4. Darstellung der Ergebnisse:
Ursachen von Einsamkeit bei Heimbewohnern
4.2.3. Unpassende Freizeit- und Aktivitätsangebote und Interesselosigkeit
Die Freizeit- und Aktivitätsangebote der Einrichtungen stellen prinzipiell eine gute Gelegenheit dar, mit anderen Heimbewohnern Kontakte zu knüpfen. Die Bereitschaft, an solchen Veranstaltungen teilzunehmen ist unserer Einschätzung nach durchwachsen. Insbesondere in der zweiten Einrichtung schienen die Angebote auf sehr wenig Interesse zu stoßen. Die Vormittags-/Nachmittagsangebote vom Heim wurden zum Teil als unpassend empfunden und daher scheinbar kaum genutzt (z.B. Dampferfahrt, Singgruppe). Kaum jemand in der zweiten Einrichtung berichtete, engagiert an Angeboten teilzunehmen oder dort hinzugehen, um andere Bewohner zu treffen. Da in der ersten Einrichtung grundlegend interessiert und positiv, in der zweiten Einrichtung hauptsächlich negativ und desinteressiert über die Angebote berichtet wurde, vermuten wir, dass dies tatsächlich mit einem unterschiedlichen Umfang und einer verschiedenartigen Gestaltung der Angebote in den beiden Heimen zu tun hat. Es lässt sich allerdings nicht eindeutig von uns an dieser Stelle prüfen, inwiefern die Angebote der zweiten Einrichtung tatsächlich ungeeignet, schlecht organisiert oder zu eintönig waren, da wir nur auf die Aussagen der Bewohner zurückgreifen können, welche jedoch nicht immer eindeutig darauf schließen lassen. Prinzipiell ist jedoch denkbar, dass die Angebote unpassend sind, nicht den Bedürfnissen der Bewohner entsprechen und deshalb z. T. auf sehr wenig Interesse stoßen. Andererseits sollte auch in Betracht gezogen werden, dass es sich bei den Bewohnern um eine grundlegende Interesselosigkeit handeln könnte, die weniger mit den eigentlichen Inhalten und dem Umfang der Angebote zu tun hat, sondern unabhängig davon vorhanden ist und sich auf andere Faktoren zurückführen lässt. Wäre dem so, dann würde eine Änderung in der Angebotsstruktur für sich keine Veränderung im Hinblick auf Passivität und Gleichgültigkeit im Verhalten der Bewohner bewirken können. Auch hier ist es also so, dass nicht allein der Umfang, die Organisation und die Art der Angebote dahingehend eine Rolle spielt, ob die Bewohner Engagement zeigen, sich nicht zurückziehen und Möglichkeiten des Austauschs nutzen, um der Eintönigkeit des Tages entgegenzuwirken. Individuelle Faktoren müssen auch hier berücksichtigt werden und jeder Bewohner ist je nach seinen Ressourcen auch unterschiedlich auf die Angebote angewiesen - sowohl in pflegerischer Hinsicht als auch im Hinblick auf die Notwendigkeit, weitere Mittel der Bedürfnisbefriedigung nach Kommunikation zu suchen. Aber zumindest lassen sich am Ausmaß der Beteiligung an gemeinsamen Aktivitäten bzw. Veranstaltungen Tendenzen ablesen in Bezug auf die Kontakt- und Aktivitätsbereitschaft der Bewohner.
Bei den folgenden Beispielen scheint es sich tatsächlich um ein schlecht organisiertes bzw. völlig unpassendes Freizeitangebot zu handeln. Es stellt sich wirklich die Frage, warum eine Dampferfahrt organisiert wird, an der gehbehinderte Bewohner nicht teilnehmen können, da es sich scheinbar nicht um einen behindertengerechten Dampfer handelte. Da der überwiegende Teil der Bewohner jedoch gehbehindert ist, liegt hier offenbar ein Versäumnis des Heims vor, dies ausreichend zu berücksichtigen. Darüber hinaus sehen die Bewohner sich nicht in der Lage, solche Missstände anzusprechen bzw. im Vorfeld abzuklären und auf ein entsprechendes Angebot für behinderte Menschen zu bestehen. Möglicherweise wird durch solche Angebote schon vorher vorhandene Interesselosigkeit weiter verstärkt, statt dieser durch interessante und ansprechende Angebote entgegenzuwirken.
