4. Darstellung der Ergebnisse:
Ursachen von Einsamkeit bei Heimbewohnern
4.2.6. Mangel an Aufgaben und Verantwortung
Heimbewohner haben nur noch selten kleine Aufgaben zu bewältigen, die sie beschäftigen, ihnen Verantwortung verleihen und die Zufriedenheit steigern. Gerade die umfassende Entlastung von Aufgaben und Verantwortung im Rahmen der Versorgung im Heim begründet die Untätigkeit und das Gefühl der Funktionslosigkeit der Bewohner. Unseres Erachtens können schon kleine Aufgaben, die nicht nur die Zeit verkürzen, sondern auch mit Sinn gefüllt sind und sich unmittelbar auf die Verbesserung der Lebensbedingungen der Bewohner beziehen, dazu beitragen, die Langeweile und Inhaltsleere im Heim zu verkleinern. Insbesondere folgende kleine Aufgaben wären denkbar: ein Küchenbuch inklusive Beschwerden oder eine Geburtstagsliste führen von den Bewohnern im Wohnbereich und eventuell Geld für ein kleines Geschenk/Blumen einsammeln. Durch die Delegation kleiner Aufgaben an die Heimbewohner können darüber hinaus die Kontakte untereinander ins Rollen gebracht werden. Allerdings können Aufgaben auch nicht mehr wahrgenommen werden, oder nicht mehr in dem ursprünglichen Umfang, wenn der gesundheitliche Zustand sich verschlechtert, insbesondere dann, wenn durch Gebehinderung kaum mehr das eigene Zimmer verlassen werden kann. Daher wäre es wichtig, neue Wege zu finden, die an die neue Situation angepasst sind. Stehen bestimmte Aufgaben zur Verfügung, werden diese sehr ernst genommen und die Bewohner bekunden mitunter ein hohes Interesse daran.
"(.) Und ich hab noch die Aufgabe, ich schreibe ein Buch. Hab ein Büchlein, wo ich jeden Tag das Essen eintrage, ob's nun sehr schlecht war, ob's kalt manchmal kommt. Denn die Küche ist ja in Haus drei. Mit den gehen manchmal ist es nicht so warm, wird angeschrieben. ODER es war heute sehr versalzen. ODER wie dis so is. Da führ ich ein Buch. Und jede Woche kriegt die Küche das Buch von mir und kann sehen. Ich kann's ihnen auch zeigen (.) und dis macht mir so weit Spaß (.)" (11. Interview)
Ein Großteil der mobilen Bewohner betrachtet die Unterstützung von stark pflegebedürftigen oder gehbehinderten Bewohnern als gute und zufrieden stellende Möglichkeit, um regelmäßig einer Aufgabe nachzugehen. Das Gefühl gebraucht zu werden, kann vor allem über solche Unterstützungsleistungen realisiert werden.
"Gibt es Menschen, die sie brauchen?"
"Ja! Zum Beispiel, wenn hier welche mit Wagen unten sin, hier auf der Terrasse und dann geht es sonn bisschen hoch, wenn Se reinfahrn wolln. un da komm se nich rein, ich hab' ( ), dann drehn se den Wagn um, dann wolln se rückwärts, das geht auch nich, dann spring' ich auf un dann fahr-, schieb ich se hoch, un wenn se oben sind, dann fahrn se allein. Also, es gibt Menschen, die man helfen kann un die ein brauchen. Ja! Und die bedanken sich nich einmal, bloß zehnmal, ja! Dass kann ich noch, Gott sei Dank, ja! Ja! (10. Interview)
Aber nicht nur zufällige Unterstützungsmaßnahmen können einen positiven Einfluss auf das Wohlbefinden ausüben, sondern insbesondere feste, regelmäßige Kontakte vermitteln das Gefühl einer verbindlichen Verantwortung und stellen somit eine sinnerfüllte Tätigkeit dar. Im Zuge der Betreuung anderer Bewohner können sich möglicherweise vertraute Kontakte entwickeln, da die Beziehung - auch wenn es sich nur um eine "Pflegebeziehung" handelt - zwischen betreutem und betreuendem Bewohner weniger asymmetrisch aufgebaut ist als beispielsweise die Beziehung zwischen Personal und Bewohner. Dadurch, dass beide Bewohner trotz unterschiedlicher gesundheitlicher Einschränkungen den Status des Patienten bzw. Klienten teilen, fällt ein wirkliches sich aufeinander einlassen vermutlich wesentlich leichter, da die Beziehung auf Gleichwertigkeit basiert. Auch der Umstand, dass die Betreuung nicht innerhalb eines festgelegten Zeitrahmens erfolgen muss, sondern je nach Bedürfnis jederzeit variiert werden kann, erhält die Beziehung sicherlich einen weiteren Qualitätsschub. Grundvoraussetzung bei unterstützenden Maßnahmen ist aber immer - wie auch bei allen anderen Kontakten zwischen Bewohnern - ein ähnliches Niveau an geistiger Leistungsfähigkeit. So konnten wir nicht beobachten, dass die Bewohner auch die Betreuung dementer Personen übernahmen.
