4. Darstellung der Ergebnisse:
Ursachen von Einsamkeit bei Heimbewohnern
4.2.1. Unwissenheit und falsche Vorstellungen über Demenzerkrankungen
Typische Probleme, die im Umgang mit verwirrten, unruhigen und in der sozialen Kompetenz eingeschränkten Heimbewohnern entstehen können, wie Vorurteile, ungenügende Differenzierung und Individualisierung, konnten auch wir ansatzweise wahrnehmen. In Bezug auf psychische Störungen, insbesondere dementielle Erkrankungen, verfügen Heimbewohner i. d. R. nur über wenige Kenntnisse. Dementsprechend bestehen auch große Ängste vor diesen Krankheiten, da vielen nicht klar ist, wie dementielle Erkrankungen verlaufen und was erste Symptome sind. Berührungsängste in Bezug auf Bewohner, die z.B. häufig Gedächtnis- und Wortfindungsprobleme haben oder aggressiv, bösartig und überaus misstrauisch auf ihre Umgebung reagieren, sind häufig die Folge. Auch werden oft "alle anderen" als dement wahrgenommen und viele fühlen sich "als einzige noch geistig fit", d.h. die dementen Bewohner werden nicht als "Einzelfälle" neben vielen nicht-dementen wahrgenommen, sondern als bedrohliche, ständig wachsende Gruppe, der man sich z. T. völlig allein gegenüber stehen sieht und mit der man aber auch nichts zu tun haben will. Vielen ist nicht klar, dass nicht jeder "Auffällige" unter einer psychischen Störung leidet ("Überpauschalisierung" der dementen Bewohner) und auch, dass es innerhalb der Gruppe psychisch veränderter Bewohner große Unterschiede hinsichtlich des Krankheitsverlaufs und der Symptomatik geben kann. So wird Verhalten z. T. völlig falsch interpretiert oder die Leute fühlen sich persönlich angegriffen. Symptome der Krankheit werden für schlechte Manieren gehalten, für schlechte Bildung oder schlechte Erziehung, wo von es für viele gilt, sich zu distanzieren. Durch die Schwierigkeit, Verhaltensauffälligkeiten richtig einzuschätzen, entsteht bei den Bewohnern eine große Unsicherheit, so dass sie nicht genau wissen, ob es sich um eine dementielle Erkrankung oder beispielsweise nur um mangelnde Bildung bzw. schlechte Manieren handelt. Insbesondere widersprüchliche Aussagen über die Ursache von Verhaltensauffälligkeiten lassen auf große Unkenntnis des Krankheitsbildes schließen.
"Aber es kommen Sachen vor, wo ich mir immer sage: Mein Gott, Mädchen, wo kommst du her? Das Verhalten, die Aussprache. Also die selbst, die sind ja nun krank. Die merken das ja schon gar nicht mehr. Und teilweise merken die es und die sind dann aber so schon drinne . Also meines Erachtens kommt das vom Elternhaus. Und das kommt im Alter durch, noch mehr."
"Also das, was man all die Jahre gelernt hat, ist weg?"
"Das ist total verschwunden. Man kann das nicht alles auf die Krankheit schieben, aber es ist wohl doch zu 90 % die Krankheit." (4. Interview)46
Unwissenheit darüber, was mit Menschen passiert, die unter Demenz leiden, kann auch zu latenten Aggressionen führen, die vielleicht nicht immer unbedingt akut und offenkundig werden, aber zumindest vorhanden zu sein scheinen. Die Konfrontation mit Bewohnern, die das Bedürfnis nach Respekt und Distanz missachten, sei es aufgrund einer Erkrankung oder aus Mangel an sozialen Kompetenzen, motiviert gleichzeitig das Bedürfnis nach Abgrenzung und es fehlt den meisten Bewohnern an Strategien im Umgang mit dem fortschreitenden Kompetenzverlust anderer Bewohner. Der Hilflosigkeit in Bezug auf die richtige Deutung von Verhaltensauffälligkeiten entspricht eine ambivalente Gefühlswelt: einerseits Angst und Abgrenzungstendenzen, andererseits Gebot der Beherrschung (vor allem latenter Aggressionen) und Mitleid gegenüber verwirrten Heimbewohnern.
