3. Untersuchungsdesign
3.2.4. Kritische Betrachtung der Erhebungsmethode
Trotz der Vorteile, die die qualitative Forschungsmethode des narrativen Interviews bietet, müssen verschiedene Probleme, die die Methode mit sich bringt, im Falle einer Anwendung vergegenwärtigt werden.
Einer der Kritiker der Methode des narrativen Interviews ist Bude (1985), der unserer Ansicht nach allerdings mit Vorsicht zu betrachten ist, da er den Ansatz von Schütze teilweise falsch darlegt. "Schütze führt die Struktur der biographischen Erzählung auf die Struktur der wiedererinnerten lebensgeschichtlichen Erfahrungsaufschichtung zurück, wobei er jedoch keineswegs, wie von Heinz Bude (1985) unterstellt, von einer Homologie von Erfahrung und Erzählung ausgeht" (Fischer-Rosenthal/Rosenthal 1997: 148).Bude fasst den Ansatz von Schütze insofern falsch auf, dass dieser der Meinung ist, dass Schütze davon ausgeht, dass die Interviewten alles so erzählen, wie sie es auch erfahren haben.
Aus dieser fälschen Grundauffassung heraus folgert Bude, dass die "Zugzwänge des Erzählens" (Bude 1985: 330)43 dazu führen, dass sich die Abweichung des Erzählers bei der Erfahrungsrekapitulation von den in der Vergangenheit gemachten Erfahrungen in der Regel durch das Verlassen der Erzählform niederschlägt. "Man kann sagen, die Erzählform garantiert die wahrhafte Dokumentation der vergangenen Erfahrungen"(ebd.). Dem können wir nicht zustimmen, da die Erinnerungen an vergangene Ereignisse veränderbar sind, da sie zum Beispiel im nachhinein anders gedeutet werden, und von daher kann die Erinnerung nicht vollständig mit dem tatsächlichen Ablauf des Ereignisses in der Vergangeheit übereinstimmen (vgl. auch Heinze 1995: 81). Die autobiographischen Erzählungen haben demnach einfach ausgedrückt nicht das, was sich in der Vergangenheit tatsächlich ereignet hat, sondern geben eher Aufschluss darüber, wie die Wirklichkeit verarbeitet wurde (ebd.: 82). Das geschieht unter der Annahme, dass es übergeordnetete Organisationsprinzipien und Konstruktionsregeln oder einen Rahmen gibt, der die Erfahrungsverarbeitung insgesamt steuert. Schütze begreift den Erfahrungszusammenhang als Prozess der Selbstorganisation ("autopoietisches System") (Schulze 1997).
Die eigentliche Kritik von Bude an dem soziologischen Narrativismus geht von der Erfahrung aus. Die folgende dargestellte Kritik rührt weiterhin aus der Fehleinschätzung Budes betreffend der Forschungsabsicht von Schütze, indem er davon überzeugt ist, dass Schütze mit Hilfe des narrativen Inzterviews und durch die anschließende Analyse herausfinden will, was sich in der Vergangenheit tatsächlich ereignet hat.
Bude zweifelt an, dass "die Erzählung wirklich die Darstellungsform ist, die der Erfahrung am nächsten steht" (Bude 1985: 334). In seiner Kritik gibt er zu bedenken, dass es seiner Meinung nach bestimmte Erfahrungen gibt, die nicht in der Erzählform darzustellen sind. Es gibt beispielsweise Bilder, Wünsche, Bedürfnisse, die man nicht ohne weiteres artikulieren kann, da sie sich zum Teil übereinander schieben. Des Weiteren gibt es Erfahrungen, die mit Begriffen (z.B. Deutscher, Aufsteiger, SPD-Mitglied) verbunden sind, deren Geschichte über den Geschichtshorizont des einzelnen weit hinausreicht und diese somit durch die Erzählung nur schwer Rückschlüsse auf die Erfahrungen zulassen. Er kritisiert in erster Linie dem Umstand, dass die Erzählungen mit den Vorstellungskomplexen, die an diesen Begriffen kleben, nicht kompatibel sind (ebd.).
