3. Untersuchungsdesign
3.2.3. Vorgehensweise und Problematik bei der Auswertung der gewonnen Daten
Der erste Arbeitsschritt für uns bestand in der Transkription der Interviews anhand der gemachten Tonbandaufnahmen. Die Interviews wurden im Wortlaut mit stellenweisen Zugeständnissen an die Lesbarkeit transkribiert. Einige Worte oder Sätze waren etwas schwer verständlich, beziehungsweise konnten gar nicht mehr identifiziert werden; diese wurden kursiv bzw. durch Auslassungszeichen kenntlich gemacht. Entstandene Pausen wurden ebenfalls in Sekunden und in Klammern in der Transkription vermerkt. Starke Betonungen wurden durch Fettschrift oder mit einer durchgängigen Großschreibung der Silben und Wörter deutlich gemacht. Wenn Worte bzw. Sätze abgebrochen wurden, dann wurde dieses mit einem Gedankenstrich gekennzeichnet. Es wurde auch versucht, sämtliche Geräusche bzw. auffallende Gesten zu dokumentieren. Diese wurden dann in Klammern an der entsprechenden Stelle vermerkt. Es wurde nichts gekürzt und nichts ausgelassen, sondern vollständig transkribiert.
In einem zweiten Schritt haben wir für jeden der befragten Bewohner eine Tabelle in chronologischer Zeitreihe erstellt, in der alle uns bekannten biographischen Daten und Ereignisse zusammengetragen wurden. Diese Tabellen beinhalteten unter anderem Informationen über das Alter, den Geburtsort, den beruflichen Werdegang, über die Familie usw. Diese Tabellen ermöglichten es uns, erste Vergleiche zwischen den einzelnen befragten Bewohnern anzustellen, vor allem hinsichtlich ihrer Wohnsituation vor dem Heimeinzug.
In einem weiteren Schritt haben wir die einzelnen transkribierten Interviews noch einmal aufmerksam durchgelesen. Dabei ging es uns darum, relevante Interviewstellen bzw. -passagen hinsichtlich unserer Forschungsfrage im Text zu identifizieren und direkt zu kommentieren. So haben wir zunächst subjektive Einschätzungen der Bewohner zur Gemeinschaft und zur individuellen Kontaktsituation in den Heimen identifiziert, um erst einmal beurteilen zu können, wie es um die wahrgenommene Qualität und Quantität der Sozialkontakte der Bewohner untereinander steht. Darüber hinaus haben wir versucht, auf Grund von den Aussagen der Bewohner, Bedingungen zu identifizieren, unter denen die Bewohner überhaupt erst zusammentreffen und bereit sind, sich aufeinander einzulassen. Der nächste Arbeitsschritt bestand darin, die Kommentierungen noch einmal näher zu betrachten und diese möglichst noch weiter auszuformulieren und dahingehend zu paraphrasieren, ob und inwiefern der in der Interviewstelle beschriebene Faktor (z.B. Gesundheitszustand, Umstand des Heimübergangs, das Verhältnis zu den Kindern) Einfluss auf die Sozialkontakte der Bewohner haben und somit eine Ursache für Vereinsamung darstellen könnte. Dabei haben wir auch erste Vermutungen zur Bewertung dieser Faktoren angestellt.
Nachdem wir alle für uns zur Thematik relevanten Interviewstellen analysiert bzw. ausführlich kommentiert haben, ging es darum, die einzelnen Kommentierungen zu ordnen, ohne die jeweils dafür entsprechende Interviewstelle aus dem Blickwinkel zu verlieren. Zum Beispiel wurden alle Kommentierungen zusammengetragen, die sich auf die Problematik eines beeinträchtigten Gesundheitszustandes in Zusammenhang mit der Realisation von Kontakten bezogen. Diese Zusammenfassung konnten wir dann wiederum in einzelne Kategorien unterteilen, bspw. die besondere Rolle von Mobilitätseinschränkungen in Bezug auf die Kategorie Gesundheitszustand. Alle Kategorien haben wir dann nochmals genauer geprüft, ob es sich bei der identifizierten Kategorie um einen Faktor handelt, der bei Heimbewohnern Einsamkeit bedingen kann. Die einzelnen Textstellen mit den dazu gehörigen Kommentierungen für die jeweilige Kategorie haben wir, wenn vorhanden, mit denen aus anderen Interviews verglichen, um eventuelle Parallelen oder Widersprüche aufzudecken, die uns unter anderem darüber Aufschluss gaben, wie stark der Einfluss dieser Kategorie zu bewerten ist oder ob eventuell Zusammenhänge zu anderen Kategorien auszumachen sind. Allerdings war es auf Grund der hohen Komplexität der einzelnen identifizierten Faktoren nur in einem begrenzten Rahmen möglich, Rückschlüsse auf die Wirkungsintensitäten und auf die Wirkungsbeziehungen zu ziehen.
Abschließend ließen sich die einzelnen Kategorien der Faktoren, die nach unseren Ergebnissen die Sozialkontakte zwischen den Heimbewohnern bedingen, unterschiedlichen Untersuchungsdimensionen zuordnen.
