4. Darstellung der Ergebnisse:
Ursachen von Einsamkeit bei Heimbewohnern
4.4. Die Anpassung an die Heimsituation
Die Übersiedlung in ein Altenheim verlangt eine individuelle Anpassung, und zwar von einer eher unabängigen an eine abhängige Lebensführung. Die Anpassung an das Leben im Heim kann dabei besser oder schlechter gelingen und ist von einer Reihe Faktoren abhängig, wie Gesundheit, Erwartungshaltung, Kontaktfähigkeit, Familienverhältnisse, Mitspracherecht, Rückzugsmöglichkeiten und anderer heimstruktureller Faktoren. Zufriedenheit des Einzelnen wird oft als gelungene Anpassung gewertet. Doch bevor der Bewohner in das Heim kommt, muss schon die erste Hürde genommen werden: die emotionale Verarbeitung des Verlusts der eigenen Wohnung und ggf. der Unfreiwilligkeit des Heimübergangs. Das Individuum durchläuft dann in seinem neuen Umfeld verschiedene Erfahrungen, so auch Erfahrungen der Entwürdigung (z.B. in Zusammenhang mit pflegerischen Leistungen, die erbracht werden) oder der Aussonderung (zunehmende Einsamkeit innerhalb der Bewohnergemeinschaft) und es sieht sich einer Vielzahl an Unannehmlichkeiten gegenüber: Reglementierung der Mahlzeiten, Konfrontation mit aggressiven oder verwirrten Bewohnern, eingeschränkte Privatsphäre, Kontrollverlust, beschränkter Kontakt zur Außenwelt usw. Die Anpassung an solche Erfahrungen kann nach Goffman (1981) (wie bereits im theoretischen Teil erläutert) verschiedene Formen annehmen: 1. Rückzug, wenn der Bewohner sich von allem, was um ihn herum geschieht, völlig zurückzieht und drastisch sämtliche sozialen Interaktionen reduziert. 2. Kompromissloser Standpunkt, wenn der Bewohner absichtlich die Institution herausfordert oder in Frage stellt (z.B. indem er die Kooperation verweigert). 3. Kolonisierung, wenn der Bewohner das Beste aus der Situation macht und sich mit seinem Leben in der Institution zufrieden gibt. 4. Konversion, wenn der Bewohner das Verhalten des Personals annimmt, um sich selbst vom Rest der Bewohnerschaft zu distanzieren. Und 5. Ruhig Blut bewahren, wenn der Bewohner stets versucht, Schwierigkeiten zu vermeiden und Konflikten auszuweichen; er solidarisiert sich mit der Bewohnerschaft und ist stets loyal. Die fünf Anpassungsformen treten allerdings nicht immer in ihrer reinen Form auf.
Die Frage ist nun, wie die in den Heimen gegebenen Rahmenbedingungen von den von uns interviewten Bewohnern angenommen werden, also in welcher Form sich diese daran anpassen. Außerdem lassen sich Feststellungen dazu machen, dass zwischen den verschiedenen Anpasungsformen und dem jeweiligen Interaktionsmuster des Bewohners ein Zusammenhang besteht. Insofern kann auch - unter Einbeziehung weiterer Faktoren - von der Anpasungsform auf den Grad der Einsamkeit geschlossen werden.