Allerdings ist Bude nicht in der Lage, eine plausiblere Darstellungsform neben der Erzählung zu bennen, die besser dazu in der Lage wäre, einen Zugang zu den Erfahrungen der Befragten zu verschaffen. Letztendlich ist diese Kritik hinfällig, da er selbst zu dem Schluss kommt, dass es nicht darum gehen sollte, der Wahrheit, der Angemessenheit oder der Echtheit im Kontrast von Realem und Imaginärem von Erzählungen auf den Grund zu gehen, sondern es sollte die Rekonstruktion einer symbolischen Ordnung angestrebt werden.
Budes Kritik basiert auf der Fehlinterpretation von Schützes Ansatz. Letztendlich sind sich beide Autoren einig, da es auch das Anliegen von Schütze ist, auf Grundlage des narrativen Interviews die allgemeiner Prozessstrukturen des sozialen Handelns zu rekonstruieren.
Das Konzept des narrativen Interviews hat überzeugt, aber die Umsetzung des Verfahrens birgt einige Schwierigkeiten, die einen Anstoß zur Kritik zulassen.
Bei der Planung und Durchführung von narrativen Interviews muss einkalkuliert werden, dass unter den ausgewählten Befragungspersonen einige sein können, die nicht über eine ausreichende narrative Kompetenz verfügen, um ihre Lebensgeschichte erzählend darstellen zu können. "Verschlossene, schüchterne, wortkarge oder übermäßig zurückhaltende Menschen begegnen uns nicht nur im sozialen Alltag, sondern auch in lebensgeschichtlichen Befragungen" (Spöhring 1989: 175). Die narrative Kompetenz kann Heimbewohnern nicht grundsätzlich abgesprochen werden, kann aber auch nicht automatisch vorausgesetzt werden.
Die Gesprächsführung an sich, gestaltet sich für den Interviewer als eine anspruchsvolle Aufgabe: "Die Projektions- und Übertragungsgefahr innerhalb der Interviewsituation sei höher als bei standardisierten Verfahren, da zwischen Befragten und Interviewer beim narrativen Interview eine tragfähige und damit engere Beziehung notwendig werde" (Heinze1995: 77). Der Interviewer sollte den Befragten in seinen Erzählungen und Deutungen möglichst nicht beeinflussen. Dieser Anspruch lässt sich nicht immer ohne weiteres gewährleisten, vor allem dann nicht, wenn die Erzählung ins Stocken gerät, der Befragte inhaltlich stark abschweift oder eine Rückmeldung bzw. eine Stellungsnahme von dem Interviewer erwartet hat.
Im Folgenden werden Interaktionsprobleme benannt, die u.a. ein Thema im Zusammenhang mit der Befragung institutionalisierter älterer Menschen sein können. Ein Problem bei der Befragung älterer Heimbewohner ergibt sich aus dem Umstand, dass ein Teil der in Frage kommenden Personen für eine Befragung überhaupt nicht zur Verfügung steht. Diese Personen werden auch als Nonresponder bezeichnet. Nonresponse kann verschiedene Ursachen haben. Die häufigste Ursache bei Altenheimbewohnern liegt in der Nichtbefragbarkeit. Der zweithäufigste Grund liegt im Verweigerungsverhalten einiger Bewohner. Quantitativ weniger bedeutsam ist bei dieser Personengruppe im Gegensatz zu jüngeren Befragten die Problematik der Nichterreichbarkeit (Kelle & Niggemann 2002: 101). Inwiefern wir von der hier beschrieben Problematik berührt wurden, ist uns nicht bekannt, da die Heimleitung bzw. der Sozialdienst eine gezielte Auswahl durchgeführt hatte.
