4. Darstellung der Ergebnisse:
Ursachen von Einsamkeit bei Heimbewohnern
4.1.3. Fehlende bzw. unbefriedigende außerinstitutionelle Sozialkontakte, insbesondere Mangel an Freunden
Besuchen von außerhalb wird wesentlich mehr Bedeutung zugemessen, auch wenn es sich nur um "einen entfernten Bekannten" handelt. Auch die Leistungen, die diese externen Beziehungen erbringen (z.B. Motivation, Entspannung, Vermittlung von Zugehörigkeit, Anerkennung) haben für den Bewohner mehr Gewicht als die Leistungen, die interne Beziehungen erbringen (z.B. Information, Verhaltensorientierung, Geselligkeit), unabhängig von der eigentlichen Qualität der Beziehung und der Häufigkeit der Besuche. Alles, was mit anderen Bewohnern (sozio-emotional) ausgetauscht wird, scheint generell minderwertiger zu sein. Wahrscheinlich fühlen sich die Bewohner durch externe Kontakte, welcher Art auch immer, von der "Außenwelt" noch nicht vergessen, d.h., diese Kontakte haben eine existentielle Bedeutung, während die internen Kontakte nur dem täglichen Zeitvertreib dienen. Die internen und die externen Kontakte werden also unterschiedlich subjektiv gewichtet, wobei letztere von weitaus größerer Bedeutung für die Bewohner sind. Beziehungen zum externen Freundeskreis sind wertvoller, da sie spürbare Anerkennung vermitteln. Der Bewohner bekommt hier viel eher das Gefühl, im Leben weitestgehend alles richtig gemacht zu haben. Mit einer ausgeglichenen Lebenseinstellung und inneren Zufriedenheit fällt es leichter, den z. T. schwierigen Situationen im Heim zu begegnen und damit umzugehen. Beim externen Netzwerk ist es möglicherweise auch wichtig, dass es nicht nur aus Kindern, Enkelkindern und Verwandten besteht, sondern dass man auch Kontakte zu Freunden und/oder zu ehemaligen Kollegen unterhält. Bei Kindern besteht eher eine soziale Verpflichtung, einen Besuch abzustatten, als bei Freunden. Diese kommen möglicherweise vielmehr mit dem Gefühl, den anderen zu brauchen. Auch das Eingebundensein beispielsweise in eine (externe) kirchliche Gemeinde, wo es regelmäßige Termine gibt (Seniorentreff), veranlassen einen, das Heim zu verlassen und auch enorme Umstände und Schwierigkeiten in Kauf zu nehmen, um dorthin zu gelangen. Das Heim verlassen zu können ist ein sehr wichtiger Aspekt, um mit Wohlbefinden und Sympathie ins Heim zurück zu kehren. Wichtige ausgleichende Faktoren holt man sich am ehesten "draußen", wie Anerkennung oder Selbstwertgefühl. Das externe soziale Netzwerk hat eine existentielle Bedeutung; hier wird auch automatisch Freundschaft ins Spiel gebracht, so wie es bei Erzählungen über Heimmitbewohnern nie der Fall war. Freunde sind Leute, die einen jahrelang begleiten und mit denen man reden kann. Die Frage lautet, ob man nicht auch mit Heimbewohnern reden kann - oder verkörpern die genau das, was man selber nie werden wollte? Kontakte zu Personen außerhalb des Heims sind enorm wichtig für das Wohlbefinden, für das innere Gleichgewicht, und das ist auch dann noch der Fall, wenn die Kontaktfrequenz z.B. aufgrund der räumlichen Distanz stark abgenommen hat oder wenn die Pflege der Kontakte aufgrund der Verschlechterung des Gesundheitszustandes sich zunehmend schwierig gestaltet. Externe Sozialkontakte bleiben nichtsdestotrotz ein wichtiger Bestandteil im Leben der Heimbewohner, die in der Regel auch nicht durch Sozialkontakte zu den Mitbewohnern ersetzt werden können. Möglicherweise wird gerade im Zuge des Heimübergangs und im Angesicht zunehmenden Alters und nachlassender Gesundheit die eigentliche Bedeutung der langjährigen Freundschaften erkannt. Der Heimübergang ist sicherlich für die meisten eine schwierige Situation, die vielleicht besser gemeistert wird, wenn man sich auf seine Freunde verlassen kann, wenn man die Gewissheit hat, dass durch den Umzug diese wichtigen Kontakte nicht nachlassen oder abbrechen, zumal es sich häufig um Kontakte handelt, die schon seit vielen Jahren bestehen. Oftmals handelt es sich um Menschen, die einen über einen großen Abschnitt des Lebens begleitet haben. "Ja, da hatte ich, bevor ich hier eingezogen