4. Darstellung der Ergebnisse:
Ursachen von Einsamkeit bei Heimbewohnern
4.1.6. Mangel an sozialen Kompetenzen, insbesondere aufgrund fehlender Erfahrungswerte
Wir haben festgestellt, dass verschiedene Erfahrungen, die im Leben gemacht werden, eine Rolle spielen, wenn man die Bereitschaft der Bewohner untersucht, sich auf neue Sozialkontakte und vor allen Dingen auf die Lebensbedingungen im Heim einzulassen. Jeder Heimbewohner hat im Laufe der Jahre ein ganz individuelles Kontaktverhalten entwickelt und das Sozialverhalten wurde durch verschiedene soziale Einflüsse geprägt. Das persönliche Kontaktverhalten und dementsprechend auch kommunikative Kompetenzen bestimmen dann natürlich auch nach dem Heimeinzug, ob und mit wie vielen und wie intensiv ein Bewohner Kontakte zu anderen Menschen aufnimmt. Soziale Verhaltensweisen werden im Laufe des Lebens erlernt, es können aber auch genau so soziale inkompetente Verhaltensweisen erlernt werden: Menschen fühlen sich unsicher im Umgang mit anderen, sie entwickeln Angst und meiden soziale Situationen, also das Auseinandersetzen mit anderen Menschen. Sozial kompetente Verhaltensweisen sind z.B. sich verständlich machen, eigene Meinungen und Wünsche einbringen und auch Gespräche führen können (Kommunikationsfähigkeit), zuhören und sich auf andere einstellen können (Einfühlungsvermögen), Offenheit, z.B. für Anregungen oder Kritik und die Bereitschaft, sich mit anderen auseinanderzusetzen (Konfliktfähigkeit), Beziehungen zu anderen aufnehmen und gestalten können, sich in einer Gruppe zurecht finden und unerwünschte Kontakte beenden können (Kontaktfähigkeit), aber auch Schwächen eingestehen und Gefühle zeigen können. Heimbewohner stehen nun vor der schwierigen Situation, unter erschwerten Bedingungen (eingeschränkter Gesundheitszustand, Gewissheit der Unmöglichkeit der Rückkehr in die Familie) genau da soziale Kompetenzen durchgängig und umfangreich zu benötigen und anwenden zu müssen, wo sie es vielleicht am wenigsten können oder wollen: am Ende des Lebens, wo es nicht mehr so sehr darauf ankommt, etwas Bedeutsames zu erreichen bzw. seine Ziele zu verwirklichen, in einer Phase, die - wohl bei der überwiegenden Zahl von Heimbewohnern - eher von Ruhe und Inaktivität geprägt ist. In dieser Phase des Lebens wird dann ein Bewohner in einem Altenheim (noch einmal) gefordert, sich mit anderen auseinanderzusetzen. Gerade im Heim gibt es ein hohes Konfliktpotential und gerade Heimbewohner, als diejenigen Alten, die wohl unter allen Alten mit den meisten Problemen zu kämpfen haben (schlechter Gesundheitszustand, Verwitwung, Mangel an nahe stehenden Personen), müssten theoretisch mitten in dieser Problemlage auch noch überaus sozial kompetent sein, um ein einigermaßen zufrieden stellendes Leben im Heim führen zu können. Dass viele sich überfordert fühlen und nicht wissen, wie sie handeln sollen, erschwert in beträchtlichem Maße Gemeinschaftlichkeit unter den Bewohnern.
Von besonderer Bedeutung in Bezug auf die Art und Weise des Umgangs mit fremden Menschen ist zum einen die Tatsache, überhaupt berufstätig gewesen zu sein, aber auch die Art der Berufstätigkeit. Wer sich im Beruf viel mit anderen Menschen auseinandersetzen musste, dem kommen möglicherweise die dort erworbenen sozialen und kommunikativen Kompetenzen jetzt im Heim zugute. Diejenigen, die das gar nicht kennen bzw. nie kennen gelernt haben, sind jetzt im Alter möglicherweise damit überfordert, sich plötzlich mit vielen fremden Menschen auseinanderzusetzen.