"Ausflüge werden gemacht da war glaub ich vorgestern, eine Dampferfahrt. Aber nur mit, Behinderten die, kein Rollstuhl kein Rollator brauchen weil dort Treppen zu steigen sind auf'm Schiff und dann, also werd'n se für mich nich zugetroffen." (8. Interview)
Das gleiche Angebot schien insgesamt auf große Interesse- und Lustlosigkeit unter den Bewohnern gestoßen zu sein, da der Bewohnerin nicht bekannt war, wer überhaupt dort mit war. Aber scheinbar spielt auch die Organisation eine Rolle, ob und wie Interesse an einer Aktivität geweckt wird, so dass bei Unklarheit über den genauen Ablauf des Ausflugs Unsicherheiten entstehen, die dann dazu führen, den sicheren und gewohnten Ablauf des im-Heim-bleibens gegenüber einer mit Umständen verbundenen Aktivität vorzuziehen. Problematisch gestaltet sich auch das Unvermögen vieler Bewohner, eigene Bedürfnisse durchzusetzen, Angebote abzulehnen und deutlich zu machen, warum die Angebote des Heims nicht die eigenen Interessen berühren. So ist es natürlich schwer für das Heim, Handlungsbedarf dort zu erkennen, wo er notwendig wäre. Möglicherweise handelt es sich dabei auch um ein (generationenspezifisches) Obrigkeitsverhalten gegenüber dem Personal, welches als höher stehend in der Hierarchie des Heims empfunden wird und dessen Weisungen demzufolge nachzukommen ist. Die Freiwilligkeit der Angebote wird dann gar nicht mehr wahrgenommen.
"Die warn am Montag, haben se ne Dampferfahrt gemacht am Müggelsee, wird man befragt, ob man möchte mitfahrn und so. (.) Aber ich war nich dabei! Ich hab jesacht, "Ach", sach ich, "da weiß ich nich wie der Einstieg da is un alles un wie man da hin kommt, ob se uns nun holn tun, das wusste se och nich, wie wir hinkommen solln." Ich hab ja wohl zugesagt, aber nich gerne, un da hab zu Schwester C. gesacht, "ich tu Ihnen den Gefalln, ich sage zu, aber wenn Sie, falls Sie noch jemand andern sich meldet, der gerne würde mitfahrn, sie haben kein Platz, ich trete gern zurück!" (.) Da hat ihr ne Schwester gesacht, sie hatte davon etliche Stück da, die möchte gern mitfahrn, ob sie nich Platz hätte, da hat se gesagt, da frag' ich Frau F., die war nich so sehr begeistert (.). Aber es war aber kein schönes Wetter nicht den Tag da! Ja! Aber ich hab noch mit niemanden gesprochen, der da mit gewesen, aber ich weiß auch gar nich, wer mit gewesen is, wie das war da auf der Dampfer, ( ), ob se was se zu essen oder un trinken gekricht ham, es war doch ganz scheen kalt?" (10. Interview)
Mitunter ist es aber auch so, dass schon kleinste Umstände, die sich bei einer Teilnahme an einer Aktivität ergeben würden, einem Bewohner zu viel sind. Durch die hohe Stationsgebundenheit der Bewohner kann das Stattfinden von Veranstaltungen auf anderen Etagen bedeuten, dass diese auch nur von den Bewohnern der entsprechenden Etagen besucht werden und die anderen dagegen eher die Langeweile vorziehen, als die Umständlichkeit eines Etagenwechsels in Kauf zu nehmen. So kann es vermutlich passieren, dass nicht einfach nur Interesselosigkeit einer Teilnahme an einer Singgruppe entgegensteht, sondern auch, oder hauptsächlich, das Stattfinden dieser Gruppe auf einer anderen Etage. Die Bereitschaft der Bewohner, Aufwand bei den Freizeitangeboten zu betreiben, ist nicht sehr groß. Dementsprechend sollten diese so gestaltet sein, dass die Bewohner keine weiten Wege zurücklegen müssen und entsprechende Angebote auf ihren Etagen finden.