war, zu meinen ehemaligen Kollegen noch Kontakte. Und außerdem bin ich, trotz des Alters, zufrieden, dass ich auch weiterhin diese Kontakte habe. Da sind ein paar gute Kollegen, und ein paar nicht gute, ich will sie nicht abqualifizieren . Ich war Polizist und da haben wir auch viel Sport getrieben und aus dieser Sportgemeinschaft haben sich jahrzehntelange Freundschaften entwickelt. (.) Und die laden auch immer ein und ich hab auch verschiedene Besuche gehabt. Das tut eigentlich ganz gut." (2. Interview) Zum Teil werden erhebliche Abstriche gemacht und selbst Kontakte, die nur (noch) über das Telefon bestehen, stellen für den Bewohner eine "Erfüllung" dar. Die folgenden Zitate verdeutlichen aber auch, wie schwierig es ist, nachlassende Kontakte einzugestehen, zu akzeptieren, und das Bedauern um diese Situation wird hier durch eine unterschiedliche Schilderung der Art der Kontakte, die im Laufe des Interviews relativiert werden, zum Ausdruck gebracht: aus dem "wenn wir uns sehen" wird auf einmal ein "meistens nur noch per Telefon".
"(.) diese Freunde sind meistens noch äh junge, bedeutend jünger als ich, und die haben ja schließlich auch andere Aufgaben, die äh sind noch tätig, irgendwie arbeiten, die können die können nicht ständig zur (räuspern), na (lach) zur Verfügung stehen, aber wenn wir uns sehen, dann bleibt die alte Freundschaft, die bleibt immer (.)." (7. Interview)
"Und diese Freundschaft, wie gesagt, besteht jetzt meistens nur noch per Telefon und da ist man aber ständig noch im Kontakt mit diesen Leuten und dit is ja, äh für mich eine Erfüllung (.)" (7. Interview)
In den seltensten Fällen beschweren sich die Bewohner über eine zu geringe Kontaktfrequenz zu den Bekannten und Freunden, da sie glauben, dadurch wahrscheinlich sowieso nichts verändern zu können. Stattdessen verfahren die Bewohner unterschiedlich, um sich selbst und anderen gegenüber keine unbefriedigende Kontaktsituation eingestehen zu müssen.
Der eben zitierte Bewohner versucht, Verständnis aufzubringen und Gründe für die geringe Kontaktfrequenz zu nennen, die nichts mit seiner Person zu tun haben und sich nur schwerlich beeinflussen lassen. Der Bewohner begründet seine Argumentation damit, dass Freunde und Bekannte auf Grund des Arbeitspensums keine Zeit finden, ihn häufiger besuchen zu können. Statt sich direkt zu beklagen, versucht er die wenigen Kontakte zu schätzen, die er noch zu Personen außerhalb der stationären Einrichtung aufrechterhalten kann, um daraus einen emotionalen Nutzen ziehen zu können.
Auch in einem weiteren Fall wird deutlich, dass die Bewohner emotional an den Außenkontakten festhalten und sich solidarisch zeigen, obwohl kaum persönliche Kontakte bestehen. In diesem Fall wählt die Bewohnerin eine andere Strategie, um sich den Außenkontakten gegenüber, egal wie gering die Kontaktfrequenz ausfallen mag, solidarisch zu zeigen. Es wird einerseits eine befriedigende Kontaktsituation vorgetäuscht und andererseits wird diese durch Vergleiche mit anderen Bewohnern, die keine Kontakte mehr haben, versuchsweise aufgewertet. Die Bewohnerin versucht, eindringlich zu versichern, über ausreichend persönlichen und schriftlichen Kontakt zu verfügen. Auf die Frage, ob sich die Kontaktfrequenz mit dem Heimeinzug verändert hat, wird zunächst wie folgt geantwortet:
"OCH NEEEE nee (nee ich hatte zu Hause och) Die kommen ja alle her. Also, ich bin kein Maßstab, ich bin kein Maßstab. Müssen se andere sehen, die alleine dis is. Ich bin kein Maßstab. Ich kriege Besuch. Kriege viel Post, Urlauber die schreiben. Ich kriege Post von überall. Ich kriege Post und alle schreiben und. Also ich, ich so viel Post kriegt keiner hier. Gucken se sich mal an. (Zeigt Interviewer zwei Postkarten)" (11. Interview)
Die Kontaktsituation der Bewohnerin stellt sicht in einer späteren Beschreibung ganz anders dar. Die Bewohnerin kann kaum auf die Ressource von persönlichen Kontakten von Freunden zurückgreifen, sondern erhält im höchsten Fall mal einen Brief, eine Karte oder ein Fax und wird höchstens zwei bis drei Mal im Jahr von ihrer Familie besucht.
