4. Darstellung der Ergebnisse:
Ursachen von Einsamkeit bei Heimbewohnern
4.2.5. Mangel an Kontroll- und Entscheidungsmöglichkeiten / Ineffizienz des Heimbeirats / Keine Vorstellung der eigenen Mitspracherechte
Je starrer die Heimstruktur einer Einrichtung ist, desto mehr wird bei den Bewohnern vermutlich das Gefühl verstärkt, nichts selbst entscheiden bzw. verändern zu können, wodurch die Bewohner gleichgültig und perspektivlos werden.
Ein gewisser Verlust an Kontroll- und Entscheidungsmöglichkeiten kann vermutlich innerhalb des klassischen Heimsystems nicht vermieden werden, da die Betreuung und Pflege einen gewissen Anteil institutionell bedingter Zwänge erfordert, um einen reibungslosen Ablauf der Versorgung der Heimbewohner sicherstellen zu können und um den Betrieb nicht ineffezient werden zu lassen. So konnten wir insbesondere in der Einrichtung 2 verstärkt Einschnitte in persönliche Kontroll- und Entscheidungsmöglichkeiten der Bewohner feststellen. Im Folgenden werden wir einige davon kurz benennen.
In der zweiten Einrichtung zeigte es sich, dass im Besonderen Neuankömmlinge sehr stark in ihren Selbstbestimmungsmöglichkeiten beschnitten werden. Neue Heimbewohner dürfen beispielsweise nicht alleine das Heim verlassen. Das Personal unternimmt allerdings keine Vermittlungsanstrengungen, dass eventuell ein älterer Bewohner einen neueren Bewohner nach unten begleitet und dadurch neue Kontakte entstehen können. Des Weiteren besteht in der Einrichtung 2 im Speisesaal eine feste Sitzordnung, die vom Personal vorgegeben wird, womit den Bewohnern eine weitere Entscheidung abgenommen und somit passives Verhalten gefördert wird.
Die Bewohner der zweiten Einrichtung verfügten darüber hinaus über keinen eigenen Zimmerschlüssel, der es ihnen u. a. ermöglicht hätte, bei Verlassen des Zimmers die Tür abzuschließen und die privaten Gegenstände dadurch gut verwahrt zu wissen. Würden sie einen eigenen Schlüssel besitzen, könnte eine Folge davon sein, dass die Bewohner bei einem Spaziergang sich entspannter verhalten und so auch aufgeschlossener auf die anderen Mitbewohner wirken, weil sie sich keine Gedanken darüber machen müssen, ob sich wohl gerade jemand unbefugter Weise im eigenen Zimmer aufhält. Viel wichtiger erscheint es, dass die Bewohner durch den Besitz eines eigenen Zimmerschlüssel die Möglichkeit haben, die eigene Privatsphäre zu schützen, denn das eigene Zimmers wird häufig nicht ausreichend von anderen respektiert.
"(.) aber sie können damit rechnen das jeder, im Moment, jeder hier reinkommt, der gar nicht hier rein wollTE. Is mir auch schon hier- auch Nachts, nich wa. Wir dürfen ja noch nicht abschließen hier also. Angeblich sind keine Schlüssel da. Ja, dit kann passieren dit hier mit einmal steht hier ne junge Frau neben mir ä ähhhh, dann muss ick ja fragen was se will, nich. Kann mir ja nicht denken wat se will. Aber denn (3) tschen denn bin ick machmal- werd ick denn noch ganz rot wenn dann so ne richtige junge Frau neben mir steht, nich wa." (7. Interview)
Letztendlich sind aber die Bewohner aus beiden Einrichtungen gezwungen, sich der Heimstruktur des Heims weitestgehend anzupassen, und dazu gehört auch einen Teil der eigenen Selbstbestimmungsmöglichkeiten aufzugeben. Allerdings gibt es erhebliche Unterschiede zwischen den beiden Einrichtungen in Bezug auf den Umfang der Selbstbestimmung, der beeinträchtigt wird. Viele der Bewohner neigen dazu, durch die überwiegend fremdbestimmte Organisation des Heimalltags, sich überwiegend passive Verhaltenweisen anzueignen.