"(.) Also, so liegt dis an jedem. Mancher (tut gar kein, ne) manchen ist schwer Kontakt beizubringen. Dis haben die schon so vereinsamt, denn waren die schon zu Hause so, wissen sie. Und hatten früher auch keinen Beruf so. Nur zu Hause mit dem Mann, wissen sie, die sind bisschen, wie sacht man weltfremd, als wenn man nun, ich von 15 Jahren schon immer im Beruf, im Geschäftsleben, da is man schon ganz anders, (wissen se) mit Leuten schon vertraut. (.)" (11. Interview)
Aber z. B. auch wer (lange) in einer großen Gemeinschaft gelebt hat oder sogar über konkrete Heimerfahrungen verfügt, dem fällt es auch jetzt im Heim leichter, sich anzupassen, flexibel zu sein und einen Weg in die Integration der Bewohnergemeinschaft zu finden. Solche als positiv erfahrenen Situationen wirken sich fördernd für ein einigermaßen zufriedenes Leben im Altenheim aus, da man auf früher erworbene soziale Kompetenzen zurückgreifen und diese anwenden kann. Viele nörgeln und bekunden ständig ihre Unzufriedenheit, vor allem über Kleinigkeiten, weil sie nie in einer großen Gemeinschaft gelebt und gelernt haben, eigene Bedürfnisse zurückzustecken und die der anderen wahrzunehmen und zu berücksichtigen. Die Bewohnerin des folgenden Zitats hat zwanzig Jahre in einem Kinderheim gelebt und gearbeitet und kennt daher genau das Leben in einem Heim. Konkrete "Heimerfahrungen", insbesondere positive Erfahrungen aufgrund von Berufstätigkeit in einem Heim, können ein enormer Vorteil sein, da man wohl nirgendwo so sehr soziales Verhalten üben kann wie in einem Heim. So wird auch von den anderen Bewohnern ein gewisses Maß an Verständnis gefordert, dass das Leben in einem Heim hier und da mit kleinen Abstrichen verbunden ist.
"Es sind ja viele dabei, die man eigentlich beruhigen muss, weil sie unzufrieden sind. Da kann das Heim noch so gut sein, die mäkeln allein schon am Essen: "Hach, da fehlt ja die Zwiebel" oder wie heute Frau F: " Da ist zu wenig .drin". Also solche Kleinigkeiten, da ist mir natürlich sehr viel leichter geworden, weil ich immer in einer großen Gemeinschaft gelebt habe. Im Kinderheim, da isst man, was es gibt! Aber da habe ich selber gekocht, das ist ja auch noch mal ein Unterschied. Ob man selbst im Heim kocht, oder ob man das Essen kommen lässt. Aber das war alles sehr ideal bei uns." (6. Interview)
Aber nicht nur die Tatsache, mit den Lebensbedingungen in einem Heim vertraut zu sein, kann sich auszahlen, sondern auch das Gefühl, gute Arbeit geleistet zu haben, vor allem dann, wenn sich aufgrund der guten Arbeit Kontakte zu anderen Menschen erhalten haben. Es steigert sicherlich die Zufriedenheit, wenn man die "Früchte der Arbeit" nach wie vor, bis ins hohe Alter bestaunen kann, wenn man vieles, was man erarbeitet hat, auch heute noch zurückbekommt. Wer sich darüber freuen kann, im Leben etwas geleistet zu haben und das Gefühl hat, größtenteils alles richtig gemacht zu haben, der kann mit voller Zufriedenheit auf sein Leben zurückblicken. Insbesondere die Tatsache, ein Leben lang intensiv mit Menschen gearbeitet zu haben, trainiert sicherlich soziale Fertigkeiten. An das glauben, was man gemacht hat, es nicht in Frage stellen und überzeugt davon sein, vieles richtig gemacht zu haben, sind Aspekte, die unmittelbar das Wohlbefinden beeinflussen.
"Und bei uns [im Kinderheim, Anmerkg. d. Verf.] war es so Sitte, wir haben die Tür immer offen gehabt, zwanzig Jahre lang. Wenn nachts Gewitter war, kamen sie alle zu mir ins Zimmer ans Bett, saßen sie alle bei mir ringsum. Also (.) Wir hatten ja bloß 18 Kinder von klein bis groß. Schöne Arbeit, herrliche Arbeit! Und jetzt die Briefe, die sind ganz wunderbar, die sie mir jetzt schreiben. Der schwer Erziehbarste konnte nur unterm Tisch mit mir reden, wurde dann Bergmann in Essen, der schreibt mir diesmal " Mutter, bei dir war es die schönste Zeit, die ich im Leben durchgemacht habe." 60 Jahre, das ist ein schönes Gefühl. Und er bedankt sich dafür, was ich an ihm getan habe. (.) Wenn einer so gestört ist. Das er nicht mit den anderen Leuten kann, ohne unterm Tisch zu sitzen."
