4. Darstellung der Ergebnisse:
Ursachen von Einsamkeit bei Heimbewohnern
4.3. Umweltbedingte Faktoren
Einleitend soll darauf hingewiesen werden, dass die umweltbedingten Faktoren für die Gruppe der Heimbewohner eine besondere Rolle spielen, da diese im Vergleich zu anderen Bevölkerungsgruppen unselbstständiger sind, über einen sehr kleinen Aktionsradius verfügen und häufiger auf Hilfe von anderen Menschen, Geräten und Orientierungshilfen angewiesen sind. Ältere Menschen und im Speziellen Heimbewohner sind empfindlicher und auch verletzbarer hinsichtlich ihrer Umweltabhängigkeit, denn durch Hindernisse schränkt sich ihr Bewegungs- und Handlungsspielraum stärker ein, als bei jüngeren Menschen.
Es soll noch darauf hingewiesen werden, dass wir uns von den Beobachtungen der Räumlichkeiten nur ergänzende Informationen erhofften, um die Bedingtheit von sozialen Kontakten in den Heimen durch weitere mögliche Faktoren begründen zu können. Daher haben die hier vorgestellten Ergebnisse nur einen überblicksartigen Charakter.
Ziel soll es sein, durch den Vergleich zweier stationärer Einrichtungen, einzelne Vor- und Nachteile der umweltbedingten Faktoren zu identifizieren. Es soll nicht der Anspruch entstehen, aus den hier gewonnenen Ergebnissen praxisrelevante Empfehlungen für bestimmte Bau- und Gestaltungsmaßnahmen abzuleiten. Dazu werden weitere Untersuchungen notwendig sein, wo dieses Ziel im zentralen Forschungsinteresse steht.
Die baulichen und gestalterischen Gegebenheiten der beiden von uns untersuchten stationären Einrichtungen der Altenhilfe ähneln sich darin, dass in beiden Einrichtungen den Bewohnern privater und gemeinschaftlicher Wohnraum zur Verfügung steht. Jedoch die Orte, an denen Heimbewohner gezielt oder zufällig zusammentreffen und die auch gemeinschaftlich mit den Angehörigen, Freunden und Bekannten, die außerhalb des Heims leben, genutzt werden können, können sich in der Konzeption und in der Ausstattung von Einrichtung zu Einrichtung gravierend voneinander unterscheiden.
In diesem Kapitel werden neben den privaten Wohnbereichen der Heimbewohner, die gemeinschaftlichen Wohnbereiche beschreibend dargestellt, die wesentlichsten baulichen und gestalterischen Unterschiede herausgearbeitet und ggf. bewertet.
Zunächst soll ein Überblick über die Orte gegeben werden, die in den Beschreibungen der Bewohner beim sozialen Austausch eine Rolle spielten. Durch den direkten Vergleich der beiden von uns untersuchten Einrichtungen wollen wir versuchen, die potentiellen baulichen und gestalterischen Faktoren zu identifizieren, die Einfluss auf das Kontaktverhalten der Heimbewohner haben können. Für die meisten Heimbewohner, die in der Mehrheit hochaltrig und in der Regel physisch wie psychisch in ihren Kompetenzen eingeschränkt sind, beschränkt sich die Umwelt auf die räumlichen Gegebenheiten des Heims. Daher sind diese für das Interaktionsverhalten von unmittelbarer Bedeutung. Abschließend werden die wichtigsten Aspekte zusammengefasst.
- 1) Die Privatzimmer der Bewohner
Beide Heime, die im Rahmen dieser Arbeit untersucht wurden, verfügen mehrheitlich über Einzelzimmer. Dem Privatbereich der Heimbewohner kommt eine besondere Bedeutung in Anbetracht der Tatsache zu, dass die Heimbewohner die meiste Zeit des Tages in ihren eigenen Zimmern verbringen.
Da das Privatzimmer der Bewohner nach dem Heimeinzug, so weit das überhaupt möglich ist, das alte Zuhause ersetzen muss, sollte dieser Bereich vor allem auch vom Personal als solcher geachtet und nicht nur als Arbeitsbereich angesehen werden, weil das Bewohnerzimmer in einer stationären Einrichtung den einzigen annähernd privaten Lebensbereich eines Bewohners darstellt. Die Achtung der Privatsphäre wirkt sich unserer Einschätzung nach auch positiv auf die Kontaktsituation der Heimbewohner aus, weil die Bewohner dadurch die Möglichkeit erhalten, sich ungestört mit jemandem zu treffen und sich offen auszutauschen, ohne dabei befürchten zu müssen, überrascht zu werden, indem beispielsweise das Personal ohne anzuklopfen das Zimmer betritt - so wie es im zweiten Heim z.B. während der Durchführung der Interviews häufig der Fall war. Die Privatsphäre der Bewohner war in der Einrichtung 2 unserer Meinung nach relativ stark beeinträchtigt. Auf diese Art wird den Bewohnern im Grunde ein respektvoller Umgang verwehrt, was sich wiederum negativ auf das Selbstwertgefühl der Bewohner auswirken kann.