"Und ähm wie oft schafft es ihre Familie von Stuttgart hierher sie zu besuchen?" "Na dit zwei drei Mal im Jahr. Und wenn ich hab, denn faxen sie mir oder (machen auch- ich bin) Bin versorgt." "Wie sieht es mit ihren Freundschaften aus, ähm beispielsweise Nachbarn aus ihrer alten Wohnung, wo sie früher gew-. So Freundschaften" "Jaa, die sind auch ( ) ja natürlich, und schreiben. Natürlich, jaaa. So ich kann ihnen Fakten zeigen, was ich alles so kriege. Das kriegt doch hier keiner. Kriegt doch nu keiner. Dis brauchen se nicht lesen. Das sind alles meine Faxe. Wer macht denn dis? (liest vor:) Bitte an Frau O. weitergeben. So viele (gucken se doch mal nach) Aus Köln kommt das." (11. Interview)
Bezeichnend für die Situation ist es auch, dass die Bewohnerin versucht ihre Angaben zu stützen, indem sie "Beweisstücke" aus dem erhalten gebliebenen Schriftverkehr vorzeigt. Auf dem Tisch lagen zwei oder drei Postkarten und die Bewohnerin suchte noch aus ihren Unterlagen ein Fax heraus. Da die Schilderung der erhaltenen Post einen anderen Eindruck vermittelt hatte, handelt es sich wohl um eine übertriebene Darstellung einer angeblich intakten Kontaktsituation. Die Bewohnerin versuchte vor allem auch sich selbst gegenüber die Situation schön zu reden.
Auch in Bezug auf Zukunftswünsche ist die Aufrechterhaltung der Kontakte zu den Freunden mitunter das wichtigste. Die Erhaltung der Freundschaften scheint sogar wichtiger als die Erhaltung der (vor allem geistigen) Gesundheit oder das Wohlergehen der Kinder zu sein - zwei Aspekte, die in den übrigen Interviews in Bezug auf Zukunftswünsche ausnahmslos an erster Stelle standen, aber hier für die Bewohnerin nicht in erster Linie von Bedeutung sind.
"Dass alles so bleibt, wie es ist. Dass sich nichts mehr lockert, sondern dass man die Verbindungen zu allen so behält. Feste Kontakte zu meinen Freunden, das ist das Wichtigste." (6. Interview)
Wenn dann die Kontakte nachlassen oder wenn es gar keine Kontakte mehr zu Personen außerhalb des Heims gibt, weil diese verstorben sind, oder weil die Kontakte im Zuge des Heimeinzugs verloren gegangen sind, ist die Verbitterung über diesen Umstand groß, die Bewohner sind traurig und stehen der Situation hilflos gegenüber. Möglicherweise wird diese Situation als besonders schwerwiegend empfunden, wenn, wie bei diesem Bewohner, Kinderlosigkeit und Verwitwung hinzukommen, da verloren gegangene Freundschaften nicht einfach durch Kontakte zu anderen nahe stehenden Personen kompensiert werden können. Wenn dann anfängliche Ängste, früher oder später allein gelassen und "draußen" vergessen zu werden, sich bestätigen, löst dies ein um so größeres Gefühl der Einsamkeit, der Vereinzelung hervor. Auf einmal ist man allein, und außerhalb des Heims vergessen, eigentlich nicht mehr existent.
