4. Darstellung der Ergebnisse:
Ursachen von Einsamkeit bei Heimbewohnern
4.1.5. Antizipation des erfolglosen Ausgangs von Beziehungen durch Tod / Motivationsverlust
Älteren Menschen und im Besonderen Heimbewohnern ist es deutlich bewusst, dass sie sich in der letzten Lebensphase befinden. Gerade Heimbewohner werden immer wieder mit dem Tod konfrontiert, immer dann, wenn ein Mitbewohner verstirbt. Es fällt schwer, unter diesen Umständen emotional in eine soziale Bindung zu investieren, wenn man einkalkulieren muss, dass man denjenigen jeder Zeit und auch plötzlich verlieren kann. Die Furcht vor dem drohenden Verlust ist immer gegenwärtig und von daher konzentrieren sich die meisten Bewohner auf ihre Kontakte von außerhalb und die Sozialkontakte zu den Mitbewohnern werden so kalkuliert, dass das Gefühl des Allein gelassen worden seins bzw. der Einsamkeit bei Abbruch des Kontaktes weitgehend vermieden wird.
Jede Freundschaft oder engere Beziehung, die im Heim eingegangen werden würde, beinhaltet also stets einen großen Unsicherheitsfaktor - plötzliche Veränderung des Gesundheitszustandes oder plötzlicher Tod des Anderen -, dem es nur schwerlich möglich ist, sich zu entziehen. Aus diesem Grund gestalten sich die Kontakte unter den Heimbewohnern überwiegend auf einer sehr oberflächlichen Basis, um so am einfachsten potentielle Verlusterfahrungen vermeiden zu können, indem zu den Mitbewohnern möglichst keine emotionalen Beziehungen aufgebaut werden. Jede Beziehung endet im Heim fast immer zwangsläufig damit, dass einer von beiden stirbt. Es erscheint sehr unwahrscheinlich, dass man da noch bereit ist, in etwas zu investieren, was ziemlich wahrscheinlich nur von kurzer Dauer sein wird und vor allem immer unfreiwillig und nicht selten plötzlich beendet wird.
Das ist die eine Seite, aber auf der anderen Seite sind sich die Heimbewohner auch bewusst, dass der eigene Tod kein unwahrscheinlicher Faktor mehr ist, sondern nicht nur die anderen sondern auch sie selbst jeder Zeit ereilen kann. So fragen sich die Heimbewohner, wann man selber "dran" ist und vielen ist klar, dass der Tod sehr schnell, plötzlich und unerwartet eintreten kann. Das Sterben ist dann so allgegenwärtig, dass es zur Routine wird und gar nicht mehr unbedingt ein beängstigendes oder beklemmendes Erlebnis darstellen muss. Der Tod ist alltäglich, morgen stirbt der nächste und möglicherweise ist man derjenige, der morgen stirbt.
"Ach, das ist ein Ziel, was ich noch erreichen will. Meinen Urenkel noch sehen. Im Dezember ist es so weit."
"Das ist ja bald soweit. Zwei Monate. Das schaffen Sie bestimmt noch!"
"Na, das weiß ich nicht. Meine Freundin, die ist so überraschend gestorben, still eingeschlafen und nicht mehr aufgewacht. So etwas gibt es auch." (6. Interview)
Die Gewissheit der eigenen Endlichkeit, die sich gerade in einem Altenheim jeden Tag aufs Neue einstellt und nicht einfach verdrängt werden kann, dadurch, dass man durch seine sterbenden Mitbewohner daran erinnert wird, könnte zweierlei bewirken. Entweder steigert sich gerade durch das Bewusstsein, im Grunde nichts mehr verlieren zu können, die Motivation, gerade jetzt, wo alles auf einmal vorbei sein könnte, das Beste aus der Situation heraus zu holen und an die Dinge positiv heranzugehen. Oder genau das Gegenteil ist der Fall: die Tatsache der nahenden Endlichkeit enthebt Allem den Sinn, die wahrgenommene Unveränderbarkeit der Situation reduziert die Motivation zu handeln, aktiv zu sein oder auch in irgendetwas zu investieren. Nach unserer Wahrnehmung und Beobachtung scheint Letzteres eher wahrscheinlich zu sein, da der Großteil der Bewohner kaum zukunftsorientiert war und weitestgehend resignierend dem Leben im Heim, das als unbefriedigend empfunden wurde, gegenüber stand. Aufgrund dessen vermuten wir, dass zwar die Gewissheit des eigenen Todes und des Todes der anderen nicht unbedingt ein bedrohliches oder Angst einflößendes Ereignis darstellen muss, aber dennoch Passivität und Resignation bei den Bewohnern verstärken können und somit auch das Kontaktverhalten von Inaktivität, Entmutigung oder auch Gleichgültigkeit gekennzeichnet ist. Auch stellen möglicherweise Krankheiten ein bedrohlicheres Faktum dar als der Tod an sich.
"(.) Ich find das scheußlich so alt zu werden, nein. Deshalb habe ich ja diese Patientenverfügung gemacht. Ich will nicht irgendwie an Maschinen angeschlossen werden und damit die Ärzte daran lernen und mein Leben verlängern. Das will ich nicht. Wenn's vorbei ist ist vorbei. Man kann ja doch nicht mehr verreisen oder sich auf irgendwas freuen. Ist nicht schön alt werden. Mein Vater hat immer gesagt, was ich nie verstehen konnte: Es ist eine Strafe alt zu werden. Was meint der denn damit? Jetzt kann ich's verstehen. 80 genügt. Bis 80, da ist man noch einigermaßen aufnahmefähig und werden ja auch schon früher, nich. Und manche sind mit 94 noch so und auch die 100jährigen, was ganz selten ist, geistig vollkommen noch da. Also das ist was ganz seltenes. Aber Beschwerden haben se doch alle. Und wenn's so was nicht ist, dann könn se entweder nicht mehr hören oder nicht mehr sehen. Eines ist es immer. Ist alles verbraucht der Körper." (5. Interview)
Der Umstand des bewusst erlebten körperlichen Verfalls kann dazu führen, dass Heimbewohner ein Stück ihres Lebenswillens einbüßen und nicht mehr ihr Leben zukunftsorientiert gestalten, sondern eher ihre Vergangenheit bilanzieren und in positiven Erinnerungen schwelgen. Die Bewohner, die sich stärker auf die Vergangenheit beziehen als auf die Zukunft, ziehen sich häufiger zurück und wählen verstärkt die Gleichgültigkeit als Verhaltensstrategie. Wenige Heimbewohner geben ihrem Dasein im Heim noch einen Sinn. Ziellosigkeit und zu wenig Motivationsanreize veranlassen den Heimbewohner dazu, in ein passives Verhalten zu fallen und alles als gegeben hinzunehmen, ohne jedoch Anstrengungen zu unternehmen, das eigene Leben weiterhin selbst bestimmt zu gestalten. Dass dieses Problem tatsächlich die Motivation zurückgehen lässt, Kontakte zu suchen und aufzubauen, können wir nur vermuten. Aber es könnte durchaus eine weitere Erklärung dafür sein, dass die Bewohner untereinander kaum oder nur sehr oberflächliche Beziehungen eingehen und sich aber gleichzeitig allein fühlen.