Die Heimleitung fungierte auch in unserem Fall als "gatekeeper", und von daher waren wir auch auf die Kooperationsbereitschaft des Leitungspersonals angewiesen. In unserem Fall waren wir allerdings kaum auf Widerstände von Seiten der Heimleitung gestoßen. Es wurde bereits mehrmals darauf hingewiesen, dass die Heimleitung bzw. der Sozialdienst maßgeblich an der getroffenen Auswahl der Befragungsteilnehmer beteiligt war. Durch diesen Umstand müssen bei der Auswertung der Interviews eventuelle Verzerrungen berücksichtigt werden. Kelle & Niggemann (2002) mahnen davor, dass die Heimleitung oder auch andere Heimmitarbeiter dazu neigen, nur Bewohner für die Interviews auszuwählen, die mit großer Wahrscheinlichkeit einen positiven Eindruck von der Einrichtung vermitteln. Dennoch haben wir diesen Weg bewusst aus Gründen, die wir bereits im Kapitel 3.2.2.2. formuliert haben, gewählt (Kelle & Niggemann 2002: 104).
Letztendlich kann allerdings festgehalten werden, dass Altenheimbewohner tendenziell eher zu einem Interview bereit sind als andere Personengruppen in der Bevölkerung. Eine mögliche Erklärung dafür wäre, dass die Heimbewohner eine sozialwissenschaftliche Befragung als eine willkommene Abwechslung betrachten, die ihnen eine zusätzliche Möglichkeit zur sozialen Interaktion bietet (Kelle & Niggemann 2002: 102). Darin sehen auch Wissenschaftler einen Argumentationspunkt, der für den narrativen Ansatz spricht. Das narrative Interview eignet sich als Erhebungsinstrument bei der Befragung älterer Menschen besser als die Methode des standardisierten Interviews, denn die Befragten möchten zwar gerne mit den Interviewern sprechen, aber häufig ungern in der Form, in der die Fragen von vornherein festgelegt sind und diese dann auch strikt abgearbeitet werden. Zudem werden die Bewohner dazu aufgefordert, sich für eine für sie zutreffende ebenfalls vorher festgelegte Antwortalternative zu entscheiden. Von daher scheint es sinnvoll zu sein, eine möglichst offene Erhebungsmethode zu wählen, damit eine möglichst hohe Gesprächsbereitschaft bei den Bewohnern erzielt werden kann (ebd.).
Eine Problematik tritt bei Befragungen älterer Menschen relativ häufig auf. Auch wenn ältere Menschen der Interviewsituation zunächst sehr redselig und offen gegenüberstehen, bedeutet dieses nicht, dass die Befragungen als unkompliziert angesehen werden können. Ältere Menschen tendieren, wie auch wir bei den Interviews festgestellt haben, stärker dazu, vom Thema des Interviews abzuweichen bzw. auch direkte Fragen durch Abschweifungen zu umgehen (ebd.). Auch wenn die Altenheimbewohner, die wir befragt haben, noch relativ fit waren, so waren sie doch zum Teil nicht in der Lage, selbstständig ohne absichernde Nachfragen uns ihre Lebensgeschichte zu erzählen. Mit ein wenig Geduld und Feingefühl konnte diesen Schwierigkeiten in einem gewissen Maße begegnet werden.
Kelle und Niggemann (2002) haben auch das in der Methodenliteratur vielfach diskutierte Thema, dass einige Interviewteilnehmer die Tendenz zu einem sozial erwünschten Antwortverhalten aufweisen, erneut aufgegriffen. "Antwortverzerrungen entstehen dadurch, dass die Befragten einen positiven Eindruck von sich selbst wahren möchten, wobei oftmals deutlich defensive Antwortstrategien erkennbar sind. [.] So kommt etwa Laga (1999) zu dem Schluss, dass ältere Menschen in Heimen in Befragungen ausgesprochen angepasst, bescheiden und obrigkeitsgläubig reagieren, und führt dies darauf zurück, dass die unnatürliche Interviewsituation die Tendenz zu sozial erwünschtem Antwortverhalten erhöht" (Kelle & Niggemann 2002: 103). Eine weitere These zur Ursache dieses Verhaltens besagt, dass die Bewohner aufgrund der Abhängigkeit von der Versorgungsleistung von der Insitution und aufgrund der Angst vor eventuell folgenden negativen Sanktionen in der Regel positive Urteile abgeben, wenn es um ihre Einrichtung geht (ebd.). Letztendlich bleiben diese Antwortverzerrungen häufig bei den standardisierten Interviews unentdeckt bzw. sind schwieriger aufzudecken als bei dem narrativen Verfahren. Im Auswertungsprozess der narrativen Interviews sollten die Aussagen der Bewohner hinsichtlich der eben thematisierten Problematik mit besonderer Sorgfalt interpretiert werden.