- Personenbedingte Faktoren
- Heimstrukturell bedingte Faktoren
- Umweltbedingte Faktoren
Von allen bisher identifizierten Faktoren ließen sich ferner Aussagen zur Anpassung an das Leben im Heim machen. Die Problematik der Anpassung und der verschiedenen Anpassungsformen wird gesondert im Ergebnisteil dargestellt und diskutiert.
In unseren Auswertungsprozess haben wir auch die Beobachtungsprotokolle einfließen lassen, die im Besonderen dazu dienten, die Ergebnisse, die aus der Auswertung der Interviews resultierten, zu stützen.
Vor der Darstellung der Ergebnisse weisen wir darauf hin, dass die von uns identifizierten Faktoren vermutlich nicht vollständig sind, da unsere Ergebnisse auf der Analyse weniger Fälle beruhen. Es ist also denkbar, dass durch eine Analyse weiterer Fälle sich weitere Faktoren generieren lassen.
Im Auswertungsprozess waren wir mit verschiedenen Problemen konfrontiert. Einige Probleme resultierten aus der Datenerhebung. Der Auswertungsprozess wurde uns beispielsweise durch die nicht immer gegebene Vergleichbarkeit der Fälle erschwert. Die offene Vorgehensweise des narrativen Interviews hat zur Folge, dass die Durchführung der Interviews variieren kann. Darüber hinaus gestaltete sich die Interviewsituation teilweise sehr unterschiedlich durch das Einwirken äußerer Einflüsse, was die Vergleichbarkeit der Interviews zusätzlich erschwerte. In einem Interview z.B. klingelte öfter das Telefon (Interview Nr. 9). In einem anderen Interview war eine dritte Person anwesend (Interview Nr. 7) und häufig kamen Mitarbeiter der Einrichtung unangekündigt in das Zimmer.
Ein geringes Maß an inhaltlicher Vergleichbarkeit sollte mit den abschließenden Leitfadenfragen unter dem Ablaufpunkt "sonstige Nachfragen" versucht werden, herzustellen, die aber meist auch sehr flexibel gehandhabt worden sind. Aber gerade durch die hohe Flexibilität und die offene Vorgehensweise kann auch die Validität der gemachten Aussagen der befragten Bewohner gesteigert werden.
Darüber hinaus waren die zum Teil verschiedenen aufgetretenen Verständigungsprobleme nicht einfach zu handhaben, die entweder darauf zurückzuführen waren, dass wir zu komplizierte Formulierungen verwendet haben, die befragten Bewohner für einen Moment unkonzentriert waren oder uns aufgrund ihrer eingeschränkten Hörleistung einfach nicht verstanden haben. Darüber hinaus ist es auch fraglich, wie die Bewohner uns als Interviewer wahrgenommen haben, z.B. bezüglich des großen Altersunterschieds. Es ist zu vermuten, dass auf Grund des Altersunterschieds, die Voraussetzung der "Reziprozität der Perspektiven" bei der Durchführung des narrativen Interviews nicht gegeben war. Im Idealfall sollten sich die Interviewpartner gleichrangig fühlen, damit der Informant unbefangen in der Lage ist, sich dem freien Erzählfluss hinzugeben, indem dieser die eigene Position als "Experte" begreift und nicht glaubt, geprüft oder überprüft zu werden (Laga 1999: 304).
Ein großes Problem stellte zudem für uns der sehr knappe zeitliche Rahmen dar, der es uns nicht gestattete, eine tiefer gehende Analyse der Interviewtranskriptionen durchzuführen, wodurch einige Interpretationsebenen zu kurz kamen oder gar unbehandelt blieben. Zum Teil ist es uns nicht mehr gelungen, bestimmten Ergebnissen in dem eigentlich gewünschten Umfang nachzugehen.
Dieser enge zeitliche Rahmen ermöglichte es uns nicht, eine Feinanalyse im Sinne der Objektiven Hermeneutik nach Oevermann zur gründlicheren explorativen interpretativen Erschließung des Materials durchzuführen, womit es möglich gewesen wäre, fallspezifische Besonderheiten herzustellen, da es sich hierbei im Besonderen um einen (einzel-)fallrekonstruktiven Ansatz handelt.
Dieses Verfahren zeichnet sich vereinfacht ausgedrückt dadurch aus, dass im Schwerpunkt einzelne Interviewabschnitte sehr zeitintensiv interpretiert werden, um "hinter den einzelnen subjektiven Bedeutungsstrukturen, die das Material (z.B. Interviews) liefert, allgemeine, objektive Strukturen zu erschließen" (Mayring 1990: 90). Es geht also darum, die sozialen Sinnstrukturen bzw. die Tiefenstrukturen des Handelns zu rekonstruieren. Den Ausgangspunkt bildet die Annahme, dass die sprachlich verfassten Handlungen als Ergebnis dieser Strukturen verstanden werden, wodurch somit die objektiven Bedeutungen in den Äußerungen der Befragten enthalten sind und somit auch unabhängig von den subjektiven Intentionen des Handelns rekonstruierbar sind (Heinze 1995: 114).