Aber das Gefühl, nichts entscheiden bzw. beeinflussen zu können, kennen die Bewohner aus beiden Einrichtungen. Der überwiegende Teil der Bewohner hat keine Vorstellung davon, dass es Rechte gibt und dass diese eingefordert werden können. Die meisten betrachten sich als Insassen, als jemanden, der abgeschoben und weggeschlossen ist und daher keine Forderungen stellen kann. Dass die Bewohner einen Anspruch auf rechtzeitige und umfassende Information und Mitsprache in den Bereichen haben, die ihr Leben im Heim unmittelbar berühren, ist vielen nicht klar bzw. gar nicht bekannt. Es wird eher als selbstverständlich betrachtet, sich einzufügen in das Heimleben, es zu nehmen, wie es ist und sich stillschweigend anzupassen. Für viele stellt Mitwirkung oder Mitsprache ein aussichtsloses Unternehmen dar, da davon ausgegangen wird, dass Veränderungen nur in entsprechenden Machtpositionen bewirkt werden können, welche aber von den Heimbewohnern - in welcher Position auch immer - nun mal nicht bekleidet werden. So kann es vorkommen, dass die Frage: "Angenommen, Sie hätten die Macht hier im Heim etwas zu verändern. Was würden Sie dann verändern?" nur Gelächter auslöst und regelrecht auf Unverständnis stößt. Die Unveränderbarkeit der Situation scheint z. T. so selbstverständlich zu sein, dass in diesem Kontext nicht als Individuum sondern als Bewohnergruppe gesprochen wird. Die Bewohnerin im folgenden Zitat spricht stellvertretend für alle anderen, so als wären sich zumindest in diesem Aspekt alle einig.
"((Auflachen, enden in einem Hustenanfall)) Auf sonne Ideen komm' wir gar nich, weil wir kein Geld haben. Wenn man das Geld hat, na dann müsst man die fragen, die das haben, was die damit denn anfangen. Vielleicht gibt's sonne Leute, ich weiß es nich! Ich kenn' des nich!" (10. Interview)
Die "Idee", etwas verändern zu können, ist für viele nur eine Illusion. Einige scheinen sich selbst über die Ursachen klar zu sein, die dazu führen, dass man als Bewohner sich nicht in der Lage sieht, Veränderungen herbeizuführen. Dadurch, dass jeder für sich bleibt und mit niemandem redet, dadurch, dass der Großteil der Bewohner einsam ist, können keine Bedürfnisse oder Wünsche artikuliert werden, weder in Gegenwart anderer Bewohner, um so möglicherweise feststellen zu können, dass diese ähnliche Bedürfnisse haben noch in Gegenwart des Heimbeirats, der ja eigentlich Ansprechpartner für Wünsche und für Kritik sein soll. Obwohl also die Misslichkeit der Situation z. T. recht klar erscheint, fehlt es dem Bewohner an Strategien oder an Mitteln, aus dieser Misslichkeit herauszukommen. Gleichgültigkeit und Abgestumpftheit sind die Folge und dieselbe Frage nach möglichen oder gewünschten Veränderungen kann nicht beantwortet werden.
"Angenommen Sie hättn die Macht hier im Heim was zu verändern, was würdn Sie dann verändern?"
"Olso, isch wüsste nischt, ich wüsste nicht, isch konnt mir nischt vorstelln weiter. Wie jesacht die Gemeinschaft fehlt ja, was soll man noch, was soll man da was verändern?"
"Was wünschn Se sich für die Zukunft?"