"Aber wir haben hier eine dabei, die küsst alle Männer auf die Glatze. (lacht). Aber ich sage mir immer alle, lasst sie doch, die ist nicht mehr richtig (im Kopf). Also unsere Sozialarbeiter, die sind ja auch rührend in der Geduld, immer freundlich, immer .verkleinern die Schwierigkeiten. Ich habe schon manchmal gesagt, ich könnte der eine scheuern. Kam neulich mit meinem Schwiegersohn runter, da spricht sie meinen Schwiegersohn an, und fragt: "Wo kommst du denn her? Und wo gehst du hin?" Meinen die anderen, das wäre krankhaft bei ihr, aber ich sehe es als ungebildet an, also so was. Das meine ich mit Kinderhausatmosphäre, wo sich alles duzt." (6. Interview)
Häufig wird Demenz auch mit Alter gleichgesetzt, vermutlich einfach aus dem Grunde, da viele häufig nur über recht zusammenhangloses Wissen verfügen. Die anderen Bewohner sind also z. T. wesentlich älter, das bedeutet dann für einige, dass diese auch geistig weitestgehend abgebaut haben. Kontakte zu diesen Bewohnern werden aufgrund dieser Einstellung gar nicht erst initiiert.
Darüber hinaus besteht die Tendenz, wesentlich mehr Bewohner für dement zu halten, als das in der Realität der Fall ist.
"(.) Untereinander sind sie auch nicht sehr nett die Leute zum teil, nich. Sie sind verwirrt. Wissen nicht in welcher Etage Etage se wohnen. Wann se aufstehen aus austeigen müssen, wissen se nicht und fahren hin und her. Oder geben böse Antworten. Das ist leider so. Herr S. sagte mir ja neulich 70% sind verwirrt. Und das ist kein Witz. Ein Medikament gegen für's Herz gibt's was, für'n Magen gibt's was und für alle anderen Organe gibt's was, aber nicht für den Kopf. Wenn da die Durchblutung gestört ist, ist schlecht, nich." (3. Interview)
Insbesondere die Überzeugung, alle anderen seien dement, erleichtert aus der Perspektive des Heimbewohners die Erklärung der eigenen Einsamkeit. Menschen, die die Kontrolle über ihre unmittelbare Umwelt und über Ereignisse, die sie selbst betreffen, bei sich selbst suchen (internale Kontrollüberzeugungen), nehmen sich eher als selbst bestimmt wahr und sind eher in der Lage, in schwierigen Situationen aktiv zu handeln und diese zu bewältigen. Diejenigen, die davon überzeugt sind, dass sie quasi von außen gesteuert werden und wenig Einfluss auf ihr Leben nehmen können (externale Kontrollüberzeugungen), meinen auch eher, dass sie von Faktoren wie Glück, Pech, Schicksal oder Zufall gesteuert werden oder von anderen Personen und deren Entscheidungen abhängig zu sein. Die Art der Kontrollüberzeugung hat häufig weit reichende, auch emotionale Folgen. So besteht z.B. ein grundlegender Zusammenhang zwischen externalem Erklärungsstil und verminderter Aktivität, erlernter Hilflosigkeit, Hoffnungslosigkeit und Depression. Vor diesem Hintergrund besteht vermutlich ein Zusammenhang zwischen der Überzeugung, hilflos, allein und ungewollt einer Gruppe von dementen und nicht kontaktfähigen Bewohnern gegenüberzustehen, und der Tatsache, besonders einsam zu sein. Bewohner mit externalen Kontrollüberzeugungen sind demnach der Ansicht, dass es Pech ist, ausnahmslos von verwirrten Bewohnern umgeben zu sein, zu denen ein Kontaktaufbau nicht möglich erscheint. Solche Bewohner sind nicht in der Lage, ihre Umwelt differenzierter wahrzunehmen, mögliche Kontaktchancen zu bemerken und das eigene Handeln optimal danach auszurichten, um die Einsamkeit zu bewältigen.
"Kommt man denn da mal mit den andern ins Gespräch, mit den andern Bewohnern beim Essen?"