Es hat sich gezeigt, dass soziale Kontakte zwischen den Bewohnern insgesamt nur wenig stattfinden und fast immer auf sehr oberflächlicher Ebene. Der Wunsch nach intensiveren sozialen Kontakten ist vorhanden, aber der Preis, diesen zu verwirklichen, ist für die meisten Bewohner zu groß - und dies hindert viele daran, sich unbefangen auf jemand anderes einzulassen. Hinzu kommen charakterliche Eigenschaften und individuelle Gewohnheiten, die im Alter nur wenig Flexibilität zulassen. Überdies unterscheiden sich die Lebensläufe der Bewohner vor allem hinsichtlich Bildung, Herkunft und Berufsleben - Faktoren, die im Verhalten der Bewohner nach wie vor eine große Rolle spielen. Die Manieren und Verhaltensweisen der Mitbewohner werden kritisch beobachtet. Es ist schwer, jemanden zu finden, zu dem man aufgrund von Gemeinsamkeiten einen leichten Zugang finden kann. Auch kommen viele Bewohner gar nicht auf den Gedanken, dass die Möglichkeit besteht, zu anderen Bewohnern Kontakt aufzunehmen bzw. darüber hinaus freundschaftliche Beziehungen zueinander zu entwickeln. Einige Bewohner scheinen sich sogar zu wundern, dass ihnen überhaupt Fragen dazu gestellt werden, geben häufig wenig erschöpfende Antworten und reagieren stattdessen mit Zufriedenheitsbekundungen zu anderen Bereichen, wie Pflege, Personal, Freizeitangebot usw. Die Bewertungen fallen insgesamt gesehen eher negativ aus: jeder lebt für sich, die Gemeinschaft fehlt, die Leute wollen zufrieden gelassen werden, es besteht kein Interesse, Kontakte werden nicht benötigt und es gibt kein Vertrauen und nichts Freundschaftliches. Auch mit der Dauer des Aufenthalts nehmen die Kontakte i. d. R. nicht zu, sondern gehen in vielen Fällen sogar zurück, da die nachlassende Gesundheit (Immobilität) die Voraussetzungen zur Kontaktaufnahme zunehmend erschwert.
Die von Goffman (1981) identifizierten Verhaltensformen der Anpassung ließen sich bei den von uns interviewten Bewohnern teilweise recht eindeutig erkennen: Strategie des Rückzugs aus der Situation, kompromissloser Standpunkt und Kolonisierung. Da es jedoch vermutlich schwierig ist, sich in einem Heim aus allem vollständig zurückzuziehen und sämtliche Interaktionen zu reduzieren, ständig Konflikte zu suchen oder die Situation gänzlich zu akzeptieren, konnten diese Anpassungsstrategien jeweils nur bei 1 oder 2 Bewohnern identifiziert werden. Die Reinform einer solchen Strategie scheint demnach in einem Altenheim eher die Ausnahme zu sein. Die überwiegende Teil der Bewohner konnte nicht eindeutig einer Anpassungsstrategie zugeordnet werden; jene Bewohner zeigten Verhaltensmerkmale sowohl des Ruhig Blut Bewahrens als auch der Kolonisierung, was aber auch nicht mit einer zu kurzen Aufenthaltsdauer erklärt werden kann, da sich jene Bewohner mitunter schon über 10 Jahre im Heim aufhielten. Die Strategie des Ruhig Blut Bewahrens wird mit dem Wissen angewendet, dass die Institution möglicherweise irgendwann wieder verlassen werden kann, und zwar umso wahrscheinlicher, je ruhiger man sich verhält. Das trifft sicherlich für Gefängnisse oder psychiatrische Anstalten zu, nicht aber für Altenheime, da die i. d. R. - unabhängig davon wie ruhig man sich verhält - nicht wieder verlassen werden (können). Insofern macht diese Strategie in einem Altenheim - zumindest auf Dauer - wenig Sinn. Sie lässt sich wohl eher als noch nicht ganz vollständig akzeptierte Kolonisierung identifizieren, d.h. der Bewohner ist aus den verschiedensten Gründen (noch) nicht bereit, zu akzeptieren, dass er in einem Altenheim leben muss, obwohl er wahrscheinlich weiß, dass es keine Alternative gibt und dass die Entscheidung i. d. R. nicht rückgängig gemacht werden kann. Das Ruhig Blut Bewahren beim Altenheimbewohner stellt demnach