"Ich hab zwei Schützlinge mir immer ausgesucht. Eine Frau K. (.). Die hat immer das eine Bein so fest bandagiert. Um die kümmer ich mich. Und hier oben eine Frau Z., die kann bloß noch so immer gucken, die hat mit dem Halswirbel was. Und die eine bringe ich früh runter, die andere bringe ich abends in ihr Zimmer. Die wohnt im 2. Stock. Die wohnt hier im 4. Also das sind zwei Frauen die mir sehr sympathisch sind. Die auch geistig. Mit denen kann ich mich unterhalten. Was anderes hat ja für mich gar keinen Zweck." (1. Interview)
Generell wird auch mitunter die Notwendigkeit erkannt, dass stark pflegebedürftige Bewohner, die möglicherweise das Zimmer nicht mehr verlassen können, Unterstützung in Form von regelmäßigen Gesprächen benötigen. Gerade solche Kontakte können sich unseres Erachtens nach und nach zu einer Vertrauensbeziehung entwickeln, die dem betreuten Bewohner dann das Gefühl vermittelt, als Individuum mit eigenen, ganz speziellen Bedürfnissen berücksichtigt zu werden, zumal dann, wenn dessen Wünsche an die Heimleitung weiter getragen werden.
"Leute, denen es nich so gut geht, die nich mehr so können, da geh ich dann hin, also so alle vier Tage, schau ich schon vorbei, jaa. Gibt's was Neues, was haben Se für Sorgen oder irgendwas und dis gebe ich weiter." (11. Interview)
Allerdings sehen sich wohl nur die wenigsten Bewohner in der Lage, die Verantwortung für einen anderen Bewohner zu übernehmen, da es zum einen eine physische Belastung darstellt, die den Bewohner mitunter an seine Grenzen kommen lässt. Zum anderen ist aber wahrscheinlich nicht jeder gewillt, die psychische Belastung, die solch eine Betreuung auch darstellen kann, zu tragen. Aufgabenbereiche über die Betreuung stark pflegebedürftiger bzw. gehbehinderter Bewohner hinaus, existieren im Heim kaum bzw. werden selten an die Bewohner herangetragen. Da nicht jeder mit anderen Menschen gern in Form von Betreuung oder Unterstützung zusammen arbeitet, aber dennoch das Bedürfnis nach einer Aufgabe verspürt, sollten auch für jene Bewohner, die sich noch imstande sehen, etwas zu tun, "Wahlpflichtbereiche" zur Verfügung gestellt werden (z.B. die Fütterung der Fische im hauseigenen Aquarium, Blumenpflege, kleine Bürotätigkeiten, Tätigkeiten im Küchenbereich). So sollte Bewohnern insbesondere nur da geholfen werden, wo sie selber tatsächlich nicht weiter kommen.