Darüber hinaus sollten die Zimmer eine gewisse Größe haben, damit die Bewohner die Möglichkeit erhalten, sich in ihrem "Reich" frei entfalten zu können. Dazu gehört auch die Möglichkeit, dass das Zimmer nach eigenen Vorlieben möbliert und mit persönlichen Dingen ausgestattet werden kann. Die Vermutung liegt nahe, dass die Bewohner an ihren alten persönlichen Einrichtungsgegenständen hängen und deren Verlust die Bewohner schmerzlich berühren würde, wodurch sich auch die Eingewöhnungsphase für die Bewohner noch schwieriger gestaltet. Im Idealfall sollte jedem Bewohnerzimmer zusätzlich ein eigener Sanitärbereich angegliedert sein, sowie eine kleine Kochnische und ein Balkon. Dieses Ideal wurde von der Einrichtung 1 weitgehend umgesetzt. Je mehr der individuelle Wohnbereich einem Appartement ähnelt, desto höher gestaltet sich auch der Selbstbestimmungsgrad eines Bewohners. Dies trägt erheblich zu einer Verbesserung der Lebensqualität bei, was wiederum einen positiven Effekt auf die Bereitschaft und die Umsetzung von Kontakten hätte.
Nach den Angaben der jeweiligen Homepage der stationären Einrichtung ist es in beiden Häusern den Bewohnern gestattet und gar begrüßt, das eigene Zimmer selbstständig zu gestalten.48 Trotzdem konnten wir gravierende Unterschiede in der Ausstattung zwischen den einzelnen Bewohnerzimmern der Heime feststellen.
Vor allem im ersten Heim waren die Zimmer sehr privat und wohnlich mit persönlichen Ausstattungsgegenständen eingerichtet, während im zweiten Heim die Zimmer eher Krankenhauscharakter besaßen, wo oftmals nur ein Sessel und der Fernseher aus dem Eigentum des Bewohners stammte und es sich beim Rest um heimeigene Möbel handelte, so dass fraglich ist, inwiefern dies noch motivierend wirkt, um einen anderen Bewohner oder auch Angehörige, Freunde und Bekannte von außerhalb zu sich einzuladen. Außerdem verfügten die Bewohnerzimmer in der Einrichtung 2 nur z. T. über einen eigenen Balkon, und ein Teil der Bewohner musste sich den Sanitärbereich mit weiteren Bewohnern teilen, da nicht in jedem Zimmer eine eigene Toilette mit Dusche integriert war.
Die Kontakte zwischen den Heimbewohnern finden überwiegend in den Heimbereichen statt, die zur gemeinschaftlichen Nutzung konzipiert worden sind. Den wenigen Kontakten, die dann aber doch auf den Privatzimmern der Bewohner realisiert werden, kommt eine besondere Bedeutung zu, da man dem anderen auf diese Weise gewissermaßen den Zutritt in die eigene, private kleine "Welt" gewährt und somit auch dem Zusammentreffen intimen Charakter verleiht. Darüber hinaus entzieht sich ein Treffen auf dem Zimmer weitestgehend der Beobachtung durch die anderen Bewohner. Möglicherweise lässt dies aber auch bei den Bewohnern die Befürchtung entstehen, dass dieses Treffen in Verbindung mit dem Seltenheitswert mit einer erhöhten Aufmerksamkeit von den anderen Bewohnern registriert und in unerwünschter Weise thematisiert wird. Darin ist vermutlich ein weiterer Grund zu sehen, dass die Mehrheit der Bewohner davor zurückscheut, den Kontakt zu dem einen oder anderen Mitbewohner zu intensivieren, insbesondere wenn es sich um Kontakte zwischen Männern und Frauen handelt.
Aus den Interviews ging hervor, dass die gegenseitigen Besuche auf den Zimmern auch häufig nur von kurzer Dauer sind, was vielleicht daran liegt, dass zuviel Nähe aus den unterschiedlichsten Gründen nicht zugelassen wird oder auch aufgrund gesundheitlicher Beschwerden, die längere Treffen nicht mehr zulassen.
Das eigene Zimmer ist der einzige Ort im Heim, wo die Bewohner sich zurückziehen, sich ausruhen und Energie sammeln können. Aus diesem Grund vermuten wir auch, dass Bewohner die in einem Einzelzimmer leben, eine größere Bereitschaft zeigen, mit den Mitbewohnern in Kontakt zu treten und auch besser mit Konfliktsituationen umgehen können, da sie die Möglichkeit haben, sich zurückzuziehen, wenn sie das Bedürfnis danach haben.