"Ich habe jeden Mittwoch, haben wir Gymnastik, mit der Frau S., ne halbe Stunde von zehn bis halb elf. Na ja un dann is immer noch Singen und alles so, aber das is dann in der drei, die Gymnastik is bei uns hier, un da bin ich einmal gewesen, aber ich weiß nich, gefällt mir' s da nich. Alles die alten Lieder, die hat man früher schon gekonnt, was ( ) die singen se heute, ja die singen ja kann ja. Lieder aufgenommen, aber ich seh' ja das nich, meine Augen sind ja kaputt, ich pass da keine Brille mehr." (10. Interview)
Abgesehen davon, dass das Angebot, gemeinsam Lieder zu singen, einen leicht infantilen Charakter hat und möglicherweise deshalb nicht interessant erscheint, ist darüber hinaus möglich, dass nicht so sehr das Angebot als unpassend empfunden wird, sondern die anderen Bewohner, die da auch daran teilnehmen, werden als belastend wahrgenommen, so dass von einer Teilnahme eher Abstand genommen wird. Die Interesselosigkeit kann sich aber auch zu regelrechter Ignoranz gegenüber sämtlichen Angeboten entwickeln und trotz enormer Langeweile werden Angebote der Geselligkeit nicht genutzt, sondern abgewertet. So gelten beispielsweise die Themen der Angebote als wenig reizvoll, wobei dies wohl kaum beurteilt werden kann, wenn von einer Teilnahme bisher abgesehen wurde.
"Langweiln Sie sich manchmal hier?"
"Na ja, och so jo. Es, es is manschma, es is was mal hier, das ( ), es is nisch meine, nisch meine Variante, das is nisch mein Thema, was se hier manschmal ham un so was! (.) Ähm, jetz ham se zum Beispiel montags Klub oder so wat, bin da nie jewesn, was soll das. Ne! Was soll isch machen? Kultur-, Kulturveranstaltungen sin hier och nich janz groß. Na, da kennt', wir ham früher war ja war ja ganz jroßer Speisesaal unten, na, da warn große Veranstaltung, is ja weg, da jibts ja kein Speisesaal mehr. ( ) dat allet hier wird in Etagen abjewickelt." (12. Interview)
Fraglich ist auch, ob eine unterschiedliche räumliche Aufteilung von Freizeit- und Aktivitätsangeboten und die Möglichkeit, innerhalb des Heims regelmäßig auch an großen Veranstaltungen (z.B. Konzerte, Dia-Shows u. ä.) teilzunehmen, ein größeres Interesse und eine höhere Motivation bei den Bewohnern bewirken würden. Eine dezentrale Angebotsstruktur (verteilt auf die jeweiligen Etagen ohne zentralen Veranstaltungsraum) hat die Vorteile, dass hier die Bewohnergruppen wesentlich kleiner sind, Berührungsängste vor größeren Gruppen abgebaut werden können und der Austausch im Rahmen einer kleinen Gruppe einfacher bewerkstelligt werden kann. Große Veranstaltungen haben möglicherweise eher Versammlungscharakter und Bewohner fühlen sich vielleicht eher veranlasst, daran teilzunehmen, da die gesamte Bewohnergemeinschaft angesprochen wird. Eine Kombination sowohl regelmäßiger heimübergreifender als auch etagenspezifischer Veranstaltungen (so wie in der ersten Einrichtung)47 ist vermutlich der optimale Weg, um möglichst vielen Interessen gerecht werden zu können. So kann auch ein Mehrzweckraum, der eigentlich als Café gedacht ist und Raum für höchstens 30 Personen bietet, nicht als Alternative für Großveranstaltungen in der Einrichtung 2 herhalten.
"Isch hab frieher viel jemacht hier. ( ) Schöne Fahrten, Weihnachtsfahrten veranstaltet, Karnevalfeiern hier obn, ganz toll! Da is do kein Vergleich mehr. Könn do nischt machen, ham doch keine Räume, unten wo det Cafe is, was isn das? ( ) Sonn Mehrzweckraum nennt er sich, aber is och nischt!"
"Gehen Sie da manchmal hin?"
"Da geh' isch nisch runter! Komm da nisch zu!" (12. Interview)
Das Unverständnis über Änderungen der räumlichen Aufteilung der Angebote ist dann z. T. sehr groß und auch andere veränderte Angebote - wie z. B. die Verlegung der Bibliothek auf eine andere Etage - werden nicht gerade mit Wohlwollen begrüßt. Ungeachtet der Frage, ob die Bibliothek in der zweiten Einrichtung tatsächlich mangelhaft ist, lässt sich vermuten, dass Bewohner, vor allem jene, die schon seit langer Zeit im Heim leben, auf grundlegende Änderungen sehr unflexibel reagieren und die Angebote dann nicht mehr nutzen.