"Das heißt, sie haben gute Arbeit geleistet?"
"Ja, das denke ich, das hoffe ich. Aber glauben Sie, mir fällt nachts noch oft ein, den hättest du so und so behandeln müssen, das hättest du nicht so machen dürfen. Das kommt auch noch nach, nach so langer Zeit!" (6. Interview)
Gerade, dass der Kontakt zu den Kindern, mit denen die Bewohnerin gearbeitet hatte, noch da ist und dass diese ihr auch nach so langer Zeit Rückmeldungen der Zufriedenheit zukommen lassen, gibt ihr sicherlich erst recht das Gefühl, gute Arbeit geleistet zu haben. Eine zufrieden stellende Bilanzierung der Berufstätigkeit und auch des Lebensinhaltes und die Dankbarkeit der Menschen, mit denen man gearbeitet hat, also ein unmittelbares Feedback dessen, was man geleistet hat, stellen eine gute Basis dar, um die früher erworbenen sozialen Kompetenzen (zuhören, Wahrnehmung gruppendynamischer Prozesse, Bereitschaft, sich mit anderen auseinanderzusetzen, Anpassungsfähigkeit, Wahrnehmung von Verantwortung, sich in einer Gruppe zurecht finden können, Konflikte angehen, Bewusstsein der eigenen Grenzen) bewahren und auch unter gesundheitlichen Beeinträchtigungen noch anwenden zu können. Denn um sich beispielsweise mit anderen - auch konfliktreich - auseinandersetzen zu können, ist es sicherlich notwendig, mit sich selbst im reinen zu sein und eigene Bedürfnisse befriedigt zu bekommen, um so weit wie es geht ausgeglichen zu sein.
Aber nicht nur berufliche Tätigkeiten und eine nachhaltige Zufriedenheit, die man daraus zieht, prägen das soziale Verhalten, sondern auch die Sozialisation, die Erziehung bzw. die "Kinderstube" und möglicherweise (wobei das an dieser Stelle als Vermutung stehen bleiben muss) auch die Schicht, aus der man stammt, also die Stellung im Berufsleben, die Einkommens- und Vermögenssituation, die Art des Konsums und der Freizeitgestaltung, Bildungsabschlüsse, aber auch bestimmte Einstellungen und Erziehungsstile. Die Wahrnehmung solcher Merkmale der Bewohner untereinander verläuft im Heim über soziale Verhaltensweisen und über die Sprache bzw. über die Art und Weise des Ausdrucks.
"Aber ich habe auch hier die Erfahrung gemacht, dass viel die Kinderstube durchkommt. Also ich bin immer davon ausgegangen, dass sie im Alter abgeklärt sein müssten. Sie müssten viel ruhiger sein und so. Weil ich es ja von meiner Familie kenne. Aber bei so vielen Leuten . Ich meine, es sind nun keine von der Straße oder so. Aber es kommen Sachen vor, wo ich mir immer sage: Mein Gott, Mädchen, wo kommst du her? Das Verhalten, in der Aussprache. (.) Also meines Erachtens kommt das vom Elternhaus. Und das kommt im Alter durch, noch mehr. (.) Es gibt hier in Berlin so schön das "Zille-Milieu" und dann eben das gutbürgerliche. Also das sind jetzt schon so zwei Welten. Und die kommen ja dann, wenn sie krank sind und älter werden, durch. (.) Wenn Sie jetzt, äh, immer in ihrem Leben mit Leuten zu tun hatten und Leute geführt haben und Leute ausgebildet haben, äh, hat man vielleicht auch ne andere Vorstellung. Und man kann auch viel, äh, den Leuten ansehen, was sie mal gemacht haben, ja? Also, da ist dann doch der Horizont schon etwas eingeengt." (4. Interview)
Wer den Umgang mit Menschen zeit seines Lebens gewohnt war und darüber hinaus so erzogen wurde, kooperativ zu sein und Konflikten nicht aus dem Weg zu gehen, der hat möglicherweise einen größeren Toleranzspielraum in Bezug auf störende Verhaltensweisen der anderen Bewohner, dem fällt es leichter, nachsichtig und geduldig zu sein. So werden Bildungsunterschiede, Unhöflichkeiten oder Distanzüberschreitungen zwar wahrgenommen, aber auch nur als solche verstanden und nicht als Angriff auf die eigene Persönlichkeit. Wer sozial kompetenter ist aufgrund verschiedenster Erfahrungen im Leben, der ist vielleicht auch eher in der Lage, solche unerwünschten oder störenden Kontakte zu beenden oder diesen weitestgehend aus dem Weg zu gehen und sich mehr auf das Arrangieren erwünschter und befriedigender Kontakte zu konzentrieren.