"An un für sisch nisch! Was isch hier oben an ein Tisch, isch esse ja da draußen, sieh' offm Tisch, aber die Leute könn nisch mehr groß denkn oder watt! Die ham da, is doch nischt mehr drinne! Ähm zur Zeiten der Neunziger, der eene 75' jo, den kannst vergessn, der is noch nisch mehr 70' oder watt, kannste de, der Geist isch weg. Bin einer von denen, die noch bissel hochgeistisch, so wat wat drinne ham." (12. Interview)
"Ist man im Alter noch in der Lage neue Freundschaften zu pflegen und aufzubaun?"
"( ) Ich frach misch och immer mit wem hier?"
"Nee, grundsätzlich, dass man im Alter noch neue Freundschaften aufbaun kann?"
"Konnte ja! Aber, zu wem soll isch gehen, oder wer will zu mir komm? Auf der, off dieser Etage, sowieso nischt, hier ( ) un denn welsche, die geistige, also geistig sin se auch ne mehr da, hab do keinen, mit dem man überhaupt ein Buch oder irgendwas unterhalten können, is do nischt drinne." (12. Interview)
Oft herrscht die Meinung, dass eine dementielle Erkrankung weniger eine ernsthafte Erkrankung sondern vielmehr ein natürlicher Prozess ist, der mit zunehmendem Alter einhergeht, im Sinne einer "Verkalkung", so dass zu besonders alten Bewohnern kein Kontakt möglich ist, da diese aufgrund ihres Alters nicht mehr über die notwendigen geistigen Kompetenzen verfügen.
"Jetz hab ich die Frau L. Na das is- die is och im Rollstuhl, die is nu erst dies Jahr glob ich gekommen. Mit der kann man sich och unterhalten die is geistig noch.fit. Na und die andern die sind eben, wissen se, die sind zu alt." (8. Interview)
Die Angst, selber daran zu erkranken und dann möglicherweise "abgeschoben" zu werden, ist z. T. besonders ausgeprägt, wenn auch nicht allen (psychisch gesunden) Bewohnern bewusst ist, dass sie jederzeit ebenfalls an einer Demenz erkranken könnten. Einige halten es für unmöglich, andere sind sich dessen durchaus bewusst.
"Was wünschen Se sich für die Zukunft?"
"((Sehr lange Pause, ca. 15 Sekunden)) Im Prinzip wünsch ich mir, dass ich im Kopp noch klar bleibe. Das is das wichtigste. Da hattn se och mal, da sagte die Schwester das war noch drübn, komm se mal och der Doktor der is da der will sie sprechen ich sag ich hab doch keen bestellt na der will se sprechen. Kam eener, ich bin der Nervenarzt. Na da hab ich glei gesagt du willst wohl gucken ob ich doof bin hä? Und da hater gesagt Herr B. is gut, da hat er ne Schwester ran geholt, und hat gefragt, die Schwester warum sie mich hoch geholt hat zu ihm. Na dass es gar nich hier, keene Anzeichen gibt." (8. Interview)
Die Vorstellung, auf andere vollständig angewiesen und ohne Kontrolle über die eigenen Handlungsvollzüge zu sein, ist durch die Anwesenheit kranker und verwirrter Bewohner ständig präsent. Heimbewohner, die einem möglicherweise nur einige Schritte voraus sind, bestärken mitunter den (psychisch) noch gesunden Bewohner umso mehr in der Gewissheit, diese Schritte nicht gehen zu wollen. Die Vorstellung, die möglicherweise auf unmittelbaren Beobachtungen im Heim basiert, menschenunwürdig und elendig dahin zu vegetieren, schürt große Ängste, viel mehr als das Wissen um den eigenen Tod. Man möchte sich vergewissern, dass nach Ausbruch der Erkrankung die Menschenwürde erhalten bleibt, sei es durch eine adäquate Behandlung und weitergehende Integration in das Heimleben oder durch einen schnellen Tod.
"Manche wissen gar nicht, . also wo der Geist sich abbaut, die merken ja gar nicht. Ich hab meiner Pflegerin gesagt, sagt mir, wenn ich anfange komisch zu werden, denn ich möchte nicht, dass sie mich dann beiseite schieben. Die lieben mich ja alle. Ich bin hier so gut geborgen, wie es gar nicht anders sein könnte!" (6. Interview)
Die Angst, selber daran zu erkranken und dann möglicherweise "abgeschoben" zu werden, ist z. T. besonders ausgeprägt, wenn auch nicht allen (psychisch gesunden) Bewohnern bewusst ist, dass sie jederzeit ebenfalls an einer Demenz erkranken könnten. Einige halten es für unmöglich, andere sind sich dessen durchaus bewusst.