"Hab do keinen, mit dem man überhaupt ein Buch oder irgendwas unterhalten können, is do nischt drinne. Wir hattn frieher, frieher war eine wunderbare Bibliothek, jetz, jetz ham se damals beim Umbau, ham se jetz hier oben eine Treppe höher, da ham se eine Bibliothek, hinjestellt, alles durscheinander. Hauptsache die Bücher sind inne drin, in die Regale drinne un wenn jener hab will, der kann suchen.!" (12. Interview)
Interesse- und Initiativlosigkeit, grundsätzliche Ignoranz gegenüber gemeinschaftlichen Veranstaltungen, schlechte Organisation der Angebote, mangelnde Flexibilität der Bewohner bei stationsspezifischen Angeboten oder bei veränderten Angeboten und fehlender räumlicher Spielraum für Großveranstaltungen sind die - wohl eher miserablen - Rahmenbedingungen für eine von uns bisher vermutete gute Gelegenheit für soziale Kontakte. Allerdings bezieht sich dies hauptsächlich auf die zweite Einrichtung. Zwar äußerten sich die Bewohner in der ersten Einrichtung grundsätzlich positiver über die Angebote, aber betrachteten diese überwiegend auch nicht als Gelegenheit, um Kontakte zu anderen Bewohnern knüpfen zu können. Für viele ist es daher relativ unbedeutend, dort andere Leute zu treffen. Auch wird häufig die Gegenwart der anderen insbesondere der psychisch erkrankten Älteren als Belastung empfunden und von einer Teilnahme daher eher abgesehen. Der Kontakt zu den anderen Bewohnern, der ohnehin sehr oberflächlich und reduziert ist, wird auch durch gemeinsame Erlebnisse (z.B. ein Ausflug in den Spreewald) nicht unbedingt verstärkt und der Teufelskreis der gegenseitigen Ablehnung bleibt z. T. auch hier weiterhin bestehen: Anteilnahme am Geschick des anderen wird abgelehnt, so reagiert man auch mit Ablehnung und schließlich mit Gleichgültigkeit. Wurden erst einmal solche negativen Erfahrungen im Heim gemacht, ändert man sein Verhalten auch nicht mehr und reagiert vermehrt mit Ablehnung und Gleichgültigkeit und dieses Verhalten setzt sich auch in den Veranstaltungen fort.
"Wie würden Sie denn das Verhältnis zu Ihren Zimmernachbarn beschreiben? Kennen Sie sich überhaupt?"
"Man muss davon ausgehen, dass hier nur alte Leute leben. Die Hälfte können Sie abstreichen ."
"Aber hier auf Ihrer Etage, gibt es da jemanden, mit dem Sie sich auch mal zusammensetzen oder spazieren gehen?"
"Man kann sich hier zusammensetzen. Ich finde für einen 82jährigen wenig. Entweder sind sie krank oder der andere Teil der Hälfte . Nun schätze ich mich vielleicht zu hoch ein, ich bin schon etwas kritisch . Ich weiß nicht, ob Sie schon mal in einem Heim gelebt haben? Na ja, man kann hier nicht groß . und doch, sie machen hier mit den Leuten etwas. Wir haben in diesem Jahr schon zwei Ausflüge gemacht. Einmal in den Spreewald und einmal, da bin ich aber nicht mitgefahren, nach Potsdam oder so. Und einen dritten . nach irgendwo anders hin gemacht. Jedenfalls hat man irgendwie immer etwas zu tun." (2. Interview)
Diejenigen, die nicht mehr laufen können oder sonstige schwerwiegende Einbußen haben, gelten häufig ohnehin als wenig kontaktwürdig (außer im Rahmen von Patenschaften) und werden dementsprechend auch im Rahmen der Angebote weitestgehend gemieden. Das Fernbleiben von solchen Angeboten eignet sich auch hervorragend zur Demonstration der eigenen Fitness und Mobilität und die offene Distanzierung hat die Funktion, vorzuführen, dass man eigentlich nicht in ein Altersheim gehört. Die Distanzierung insbesondere von therapeutischen Angeboten durch demonstriertes Fernbleiben und die Geringschätzung derjenigen Bewohner, die aus gesundheitlichen Problemen daran teilnehmen (müssen), ist vermutlich eine Form der Rollendistanz, da die Teilnahme sowohl an Gedächtnis- als auch an Gymnastiktraining Defizite in eben jenen Bereichen signalisieren würde, was wiederum der erwünschten Rolle eines Altenheimbewohners entspräche. Dieser Bewohner versucht sich zumindest von der Rolle zu distanzieren, indem er ein paar Mal an dem Training teilnimmt und dann davon ablässt und lieber draußen Spaziergänge unternimmt - etwas, was die anderen wohl nicht mehr können. Dadurch demonstriert er seine Tatkraft und Selbständigkeit und obwohl er im Altenheim ist, zeigt er damit, dass er zwar alt ist aber darüber hinaus auch noch überaus mobil.