In Anbetracht der Tatsache, dass die Heimbewohner in einer Art "Zwangsgemeinschaft" zusammenleben, hat es sich herausgestellt, dass die Mehrheit der Bewohner ein Einzelzimmer dem Zweibettzimmer vorzieht, vor allem jene die bereits beide Wohnformen ausprobiert hatten. Aus diesem Grund wäre anzuraten, dem Bewohner selbst die Wahl zu überlassen, ob dieser in einem Mehrbett- oder einem Einzelzimmer leben möchte, da ein Zwei- oder Mehrbettzimmer nicht automatisch das Einsamkeitsrisiko verringert, sondern tendenziell den Selbstbestimmungsgrad weiter einschränkt.
Die Unterbringung im Doppelzimmer ruft nach dem gegenwärtigen Erkenntnisstand eher Erfahrungen der eingeschränkten Privatsphäre hervor, so dass diese Wohnsituation von vielen als sehr belastend empfunden wird. Vor allem die dauernde Kontrolle oder Beobachtung durch den anderen, die abweichenden Tages- und Schlafrhythmen und die reduzierte Intimsphäre sind für die meisten Bewohner nur schwer tolerierbar und erschweren dem Bewohner nur unnötig die Lebenssituation im Heim. Sicherlich gibt es auch Bewohner die angeben, gerne mit ihrem Zimmernachbarn zusammenzuleben und die sich mit diesem gut arrangieren und verstehen, aber dennoch stellen diese Bewohner unserer Ansicht nach eine Ausnahme dar.
- 2) Wohnbereich/ Flure
Der Flur scheint der Ort zu sein, wo man sich häufig trifft, nämlich immer dann, wenn man das Zimmer verlässt oder auf dem Weg zum Zimmer ist (und das passiert ja mehrmals am Tag). Da die Heimbewohner überwiegend zufällig aufeinander treffen und nur die wenigsten sich miteinander verabreden, um etwas gemeinsam zu unternehmen, kommt auch dem Flur in dem jeweiligen Wohnbereich eine besondere Bedeutung zu. Der Flur sollte demnach auch als Ort sozialer Zusammenkünfte verstanden werden und baulich so gestaltet sein, dass dort jederzeit verweilt werden kann. Das ist nicht leicht umzusetzen, da der Flur in erster Linie die Funktion eines Durchgangs erfüllen muss.
In beiden Heimen wirkte der Flur eher zweckgebunden und nicht als ein Ort, der zum verweilen einlädt. In der Einrichtung 1 ist uns allerdings positiv aufgefallen, dass die Flure der einzelnen Wohnbereiche, sich nicht nur durch kleine Farbakzente und durch eine Nummer an der Wand voneinander unterschieden, sondern gänzlich unterschiedlich gestaltet waren. Beispielsweise hingen im Flur des einen Wohnbereichs viele Fotos, die allesamt aus dem Privatbesitz der dort lebenden Bewohner stammten, auf einer anderen Etage hingen Gemälde von diversen Künstlern. Das hat zum einen den Vorteil, dass dieses Einrichtungskonzept die Orientierungsfähigkeit der Bewohner unterstützt, da diese mit einem Blick aus dem Fahrstuhl feststellen können, in welcher der Etagen sie sich befinden. Der andere Vorteil liegt darin, dass die einzelnen Etagen dadurch einen wohnlichen Charakter erhalten, was sich stimulierend auf die Bewohner auswirken kann.
Dennoch scheinen die getroffenen Gestaltungsmaßnahmen nicht auszureichen, da laut den Bewohnern sich auch in der Einrichtung 1 einige der Bewohner häufig verirren. Die Verwechslung der Zimmertür scheint kein unbekanntes Problem zu sein und hängt vermutlich mit der linearen Anordnung der Zimmer entlang eines häufig langen Flures zusammen.
Insbesondere in der Einrichtung 2 vermittelten die Flure den Eindruck eines endlosen Korridors. Die Flure auf den einzelnen Wohnetagen waren kaum voneinander zu unterscheiden, weil die Flure ohne groß auffallende optische Reize konzipiert waren. Von daher war es auch schwierig, die einzelnen Zimmertüren voneinander zu unterscheiden. Vorteilhaft in dieser Einrichtung erschien uns allerdings die Anordnung der Zimmer in Bezug auf Kontaktchancen zu anderen Bewohnern zu sein. Allein der Umstand, dass die Leute nebeneinander wohnen, reicht sicherlich noch nicht aus, um sich kennen zu lernen. Immer zwei Zimmer waren hier zwar räumlich getrennt aber durch einen gemeinsamen Vorraum bzw. kleinen Flur zusammengefasst, wo beispielsweise Garderobe oder Schuhe untergebracht werden konnten. Zumindest kann aufgrund dessen von einer Erhöhung der Kontaktfrequenz zwischen den jeweiligen Bewohnern ausgegangen werden.
Wenn der Flur nicht nur als Verkehrsfläche verstanden wird, sondern auch oder gerade als Treffpunkt oder Versammlungsort mit entsprechenden Anreizen wie Volieren, Pflanzen usw., wären zumindest schon die Voraussetzungen für eine erleichterte Kontaktaufnahme gegeben.