"Isch hatte, wir hatten, isch hatte viel Freundschaft, 50jähriger, ne 50jährige Freundschaft, aber die Kinder wolln nischt mehr, die Eltern sin weg, un die Kinder wolln nischt mehr. Die wolln nisch. Gar kein Kontakt zu den Eltern. Ah sie ham misch abjeholt, sie ham alle Auto, da ham se misch abgeholt nach Woltersdorf oder nach Schöneische un so wat. Alles weg, ein zwei Jahre noch un denn war eins weg, ja un denn wor Feierabend. ((Durchatmen)) Ach ja!" (12. Interview)
Der umkehrte Fall ist nicht minder tragisch, wenn Bewohner bereits vor dem Heimübergang die Kontakte zu Freunden abgebrochen haben oder sogar mussten. Diese Bewohner haben es wahrscheinlich sehr schwer, sich in die Heimgemeinschaft einzugliedern, weil im Besonderen bei einem schmerzlichen Verlust einer engen Freundschaft, z.B. durch den Tod, die Bewohner ihren Lebenssinn verlieren könnten (ähnlich wie bei dem Verlust eines Ehepartners) und sich dann im Heim vermutlich viel stärker zurückziehen, weil diese vermutlich über den empfundenen Schmerz niemanden an sich heranlassen wollen. Neben dem Schmerz entsteht dann vermutlich eine große Leere, die zu Einsamkeitsgefühlen bei dem Bewohner führen könnte.
Im folgenden Beispiel hat die Bewohnerin zum einen den Verlust ihrer Freundin, mit der sie 55 Jahre zusammen in einer Wohngemeinschaft gelebt hatte, zu verkraften und zum anderen den Umzug in eine neue Stadt zu verarbeiten. Dadurch war es kaum möglich, alte Kontakte aufrecht zu erhalten, da sie aus gesundheitlichen Gründen von ihren Angehörigen nach Berlin geholt wurde und in eine Einrichtung der stationären Altenhilfe eingezogen ist. Für diese Bewohnerin ist mit dem Tod der Freundin auch ein bedeutender Abschnitt der eigenen Lebensgeschichte beendet worden. Durch den anschließenden Umzug erfuhr die Bewohnerin eine zusätzliche Belastung.
"Ich wollte damals nicht mehr weiterleben. Nicht nicht für 1000 Taler. Ich wollte das Feierabend ist. Ohne meine Freundin fühlte ich mich sowieso verlassen und die ist ja auch immerhin 90 Jahre alt geworden also muß ich sie ja gut gepflegt haben, nich. Nee, ich wollte nicht mehr. (.) Ich hät ja nicht gedacht, dass ich noch einmal aufstehe. Da kriegte ich sofort ein Zimmer. Und wie gesagt es ist klein, das hier ist mein Reich aber ein Einzelzimmer. Ich könnte mit niemanden zusammen in einem Zimmer hausen." (1. Interview)
Typisch für Bewohner eines Heims ist auch, eine passive "Wartehaltung" zu entwickeln, zu erwarten, dass es irgendwie weiter geht wie bisher, dass die Kontakte oder die Aktivitäten, denen man lange Zeit nachging, einfach von selbst weiter bestehen oder weiter laufen, ohne, dass ein eigenes Zutun nötig wäre. Die Bewohner werden allein gelassen, weil Freunde oder Ehepartner sterben, weil das Verhältnis zu den Kindern, möglicherweise infolge des Heimeinzugs, sich verschlechtert hat, und erwarten aber auch, dass sie im Heim nur "dazusitzen" brauchen, und dann die Aktivitäten mit anderen Menschen, die einem vor dem Heimübergang sehr wichtig waren, von selbst innerhalb des Heims weiter laufen. Möglicherweise verstärkt eine zu große Anspruchs- und Erwartungshaltung und die Neigung, abzuwarten, das negative Erleben des Alleinseins, da die Enttäuschung über einen anderen Verlauf der Situation, als man ihn sich vorgestellt oder erhofft hat, dann umso größer ist.