"Also zum Gedächtnistraining das ist mir zu lapidar. Das ist. Weißt du ich ich komm ja noch direkt frisch aus dem Berufsleben. Also, das das. Ich bin die ersten Male im ersten Jahr anstandshalber um auch um das kennen zu lernen. Bin ich runter gegangen. Da sagen die. heute ist Gymnastik, aber da sitzen die alle nur so im Stuhl. Laufen können sie nicht mehr. Die Beine sind totes Kapital. Da machen se so so so. Was soll ich damit. Ich geh ja alleine noch auf die Straße. Das nützt mir nichts (.)" (1. Interview)
Andere wiederum praktizieren Rollendistanz weniger erfolgreich. So gibt es Bewohner, die verschiedene Angebote als unpassend empfinden, als den eigenen Vorstellungen widerstrebend, und trotzdem daran teilnehmen; allerdings auch mehr Toleranz gegenüber gesundheitlich stärker eingeschränkten - insbesondere dementen - Bewohnern signalisieren und auch die Arbeit des Personals schätzen.
"(.) Wenn wa auch Gymnastik haben, was ich so furchtbar finde, in ner Reihe sitzen. Alle sitzen da und kein Mensch sagt ein Ton. Die sitzen alle ganz stumm da. Was ich eben auch so eigenartig finde. Die bringen alle, die auch nicht mehr denken können bringen se runter. Ich schätze dis machen se, damit se ne Art Stimulierung haben. Die machen auch gar nicht mit, auch nicht beim Singen. Die sitzen nur, wie soll ich sagen so, da als wenn sie das gar nichts anginge. Also dis ist ne große Arbeit die Leute immer runter und rauf zu bringen, nich. Also da gehört schon was dazu. (.)" (3. Interview)
In unseren Interviews haben wir die Bewohner auch gefragt, ob sie sich mit anderen verabreden, um an den Veranstaltungen gemeinsam teilzunehmen. Dieser Sachverhalt schien jedoch eine absolute Ausnahme bzw. keine Selbstverständlichkeit zu sein. Gleichzeitig wird solch eine Verbundenheit, wenn sie denn mal besteht, aber auch als sehr angenehm empfunden, da Verabredungen im Heim eben selten sind. Insbesondere zu speziellen Terminen, die einen konkreten Anfang und ein festgelegtes Ende haben, lässt es sich vielleicht einfacher verabreden als zu loseren Zusammenkünften wie Spaziergängen, da man sich den Ablauf des Treffens nicht erst überlegen muss. Verabredungen schaffen darüber hinaus Vertrauen und bauen auf Verantwortung, zur Einhaltung der Verabredung. Verabredungen deuten auch darauf hin, dass ein persönliches Interesse an der Anwesenheit der entsprechenden Person besteht und dass es nicht nur um die Teilnahme an dem Angebot geht.