"Je äh, wos soll isch sagn, ähm eijentlisch kann sisch ja nischt ändern, wir leben alle für uns mir denn!" (12. Interview)
Auf die Wünsche und Bedürfnisse der Bewohner kann ein Heim nur dann eingehen, wenn es diese kennt. Dazu ist es auf die Mitwirkung der Bewohnerschaft angewiesen, was jedoch in den von uns untersuchten Einrichtungen keine Selbstverständlichkeit zu sein schien. So konnte festgestellt werden, dass in der zweiten Einrichtung die Bewohner davon überzeugt sind, dass selbst Kleinigkeiten wie die Äußerung von konstruktiver Kritik am Essen wahrscheinlich nicht ernst genommen werden würde und daher auch nichts bringt. Wenn dem so wäre, würde der Koch sich wahrscheinlich erst gar nicht der Kritik der Bewohner stellen. Der ständige Zweifel der Bewohner an ihrem Einfluss zeugt von einem mangelnden Selbstbewusstsein, das wiederum darauf zurückgeführt werden kann, dass sich die Bewohner in einer Bittstellerposition glauben, so als würde etwas Salz an den Kartoffeln oder ein extra Frühstücksei ein Almosen darstellen, was der Bewohner nicht ohne weiteres einfordern kann, sondern worum mehr oder weniger "gebeten" werden muss.
"(verschwörerisch:) Heute kommt der Koch mal. Wir wollten uns mal n bisschen beschweren. Wissen sie, ( ) dit is natürlich, (stöhnt) manchmal, nich? Der kommt ja nun heute, und da wolln wir das ja mal vorbringen. Ob's was hilft... (lacht)" (9. Interview)
Selbst wenn sich das Heim Mühe gibt und die Bewohner beispielsweise in die Speiseplangestaltung einbezieht, sind diese nicht in der Lage, ihre eigentliche Position zu erkennen. Sie betrachten eine Einmischung weiterhin als aussichtslos. Selbst hier verdeutlicht sich die Problematik der Unklarheit über die auf einen Bewohner entfallenden Rollenerwartungen. Die Unklarheit scheint jedoch in erster Linie auf Seiten des Bewohners in der Verwechslung der selbst bestimmenden Klienten- mit der abhängigen und sich unterordnenden Patientenrolle zu bestehen - eine Problematik, die im vorangegangenen Kapitel bereits angesprochen wurde. Ein Mindestmaß an Wohlbefinden und das Gefühl, sich irgendwie zu Hause zu fühlen, setzen voraus, dass man sich auf sein Wohn- und Lebensumfeld einlässt, dass man sich den Rahmenbedingungen gegenüber öffnet. Dies setzt allerdings eine Teilhabe am Tagesgeschehen voraus, die im Heim theoretisch am effektivsten über die Mitwirkung im Heimbeirat erzielt werden könnte. Wir haben festgestellt, dass dieser Anspruch in der Praxis nicht fußen kann. Selbst wenn es gar nicht einmal um eine Teilnahme im Heimbeirat geht, stößt dieser insgesamt auf wenig Akzeptanz und auf wenig Interesse. Die Interesselosigkeit verdeutlicht sich auch in der Erwartungshaltung, dass man selbst in keiner Art und Weise aktiv sein muss, sondern dass alles von selbst passiert.
"Heimbeirat. Ja, ich wees nich. Vielleicht ist es gut, vielleicht ist es nicht gut. (lacht) Ich wees it nich, ich kenne kenne keenen. (.)Vielleicht gibt's einen. Weiß ich nicht, ich kenn keinen. (.) Hat sich bei mir nicht vorgestellt, also bei mir nicht." (9 Interview)
Obwohl der Heimbeirat für einen Bewohner die einzige Möglichkeit darstellt, in Belange, die sein unmittelbares Leben betreffen, einbezogen und beteiligt zu werden, betrachten die Bewohner das Gremium Heimbeirat nicht als ein Instrument, dass sie jeder Zeit nutzen können. Teilweise ist das auf die allgemein unter den Bewohnern verbreitete Interesselosigkeit zurückzuführen und teilweise aber auch auf die mangelnde Informationsversorgung der Bewohner. Die Bewohner, die bisher nicht mit einem Heimbeiratsvertreter in Kontakt getreten sind und über keine sonstigen Erfahrungswerte verfügen, beispielsweise durch Erzählungen, Aushängen etc., sind häufig nicht in der Lage, eine eigene Meinung dazu zu bilden. Solange man feststellen kann, dass der überwiegende Teil der Heimbewohner mit dem Begriff Heimbeirat nichts anfangen kann, sollte man den Sinn und den Zweck der Arbeit des Heimbeirates in Frage stellen und Strategien entwickeln, die die Arbeit des Gremiums effektiver gestalten würden.