Auch weiteren fallrekonstruktiven Ansätzen, wie der Narrationsanalyse nach Schütze (1983) bzw. Fischer-Rosenthal/Rosenthal (1997)41 , sind wir nicht nachgegangen.
Zum einen war die Zeitkomponente wieder ein zentraler Faktor, der gegen die Umsetzung eines dieser Konzepte sprach, zum anderen war es aus pragmatischen Gründen nicht möglich. Im Besonderen erscheint uns das Auswertungsverfahren nach Schütze nicht sonderlich geeignet, da der erste Analyseschritt darin besteht, zunächst einmal alle nicht-narrativen Textpassagen zu eliminieren, da vorerst nur die autobiographischen Erzählungen Gegenstand des Analyseprozesses sind (Schütze 1983: 286). In unserem Fall hätte sich zudem ein Vorgehen im Sinne der Narrationsanalyse schwierig gestaltet, da zu viele der befragten Bewohner den Erzählaufforderungen nicht in dem gewünschten Maße nachgekommen waren.
Die Narrationsanalyse zeichnet sich generell dadurch aus, dass meist mehrere Fälle analysiert werden. Hierbei geht es darum, zunächst jeden der Fälle und das hierzu erhobene Material unabhängig von den anderen Fällen zu interpretieren. Erst nachdem die Rekonstruktion der einzelnen Fälle abgeschlossen ist, gilt es sich von den einzelnen Fällen zu lösen, um diese dann zu vergleichen, zu typisieren und zu kontrastieren. Die einzelnen Fallrekonstruktionen und die Fallkontrastierung dienen dabei der schrittweisen Entdeckung allgemeiner Prozessstrukturen des sozialen Handelns.42
m Folgenden werden die einzelnen Analyseschritte der beiden Ansätze von Schütze (1983) und von Fischer-Rosenthal/Rosenthal (1997) benannt, die es gilt durchzuführen, um die allgemeinen Strukturen des sozialen Handelns entschlüsseln zu können. Die Modifikation der beiden Auswertungstechniken soll verdeutlicht werden.
Die sechs Analyseschritte nach Fritz Schütze (1983) lauten:
- 1. Die formale Textanalyse
- 2. Die strukturelle inhaltliche Beschreibung des Erzähltextes
- 3. Die analytische Abstraktion des Erzähltextes
- 4. Die Wissensanalyse des gesamten Textes
- 5. Der kontrastive Vergleich unterschiedlicher Interviewtexte
- 6. Die Konstruktion eines theoretischen Modells
Die sechs Analyseschritte nach Fischer-Rosenthal & Rosenthal (1997) lauten:
- 1. Die Analyse der biographischen Daten
- 2. Die Text- und thematische Feldanalyse (sequentielle Analyse der Textsegmente des Interviews)
- 3. Die Rekonstruktion der Fallgeschichte
- 4. Die Feinanalyse einzelner Textstellen
- 5. Die Kontrastierung der erzählten mit der erlebten Lebensgeschichte
- 6. Typenbildung
Auf eine detaillierte Ausführung der einzelnen Arbeitsschritte wird verzichtet, da diese in dieser Arbeit nicht umgesetzt wurden. Die Darstellung soll als Anregung für eventuell folgende Untersuchungen verstanden werden. Auch finden diese Ansätze eine häufige Anwendung in der Biographieforschung. Letzten Endes sind aus unserer Erhebungsphase keine biographischen Interviews hervorgegangen, da die befragten Bewohner der Erzählaufforderung der Lebensgeschichte nicht in dem Umfang nachgekommen waren, wie wir es gemäß der narrativen Interviewkonzeption beabsichtigt hatten.
Nachdem wir die von uns verwendete Erhebungsmethode, das narrative Interview, und den von uns gewählten Auswertungsprozess skizziert haben, wird im folgenden Abschnitt das narrative Interview als Erhebungsmethode diskutiert.
41 "Schütze führt die Struktur der biographischen Erzählung auf die Struktur der wieder erinnerten lebensgeschichtlichen Erfahrungsaufschichtungen zurück" (Fischer-Rosenthal/Rosenthal 1997: 148). Bei Schütze steht die Erzählung für die Rekapitulation von Erfahrung. Die modifizierte Auswertungstechnik von Fischer-Rosenthal & Rosenthal widmet sich stärker als der Ansatz von Schütze der Analyse der strukturellen Differenz zwischen erlebter und erzählter Lebensgeschichte. In diesem Ansatz steht die Erzählung für die subjektive Konstruktion des eigenen Lebens.
42 Vergleicht man die Auswertungsverfahren der Narrationsanalyse und der objektiven Hermeneutik miteinander, dann besteht ein wesentlicher Unterschied darin, dass im narrativen Interview Handlungsmuster und Deutungsmuster miteinander verglichen werden, während in der objektiven Hermeneutik allgemeine Strukturmerkmale mit beobachteten Strukturmerkmalen verglichen werden (Brüsemeister, 1999: 95).