eine Vorstufe der Kolonisierung dar, wobei die vollständige Akzeptanz der Situation von einigen während ihres Aufenthalts im Heim wohl nie erreicht wird. Das würde auch erklären, warum ein Bewohner nach über 10 Jahren Heimaufenthalt noch immer eine abwartende Haltung einnimmt, so als würde er insgeheim darauf hoffen, das Heim eines Tages doch wieder verlassen zu können. Die Strategie der Kolonisierung würde sich vermutlich bei einer größeren Gruppe an Befragungspersonen als diejenige identifizieren, die am häufigsten angewendet wird. Die Strategie der Konversion konnten wir nicht feststellen, da es den Bewohnern vermutlich insbesondere aus verschiedenen gesundheitlichen Beeinträchtigungen nicht möglich ist, das Verhalten des Personals anzunehmen. Darüber hinaus erfährt ein abhängiges und hilfsbedürftiges Verhalten des Bewohners - das ja eben nicht dem Verhalten des Personals entsprechen würde - in der Regel mehr Zuwendung und Aufmerksamkeit als ein selbständiges und selbst bestimmendes Verhalten. Ein abhängiges Verhalten entspricht eher den Erwartungen des Personals. Aus dem Grund verhalten sich die meisten Bewohner auch so. Eine Imitierung des Verhaltens des Personals würde sich folglich für den Bewohner durch weniger Zuwendung nachteilig auf die Lebensqualität auswirken, so dass diese Strategie höchstwahrscheinlich in Alten- und Pflegeheimen generell äußerst selten angewendet wird. Zwar versuchen viele Bewohner, sich vom Rest der Bewohnerschaft zu distanzieren, indem sie sich als weniger krank, weniger alt, geistig noch fit, gebildeter oder besser erzogen darstellen. Aber in den meisten Fällen gelingt eine überzeugende Darstellung dessen nicht, so dass die Distanzierung von der Heimbewohnerrolle, die in der Wahrnehmung der Bewohner jeweils von den anderen deutlich zum Ausdruck gebracht wird, zwar gewollt aber nicht tatsächlich praktiziert wird (siehe auch Kapitel 2.3.4 - zur Rolle des Heimbewohners). Im Folgenden sollen die drei eindeutigen Anpassungsstrategien z. T. an einem Beispiel erläutert und im Rahmen der Einsamkeitsproblematik diskutiert werden.
Bei denjenigen, die sich weitestgehend bewusst oder unbewusst aus allem zurückzogen, konnten folgende Verhaltensweisen bzw. Merkmale festgestellt werden:
- Feiertage werden i. d. R. immer allein im Heim verbracht
- Kaum Kontakt zu anderen Bewohnern oder zu Personen außerhalb des Heims
- Das Heim wird selten oder gar nicht mehr verlassen
- Verbitterung über einen nachlassenden Gesundheitszustand und über den damit einhergehenden Verlust von Kontakten; Unfähigkeit, die Kontakte trotzdem aufrechtzuerhalten
- Allgemeine Interesse- und Initiativlosigkeit, Ignoranz gegenüber Freizeit- oder Geselligkeitsangeboten vom Heim
- Mangel an persönlicher Motivation, Unzufriedenheit
- Minderwertigkeitskomplexe
- Externale Kontrollüberzeugungen
- Langeweile als erhebliche Belastung bei gleichzeitiger Unfähigkeit, diese zu verringern (Hilflosigkeit)
- Auf Veränderungen wird sehr unflexibel reagiert
- Erheblicher Mangel an Kommunikation, Unfähigkeit, sich deutlich zu artikulieren
- Verwitwung in Kombination mit Kinderlosigkeit
Die aufgeführten Merkmale und Verhaltensweisen deuten gleichzeitig auf einen Zustand verhältnismäßig hoher Einsamkeit. Die Strategie des Rückzugs aus der Situation ("situational withdrawal") stellt demnach einen relativ zuverlässigen Indikator für Einsamkeit dar. Bewohner, die diesem Typ zugeordnet werden können, können unseres Erachtens als diejenige Heimbewohnergruppe betrachtet werden, die am stärksten von Einsamkeit betroffen bzw. am ehesten dem Risiko der Einsamkeit ausgesetzt ist. Da der Gesundheitszustand hierbei eine wichtige Rolle spielt, trifft dies wohl am ehesten auf stark pflegebedürftige Bewohner zu.