- 3) Aufenthalts- bzw. Gemeinschaftsräume auf den Etagen
Der gemeinschaftliche Wohnbereich auf den Etagen ermöglicht den Bewohnern, untereinander ungezwungen und unverbindlich in Kontakt zu kommen. Dabei erscheint es von Vorteil, wenn dieser Bereich, ebenso wie die eigenen Zimmer, individuell und wohnlich eingerichtet und gestaltet werden.
In beiden Heimen standen den Bewohnern zwei gemeinschaftliche Wohnbereiche bzw. zwei Gemeinschaftsräume zur Verfügung. In der Einrichtung 2 waren die einzelnen Etagen so konzipiert, dass sich die beiden Gemeinschaftsräume zentral in der Mitte des Flurs bzw. der Wohnetage befanden. Die sich gegenüberliegenden Gemeinschafträume waren zwar räumlich vom Flur abgetrennt, aber jeweils vom Flur durch große Glasfenster einsehbar. Die Gemeinschafträume in dieser Einrichtung waren alle gleich mit heimstandardisierten Möbeln eingerichtet, was sehr kalt und ungemütlich wirkte. Darüber hinaus konnten wir keinen Anreiz zur Nutzung (z.B. durch Schaffung von Beschäftigungsanreizen, wie beispielsweise durch eine gute Beobachtungsposition, Auslage von Zeitschriften etc.) für diesen Bereich erkennen. Dass sich der dortige Aufenthalt daher offensichtlich sehr langweilig gestalten würde, könnte ein Grund dafür sein, warum die Bewohner den Raum nicht nutzten.
In der Einrichtung 1 hingegen waren die beiden zur gemeinschaftlichen Nutzung konzipierten Wohnbereiche nicht räumlich vom Flur abgegrenzt, sondern nur durch eine Art Geländer getrennt. Die beiden gemeinschaftlichen Wohnbereiche lagen nebeneinander und wurden nicht wie bei der anderen Einrichtung unter dem Maßstab der Zentralität in die Wohnetage integriert, sondern hier war die Wohnetage so aufgeteilt, dass sich auf der einen Seite die Bewohnerzimmer befanden und auf der gegenüberliegenden Seite die beiden gemeinschaftlichen Wohnbereiche.
Die Gemeinschaftsbereiche in dieser Einrichtung waren weitgehend unterschiedlich eingerichtet. Insgesamt betrachtet könnte man sagen, dass hier versucht wurde, diesen Bereichen einen Wohnzimmercharakter zu verleihen. Die Wohnbereiche unterschieden sich beispielsweise durch die Farbe an den Wänden, durch Accessoires, wie Bilder, Pflanzen, Tischdecken etc. und durch die Möbelauswahl und deren Anordnung. In allen Bereichen gab es zwar Tische mit Stühlen, aber zusätzlich existierten in den gemeinschaftlichen Wohnbereichen auch Möbel, die nur jeweils in einem dieser Wohnbereiche zu finden waren z.B. Kommode, Beistelltisch, Sessel. Diese Einrichtungseinzelstücke lassen die Vermutung zu, dass die Bewohner hier die Möglichkeit hatten, Ausstattungsgegenstände in den Gemeinschaftsbereichen auf der Wohnetage zu integrieren, wodurch diese gleichzeitig die Möglichkeit erhielten, eigene Gestaltungsvorstellungen über den Privatbereich hinaus einzubringen.
Dieses Beispiel zeigt, dass es allein durch gestalterische Maßnahmen tendenziell möglich ist, dem Gefühl der Anonymität, das in einer institutionellen Einrichtung häufiger entstehen kann, wirkungsvoll entgegenzuwirken. Einen weiteren Vorteil sehen wir darin, dass hier die Möglichkeit für die Bewohner gegeben war, sich auch allein in diesen Bereich zu gesellen, ohne fehlplaziert zu wirken, da es jeweils auch Sitzmöglichkeiten nur für eine Person gab, z.B. einzelne Sessel, und nicht nur die Möglichkeit bestand, sich an einem der Gruppentische niederzulassen. So konnten sich die Bewohner dort ohne weiteres allein beschäftigen, indem sie beispielsweise etwas lasen, Handarbeiten durchführten oder einfach nur das Treiben auf der Wohnetage beobachteten. Es geht hierbei auch darum, dass die Bewohner, die keinen aktiven Kontakt suchen und wünschen, die Möglichkeit erhalten, durch einen Einzelsitzplatz eine sichere Distanz zu den Mitbewohnern erhalten zu können, ohne sich gänzlich aus dem Gemeinschaftsleben auf der Wohnetage entziehen zu müssen. Durch das Heim sollte sich für die Bewohner die Chance des kontrollierten Alleinseins eröffnen. Sowohl das Bedürfnis nach Rückzug als auch das Bedürfnis mit andern verbunden zu sein muss respektiert werden. Auf die Möglichkeit der Ausgewogenheit der beiden Bedürfnisse kommt es an.