Mit der Wahl des Heimbeirats soll die Position der Bewohner gestärkt werden. Hierdurch soll sichergestellt werden, dass ihre Wünsche und Anregungen, Erfahrungen und Vorschläge zur Geltung kommen. Gleichzeitig soll damit der Zweck des Heimgesetzes (§ 2 HeimG), nämlich die Interessen und Bedürfnisse der Bewohner zu schützen und deren Selbstständigkeit, Selbstbestimmung und Selbstverantwortung zu wahren und zu fördern, erfüllt werden. Leider lässt sich unseres Erachtens das Verhalten vieler Bewohner mit diesem Anspruch kaum vereinigen. Den meisten ist es lieber, hinter vorgehaltener Hand zu meckern und viele scheuen sich davor, offen Kritik zu äußern. Auch Verantwortung zu übernehmen in Form einer aktiven Beteiligung im Heimbeirat würde für den Großteil der Bewohner eine Erfahrung darstellen, die sie möglicherweise noch nie im Leben zuvor gemacht haben. So spiegelt das folgende Zitat gut das allgemeine Stimmungsbild in den Heimen wieder, wie wir es wahrgenommen haben.
"Was sie da eben erwähnen mit Heimbeirat und so weiter die Sachen hier, habe ich alles grundsätzlich abgelehnt. Da will ich nischt mit zu tun haben. (2) Wissen se, dat sind solche Posten die sind immer sehr undankbar ja. Und denn heißt dat, denn bin ich schon wieder verpflichtet, heute ist Sitzung da musste da hin, heute musste dir den Quatsch mit anhören und wenne da was sachst, ne eigene Meinung d-, dit hab ick mir von Anfang abgelehnt. Dit, ick will hier in gewisser W- bleiben, für mich allein sein ja. Und mit WEM ich möchte reden den such ick mir aus. Aber in dem Moment, wenn sie in solchen, wie sie eben gesagt haben, in solchen Vereinen hier, Heimbeirat, denn haben sie ne Verpflichtung übernommen. Denn müssen se von dem reden was sich hier abgespielt hat, wat für Sorgen hier sind und so weiter. Dis sind Aufgaben eines Heimbeirates und da äh dit lass ich die Leute die gerne reden und die gerne meckern möchten über alles. Dit überlasse ich denen. Denn wenn, ich hätte viel zu meckern und dit. Ick würde dann auch die Wahrheit sagen oder nach meinem (1) Empfinden und Gefühl würde ick denn auch so sagen, wie ich denke und dit passt meistens nicht in den in die Reihe(5)." (7. Interview)
Wenig Selbstvertrauen in eigene Fähigkeiten, wie z.B. eine Meinung zu artikulieren, und wenig Vertrauen in eine entsprechende Stellvertretung, die nicht nach den eigenen Wünschen fragt, aber den Anspruch erhebt, diese zu vertreten, sind Aspekte, auf die wahrscheinlich nur schwer eingewirkt werden kann. Die Art und Weise, wie die Bewohner den Heimbeirat wahrnehmen, hängt sicherlich vom Stellenwert ab, den das Heim dem Beirat einräumt. So kann jemand, der nichts von einem Beirat weiß, auch keine Stellungnahme dazu abgeben. Andererseits spielen aber auch Verhaltensweisen eine Rolle, die im Laufe des Lebens habitualisiert wurden: lieber nichts zu sagen und sich zurück zu halten, aus Angst vor Repressalien. Möglicherweise haben diejenigen, die in der DDR gelebt haben, auch (oder noch) im Heim Probleme mit der neu gewonnenen Freiheit der Selbstbestimmung, und empfinden solch einen Heimbeirat oder überhaupt die Möglichkeit, mitentscheiden zu können, quasi als "Individualisierungsschock", dem sie nicht zu begegnen wissen. Selbstbestimmung zu praktizieren und einzufordern sind vermutlich Aspekte, die erst von der Generation bewältigt werden können, die in 30 oder 40 Jahren in die Heime kommt, da diese schon wesentlich offener und individualisierter sozialisiert worden und dann vielleicht auch eher an Mitbestimmung interessiert ist. Es stellt sich also die Frage, ob ein Heimbeirat der einzige Weg sein muss, um die Bedürfnisse der Bewohner wahrzunehmen, oder ob es darüber hinaus vielleicht weitere Möglichkeiten gibt, vielleicht in Form eines "Kummerkastens", so dass die Bewohner anonym und ohne viel Zwang zur Stellungnahme eine Möglichkeit zur Mitsprache bekommen.