"Ja, die kommen meistens mit. Oder die sind ja hier schon acht Jahre im Haus, die kenn das alles schon. Dann sagen se: Frau S. da müssen se mal mitfahren, das ist sehr hübsch dort gewesen. Oder sage ich: Da kommen se doch noch mal mit, vielleicht. Wo wir unsern Kaffe trinken spielt doch keine Rolle. Ja dann, wenn wenn wenn sie mitkommen, dann komm ich auch. Na ja, weißte also sie sind jetzt schon ein bisschen anhänglich. Aber mir tut's nicht weh und ich ich brauche diese Ansprache. (.) Die meisten denken ja nur an sich. Wir sollten viel mehr mal auf andere gucken, nich." (1. Interview)
Dass jemand wirklich gerne mit jemandem zusammen eine Veranstaltung besucht, ist sehr selten und auch, dass die Veranstaltungen als gute Gelegenheiten gesehen werden, um miteinander in Kontakt zu treten. So kann es vorkommen, dass zwei befreundete Bewohner (das Duzen, wie im folgenden Zitat - eine absolute Seltenheit zwischen Heimbewohnern selbst nach jahrlanger Bekanntschaft - scheint auf Sympathie bzw. auf eine gewisse Zuneigung zu der anderen Person hinzudeuten) Spaß daran haben, gemeinsam zum Gymnastiktraining zu gehen oder ein Konzert zu besuchen. Allerdings kann auch genau dies problematisch werden, wenn der gemeinsame Umgang und das eigentliche Bedürfnis nach Kontakten, die über gegenseitiges Beobachten und den Austausch von Höflichkeiten hinausgehen, von der Befürchtung vor Gerede und Geschwätz im Heim überdeckt werden. Selbst einfache und eher selbstverständliche Formen eines gegenseitigen Umgangs wie gemeinsames Auftreten bei Veranstaltungen von zwei Zimmernachbarn scheinen auszureichen, um ein Gerücht ins Rollen zu bringen, so dass sogar Maßnahmen ergriffen werden, um dem Einhalt zu gebieten, und zwar in der Art, dass die jeweiligen Personen lieber getrennt auftreten. Das allgemeine Interesse an und der Wunsch nach vertraulichen, vielleicht sogar freundschaftlichen Verbindungen scheinen demnach nicht unwesentlich vorhanden zu sein, wenn ein gemeinsames Auftreten von zwei Zimmernachbarn bei einer Veranstaltung schon ausreicht, um ein Gerücht ins Rollen zu bringen.
"Gehen sie denn auch mal zusammen zu irgendwelchen Aktivitäten, also Sie und Herr Sch.?
"Ja, na zum Konzert. Und ich frage ihn dann oft, " kommst du zur Gymnastik?" Dann sagt er ja oder sagt nein, oder " ich bin noch nicht fertig!" Dann gehen wir auch getrennt. Wir treten nicht immer zusammen auf! (lacht)."
"Das wäre Ihnen nicht recht?"
"Ich komme nicht gerne ins Gerede. Ich. ach so, ich hab mit Herrn Sch. mal darüber gesprochen, und dann sagt er: "Lassen sie die doch reden, das geht hier rein und da raus!" Ich sage: "Bei Ihnen, aber ich muss meine Würde vertreten!" Also da würden sehr schnell Gerüchte entstehen, hier bei der Klatschgesellschaft! So wie Frauen sind, entstehen immer Gerüchte." (6. Interview)
Möglicherweise spielt hier auch eine Rolle, dass Kontakte zwischen Männern und Frauen in der Generation sicherlich häufig vorschnell als Verhältnis interpretiert werden, so dass eher zurückhaltend bzw. sehr beherrscht von den jeweiligen Bewohnern damit umgegangen wird. Eine Veranstaltung bietet so eine gute Gelegenheit für ein Treffen, welches ohne einen "offiziellen Rahmen" vielleicht wesentlich schwieriger zu bewerkstelligen wäre, da der Anlass des Treffens in den Augen der anderen Bewohner nur darin bestehen kann, sich näher zu kommen, was wiederum vermehrt zu Klatsch und Tratsch führen würde.
Insgesamt also wurden die Veranstaltungen in der ersten Einrichtung von den Bewohnern positiv bewertet, während zu den Veranstaltungen in der zweiten Einrichtung kaum Aussagen gemacht wurden und auch häufiger von Langeweile die Rede war, so dass vermutet werden kann, dass dort noch Handlungsbedarf besteht.
"Bin sehr zufrieden. Mit allem. Pflegerisch und auch geistig weiter fördernd, mit Gedächtnistraining und Gymnastik, das ist ja kein Gedächtnis, aber Gymnastik und was . und Literaturstunden. Und, also . Aber alles freiwillig. Jeder kann gehen, wo er will." (6. Interview)
"Nehmen Sie denn jeden Tag hier an etwas teil?"