Als Fazit dieses Abschnitts kann man sagen, dass qualitative Verfahren in unserem Fall brauchbare Werkzeuge sind, um empirische Forschung zu betreiben. Trotz der Schwierigkeiten (Problem der unzureichenden narrativen Kompetenzen, Problem der Vergleichbarkeit, Problem des Nichtvorhandenseins der Reziprozität der Perspektiven oder Problem der Beeinflussung durch den Interviewer), die bei der Durchführung von narrativen Interviews auftreten können, haben uns die Vorteile dieses offenen Verfahrens mit Blick auf das Forschungsziel überzeugt, insbesondere die Tatsache, dass Informationen sichtbar werden, die sonst eventuell verborgen geblieben wären. Die erhaltenen Informationen gestalten sich umfassender, da sie nicht auf vorgegebene Antworten eingegrenzt sind.
Des weiteren ist es möglich, den Wahrheitsgehalt einzelner Aussagen besser bewerten zu können, je offener das Erhebungsverfahren gewählt wurde. "Das narrative Interview bietet Tiefe durch erschöpfende Narration. Das heißt, das narrative Interview erlaubt Einblicke in die Emotionalität des Befragten unter anderem durch die ausführliche und zeitlich nicht eingeschränkte Befragungssituation. [.] Daraus folgt, dass mit einer größeren Validität der Aussagen und Ergebnisse zu rechnen ist, da die Angaben fallbezogen sind" (Heinze 1995: 76). Abschließend soll noch darauf hingewiesen werden, dass an Hand einer offen gewählten Erhebungsmethode sich völlig neue interessante Zusammenhänge ergeben und neue Forschungsfragen aufgeworfen werden können. Aus einer empirischen Erhebung können sich daher sogar neue Forschungsprojekte entwickeln. "Erreicht wird dies unter anderem durch die Komplexität dieses Verfahrens, nämlich das Bemühen, die Gesamtheit aller für die Forschungsfrage bedeutenden Aspekte zu erfassen" (Heinze 1995: 77). Daher ist das qualitative Interview auch am besten geeignet für die Hypothesen- und Theorieneubildung.
In der folgenden Ergebnispräsentation wird die Komplexität der Einsamkeitsproblematik deutlich und die damit verbundenen einsamkeitsbedingenden Faktoren, die wahrscheinlich mit einem standardisierten Erhebungsverfahren nicht in der Bandbreite zu ermitteln gewesen wären. In diesem Zusammenhang kann bereits jetzt darauf verwiesen werden, dass sich ohne weiteres, auch auf Grund des exploartiven Vorgehens, weiterführende relevante Forschungsprojekte ableiten lassen.
43 Die Erzählung des Befragten wird durch drei Erzählzwänge gesteuert: Gestaltschließungszwang (der Druck, eine begonnene Erzählung abzuschließen und sie im Gesamtzusammenhang verständlich zu machen), Kondensierungszwang (d.h. Widergabe nur der nach Maßgabe der damaligen Relevanzkriterien wichtigen Ereignisse) und Detaillierungszwang (d.h. bei der Erzählung wird die Reihenfolge, wie sich die Ereignisse zugetragen haben, eingehalten und dabei kommt es auch auf genaue Angaben über die konkreten Umstände an) (vgl. Bude 1985: 330).