Auch diejenigen, die im Heimbeirat tätig sind, scheinen die Aufgabe bzw. den Sinn der Tätigkeit mitunter nicht voll und ganz zu verstehen. So geht es den meisten weniger darum, Anregungen und Beschwerden von Bewohnern entgegen zu nehmen und falls erforderlich auf ihre Erledigung hinzuwirken, obwohl gerade die Mitglieder des Heimbeirates eine besondere Verantwortlichkeit für die Gemeinschaft haben und Ansprechpartner für die Bewohner, insbesondere für die neuen Bewohner, sein sollten. Der Heimbeirat stellt in den Augen mancher bedeutsame Positionen zur Verfügung, und das allein ist für einige Bewohner schon ausschlaggebend, um mitzumachen. Eine Position zu bekleiden, die das Gefühl vermittelt, "höher" zu stehen als der Rest der Bewohnerschaft, ist manchmal attraktiv genug, um sich für eine Teilnahme zu entscheiden. So kann man sich gegenüber den anderen Bewohnern als jemanden präsentieren, der nicht nur hilflos und unselbständig ist, sondern darüber hinaus auch die Rolle eines "bedeutsamen Bewohners" innehat. Es wird betrachtet wie das Emporklettern einer Hierarchieleiter. Die Belange der anderen bleiben dabei jedoch unbeachtet, vertreten werden nur die eigenen Interessen. Es ist Mitbestimmung im Alleingang.
"Könn Sie mir noch was, von dem Heimbeirat erzählen? Sie sagten, Sie sind hier im Heimbeirat?"
"Heimbeirat ja. Der Heimbeirat. Wie machen jeden Monat, ne Sitzung. Hab ich - Wir sind, hier sind ja wa druff, ( ) (Liesbeth) O., na die is 1,92 ne die kann niemande beißen ((lacht)) die kann niemande wehtun. Weil se hoch is. Frau ( ) sieht ganz schlecht. Frau Margarete S. kenn ich nich. Doktor (H.). Frau (R.) die war hier gewesen bei uns die is jetzt, extern. Frau Dr. ( ) und, die sind von draußen, extern machen die mit. Na ja."
"Aber was, ähm, was machen Sie denn da dort wenn Sie sich treffen?"
"Da wird bekannt gegeben, das macht die Frau, B. hier, die, Leiterin Betriebsleiterin oder wie sich das nennt. Und dann is och die Frau, die das Geld hat, wie heißt'n Doktor, ((überlegend)). Die war jetzt mit dabei. Und dann is noch eene von draußen, die sitzt in Köpenick offensichtlich. Uuund. Da wird gesagt was los is so. Oder jetzt z. B. hatten wir ne (Apothekenfrau) da, die hatten über die Medikamente gesprochen Polizisten hatten wa schon da wegen, Straßen und Straßenverkehr, und so. Da wird bekannt gegeben, äh was, was los is und, also sag'n wa mal, een Grillabend is am 22. Julei für unser Haus. Dann Sommerfest, und mit Einweihung gleich also im August am 12. August. Grillabend Sommerfest."
"Könn Sie denn dort irgendetwas, entscheiden, was, ähm, das Heim angeht? Was ihr Leben hier angeht?"