"Ja, fast immer. Manchmal nicht, wenn Besuch kommt nicht, aber sonst, dann ja. Singen, das ist ja ganz groß hier, Musik. Und wir werden auch sehr viel ins Haupthaus - Dibeliushaus gefahren, weil da die größeren Konzerte sind. Und da nehmen wir dann teil, aber auch bloß, wer sich meldet. Da haben sie einen eigenen Bus." (6. Interview)
"Es wird sehr viel getan. Es gibt eine Gymnastikgruppe, es gibt eine Gedächtnisgruppe, es gibt eine Musikgruppe . Dann werden Filme gezeigt oder man fährt irgendwo hin oder es findet ein Fest statt, also man ist vollauf beschäftigt und die machen sehr viel für die Leute." (4. Interview)
Insbesondere lässt sich feststellen, dass eine Lautsprecheransage mit Angebotshinweisen, wie im zweiten Heim üblich, unserer Meinung nach sich als nicht sonderlich effektiv herausstellt. Diese Art der Informationsübermittlung ist eine einseitige Form der Kommunikation, die es den Bewohnern nicht erlaubt, in dem Moment Fragen zu dem Angebot stellen zu können. Darüber hinaus fühlt man sich von so einer unpersönlichen Durchsage kaum selbst angesprochen und bekommt auch nicht das Gefühl vermittelt, dass sich jemand anderes darüber freuen könnte, wenn man an der Veranstaltung teilnimmt. Diese unter den Bewohnern (insbesondere in der zweiten Einrichtung) weit verbreitete allgemeine Gleichgültigkeit wird allerdings auch ein Stück weit von der Einrichtung, beispielsweise durch solche unpersönlichen Durchsagen, gefördert. Das führt dazu, dass auch die Bewohner keinen Anlass mehr sehen, einen anderen Bewohner einzuladen, um mitzukommen oder ihn an einen Veranstaltungstermin zu erinnern.
"Ähm, gibt's auch Freizeitangebote vom Heim? Also"
"Ja, sagn wa mal wie heute zum Beispiel. Um 10 ist Gymnastik (dann kommen die hier her), also dis mach ich, ich meine, man kann ja nicht so mehr, aber man geht ebend hin. Ja, und vor kurzem war `ne Dampferfahrt, hab ich zwar nicht mitgemacht, aber (2) ja, dit war, ne Dampferfahrt, ja was gibt's denn noch? Ja, dit gibt allehand. Saacht di dis immer an um halb 9 wird dann durchgesagt was alles für Angebote sind, ja? is ja auch mit Kaffe und Friseur, ist ja auch alles im Haus, ja, ( ) ja, was hamse dann, ich hab noch nie genutzt das Angeb
ot, aber die singen (1) und (3) ( )" (9. Interview)
Auch sollten sich die Angebote nicht nur an allgemeinen Interessenlagen orientieren, sondern auch Minderheiten in den Heimen (Männer, Migranten) und deren spezielle Interessen berücksichtigen In der Regel scheint es von Vorteil, bezüglich der Möglichkeit Sozialkontakte zu knüpfen, wenn die Gruppenstärke etwas kleiner ist und Angebote für "special interest"-Themen geschaffen werden, wo die Bewohner schon aufgrund eines gemeinsamen Interesses leichter Kontakt zueinander finden können. Auf den ersten Blick bei der Betrachtung der Heimangebote wird schnell deutlich, dass es kaum männeradäquate Veranstaltungen gibt, die angeboten werden, wie z.B. kleine Skat- oder Schachwettbewerbe oder gemeinsame Fußballabende vor dem Fernseher. Vielleicht sollten die Heimbewohner regelmäßig befragt werden, welche Art von Angeboten interessant und in Anbetracht gesundheitlicher Einschränkungen machbar wären. Möglicherweise könnte durch ein stärkeres Einbeziehen der Bewohner in die Möglichkeiten der Freizeitgestaltung den nicht unbeträchtlichen Rückzugstendenzen zumindest teilweise entgegen gewirkt werden.
Wir haben auch festgestellt, dass das von den Einrichtungen organisierte Veranstaltungsprogramm im Schwerpunkt auf klinische und rehabilitierende Maßnahmen ausgerichtet zu sein scheint. Zum Beispiel sind Programmangebote wie Gedächtnistraining und Gymnastik Standardangebote in Einrichtungen der stationären Altenhilfe. Klinische und rehabilitierende Maßnahmen haben sicherlich eine Menge Vorteile in gesundheitlicher Hinsicht, aber besonders förderlich für die Knüpfung und Pflege von Sozialkontakten unter den Bewohnern scheinen sie nicht zu sein, im Besonderen dann nicht, wenn Bewohner aller Pflegestufen an der gleichen Veranstaltung teilnehmen. Es sind keine Angebote für Erwachsene, sondern Angebote für Alte, die eher an die eigenen Defizite erinnern als den eigentlichen Interessen gerecht zu werden.
Der im Folgenden dargelegte Wochenplan des wohnbereichsspezifischen Freizeitangebots (Beispiel aus Wohnbereich 7 Haus 3) der Einrichtung 2, soll diese Problematik nochmals verdeutlichen.