"Was wünschen Se sich für die Zukunft?"
"((Sehr lange Pause, ca. 15 Sekunden)) Im Prinzip wünsch ich mir, dass ich im Kopp noch klar bleibe. Das is das wichtigste. Da hattn se och mal, da sagte die Schwester das war noch drübn, komm se mal och der Doktor der is da der will sie sprechen ich sag ich hab doch keen bestellt na der will se sprechen. Kam eener, ich bin der Nervenarzt. Na da hab ich glei gesagt du willst wohl gucken ob ich doof bin hä? Und da hater gesagt Herr B. is gut, da hat er ne Schwester ran geholt, und hat gefragt, die Schwester warum sie mich hoch geholt hat zu ihm. Na dass es gar nich hier, keene Anzeichen gibt." (8. Interview)
Die Vorstellung, auf andere vollständig angewiesen und ohne Kontrolle über die eigenen Handlungsvollzüge zu sein, ist durch die Anwesenheit kranker und verwirrter Bewohner ständig präsent. Heimbewohner, die einem möglicherweise nur einige Schritte voraus sind, bestärken mitunter den (psychisch) noch gesunden Bewohner umso mehr in der Gewissheit, diese Schritte nicht gehen zu wollen. Die Vorstellung, die möglicherweise auf unmittelbaren Beobachtungen im Heim basiert, menschenunwürdig und elendig dahin zu vegetieren, schürt große Ängste, viel mehr als das Wissen um den eigenen Tod. Man möchte sich vergewissern, dass nach Ausbruch der Erkrankung die Menschenwürde erhalten bleibt, sei es durch eine adäquate Behandlung und weitergehende Integration in das Heimleben oder durch einen schnellen Tod.
"Manche wissen gar nicht, . also wo der Geist sich abbaut, die merken ja gar nicht. Ich hab meiner Pflegerin gesagt, sagt mir, wenn ich anfange komisch zu werden, denn ich möchte nicht, dass sie mich dann beiseite schieben. Die lieben mich ja alle. Ich bin hier so gut geborgen, wie es gar nicht anders sein könnte!" (6. Interview)
Die Wahrnehmung Kranker verläuft von Mitleid über Verständnis bis Abscheu und Verachtung. Möglicherweise hat eine unterschiedliche Wahrnehmung aber auch mit der Art der Unterbringung gerontopsychiatrisch erkrankter Personen zu tun. So verfügte die erste Einrichtung über ein integratives Konzept, d.h. demente Bewohner und nicht demente Bewohner lebten integrativ in einem Wohnbereich zusammen. Nur ab einem bestimmten Punkt, wenn jemand verhaltensauffällig wird und dadurch die Sicherheit und Geborgenheit verloren geht aufgrund seiner Auffälligkeit und im Zusammenleben mit den anderen Bewohnern, wird dieses Bewohnerklientel in der Einrichtung 1 in einem eigenen Wohnbereich untergebracht, wo ein höherer Betreuungsaufwand gewährleistet werden kann (Tagesgruppe für demente Bewohner). Die zweite Einrichtung verfügte über einen gesonderten Wohnbereich für gerontopsychiatrisch erkrankte Bewohner, die im alltäglichen Leben mit nicht dementen Bewohnern praktisch nicht in Berührung kamen. Die Interviews und Beobachtungen haben ergeben, dass ein integratives Konzept tendenziell eher zu Toleranz und Verständnis unter dementen und nicht-dementen Bewohnern beiträgt, wenn auch nicht bei allen Bewohnern gleichermaßen und sich aber auch nicht jegliche Rückzugstendenzen und Konfliktsituationen dadurch vermeiden lassen. Auch Berührungsängste scheinen weniger stark ausgeprägt.