"Dort in Königs Wusterhausen, da hab ich bei- na ja was war da Extra dort war, Markt och gleich um die Ecke. Da war nen Café da bin mal Skat spielen gegangen. Skat da bin ich jeden Montag Skat spielen gegangen. Da warn wir so 15, 16 Mann. Und da ham wa von, Montag von 11, von 1 bis um 6 Skat gespielt. Jede Stunde ne Pause. Das war bei der, Arbeiterwohlfahrt. Na ja und ich bin dann die letzte Zeit mit der Taxe hin gefahren. Wenn's Wetter nich so war und so. Aber hier, ich hab hier noch keen Mann gefunden der, Skat spielen kann." (8. Interview)
Insbesondere, wenn es gar nicht so sehr um die Kontakte zu früheren Freunden oder Kollegen geht, sondern eigentlich vielmehr um das gewünschte Fortbestehen der Aktivitäten (Skat spielen in diesem Fall), bleibt zu fragen, warum es dem Bewohner nicht möglich scheint, dies im Heim fortzuführen und ob tatsächlich ein Mangel an geeigneten Partnern ursächlich dafür ist. Sicherlich müssen hier weitere Faktoren wie Persönlichkeitseigenschaften oder unzureichende Unterstützung durch das Personal berücksichtigt werden. Dass aber auch Umstände in Kauf genommen werden, um die Verbindung nach draußen aufrechtzuerhalten, trotz gesundheitlicher Probleme, zeigt das folgende Zitat einer Bewohnerin und stellt aber gleichzeitig in unseren Interviews auch eine Ausnahme dar. Wer versucht, aktiv zu bleiben, so weit es eben geht, und wer die Eigeninitiative ergreift, um Kontakte zu Personen außerhalb des Heims zu pflegen und nicht abwartet, dass die Personen draußen aktiv werden, hat möglicherweise die besseren Chancen, nicht zu vereinsamen. Ist man in der Lage, befriedigende außerinstitutionelle Sozialkontakte zu erhalten, wirkt sich dies unmittelbar auf das Wohlbefinden aus, wodurch möglicherweise der Umgang mit den Mitbewohnern als weniger schwer empfunden wird und der Zugang zueinander leichter fällt.
"Manchmal fahre ich in die Gemeinde noch oder zum Seniorenkreis bei der Gemeinde, da fahre ich dann hin, zum Beispiel Montagnachmittag. Aber da fahre ich mit dem Telebus. Kann nichts öffentliches mehr benutzen. Ich kann ja die Beine nicht mehr hochheben, um irgendwo rein zukommen. Mit Hilfe vielleicht, aber man findet ja nicht immer einen, der einem hilft. Also, das kommt nicht in Frage." (6. Interview)
Kann man auf ein gutes, erfülltes Leben zurück blicken und hat man die Gewissheit, dass die Freunde für einen da sind, steigert das die Zufriedenheit. Vor allem wenn der "Inhalt des Lebens" vor dem Heimeinzug nicht nur aus der eigenen Wohnung und aus den Kontakten zu den Kindern bestand, sondern darüber hinaus aus der Pflege langjähriger Freundschaften und aus der Zugehörigkeit zu einer (z.B. kirchlichen) Gemeinschaft, der hat eher eine Chance, sich mit Nachteilen im Zuge des Heimlebens abzufinden, da nichts alles, was einem bedeutsam ist mit der Aufgabe der eigenen Wohnung und dem darauf folgenden Heimübergang verloren geht. Wenn die bedeutsamen Dinge des Lebens erhalten werden können und sich nicht allzu viel daran ändert, spielen die alltäglichen Belastungssituationen, denen sich ein Heimbewohner gegenüber sieht, möglicherweise nur noch eine nebensächliche Rolle, da das innere Gleichgewicht stabil bleibt und man mit einem gefestigten Selbstvertrauen einfacher Stresssituationen begegnen kann.
"Ich habe einen riesigen Freundeskreis. Also an meinem Geburtstag waren 60 Leute da. (.) Es setzte sich zusammen hauptsächlich aus Freundschaften, aus Verwandtschaften und aus Kindern, die mit mir gearbeitet hatten. Der Pastor, der ne Ansprache gehalten hat, den habe ich als kleinen Jungen auf dem Arm gehabt. Alles meine Zöglinge." (6. Interview)
Für jemanden, der außerhalb des Heims niemanden hat, stellt ein Besuch, gerade wenn er selten ist, z.B. einmal im Monat, eine Besonderheit, geradezu ein Ausnahmeereignis dar. So kann fast nicht geglaubt werden, dass da ein Mensch nur wegen ihm ins Heim kommt und diese Tatsache muss dann umso mehr hervorgehoben werden. Soziale Kontakte sind nicht mehr normaler oder gewöhnlicher Bestandteil des Lebens, sondern erhalten eine bizarre Komponente, dadurch dass sie etwas Ungewohntes und Außergewöhnliches darstellen.