"Dass man hier gebraucht wird? Nee, kann man so nicht sagen. Also, das Personal gibt sich Mühe, dass sie das selbst alles bewältigen können. Die freuen sich natürlich, wenn man mal schnell irgendwas, sollte zu greifen, ist schon richtig. Aber ansonsten so. machen die hier wirklich alles alleine." (4. Interview)
Das Ausmaß an Funktionslosigkeit lässt bei Bewohnern mitunter auch den Wunsch entstehen, die Verantwortung für ein Kind zu übernehmen. Auch wenn dies im Rahmen einer Einzelbetreuung rechtlich nicht möglich wäre, so könnte ein Heim solch einen Wunsch dennoch aufgreifen und beispielsweise über eine Partnerschaft zu einer nahe gelegenen Kindertagesstätte nachdenken. Durch das Schaffen einer regelmäßigen Begegnungsmöglichkeit zwischen Kindern und alten Menschen, die über weihnachtliches Vorsingen hinaus geht, würden die Bewohner nicht nur die Möglichkeit erhalten, neue Beziehungen aufzubauen und sich möglicherweise untereinander darüber auszutauschen, sondern sie könnten dadurch auch neue Aufgaben wahrnehmen, die sich sonst im normalen Tagesablauf nicht ergeben würden. Darüber hinaus könnte durch einen steten Kontakt zu den Kindern einer bestimmten Kitagruppe eine fehlende Großelternrolle ersetzt werden. Insbesondere bei denjenigen, die kaum oder keinen Besuch von außerhalb erhalten, würde solch ein Projekt sicherlich maßgeblich die Lebensqualität verbessern.
"Als ich vorges Jahr gekommen bin hab ich gesagt: Ich suche hier een kleen Junge oder een kleenes Mädel, von irgendeen Angehörigen oder was wees ich. Die, die vielleicht, keen Vati hat oder was wees ich und, soo, die würd ich hier een bissel, so, betreuen, so ne Kleene, mal ne Tafel Schokolade oder. Na ja. Da wurde gesagt das darfste nicht, da bevormunden. Da hab ich aber eene gefunden, hier meine Prinzessin ((deutet auf ein Foto von dem Kind)), da isse och die Kleene hier, Laura, von eener Schwester. Oder Pflegerin die Tochter is das. Die hat keen- der Vater der also die leben nich zusammen. (.) Da hab ich mal, für de Sparbüchse, was gegeben und so. Und, da kam se dann sagt se: Herr B. ich darf das nich mehr. Sonst werd ich entlassen. (.) Ich hab da gerne mal jemanden ja nu meine kleene hier, die war och hier neulich, mit der Mutti abends halb neune besucht. Die kennt mich ja och fast nich mehr. Sonst kam se ab und zu mal." (8. Interview)
Das Gefühl der Einsamkeit, des Abgeschobenseins und des tatenlosen Leerlaufs aufgrund der großen Menge an freier Zeit, die irgendwie gefüllt werden möchte, könnten in Gegenwart von Kindern reduziert werden, wenn gemeinsame Erlebnisse zwischen den Bewohnern und den Kindern geschaffen werden können. Gruppentreffen könnten auch ein Ansporn sein, Fähigkeiten und Fertigkeiten zu üben, die sonst verloren gehen würden, beispielsweise das Üben von Lesen, um den Kindern eine Geschichte vorlesen zu können. Das Nichtstun und die Gleichförmigkeit aller Tage bestimmen i. d. R. den Heimalltag, wobei wir insbesondere in der zweiten Einrichtung ein Klima der allgemeinen Langeweile ausmachen konnten.
"Nen typischen Tag. Typisch sind hier alle Tage gleich (.)" (7. Interview)
Aktivitäten, die die Zeit verkürzen, bleiben ohne ein Ziel und beschränken sich in aller Regel auf das Fernsehen im eigenen Zimmer. Selbst wenn die Tätigkeiten als überaus langweilig empfunden werden, werden keine anderen Möglichten der Alltagsgestaltung in Erwägung gezogen. Oftmals scheint den Bewohnern nichts anderes einzufallen, als allein auf dem Zimmer den ganzen Tag fernzusehen, obwohl es langweilig ist. Für viele bedeutet Geselligkeit wohl ein Aufwand, der nicht zu leisten ist. Statt Fernsehsendungen gemeinsam mit jemandem anderen anzuschauen, um so eventuell unmittelbar in den Austausch treten zu können, wird die Einsamkeit vor dem Fernseher vorgezogen.
"Was machen Sie so den ganzen Tag, wenn Sie hier sind, vormittags und nachmittags?"