"Wenn Sie jetzt hier sind und Sie haben den Menschen kennen gelernt, ja, er war krank, aber doch noch ganz schön . so drauf war und so . Und wie der denn mit einem Mal langsam zerfällt. Also das kann ja nun kein Arzt aufhalten, das kann kein Heim aufhalten und sie geben sich ja nun große Mühe mit dem auch. Den holen sie mit runter zur Gymnastik, denjenigen holen sie mit runter zur Musik, also, dass sie nicht ausgeschlossen werden. Und das finde ich eben sehr gut. Äh, dann sind dann aber welche bei, die dann sagen, ach, was will der denn hier unten, das hat doch gar keinen Sinn mehr oder so, ja?! Trotzdem sie selber krank sind, aber das ist eben .dieses egoistische Denken, also, ich bin ja nicht so und, äh, was hat der hier zu suchen. Also das ist ne Sache . Na ja, das ist ein bisschen schwierig. Aber, äh, das Heim hier, das gibt sich Mühe, eben auch diese Leute mit rein zu nehmen, in diese ganzen Sachen. Das ist ein Mensch, der soll auch mal was anderes sehen und so." (4. Interview)
Die Absonderung dementer Bewohner scheint Unwissenheit und entsprechende Ängste bei nicht dementen Bewohnern beträchtlich zu steigern, so dass Kontakte schnell reduziert werden, sobald erste "Anzeichen" einer Demenz vermutet werden, da der tägliche Umgang und die Gewöhnung an bestimmte Verhaltensweisen fehlen. Die Unterschiedlichkeit wird so auch gerne am Grad der Selbständigkeit festgemacht, wobei es ich immer aufgrund der Trennung nur um Mutmaßungen der Bewohner handelt. Geprahlt wird mitunter gerne mit der eigenen Selbstbestimmung und Unabhängigkeit (insbesondere vom Pflegepersonal) und dementen Bewohnern wird unterschwellig vereinzelt auch der Status von Insassen einer geschlossenen Anstalt verliehen, die es zur Sicherheit der anderen wegzuschließen gilt. Demnach stellt Demenz für einige in erster Linie keine Erkrankung dar, sondern eher ein Zustand der Beschränktheit, Dummheit und Lächerlichkeit, der einen selber nicht ereilen kann. Aufgrund dessen wird die Absonderung dementer Bewohner z. T. stark befürwortet.
"Hab ich Gott sei Dank nicht so viel Kontakt. Die sind auf einer besonderen Station und das machen die Schwestern. Das ist, wissen se, nicht unsere Sache. (Ich) Schwestern, die sind d-, die müssen besonders. (2) Haben auch extra, wo se sitzen. Also da haben wir nicht und, das is Schwestern Sache. Ja, das haben wa leider. Gibt es solche, ja die wissen nicht was se tun." (11. Interview)
Dementielle Erkrankungen werden i. d. R. als Belastung empfunden - bei dem einen mehr, bei dem anderen weniger und jeder Bewohner bezieht die Möglichkeit einer Erkrankung unterschiedlich stark in das eigene Bewusstsein ein. So werden beispielsweise Verhaltensauffälligkeiten mit relativer Gelassenheit gesehen, aber auch mit Rückzug und Distanzierung beantwortet.
"Frühstücken kann ich jetzt in meinem Zimmer . Ich habe meine Zeitung und dann kann ich mir Zeit lassen. Da hatte ich drum gebeten, denn ich wollte wenigstens einmal am Tage in Ruhe essen. In so einem Heim . Es sind ja doch welche dabei, die wirklich schon nicht mehr so sind, wie sie mal waren. Und bei älteren Leuten ist ja denn doch der Kampf da; wenn sie nicht mehr wissen, was sie tun und was sie sagen . Das ist mein Platz und so . Also so kleine Plänkeleien, die vorkommen, wenn so viele zusammen sind. Aber da versucht man auch, die auseinander zu setzen oder dass sie woanders sitzen. Da wird schon drauf Acht gegeben." (4. Interview)
Der Kontakt zu anderen Heimbewohnern reduziert sich dann auch dadurch, dass die Mahlzeiten oder ein Teil davon im Zimmer eingenommen werden und nicht im Speisesaal. Das regelmäßige Zusammentreffen mit Anderen, das einer eigenen Initiative bedarf, fällt somit weg und das eigene Zimmer erscheint als einziger Ort der Entspannung und angenehmen Atmosphäre, um dort eine Mahlzeit einnehmen zu können. Durch solche Belastungsfaktoren auf das individuelle Ernährungsverhalten wird der sozial integrierende Charakter gemeinsamen Speisens und Trinkens in den Hintergrund gedrängt. Begegnungen zwischen den Heimbewohnern während der Mahlzeiten scheinen zudem das Bedürfnis nach Respekt und Distanz zu missachten, weshalb auch hier wieder am Ende der Rückzug in die eigenen vier Wände verbleibt.