"Ein Bekannten in entfernter Verwandtschaft, der wohnt in Westberlin, der kommt im Monat einmal, extra hierher, zu mir, um Schach zu spieln! Extra für mir, alle vier Wochen, un denn kommt er, der hat och kein Kontakt, der is Alys, äh, der is äh Beamter, und äh beim Gericht, beim Gericht und der kommt extra nur zu mir hier Schach spieln." (12. Interview)
Wie Bewohner reagieren können, wenn es von außerhalb keine Kontakte gibt, wird auch von anderen Bewohnern aufgegriffen und thematisiert. So werden eben jene Bewohner, die niemanden haben und mit dieser Situation nicht zurechtkommen, in ihrem Verhalten als "böse" empfunden. Auf eine - sicherlich gut gemeinte - Annäherung an vereinsamte Bewohner wird von diesen mit Missverständnis und Ablehnung reagiert, was wiederum auf der anderen Seite Unverständnis hervorruft. So bestimmt die Wahrnehmung des Schicksals eines anderen Bewohners das Verhalten zueinander und das Aufeinanderzugehen scheitert mitunter an der Unfähigkeit, miteinander zu kommunizieren. Wer einsam ist und keine emotionale Zuwendung mehr erfährt, der weiß nicht mehr, wie er mit Menschen umgehen kann und ernst gemeintes Interesse an der Person wird dann als Scheinfreundlichkeit interpretiert, da ja sonst auch niemand etwas von einem wissen will. Einsamkeit stellt eine schwerwiegende Belastung dar und in der Unwissenheit über die Änderung der Situation steckt viel Konfliktpotential, das sich dann mitunter entlädt, wenn man von einem weniger einsamen Bewohner auf die Problematik aufmerksam gemacht wird.
"Ich krieg auch am Tisch Anschnauzer, heute hatte eine ihre .verbunden, hatte.geblutet, oder irgendeine Wunde, da sage ich " Oh, es ist was passiert, wie geht's Ihnen denn?", "Kümmern Sie sich um ihren Mist, um sich selber, ich werde alleine fertig, lassen Sie mich zufrieden!" Gleich nehmen sie es als Angriff, jede Freundlichkeit. Sagt die Schwester heute zu mir: " Warum sprechen Sie sie denn immer an?" Ich sage, " wenn ich mit einem Menschen am Tisch sitze, und ich sehe da ne Wunde, dann muss ich ihn doch fragen: Was haben sie getan, wie geht es Ihnen?" Sie hat ihre Kinder in Amerika, sie hat keinen Menschen hier, aber so richtig böse. Aber warum ist sie gleich böse geworden? Weil sie zu wenig Menschen um sich hat. Nun kommt sie nicht mehr zurecht. Auch 94. Sie merken, wir sind hier alle alt." (6. Interview)
Dass Freundschaft im Heim zwischen Bewohnern sich nur schwer realisieren lässt, verdeutlichen auch verschiedene Auffassungen, die die Bewohner von Freundschaft im Allgemeinen haben. Wichtigster Punkt, der angegeben wird, ist die Dauer der Beziehung, eine Zeitspanne von vielen Jahren oder Jahrzehnten, die eine Freundschaft wachsen lässt, und durch gemeinsame Erlebnisse während dieser Zeit intensiviert wird. Zweiter wichtigster Punkt ist eine gemeinsame Gesprächsebene, eine gemeinsame Sprache, das Gefühl, verstanden zu werden, Ehrlichkeit bei Kritik oder Auseinandersetzungen, eine ähnliche Weltanschauung und beiderseitige Lust auf Austausch. Darüber hinaus spielen verschiedene Werte eine wichtige Rolle, wenn es darum geht, zu beschreiben, was unter Freundschaft verstanden wird. Das sind in erster Linie Vertrauen in schwierigen Situationen, Bedingungslosigkeit und Uneigennützigkeit, aber auch, dass man sich dem anderen gegenüber öffnet und sich fallen lässt bzw. fallen lassen kann.