Aber auch spezifische Ereignisse, die im früheren Leben stattfanden, können auch noch nach langer Zeit als gewinnbringende Erfahrung, als Erinnerung dienen und helfen, damals erlernte und angeworbene Strategien, zum Meistern schwieriger Situationen, hier im Heim wieder anzuwenden. So wird beispielsweise das Erlebnis der Flucht, der Vertreibung aus der Heimat während des Zweiten Weltkriegs auf die Heimsituation übertragen. Auch wenn dieser Vergleich auf den ersten Blick etwas abwegig erscheint, so zeigt sich aber auch, dass es für das Erlebnis des Heimübergangs keinen vernünftigen Vergleich geben kann - es sei denn, man war schon einmal in einem Heim. Das gemeinsame Moment dieser beiden Erlebnisse besteht wohl in der Unumkehrbarkeit, in der fast ausschließlichen Unmöglichkeit, wieder dahin zurückzugehen, von wo man gekommen ist. Deshalb ist es unabdingbar, sich an die neue Lebenssituation möglichst schnell anzupassen und sich dort eine neue Heimat aufzubauen, so gut es eben geht. Viele empfanden sicherlich die Erfahrung der Vertreibung aus der Heimat als höchst traumatisch, aber dennoch kann solch ein Erlebnis gewinnbringend sein, wenn man es damals geschafft hatte, sich erfolgreich anzupassen, neue Kontakte zu knüpfen und Beziehungen zu anderen Menschen aufzubauen, so dass man in einer Situation, in der man erneut die "Heimat" bzw. die vertraute Umgebung, verliert, nicht überfordert wird, sondern vertraute "Überlebensstrategien" anwenden kann. Das Leben im Heim konfrontiert einen Bewohner mit einer Vielzahl fremder Menschen, möglicherweise mit ungewohnten Tagesabläufen und Hausordnungen. Offenheit und Anpassungsfähigkeit erleichtern dann die Umstellung auf fremde Lebensbedingungen und mildern damit auch gleichzeitig das Risiko ab, im Heim zu vereinsamen.
"Können Sie sich an den Zeitraum des Heimeinzugs zurück erinnern, hatten Sie da vor irgendwas Angst?"
"Angst, Angst, kann ich mal sagn nich, wenn man so viel fremde Leute unterwegs getroffen, wo wir fleechten mussten un noch für alle eine Familie, so hab ich das ja auch empfunden: ich kann nich mehr, ich muss hier bleiben, wa, un wo ich acht Tage hier war, da hab ich einjesehn, dass es doch besser war her zu kommen, als wenn nich. Dass wenn man sich alleine da, auf Land gequält hätte, ja.. Na ja, ich hab mich, ich wüsste, sach ich, ich hab' mich gleich gewoh-, dran gewöhnt, wenn mich nicht angesprochn hat, dann hab ich angesprochn. Da sachten manche, "Mensch", sagen se, "Du bist doch noch gar nich lange hier, Du kennst so viele Leute", ich sach, "Wieso kennen, ich kenn' se nich, ich seh' se, aber ich hab' mit ihnen nischt zu tun?" Du sprichst mit jedem, ich sach, ich warte nich bis mich jemand anspricht, ich sprech die an! Ich sach und so kommt schnell ein Gespräch. "Na Du, ich könnt das nich, sie könn das ja nich wolln!" Na dann soll er sagen, ich soll ihn in Ruh lassen, er will mit mir nischt zu tun haben, das hat mir bis jetzt niemand gesagt! Ja!" (10. Interview)
Die Einsicht ist da, dass der Umzug in ein Heim unter den gegebenen Umständen die richtige Entscheidung war. Der Wille, Kontakt zu den Menschen aufzunehmen, die in der unmittelbaren Umgebung leben, ist darüber hinaus vielleicht eine Verhaltensweise, die charakteristisch für Menschen ist, die aus dem dörflichen Milieu stammen und so auch hier wieder im Heim demjenigen Bewohner zu gute kommt. Kontaktaufnahme zu anderen Bewohnern hat möglicherweise häufig nur die Funktion, Ängste abzubauen, d. h., man erschließt sich das Umfeld und dazu gehören auch die anderen Bewohner, wobei jedoch alles auf einer oberflächlichen Ebene stehen bleibt. Es geht also eher weniger darum, enge Kontakte bzw. Freundschaften zu knüpfen, sondern in erster Linie, das Gefühl der Fremdartigkeit zu reduzieren. So wird wohl häufig davon ausgegangen, dass die anderen gar nicht angesprochen werden wollen - so spricht man niemanden an, gibt aber die Schuld, dass man nicht angesprochen wird, den anderen. Tatsächlich wären Zurückweisungen jedoch wohl eher selten.