Der kompromisslose Standpunkt war selten, und traf dementsprechend nur auf einen Bewohner (in der zweiten Einrichtung) zu. Wahrscheinlich greift hier Goffmans Vermutung, dass dieser Typ nur eine Übergangsform darstellt und deshalb selten anzutreffen ist. Hier konnten folgende Verhaltensweisen bzw. Merkmale festgestellt werden:
- Passive "Wartehaltung" bei gleichzeitig hoher Anspruchs- und Erwartungshaltung
- Wenig Verständnis für verhaltensgestörte, "unangepasste" (demente) Bewohner
- Engagement im Heimbeirat, jedoch nur aus Eigennutz
- Bedürfnis nach Aufgaben und Verantwortung
- Langeweile als erhebliche Belastung bei gleichzeitiger Unfähigkeit, diese zu verringern (Hilflosigkeit)
- Wenig Kontakt zu den Mitbewohnern
- Persönliches Interesse an den Bewohnern wird geheuchelt
- Kritik an der Arbeit des Personals / Konflikte mit dem Personal / sexuelle Belästigung des Personals
- Versucht die Aufmerksamkeit des Personals durch Geschenke auf sich zu lenken
- Ablehnung der Heimangebote (z.B. Geburtstagsfeier)
- Gilt als "schwieriger" Bewohner, Ruf des Unruhestifters
- Schlechtes Verhältnis zu den Kindern, kaum Kontakt
- Schuldzuweisungen an Kinder / Schwiegerkinder
- Keine sozialen Netzwerke außerhalb des Heims
- Fortbestand der Einsamkeit nach dem Heimübergang und hohe Enttäuschung
- Gefühl der Verlassenheit und des Ausgeschlossenseins
Beispiel I: Der kompromisslose Bewohner
"Ich hatte hier mächtig Theater mit der Chefin gehabt. Die war jetzt lange krank gewesen da hab ich gesagt wo se wieder kam: Wissen Se ich hoffe dass wa uns gut verstehen. Nur Sie dürfen och nich so stur sein. Ich hätte- Die is neu hier, und, ich schätze, die hat sich übernommen mit ihrer Funktion Bereichsleiterin hier. Und ich sage ich würde ihnen gerne helfen und äh, Unterstützung geben, aber wenn Sie so stur sind, Na am Sonntag hat ich hier Mon Cheri gibt's hier zu kaufen, da sind hier fünf so kleene Stücken drin, da war ne Schwester die war recht nett und unsere, Elke hier, unsere Bereichsleiterin. Und ich sage hier für jeden een Stück Mon Cheri von dem Herr B., das dürfen Sie nich und wir och nich. Ich sage nu ( ) euch nich ich werd verrückt sag ich macht euch doch nich, ins Hemd voll auf Deutsch gesagt. Nu hab ich gestern hat mich, Frau ( ), das is die Masseuse von hier, und die macht gleichzeitig Gewerkschaft. Hab gedacht jetzt tuste die mal anhauen, ich sage wissen Se das stinkt mir langsam an hier. Ja. Und sagt, die kennt das ja nun sagt se. Doch die dürfen bloß kein Geld annehmen also wenn hier jetz eener, 5 Euro, 10 Euro Schein, na das dürfte ich nich und die och nich. Aber zum Geburtstag nen Blumenstrauß hatte jeder Schwester. Ich hab hier mein Buch da stehn die Geburtstage drinne die hab ich meistens im Kopf, wees ich aus'm Koppe morgen hat die Bereichsleiterin, da wees ich noch nich was ich mache. Eigentlich weil sie och so stur is dachte ich, keen Blumenstrauß aber ich hab, immer jeder een gegeben. Oder wenn eine nich da war und das hinterher war hab ich zwee kleene