"Freunde, das sind Leute, die einen jahrelang begleiten, mit denen man reden kann." (2. Interview)
"Ich habe eine Freundschaft . wir kennen uns 45 Jahre. Und da wusste ich wirklich, wenn mal Not war, da waren sie da. Und da gab es auch keinen Neid und nichts. Also das stelle ich mir unter Freundschaft vor. Die waren schon ein paar Mal hier. Denen gefällt das Heim auch sehr gut." (4. Interview)
"Mit Freundschaften bespricht man alles, was einen bewegt. Und sie kommen auch und erzählen, von ihren Schwierigkeiten und so. Eine innere Verbindung." (6. Interview)
Es stellt sich also die Frage, ob die Beziehung zu einem anderen Heimbewohner im Prinzip solche Leistungen erfüllen könnte, auch wenn sich der erste Punkt, die Dauer einer Beziehung, wohl kaum realisieren ließe. Dass zwei Heimbewohner eine gemeinsame Gesprächsebene finden können, wäre theoretisch vorstellbar. Die Bewohner setzen Freundschaft überwiegend jedoch nur in Verbindung mit Personen außerhalb des Heims, nur wenige Ausnahmen bezeichnen eine ihnen nahe stehende Person innerhalb des Heims als Freund oder Freundin, so, als würde Freundschaft im Heim nicht funktionieren, dass zeigt sich auch an der Problematik des Duzens und Siezens im Heim.
"Ich bin ja nu schon zehn Jahre hier, die is ja erst gekommen dies Jahr, jede Woche gehn wir spazieren. Ja, das musst Du wissen, sagt se, "Müssen Sie wissen", ich hab' ihrs "Du" angeboten, aber sie "duzt" mich noch nicht, es is noch zu frisch." (10. Interview)
"Das meine ich mit Kinderhausatmosphäre, wo sich alles duzt. Aber ich habe mal eine große Geschichte im Fahrstuhl erlebt, da haben sie mich angegriffen, " warum, wir sind doch eine Gemeinschaft, wir können doch DU sagen!" Ich sage, für mich ist das DU eine besondere Angelegenheit, um mit Menschen einig zu sein. Ich sage, ich bin ja mit Ihnen nicht einig!" (6. Interview)
"Tja, ick wees nich. Die anderen, die Schwestern und so sagen immer, na, ihre Freundin. Würde ick sie als Freundin bezeichnen? Wir siezen uns auch. Alle da. Da hab ich gestaunt, ja? Alle. Ja? Sagt nicht einer Du zueinander. Is vielleicht ja ganz gut so. Aber ich kenn das selber gar nicht. So Freundschaften hat man geduzt. Aber, nö, nö." (9. Interview)
Ein angemessenes Sprachverhalten in Form von Duzen oder Siezen kann in den unterschiedlichen Gesprächssituationen eine wichtige Rolle spielen. Das Du oder Sie kann dabei die Funktion haben, zwischen den Kommunikationspartnern eine bestimmte soziale Struktur aufzubauen, das Verhältnis der Partner zueinander festzulegen, also Rollenzuweisungen vorzunehmen. Auch geht es dabei darum, das Ausmaß der Distanz festzulegen. Je nach Beziehung der jeweiligen Interaktionspartner zueinander werden also gewisse Umgangsformen erwartet. Hierbei spielen Alter, Verwandtschaftsbeziehungen und auch die Rangordnung eine wichtige Rolle und so kann schon die Anrede ein Mittel zur Herstellung gewünschter sozialer Situationen sein und auch als Hinweis an den Empfänger dienen, wie die Situation zu verstehen ist. Ist man verwandt, befreundet oder näher bekannt, wird in der Regel das Du verwendet, allerdings ist das Duzen oder Siezen auch abhängig von Stimmung oder Sympathie.44
Ob das Siezen unter Altenheimbewohnern nur eine Funktion der Höflichkeit ist, um dem anderen seinen Respekt zum Ausdruck zu bringen, ist fraglich. Wahrscheinlicher ist hier die Annahme, dass es hauptsächlich darum geht, die anderen auf Distanz zu halten, um eine gewisse Verbundenheit mit dem anderen Bewohner, die mit dem Du zum Ausdruck gebracht wird, zu vermeiden. Vermutlich ist es deshalb möglich, erste Schlüsse hinsichtlich der wahrgenommenen Qualität eines Kontaktes für die Bewohner über die Anredeform zu ziehen.