"((Stark bestätigend)) Jaaaa. Ja-jaaa. Da is der Küchenchef is mit dabei. Z. B. hatten wir, äh, is oben auf der Station 6. Die ham aus dem Tagesraum da nen Speisesaal gemacht weil das ziemlich eng war bei uns war's och eng. Und. Wenn am Tisch dreie, schon dreie sitzen und da komm Gabeln druff Servietten dann ne Blume noch, und Essen, da is kein Platz. Dis hab ich angesprochen und uff der letzten Sitzung dis is och geändert worden. Bloß jetzt bin ich der einzige der im Tagesraum essen geht. Die andern, die, die, die wolln da drinne bleiben bloß ich muss den Tagesraum, mir wurde een Platz zugewiesen nich mit wem ich mich zusammensetzen wollte sondern, wo ich mich hinzusetzen hab so ungefähr." (8. Interview)
Dass "da etwas bekannt gegeben wird" deutet auch darauf hin, dass das eigene Engagement zurückhaltend ist und sich eher auf ein passives Zuhören beläuft. Andererseits ist möglich, dass das Heim nur wenig Engagement wünscht und die Bewohner daher sich an diese Form der Einbindung angepasst haben. Eine Mitteilung von (möglicherweise bereits festgelegten?) Terminen stellt kein Einbezug in die Strukturierung des Alltags und der Freizeitplanung dar. Auch der Vorschlag des Bewohners zur Umstrukturierung der Essensräume wurde anders umgesetzt, als es vermutlich ursprünglich von ihm beabsichtigt gewesen ist. Der Grund hierfür mag in der fehlenden Kommunikation zwischen Beiratsmitglied und Bewohnerschaft liegen. Kontakt zu den anderen (auch pflegebedürftigen) Bewohnern halten und Gespräche führen sind eigentlich die Grundvoraussetzungen, um Bedürfnisse und Sorgen erkennen zu können und um so möglicherweise als Gruppe eine Veränderung zu fordern. Die Tätigkeit im Heimbeirat, wenn sie aus reinem Eigennutz erfolgt, stellt keinen Gewinn für die Bewohnergemeinschaft dar, so dass Veränderungswünsche, die eigentlich alle betreffen (könnten), letztendlich auch im Alleingang realisiert werden müssen. Wichtig wären ein gutes Verhältnis und ein Klima, das von Vertrauen geprägt ist, zwischen Heimbeirat und Bewohnerschaft. Aufgrund der fehlenden Kommunikation besteht hier offensichtlich ein erhebliches Defizit, so dass die Lebensqualität aller Bewohner durch solch ein Missverhältnis maßgeblich beeinträchtigt werden kann.
Auch in der Einrichtung 1 bemängelt die Vorsitzende des Heimbeirates die Kommunikation zwischen dem Heimbeirat und den Bewohnern. Auf die Frage, ob sie glaubt, durch die Arbeit des Heimbeirates Verbesserungen für die Zukunft bewirken zu können, reagiert sie skeptisch, da die Bewohner, die eine Beschwerde an sie herantragen (z.B. hatte eine Bewohnerin ihr gegenüber den Wunsch geäußert, zu jeder Zeit ihr Zimmer abschließen zu dürfen) keine Möglichkeit haben, sich über den Ausgang der Sitzung, in der das Problem besprochen wurde, zu informieren. Die Vorsitzende informiert die Betreffenden persönlich, ohne dass dies zu ihren Aufgaben gehört. Positiv erscheint allerdings der Umstand, dass in diesem Fall dieses Heimbeiratsmitglied auch ein aktives Engagement zeigt und dieses auch anscheinend von den anderen Bewohnern wahrgenommen und genutzt wird, indem sie sich der Vertreterin des Beirates anvertrauen.