Die Heimbewohner sind mit der Situation in der Regel hoffnungslos überfordert, wenn ein Zusammentreffen mit einem verhaltensauffälligen Bewohner stattfindet und die Bewohner sich dieser Situation nicht entziehen können. Das ist beispielsweise der Fall, wenn ein an Demenz erkrankter Bewohner in einen der Privatbereiche eindringt, da sich dieser z.B. verirrt hat. In dem Moment sind die Bewohner auf die Hilfe des Personals angewiesen, da die Bewohner häufig nicht in der Lage sind, solche Konflikte selbst zu lösen und wenn der Konflikt im eigenen Privatbereich stattfindet, ist es ihnen nicht möglich, sich diesem zu entziehen. Die Bewohner werden gezwungen, sich dem Konflikt zu stellen, was die meisten jedoch grundlegend überfordert.
(.) Ich bin hier schon zwei mal ähhh bisschen (.) wollte an dem vorbeigehen (net) und hebt den Krückstock und wollte zuschlagen, ja (G: murmelt: ein bisschen aggressiver Mensch) Und denn ähhh, dat zweite mal (5) ä ä denn den Vorraum hier, kenn se ja, da is auch die Toilette. Ich komme hier raus und da steht er (1) hier, das ist nicht sein Revier, der sitzt ganz woanders, ja. Hatte schon die Hosen runter, wollte auf diese Toilette gehen hier, da sagte ich zu ihm: Kumpel (klopft auf den Tisch) du bist hier nicht richtig. Und da wollte er gleich wieder auf mich drauf zu und zufälligerweise war auch ne Schwester in der Nähe. Die kannten, die kennen ja ihre Leute. Die hatte ihn denn genommen und zugeredet und und äh also der weiß et nicht was er tut. Aber dit kann passieren. Und ick bin ja auch nicht mehr in der Lage mich zu wehren, nich. (.)" (7. Interview)
Andere Bewohner glauben die Bedrohung zu verringern, indem sie sich mit dementen Bewohnern in Form von Beschimpfung auseinandersetzen. So herrscht mitunter die Vorstellung, dass ein entsprechender Umgangston ausreicht, um misstrauisches oder aggressives Verhalten oder Weglauftendenzen zu unterbinden, was wiederum auf große Unwissenheit schließen lässt, auch wenn die Einsicht durchaus vorhanden ist, dass da eine Erkrankung vorliegt. Darüber hinaus besteht auch ein Widerspruch darin zu sagen, zu wissen, der andere sei eben krank und könne nichts dafür und andererseits zu verlangen, der andere möge sich bitte friedlich und normal verhalten. Gerade solche widersprüchlichen Aussagen verdeutlichen immer wieder die Unkenntnis der Krankheit.
"Na ja da sind auch viele die, nich mehr klar denken können. Die Frau Z. die is, 78 glob ich da is eene 90 die war Lehrerin. Frau, die hatte Alzheimer die globt das aber nich. Die erzählt nur von ihrem- Neulich och da war schon zugeschlossen hier, da ham se se wieder gesucht. Da suchte se wollte se zu ihrem Vater (mit ner Fahrkarte) nach Treuenbrietzen. Da hat ihr de Frau (K.) gesagt: Mensch, Frau Z. ihre Eltern die leben nich mehr. Na ja dis aber bloß ne Einbildung wenn die erzählt hat Essen uff'm Tisch wie's früher zu Hause beim mit'n Eltern zugegangen is nur- Und wo ich dann drüben war hab ich mit ihr am Tisch gesessen da hab ich immer geschimpft. Ich hab gesagt: Denken Se mal an die Zukunft Frau Z. Ich wees dass sie krank sind sie könn da nüscht dafür, aber bitte mir muss man nicht so kommen, da ging das och. Na ja nu, isse mit der Frau K. die Frau K. is zwar über 10 Jahre älter, aber die sagt jetzt och Mensch wenn ich och das gewusst hätte wie schwer, dann wär se nicht mit ihr zusammengezogen." (8. Interview)
Häufig ist die Unterstellung anzutreffen, dass demente Leute sich einfach nicht benehmen können, was Anlass dazu ist, jeglichen Kontakt zu unterbinden.