Hinzu kommt wahrscheinlich, dass das Siezen, wenn es sich erst einmal als Gewohnheit eingeschliffen hat, sich nur schwer ins Duzen umwandeln lässt, also je länger man sich siezt, desto befremdender wirkt dann ein plötzliches Du. Auch bei Gesprächen soll es nur um den Austausch alltäglicher Begebenheiten gehen, persönliche oder intime Dinge werden eher seltener thematisiert - auch dies dient vermutlich dazu, eine gewisse Distanz aufrecht zu erhalten. Die fehlende Bereitschaft, sich zu duzen, selbst unter befreundeten Bewohnern, ist vermutlich ein Hinweis darauf, dass Freundschaft an sich zwischen Heimbewohnern ein schwieriges Konzept ist, vor allem wegen der - betrachtet auf die gesamte Lebensspanne eines Heimbewohners - Kürze des Aufenthalts, so dass einfach nicht genug Zeit da ist, um einen Kontakt wachsen zu lassen; aber auch wegen der Lebensbedingungen im Heim, die ein "Sich-Öffnen" gegenüber fremden Menschen, deren Nachbarschaft nicht freiwillig gewählt wurde, nicht gerade begünstigen. Dadurch, dass die Bewohner davon ausgehen, dass Freundschaft, also eine persönliche, positive, informelle Sozialbeziehung, im Heim nicht gelingt, sondern deutlich ein Bestandteil der "äußeren Welt" ist, richten sie vielleicht ihr Handeln danach aus, verschließen sich, mehr als es notwendig wäre, empfinden Annäherungen als böswilliges, hinterlistiges oder falsches Verhalten und reagieren darauf mit Ablehnung, wodurch sich gleichzeitig das Risiko, zu vereinsamen, erhöht.
Die Sozialkontakte zu den Mitbewohnern werden häufig nur als eine Ergänzung zu den eigentlich wichtigen Sozialkontakten nach außen wahrgenommen. Wir haben während der Auswertung aber auch feststellen können, dass die Qualität der Außenkontakte das Kontaktverhalten zu den Mitbewohnern tendenziell beeinflusst. So lässt sich die Vermutung anstellen, wonach bei guten externen Kontakten auch die internen Kontakte gut sind bzw. bei sowohl qualitativ als auch quantitaiv weniger guten Außenkontakten auch häufig die Innenkontakte reduziert und/oder unbefriedigend für die Bewohner waren. Bewohner, die zufrieden mit ihren Kontakten zu Personen außerhalb des Heims waren und auf ein großes Netzwerk zurückgreifen konnten, berichteten auch am häufigsten von guten, zufriedenstellenden Beziehungen zu anderen Heimbewohnern bzw. empfanden die Anderen nicht als zu alt, zu krank, zu schwierig, zu ungeeignet, zu ungebildet usw., sondern äußerten sich positiv über die Mitbewohner. Diejenigen dagegen, die niemanden von außerhalb hatten, äußerten sich durchweg negativ über die anderen Bewohner, fühlten sich eher bedroht von diesen oder hintergangen.
Insgesamt lässt sich sagen, dass die Heimbewohner die Sozialkontakte nach außen, d.h. zu Familienangehörigen, Freunden und Bekannten, überwiegend qualitativ hochwertiger einschätzten. Außerdem fühlten sich die Bewohner auch emotional stärker an die Außenkontakte gebunden.
44 Dazu folgendes Beispiel (7. Interview): Ein Bewohner lebt schon sehr lange im Heim, aber auch dieser siezte seine Mitbewohner ohne Ausnahme. Überrascht waren wir, als bei der Beschreibung einer Kontaktsituation, die in der Einrichtung stattfand, ein Vorname fiel. Letztendlich stellte sich aber heraus, dass es sich bei dieser Person um keinen Heimbewohner handelte, sondern um jemanden, der im Heim "nur" zu Mittag gegessen hatte. Die Beziehung zu dieser Person wurde von dem befragten Bewohner auch als eine freundschaftliche beschrieben im Gegensatz zu den Kontakten zu den Mitbewohnern.