Schwierig gestaltet sich die Situation für einen Heimbewohner, wenn die Erinnerung einer bedeutenden beruflichen Stellung nur eine Illusion darstellt bzw. wenn die Stellung, die man früher innehatte, mit dem Ende der DDR untergegangen und somit bedeutungslos geworden ist. So ist es dem Bewohner unmöglich, einen Nutzen daraus zu ziehen, sei es in Form von Kontakten zu Arbeitskollegen oder Menschen, die man aufgrund der Tätigkeit getroffen hat, und die auch im nachhinein Anerkennung und Wertschätzung vermitteln oder in Form einer zufrieden stellenden Bilanzierung einer erfüllten und nachhaltig wichtigen Tätigkeit. So ist die Enttäuschung wohl besonders groß, wenn von der früheren Bedeutsamkeit (ob die auf einer Einbildung basiert oder nicht sei dahingestellt) heute nichts mehr übrig ist und man keine Kontakte mehr aufrechterhalten konnte. Darüber hinaus kann das Leben im Heim problematisch und schwierig werden, wenn früher immer Wert darauf gelegt wurde, (vermeintlich) "wichtige" Leute, z.B. Persönlichkeiten aus der Politik, zum eigenen Bekanntenkreis zählen zu dürfen und wenn man sein Selbstbild nur darüber definieren konnte. Dem fällt es vermutlich insbesondere im Heim umso schwerer, sich auf all die "unwichtigen" Heimbewohner einzulassen, um die Einsamkeit zu überwinden, die dann doch auf einem lastet (bei Kinderlosigkeit kommt möglicherweise noch hinzu, dass man sich wegen fehlender Großelternrolle auch überhaupt nicht mehr gebraucht fühlt). Das Prahlen mit Autoritäten, die längst der Vergangenheit angehören, dient vermutlich dem Vergrößern eines Selbstbildes, welches erheblich unter Minderwertigkeitskomplexen und unter einem Mangel an gezollter Anerkennung und Bestätigung leidet. Wer nicht in der Lage ist, eigene Schwächen zu erkennen bzw. sich in der Gegenwart wieder zu finden und sich neue Interessensfelder zu erschließen, der wird Schwierigkeiten haben, neue Kontakte aufzubauen, da immer nur an Altes angeknüpft wird, ohne Einfühlungsvermögen und Offenheit, die jedoch Mindestvoraussetzung für eine gelungene Kontaktaufnahme zu einer fremden Person sind. Solch ein Verhalten führt wohl zwangsläufig zu Einsamkeit.