Tab.: Leistungsempfänger der sozialen Pflegeversicherung am Jahresende 2000 nach Pflegestufen
| Montag | Dienstag | Mittwoch | Donnerstag | Freitag | |
| 09:00 - 10:00 | Gespräche | Legespiele | Gesellschaftsspiele | Naturbetrachtung | Begleitung im Park |
| 10:00 - 11:30 | Gymnastik | Gespräche | Legespiele | Naturbetrachtung | Basteln |
| 12:00 - 13:30 | Gespräche | Malen | Musik hören | Vorlesen | Gespräche |
| 14:00 - 16:30 | Betreuung mit Rollstuhl | Begleitung beim Laufen | Ratespiele | Gespräche | Betreuung mit Rollstuhl |
Dementsprechend gibt es auch eine Reihe von Bewohnern, die diese Art von Veranstaltungen erst gar nicht wahrnehmen und das sind vor allem solche Bewohner, die sich noch recht agil fühlen und nicht wie ein alter Mensch behandelt werden wollen. Diese Bewohner lehnen Veranstaltungen ab, in denen sie angeleitet und betreut werden. Wir würden vorschlagen, Angebote, die vordergründig nur der reinen Unterhaltung dienen (wobei ein Schachspiel wahrscheinlich ebenfalls beispielsweise in Bezug auf Konzentrationsfähigkeit therapeutische Wirkungen erzielen würde), stärker als es vermutlich derzeit der Fall ist, in den Vordergrund zu rücken, wobei ein infantiler Charakter (wie er beispielsweise Bastelgruppen anhängt) vermieden werden sollte. Das könnte beispielsweise ein Bingoabend sein, gemeinsame Krimiabende usw. Wir vermuten, dass sich solche Veranstaltungen eher dazu eignen, Sozialkontakte zwischen den Bewohnern aufzubauen.
Es wurde bereits mehrfach erwähnt, dass die Bewohner einen Mangel an befriedigenden Sozialkontakten verspüren, aber diesen Mangel nicht versuchen auszugleichen, indem sie intensivere Kontakte zu den Mitbewohnern suchen. Das folgende Zitat verdeutlicht, dass die Bewohner, die mit ihrer Rolle in Konflikt stehen, somit auch das Freizeitangebot, dass überwiegend auf ihre Rolle zugeschnitten ist, ablehnen und daher von einer Teilnahme absehen, um sich von der Rolle distanzieren zu können. Der folgende Bewohner lehnt aus diesem Grund jegliche Art von den vom Heim angebotenen klinischen und rehabilitierenden Maßnahmen sowie jegliche infantilen und fremdorganisierten Angebote ab, aber dennoch lehnt er Aktivitäten oder Beschäftigungen nicht generell ab. Mit der im folgenden Zitat erwähnten Betreuerin Frl. J. möchte er sich treffen, nicht um wie er sagt, betreut zu werden, sondern um sich austauschen zu können.
"Ja, wir haben hier ähhhh (2) Behinderte, zum Beispiel Fräulein J., die auch im Rollstuhl sitzt. Die kommt jede Woche einmal hier her und betreut diese Leute, indem sie Brettspiele so mit denen macht, ja soo (klopft kurz auf den Tisch mit Fingern) also irgendwie beschäftigt die Leute. (.) Sehen se mit-, die Frau kommt direkt, die hat mir aber nich um mich zu betreuen. Ich hab se eingeladen, um mit ihr mal zu sp- mich zu bisschen mal zu unterhalten, ja, weil ich ja auch mal mit jemand sprechen möchte. Und äh da wir gemeinsam, nicht gemeinsam, aber sie war in Paris ähh und ick war auch sehr oft in Paris und dadurch gibt's gewisse Themen. (.)" (7 Interview)
Eine erwachsengerechte Behandlung bzw. entsprechende Angebote, woran die Bewohner nicht nur teilnehmen sollen, sondern diese auch mitgestalten und -organisieren können, sind gemäß unserer Ergebnisse von nicht unerheblicher Bedeutung, um ein kontaktfördernes Freizeitangebot im Heim gestalten zu können.
47 In der zweiten Einrichtung finden größere Veranstaltungen nur im Sommer statt (Sommerfest). Weihnachtsfeiern und sonstige Feste werden von den Etagen jeweils selbst organisiert.