Wir vermuten, dass die Kontaktaufnahme durch das integrative Konzept der Einrichtung 1 von Flur und gemeinschaftlichem Wohnbereich, der Bewohner untereinander erleichtert wird, da die Bewohner, sobald sie das eigene Zimmer verlassen, direkt den gemeinschaftlichen Wohnbereich einsehen und direkt vom Flur aus auch mit den bereits dort verweilenden Bewohnern kommunizieren können. Zudem müssen die Bewohner keine räumlichen Barrieren überwinden, um in den gemeinschaftlichen Bereich zu gelangen, wodurch die einladende Wirkung verstärkt wirkt.
In der Einrichtung 2 konnten wir im Zuge der beiden jeweils einstündig durchgeführten Beobachtungsrunden weder auf dem Flur noch in den Gemeinschaftsräumen Kontakte von Bewohnern untereinander beobachten. Wenn sich überhaupt während unserer Beobachtung Bewohner in den Gemeinschaftsräumen aufhielten, dann schien es sich ausschließlich um stark pflegebedürftige Bewohner zu handeln, die vom Personal in die Räume "geschoben" worden waren, die dort Musik hörten, vor sich hin dösten oder sogar schliefen. Wir hatten eher nicht den Eindruck, dass auch Bewohner in guter körperlicher Verfassung diese Räume zum Verweilen bzw. als Treffpunkt nutzten. Dadurch, dass hier die Gemeinschaftsräume auch als Speiseräume genutzt wurden, stellten die Mahlzeiten vermutlich die einzigen Anreize dar, um die Gemeinschaftsräume aufzusuchen. Hierdurch wurde auch der Aktionsradius der Heimbewohner viel stärker auf die eigene Wohnetage konzentriert.
- 4) Speisesaal / Essensräume
Einen zentralen Speisesaal für alle Bewohner des Heims gab es nur in der Einrichtung 1.
Wir waren zunächst davon ausgegangen, dass in einem kleineren Speisesaal mit weniger Bewohnern eher Kontakte und Gespräche entstehen, da sich dadurch die Atmosphäre weniger anonym gestaltet. Jedoch ergaben unsere Beobachtungen, dass in den kleineren Essensräumen in der Einrichtung 2 kaum jemand miteinander redete. Alle saßen nur stumm an den Tischen und aßen. Nur in der Zeit, in der auf das Essen gewartet wurde, schienen die Bewohner sich über alltägliche Dinge auszutauschen. Während der Mahlzeit konnten nur vereinzelte Gespräche beobachtet werden, hauptsächlich zwischen dem Personal und den Bewohnern. Nach dem Hauptgang setzten die Gespräche kurzweilig während der Wartezeit auf den Nachtisch wieder ein.
Es bleibt zu prüfen, an welchen Faktoren es gelegen haben könnte, dass die Kontaktsituation entgegen unserer Erwartung unter den Bewohnern während der Mahlzeiten in der Einrichtung 2 sich so mangelhaft darstellte, denn die Größe des Speiseraums oder die Lage scheint unserer Ansicht nach allein kein ausschlaggebender Faktor hierfür zu sein.49 Wir vermuten, dass auch der beschnittene Selbstbestimmungsgrad in der Einrichtung 2 einen kontakthemmenden Faktor darstellt.
In der Einrichtung 2 gab es ferner eine feste, vom Personal festgelegte Sitzordnung während der Einnahme der Mahlzeiten. Die Bewohner saßen alle an Gruppentischen in zweier bis sechser Gruppen. Der Platz eines jeden Bewohners wurde durch ein Platzdeckchen mit dem entsprechenden Namen darauf kenntlich gemacht. Den Bewohnern wurde also gar nicht mehr zugetraut, selbst zu entscheiden, neben wem sie beim Essen zusammen sitzen wollen. Dadurch wird den Bewohnern im Grunde von vornherein die Möglichkeit genommen, die anderen aus dem Wohnbereich beim Essen besser kennen zu lernen. Zwar würden sich wahrscheinlich im Laufe der Zeit gewisse Vorlieben aus Gewohnheit bei der Platzwahl ergeben, aber der Zwangscharakter betreffend der Essenssituation würde dabei immerhin ein Stück weit entschärft werden können.
Der Essensbereich, sowohl als großer zentraler Saal als auch als kleiner Wohnbereichsraum, scheint grundsätzlich ein sehr sensibler Ort in Bezug auf konfliktgeladene Interaktionen zu sein, da vor allem hier die unterschiedlichen Bedürfnisse, Geschmäcker, Gewohnheiten und Tischmanieren sichtbar werden und aufeinander treffen und der Einzelne nur selten andere Verhaltensweisen tolerieren kann. Aus diesen Gründen erscheint uns eine freie Platzwahl, die bei Bedarf jederzeit geändert werden kann, angebrachter. So wird eine Essenssituation auch häufig benannt, wenn es um Konflikte mit anderen Bewohnern geht. Obwohl sich nach unserer Vermutung der Essensbereich als Ort darstellt, der viele Möglichkeiten zu Interaktionen z. B. in Form von gemütlichen Gesprächen bietet, finden hier offenbar die wenigsten positiven Kontakte unter den Bewohnern statt.