"(.) Das sind Leute mit denen kann man sich sowieso nicht unterhalten nich wa. Entweder schreien die oder erzählen dir bloß Blödsinn, Schimpfen oder so was. Die sagen nicht die Wahrheit, die sagen, die wollen nur toben und schimpfen und gemein werden. (.) Ja, und dit mit solchen Leuten hältst dich gar nicht auf ja." (1. Interview)
Grundsätzlich hat sich gezeigt, dass die Unwissenheit bei den Bewohnern recht groß zu sein scheint bezüglich psychischer Erkrankungen. Die Folge ist, dass verhaltensauffällige Bewohner ausgegrenzt werden auf Grund dessen, dass diese nicht als gleichberechtigte Heimbewohner wahrgenommen werden.
"Hier werden Frauen eingeschleust in das Haus. Die wissen nicht mal ihre Zimmernummer. Die fragen sie jeden Abend das Selbe oder erzählen ihnen jeden Tag dasselbe. Das ist für einem Menschen der geistig noch alle oben hat ist das bitter." (1. Interview)
Negative Erfahrungen im zwischenmenschlichen Bereich werden in Einrichtungen der stationären Altenhilfe also häufig gesammelt, wenn beispielsweise noch "fitte" Heimbewohner auf demenzkranke Bewohner treffen. Das Verhalten dieser psychisch erkrankten Menschen kann von den Bewohnern nur selten nachvollzogen werden. Die Unwissenheit über dieses Krankheitsbild unter den Bewohnern ist einfach zu groß und deshalb ist es den meisten auch nicht möglich, sich im Falle eines Zusammentreffens richtig zu verhalten, wodurch dieses Zusammentreffen für den noch "fitten" Bewohner sehr oft zu einem unangenehmen Erlebnis wird. Darüber hinaus werden die Bewohner bei Zusammentreffen auch oft mit ihrer eigenen Angst konfrontiert, selbst eventuell in der Zukunft an Demenz zu erkranken. In manchen Fällen entwickelt sich bei den Bewohnern auch direkt eine starke Abneigung gegenüber jenen Mitbewohnern, die vermeintliche "Auffälligkeiten" zeigen, wodurch es ihnen unmöglich wird, diese als Kontaktperson in Betracht zu ziehen. Einrichtungen der stationären Altenhilfe hätten zwar genügend Adressaten für eine entsprechende Aufklärung der Bewohner, allerdings häufig zu wenig hierfür qualifiziertes Personal. Von daher versuchen einige Einrichtungen die Problematik zu entschärfen, indem die Demenzkranken so gut wie möglich von den anderen Bewohnern räumlich abgegrenzt werden. Eine gesonderte Unterbringung hat vor allem den Nachteil, dass Ängste aufgrund von Unwissenheit nur sehr schwer abgebaut werden können. Die Bewohner, die eher selten mit Demenzkranken Bewohnern in Kontakt kommen, lehnen deren Gesellschaft kategorisch ab und isolieren sich sehr deutlich von ihnen. Im Fall der integrativen Wohnsituation wird das Verhalten von an Alterdemenz erkrankten Bewohnern ebenfalls als befremdlich wahrgenommen und kritisiert, aber neben der Ablehnung zeigen die Bewohner auch Mitgefühl und greifen z. T. auch auf Handlungsalternativen zurück, um eine Konfliktsituation zu entschärfen, sei es auch nur durch Rückzug.
46 Dieses Zitat wurde bereits im Abschnitt zum Mangel an Kompetenzen verwendet. Da ging es um den adäquaten Umgang mit Verhaltensauffälligkeiten anderer Bewohner und die Art und Weise, wie darauf reagiert wird. Hier soll es noch mal verwendet werden, um zu zeigen, dass die Deutung, die Interpretation abweichender Verhaltensweisen weitaus schwieriger ist, da die Bewohner nicht in der Lage sind, bestimmte Verhaltensweisen als Symptome einer Krankheit wahrzunehmen.