"Fernsehgucken. ((lange Pause von mehreren Sekunden))"
"Ist es manchmal so dass Sie sich langweilen hier?"
"Ja also wenn ich schon früh wieder abends vorm Fernseher sitze. Nu, ich meine jetzt geht's jetzt sind Europameisterschaften Fußball dann is die Tour de France dann sind Olympische Spiele. Ich bin ja Sportfan durch und durch." (8. Interview)
Die Höhepunkte des Tages stellen oftmals die Mahlzeiten dar, allerdings scheint ein unverträgliches Maß an Langeweile erreicht zu sein, wenn selbst diese "Höhepunkte" völlig eintönig und einfallslos sind. Wenn selbst da nichts passiert, wo ein gewisses Maß an Abwechslung noch erwartet werden könnte, beispielsweise durch "Themenwochen" oder weniger anspruchsvoll durch das Bereitstellen verschiedener Säfte und nicht nur eines einzigen, muss auch der Bewohner die Hoffnung aufgeben, dass diese Langeweile irgendwann doch noch durchbrochen werden könnte. Resignation verdichtet sich zu einem Klima der Gleichgültigkeit - ob etwas passiert oder nicht und ob der Tag mit Sinn erfüllt war, spielt irgendwann keine Rolle mehr.
"Tja, kann ich aufstehn und (4) (seufzt) 8 Frühstück, ja, bis neune, meistens, is denn so halb 12 (straffer Ton:) Mittag, denn Nachmittag Kaffetrinken (da bleibt man dann immer so'n bisschen ) da gibt's ne Tasse Kaffe, paar Kekse, dit is nich doll, aber (dit macht mir nichts statt Kuchen) (lacht) ja, und Abendbrot gibt es um 5, halb 6, ja? ja, und dann is Schluss! Dann geht man aufs Zimmer, guckt Fern oder, ja, was macht man den dann? (lacht) (ist nicht sehr amüsant) is doch alles sehr langweilig und so, aber man gewöhnt sich an alles. (4)" (9. Interview)
Die Heimstrukturen in der zweiten Einrichtung stellten sich uns viel starrer dar als die Heimstruktur der ersten Einrichtung, mit weniger Möglichkeiten, selbst bestimmt den Tag zu gestalten, mit weniger und uninteressanteren Freizeitangeboten und insgesamt weniger Abwechslung. Wir sind zu dem Schluss gekommen, dass Bewohner, die in Einrichtungen mit sehr starren Strukturen leben und keine Möglichkeiten haben, Aufgaben zu finden und zu übernehmen, einen Tag wie den anderen erleben. Es gibt kaum Abwechslung und die Bewohner geraten dadurch ins Stocken beim erzählen und wissen eigentlich gar nicht, was sie über ihren Heimalltag berichten sollen. Das war in dem ersten Heim anders, dort wurde fast jeder Tagespunkt geschildert, aber nichtsdestotrotz wurden die Mahlzeiten besonders gründlich ausgeführt. Die befragten Bewohner aus der ersten Einrichtung sind generell selbstständiger und ausführlicher den Erzählaufforderungen gefolgt, was daran liegen kann, dass diese Bewohner die Möglichkeit erhalten noch weitgehend selbst bestimmt ihr Leben gestalten zu können. Wenn den Bewohnern ein Tag wie der andere erscheint, weil sie kaum einen Einfluss darauf haben, wie sich für sie der Tag gestaltet, dann kann einem Menschen schnell langweilig werden. Aus der Langenweile kann sich eine gleichgültige Haltung entwickeln, die auch in Frustration umschlagen kann, wenn einem bewusst wird, dass man so ein Leben nicht leben will und nichts daran ändern kann. Vielleicht sollten insbesondere "Patenschaften" generell in Heimen mehr Gewicht erhalten und seitens des Personals oder der Heimleitung stärker unterstützt werden, z.B. durch die Vermittlung von "Patenschafts"-partnern in Form eines Aushangs. Zumindest scheint diese gegenseitige Hilfe gerne angenommen und geleistet und auch als Möglichkeit betrachtet zu werden, miteinander leichter und schneller in Kontakt zu kommen.