- 5) Café
Ein Café dient nicht nur der Kontaktpflege der Bewohner untereinander, sondern bietet den Bewohnern auch die Möglichkeit, sich mit Besuchern außerhalb des eigenen Zimmers in der Einrichtung gemütlich zusammenzusetzen.
Das Café in der Einrichtung 1 war kein eigenständiger Bereich, wie in der Einrichtung 2, sondern der Speisesaal wurde außerhalb der Mahlzeiten als Café genutzt. Der Vorteil lag darin, dass so ein attraktiver Aufenthaltsbereich geschaffen wurde, der den ganzen Tag genutzt werden konnte. Das Café hatte durch seine zentrale Lage im Eingangsbereich des Heims einen öffentlichen Charakter. Der alltägliche Verkehr im Heim war von dort aus gut einsehbar, zumal auch der Zugang zum Garten über diesen Raum erfolgte. Daraufhin ist zu vermuten, dass die Bewohner in dieser Einrichtung eventuell eher dazu neigen, nach den Mahlzeiten noch einem Moment in den Räumlichkeiten zu verweilen, um beispielsweise noch etwas zu trinken und die Leute zu beobachten, die hier ein- und ausgehen. Dem Café / Speisesaal in der Einrichtung 1 war zum Garten hin zudem noch direkt eine Terrasse angegliedert, die so zusätzlich in den Sommermonaten zum verweilen einlädt.
In der Einrichtung 2 verfügte jedes Haus über ein eigenes Café, welches jedoch nicht zentral in der Nähe des Eingangsbereiches lag, sondern in einer Etage zwischen den Wohnetagen, wo sich auch ein Friseursalon und ein Fußpflegestudio befanden. Die Cafés hatten jeweils Montag bis Freitag nur von 14:00 bis 17:00 Uhr geöffnet und am Wochenende hatte immer nur eines der beiden Cafés in diesem Zeitraum geöffnet. Aus den Interviews ging hervor, dass die Bewohner das Café in der Einrichtung 2 nur selten aufsuchen und wenn, dann eigentlich nur mit Besuchern. Zudem erschienen uns die Öffnungszeiten der Cafés sehr eingeschränkt, was sich sicherlich auch negativ auf die Pflege der Außenkontakte auswirken kann, da ein attraktives Angebot für die Personen wegfällt, die nur außerhalb der Öffnungszeiten Zeit für einen Besuch finden.
Während unseres Aufenthalts in der Einrichtung 2 haben wir in den Cafés nicht einen einzigen Bewohner dort ausfindig machen können. Neben der Tatsache, dass die Bewohner in dem Café ihre Getränke selbst zahlen müssen, war der Ort alles andere als gemütlich gestaltet - die Eingangstür war von außen kaum von den anderen Zimmertüren zu unterscheiden. Es war von außen also kaum zu erkennen, dass es sich um ein Café handelte. Darüber hinaus waren auch die Lichtverhältnisse in dieser Räumlichkeit sehr schlecht und die Ausstattung war alt und abgenutzt. Durch seine versteckte, abgeschottet Lage bot es wenig Anreiz zum verweilen, da es nichts gab, was hätte beobachtet werden können.
- 6) Fahrstuhl
Auf dem Weg von oder zu den Mahlzeiten oder um in den Eingangsbereich, bzw. nach draußen zu gelangen, wird der Fahrstuhl sicherlich häufig von mehreren Personen gleichzeitig genutzt. Der Fahrstuhl ist also nicht nur reine Verkehrs- sondern auch (hermetische) Interaktionsfläche. Aus der Öffentlichkeit im Heim wird im Fahrstuhl kurzzeitig ein halb-privater Raum, aus der Masse der Heimbewohner lassen sich kurzzeitig Individuen ausmachen, und Distanz wandelt sich zu Nähe. In der Abgeschlossenheit und Uneinsehbarkeit des Kabinenraums bündeln sich möglicherweise Kontaktchancen - ein Umstand, den wir in unserer Arbeit nur vermuten können. Da die gemeinsame Fahrt im Fahrstuhl eine Art der flüchtigen Begegnung ist und man sich dort eigentlich immer wahrnehmen und das eigene Handeln auf das der anderen abstimmen muss, kann man davon ausgehen, dass hier immer Interaktionen stattfinden. Auch wenn Gespräche im Fahrstuhl oftmals nur dem Selbstzweck dienen, liegen hier vielleicht erste, einfache Möglichkeiten, Kontakte zu initiieren. Dabei ist auch zu überlegen, ob die Größe eines Fahrstuhls wie auch dessen Ambiente irgendeinen Einfluss auf die Interaktionen ausübt. Ein zu kleiner Fahrstuhl würde vielleicht durch mangelnde Distanz der Interaktionspartner die Kontaktbereitschaft unterbinden. Ein Fahrstuhl muss zudem vertrauenswürdig wirken, damit die Bewohner diesen ohne Ängste nutzen.