"Ich hab nun zu Herrn S. gesagt: Mhh is ja sehr schön dass sie hier diese Niederschrift machen, aber die Betreffenden, die dis sich die dis mir gesagt haben und irgendwie was auszusetzen hatten, die erfahren ja gar nicht wie das ausgegangen ist. Nun hat er gesagt: Ja, wir werden dann das nächste Mal entscheiden was wa veröffentlichen. Nich, denn sonst ist das ja. Die die die Dame kriegt ja hier gar nicht die Niederschrift, das se ihre Tür zuschließen kann, war doch eine, nich. (.) Muss es aber den Betreffenden sagen, wenn nicht gesagt bekomme passiert nicht."
"Und werden die Betreffenden jetzt äh jetzt gar nicht informiert?"
"Ich hab nun die Dame angerufen. Die war selig, dass ich ihr das gesagt hab. Also ich weiß auch nicht warum sie die Tür zuschließt. Ich mein, ich schließ meine nie zu. Ich klapp se zu und fertig. Ja, sie fühlt sich nur wohl, wenn sie weiß ihre Tür ist zugeschlossen. Na ja, alte Menschen, nich. Haben alle ihre Eigenarten. (Lachen)" (3. Interview)
Interessant ist auch die Frage, ob sich unter den Heimbeiratsmitgliedern intensivere Kontakte entwickeln können als bei den anderen Bewohnern, da diese Bewohner regelmäßig miteinander in Kontakt stehen, der Kontakt und deren Kommunikation über Smalltalk hinausreicht und sie durch eine gemeinsame Aufgabe miteinander verbunden sind.
"Treffen sie sich mit den andern Mitgliedern auch außerhalb der Sitzungen? Also auch zwischendurch?"
"Nein nein, wenn wa uns mal so treffen, nein nein nein. Die sind da und wenn i- äh wenn wir uns treffen in e-, aber wir sehen uns alle vier Wochen, da wird alles (auch gleich) erledigt. Wenn wa uns mal treffen, denn haben wa gar keine Zeit." (11. Interview)
Die Mitgliedschaft in einem Heimbeirat scheint nicht dazu zu führen, dass diese Bewohner eher als andere Bewohner dazu neigen, intensivere Kontakte untereinander aufzubauen, sondern die Distanz wird auch hier zu den anderen Heimbeiratsmitgliedern gewahrt. Das könnte auch daran liegen, dass die Bewohner wahrscheinlich nicht in der Lage sind, nach ihren Vorstellungen bestimmte Interessen umsetzen zu können. Aus diesem Grund können sich die Bewohner schwieriger mit der Arbeit des Heimbeirates identifizieren, was wiederum, vor allem in der zweiten Einrichtung, verstärkt passive Verhaltensmuster hervorruft.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Möglichkeit, etwas zu verändern oder verändern zu können, gar nicht erst in Erwägung gezogen wird bzw. die Frage danach löst völliges Unverständnis aus. Den Heimbewohnern müsste vielmehr das Gefühl vermittelt werden, Entscheidungs- und Mitspracherechte zu haben, allerdings lässt sich schwer sagen, auf welchem Wege. Das Gefühl, in der Hierarchie ganz "unten" zu sein, müsste grundlegend reduziert werden. Die Institution wird zu sehr als übergeordnete Macht empfunden, der man hilflos und weitestgehend unmündig ausgeliefert ist. Insbesondere in Bezug auf die eigenen Wünsche wird resigniert ("Es kann sich ja doch nichts ändern."). Der Heimbeirat stellt das Gremium dar, das die Bewohner als Sprachrohr für ihre Belange und Sorgen nutzen sollten, aber selbst die Beiratsmitglieder sind in der Mehrheit davon überzeugt, mit ihrer Arbeit wohl nichts Wesentliches verändern zu können. Der Heimbeirat wird von Bewohnerseite her nicht ernst genommen, oder auch nicht verstanden. Das Gefühl, generell nichts entscheiden zu können, könnte möglicherweise mit kleinen Maßnahmen entkräftet werden, indem man den Bewohnern kleine Aufgaben aufträgt. Gleichgültigkeitstendenzen und Frustrationsanfälle können so bis zu einem bestimmten Level möglicherweise gut ausgeglichen werden.