"Ich hab jetz in Hirschgarten viel Kontakt jehabt, sehr viel, war ja die, wie soll ick jetz sogen, Gesellschaft das war ja in Hirschgarten och, war isch ja och halb Hirschgarten alles unter mir auf deutsch jesagt, verwaltet jesellschaftlisch, hätte dort, kenn se des noch, damals deutsche sozialistische Freundschaft hier, die hab isch geführt, Hirschgarten war isch der der Aufkassierer, de ganze Hirschgarten hab isch abkassiert, ick kam denn durch alle, in alle Wohnungen hat isch Kontakt jehabt, un viel Persönlichkeiten hab isch kenngelernt dadurch, hier is ein-, hier is einige, der nennt sich, der is ( ) das war eine frühere Ministerin, in DDR-Staat, ja isch persönlich kenn je den, manchmal bei ihr vorbei jegangn, da hat se gleich reinjerufen , "Komm, komm rinne !" Isch habe den, von de CDU, der irgnwas, den obersten Chef, in der DDR, der wohnte bei der, der wohnte bei mir den hab' isch großen Kontakt gehabt. Doch, Gerhard Göttingen heiß-, hieß der ja, war inne DDR der oberster Boss von CDU, die die Merkel müsste den ja eigentlich kenn! Aber, Schwamm drüber, ( ), un denn hatte en oberste Boss schon, hier von de, Kabelwerk, Kabelwerk Ober-, Oberspree, der hatte bei mir um de Ecke jewohnt, bei den war ich öfters drin ja im Gartn, also so, ham wir uns jesprochn, wir ham alle fünf, ham uns alle mit "Du" anjesprochn. Hirschgartn war isch sehr aktiv." (12. Interview)
Dass die frühere Bedeutsamkeit wahrscheinlich nur eine Illusion ist, verdeutlichen verschiedene fadenscheinige Interviewstellen des obigen Zitats: "halb Hirschgarten" umfasste zu DDR-Zeiten eigentlich nur ein relativ kleines überschaubares Gelände, überwiegend besiedelt mit Wochenendhäusern von Parteiangehörigen, so dass die Größe des Gebietes hier stark übertrieben dargestellt ist. Wahrscheinlich handelte es sich nur um einige wenige Wohneinheiten, die von dem Bewohner "abkassiert" wurden. Die "Deutsche sozialistische Freundschaft" gab es nicht in der DDR; gemeint ist wohl die "Deutsch-Sowjetische Freundschaft "45 - entweder es handelt sich um einen Versprecher oder aber er kann sich nicht mehr erinnern, vielleicht weil es schon damals eigentlich für kaum jemanden von persönlicher Relevanz war, dort Mitglied zu sein, zumal tatsächlich die meisten passive Mitglieder waren und nie eine Veranstaltung der DSF besucht hatten. Wieder wird die eigentliche Bedeutung von etwas völlig übertrieben dargestellt. Darüber hinaus war innerhalb der Organisation die (ehrenamtliche) Funktion des "Abkassierers" oder "Aufkassierers" ein relativ unbedeutender Posten - etwas mehr von Bedeutung waren eher die Posten der Vorstandmitglieder oder Vorsitzenden von DSF-Gruppen. Also alles in allem wird hier einer Tätigkeit eine "gesellschaftliche" Wichtigkeit zugesprochen, die noch nicht mal damals so existierte. Auch scheint von den vielen Kontakten nichts mehr übrig zu sein. Es kann vermutet werden, dass dies gerade für viele Ältere aus der DDR ein Konflikt oder ein Problem darstellt, wenn der ganze Lebensinhalt im Glauben an die DDR-Gesellschaft bestand, aber davon unabhängig nichts weiter aufwies, und mit dem Ende der DDR auch die Lebensarbeit einfach unterging.
Verhaltensdefizite im Umgang mit anderen und in der Kontaktaufnahme bestehen darüber hinaus häufig durch die langjährige Beschränkung sozialer Beziehungen auf die Familie oder den Lebenspartner. Die Befürchtung, sich durch die Formulierung eigener Bedürfnisse dem Bewusstsein von Defiziten auszusetzen und zugleich der potentiellen Zurückweisung durch andere auszuliefern, verbindet den Wunsch nach Nähe mit der Angst davor. Viele Bewohner tragen ihre persönlichen Probleme nicht nach außen, äußern zu wenig eigene Bedürfnisse und Befürchtungen oder Widerspruch bei störendem Verhalten bzw. sind nicht in der Lage, mit Widerspruch oder Kritik anderer adäquat umzugehen. Möglicherweise verbleiben dadurch Kontaktwünsche oder Einsamkeitsängste umso mehr im Verborgenen. Unklar bleibt, ob es sich hierbei um Persönlichkeitseigenschaften oder vielleicht auch um ein bestimmtes generationentypisches Verhalten handelt.
45 Die DSF war eine Massenorganisation in der DDR, die den Bürgern Kenntnisse über die Kultur und Gesellschaft der Sowjetunion vermitteln sollte. In den 80er Jahren hatte die DSF ca. 6 Millionen Mitglieder, von denen der Großteil jedoch nie aktiv in der DSF tätig war, geschweige denn sich für einen deutsch-sowjetischen Austausch interessierte. Die Mitgliedschaft bestand bei den meisten Bürgern einzig und allein darin, die monatlichen Beiträge zu entrichten - der eigentliche Sinn der Organisation war für die meisten ohne Bedeutung.