- 7) Foyer, Eingangsbereich
Das Foyer des Heims ist sicherlich einer der wichtigsten Bereiche im Haus, wenn es darum geht, Kontakte zu anderen Bewohnern zu finden. Hier gibt es genügend Beobachtungs- und Gesprächsstoff, da hier viele Menschen ein- und ausgehen. Vor allem in der Einrichtung 1 saßen sehr viele Bewohner in kleinen Sitzgruppen im Eingangsbereich, wobei hier Café und Foyer ineinander übergingen, so dass die Bewohner im Prinzip beide Orte gleichzeitig nutzen konnten. Zudem befand sich im Foyer auch der Friseursalon. An einem der Tage, an denen wir uns in dieser Einrichtung aufhielten, fand im Foyer eine Art Verkaufsmesse für Schuhe statt. So kann durch zusätzlich stattfindende Angebote ein weiterer Anreiz für die Bewohner geschaffen werden, das eigene Zimmer zu verlassen. Vor allem könnte dieser Bereich für diejenigen bedeutsam sein, die sich nur mit Schwierigkeiten fortbewegen können oder sich alleine nicht trauen und dennoch das Bedürfnis haben, die Wohnetage, die Station, auf der sie leben, zu verlassen. Das Foyer ist noch Teil des Heims und bietet so Sicherheit und ist gleichzeitig aber etwas näher an der "Außenwelt" als die Etagen, da hier auch Menschen durchgehen, die sonst möglicherweise nicht bis zu den Etagen vordringen (Lieferanten, Bauarbeiter o. ä.), so dass im Foyer vermutlich weniger das Gefühl des "Isoliertseins" auftritt.
In der Einrichtung 2 hingegen war der Eingangsbereich sehr spärlich besucht, wenn überhaupt, hatten wir dort nur vereinzelt Bewohner angetroffen. In dieser Einrichtung gab es zwar auch Sitzgruppen, aber kaum Aufenthaltsanreize wie in der Einrichtung 1, wie beispielsweise ein Café oder andere Dienstleistungsbereiche. Mittelpunkt des Foyers bzw. Eingangsbereichs bildete hier einzig die Rezeption.
- 8) Garten / Außenbereich
Einen eigenen Garten mit Terrasse im Sinne einer überschaubaren abgegrenzten Anlage mit Pflanzen, Bäumen, Gewächsen usw., hatte nur die Einrichtung 1. Dort gab es auch das Angebot für die Bewohner, eigene Beete anzulegen und individuell zu bewirtschaften, was auch, nach Aussage der Heimleiterin, von einigen genutzt wurde.
Die Einrichtung 2 verfügte nicht über solch eine spezifische Gartenanlage, der Bereich vor den Häusern bestand aus unübersichtlichen weitläufigen Wegen und Rasenflächen mit einigen Sitzmöglichkeiten, die jedoch unmittelbar in das "normale" Straßenbild mündeten. Gerade die Weitläufigkeit machte es wahrscheinlich schwierig, an diesem Ort auf andere Menschen zu treffen (während unseres Aufenthalts - immerhin in einem Sommermonat - konnten wir dort nur ein oder zwei Bewohner ausmachen) und erschwerte die Orientierung, sich zwischen den einzelnen Wegen zurechtzufinden. Zudem befand sich das eine der drei Häuser zum Interviewzeitpunkt im Umbau, wodurch auch ein Teil der parkähnlichen Anlage eine Baustelle war. Problematisch empfanden wir, dass dadurch teilweise neue Hindernisse entstanden (Baumaterialen, Kabel, Absperrung bestimmter Wege), die die Bewohner erst einmal überwinden mussten, wenn sie eines der Häuser verlassen wollten. Bewohner sollten unbedingt die Möglichkeit haben, jederzeit das Heim ohne großen Aufwand verlassen zu können, um beispielsweise einen Spaziergang unternehmen zu können. Darüber hinaus stellte der Baulärm eine zusätzliche Belastung dar, die innerhalb des Heims bei einem offenen Fenster die Kommunikation, auf Grund der sowieso bei vielen Heimbewohnern eingeschränkten Hörleistung, stark beeinträchtigen kann.
Abschließend sollen die wichtigsten Ergebnisse zusammengefasst werden.
