenhängende Erzählung zu generieren, da die Bewohner entweder häufig den Faden verloren haben, aus Unsicherheit Rückfragen stellten oder einfach keine detaillierten Informationen von sich aus preisgegeben haben. Es kam auch vor, dass der Lebenslauf uns teilweise in knapper tabellarischer Form präsentiert wurde und weniger in Form von kleinen "Geschichten". Dafür mag es mehrere Gründe geben. Zum einen könnte es daran gelegen haben, dass die Bewohner trotz der Bemühungen unsererseits noch zu unsicher waren. Zum anderen konnte möglicherweise einfach nicht verstanden werden, warum wir Interesse an persönlichen Informationen über ihre Vergangenheit hatten, was auch an unserer ungeschulten Interviewführung gelegen haben könnte.
40 Der Mini-Fragebogen ist kein fester Bestandteil des narrativen Interviews, sondern wurde von uns aus experimentellem Interesse nach dem Interview angefügt. Trotz der methodischen Bedenken haben wir uns für einen solchen Versuch entschlossen, da durch diesen die Validität der eigentlichen Erhebungsdaten aus den Interviews nicht gefährdet werden konnte und zudem der Mini-Fragebogen kaum Zeit in Anspruch nahm. Letzten Endes wurden die Antworten nicht weiter verwertet und fanden von daher auch keine weitere Berücksichtigung im Auswertungsprozess.