Tab.: Zusammenfassung umweltbedingter Faktoren (Vor- und Nachteile)
| Vorteile | Nachteile |
Privater Wohnbereich |
Privater Wohnbereich |
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Gemeinschaftlicher Wohnbereich (Integration der Bewohner bei der Gestaltung der Wohnbereiche) |
Gemeinschaftlicher Wohnbereich (Ausschluss der Bewohner bei der Gestaltung der Wohnbereiche) |
Flur:
|
Flur:
|
Aufenthalts- bzw. Gemeinschaftsräume auf den Etagen:
|
Aufenthalts- bzw. Gemeinschaftsräume auf den Etagen:
|
Café:
|
Café:
|
Garten:
|
Garten:
|
Fahrstühle:
|
Fahrstühle:
|
Foyer / Eingangbereich:
|
Foyer / Eingangbereich:
|
Die Umwelt eines Altenheims kann (oder sollte) Orientierung vermitteln, außerdem sollte die Umwelt im Idealfall in der Lage sein, soziale Interaktionen zu fördern. Bezüglich unserer Beobachtungen lässt sich zusammenfassen, dass insbesondere die Einrichtung 2 über endlose Korridore mit unzähligen Türen und kaum Fenstern auf den Fluren verfügte, was sich u. E. ungünstig auf die Orientierung der Bewohner auswirkte und wenig Anreiz darstellte, die Zimmer zu verlassen. Darüber hinaus gab es keine Pflanzen, Bilder oder Möbel auf den Fluren, die zu einer Orientierung hätten beitragen können (im Gegensatz zur Einrichtung 1).
In Bezug auf das soziale Verhalten der Bewohner (ebenso in der Einrichtung 2) lässt sich sagen, dass deren überwiegendes Rückzugsverhalten wahrscheinlich einen Ersatz für die eingeschränkte Privatsphäre darstellte, die dort symptomatisch zu sein schien (bspw. in Form von fehlendem Anklopfen bei Betreten des Zimmers). Möglicherweise war die Wahrscheinlichkeit sozialer Kontakte auch durch Barrieren, wie in sich geschlossene Gemeinschaftsräume, Zugang zum Fahrstuhl hinter weiteren Türen, und zu große Entfernungen, beispielsweise das Café auf einer gesonderten Etage, endlose Korridore, beeinträchtigt.
Besondere Bedeutung kommt dem Umfang an persönlichem Raum zu, der dem Bewohner zugestanden wird. Auch wenn wir keine negativen Erfahrungen in Zusammenhang mit Mehrbettzimmern registrieren konnten, gehen wir dennoch davon aus, dass Einzelzimmer soziales Verhalten begünstigen, da es mehr als ein Zuhause und weniger als eine Unterkunft wahrgenommen wird. Andererseits wäre denkbar, dass gerade Neuankömmlinge, die aus der Einsamkeit der eigenen Wohnung heraus ins Heim kommen, die ständige Präsenz eines anderen Menschen für eine Zeit lang als angenehm empfinden.
Auch die Anordnung von Möbeln oder Gegenständen spielt vermutlich eine Rolle. Überwiegend paarweise Anordnungen von Sitzgelegenheiten fanden sich bspw. in den Gemeinschaftsräumen der Einrichtung 1, während in der Einrichtung 2 nur größere Sitzgruppen vorhanden waren. Vermutlich werden Unterhaltungen zwischen Bewohnern im ersteren Fall leichter initiiert.
Darüber hinaus zeigte sich in der 2. Einrichtung, dass die Bereiche, die für den sozialen Austausch vorgesehen waren, nicht unbedingt einen Anreiz für Kommunikation zu bieten schienen. Beliebter waren da Sitzgelegenheiten, von denen aus andere Menschen beobachtet werden konnten, wie im Foyer oder vor den Schwesternzimmern.
Aufgrund dieser Ergebnisse vermuten wir einen Zusammenhang zwischen den Umweltmerkmalen in den Einrichtungen, resp. den Eigenschaften der Räumlichkeiten, und den sozialen Interaktionen der Bewohner, da sowohl die soziale Situation als auch die Räumlichkeiten in der ersten Einrichtung im Vergleich zur zweiten Einrichtung als wesentlich weniger trostlos charakterisiert werden können. So hielten sich in der Einrichtung 1 die Bewohner tendenziell öfter und länger in öffentlichen Bereichen auf, wodurch sich automatisch die Kontaktfrequenz der Bewohner untereinander erhöhte. In der Einrichtung 2 fanden die Bewohner viel seltener zusammen, und die Rückzugstendenzen waren bei den Bewohnern viel stärker ausgeprägt als bei den Bewohnern in der Einrichtung 1.
48 Siehe: www.ev-seniorenheim.de und www.sozialstiftung-koepenick.de
49 Vermutlich ist eine Ursache in den damaligen Erziehungsgrundsätzen begründet, dass das Einnehmen von Mahlzeiten nicht als kommunikatives Ereignis zu betrachten ist (z.B. "beim Essen wird nicht geredet!" oder "mit vollem Mund spricht man nicht!"). Diese Vermutung bestätigt auch ein anschließendes Gespräch nach der eigentlichen Interviewsituation, während einer kleinen Führung durch die Wohnetage. Die Bewohnerin (11. Interview) entgegnete verblüfft auf die Frage, ob sie sich mit ihren Mitbewohnern beim Essen unterhalte, warum sie das tun sollte, da sie ja schließlich zum Essen in den Speisesaal gehe - nach dem Motto: Grüßen ja, aber unterhalten nein.