Piccolo-Sekt, und nu rauchen manche, aber, die lehnen hier das alle ab. Dürfn wa nich dürfn wa nich. Und da sind die so affig so blöd. Freilich isses so, könn sich nich alle leisten, denn manche da langt die Rente nich zum Platz bezahlen hier. Da muss noch- Aber ich wees ja och dass viele von denen, vor allem geizig sind. (.) Und gab's och solche Sachen ich sag Ihn das mal so wie's is. Die Elke hier die kam als Chefin. Na ja. So alt bin ich och noch nich. Und kam früh, da hab ich se mal so ran gezogen, mal so an de Hüfte hab ich gefasst, mal so ran gezogen und so. Und dann, ging es um die Pflegestufe 2 die wollten se mir andrehen da hab ich gesagt die solln erstemal bei mir die Pflegestufe 1, erledigen, wenn den ganzen Tag - wenn de nüscht sagst kommt dir hier keiner. Der da mal nach een guckt irgendwie. Und, da wurde doch gesagt, jaaa, da warn meine Kinder warn och da hier, also der Sohn mit der Schwiegertochter und der Enkeltochter. Ich würde, die jungen Schwestern sexuell belästigen so ungefähr. Da sag ich: wen denn. Und da ham die mir gesagt, na ich soll die Elke fragen. Die sich hier Chefin nennt. Und, die ging mir drei Tage aus'm Wege, hatte immer keine Zeit, bis se dann gesagt hat: Das wär sie gewesen ich hätte sie belästigt. Ich sage wieso denn na sagt se ich hätte sie nen paar Mal so ran gezogen. Und so. Und, und, da habe ich gesagt und wo sie mich gewaschen haben das erste Mal, im Bad ich stand nackt da ham se mir auf'n Hintern geguckt ham se gesagt sie ham aber nen strammen Hintern. Ich sage das is dann och eene Belästigung. Na ja wie's jeder ufffasst. Na ja, ich sage ich hab's nich so uffgefasst aber, jetzt muss ich Ihnen das so sagen. Na ja und da ham wa uns lange inne Haaren gehabt ach. Sie war soo stur, hab ich mal gesagt: Sie sind ein stures Aas na da war aber- Und dann jetzt war se vier Wochen (och noch) krank nu. Jetzt isse wieder da ((längere Pause)). Und da hat se denn gesagt: wenn es (mir hier) nich gefällt weil ich immer, schimpfe dann muss ich mir nen andres Heim suchen. Ich sage das will ich aber nich, mir wird's hier gefallen, da müssen die aber och mit beitragen." (8. Interview)
"Wird denn vom Heim aus auch irgendwas gefeiert, wenn einer Geburtstag hat?"
"Ja da gibt's da gibt's ne Nachfeier. Sozusagen. Das is dann immer Anfang des des nächsten Monat da werdn die, eingeladen vom Heim die ne, na von der Heimleitung aber. Die die Geburtstag hatten na ja da gibt's a bissel paar Kekse, vielleicht a Stück Torte nen Kaffee. Bei mir war vorges Jahr, dis war Anfang August ich bin glei wieder abgehaun. Weil dis schlecht organisiert war da hab ich gesagt: da geh ich ins Café, kann ich mir mein Kaffee selber och hinstelln." (8. Interview)
Auch dieser Bewohner fühlte sich sehr allein, bemängelte das Fehlen eines geeigneten Gesprächspartners, konnte allerdings auf einige oberflächliche Kontakte zurückgreifen und erhielt hin und wieder Besuch von außerhalb. Daneben engagierte sich der Bewohner im Heimbeirat, was jedoch nicht wesentlich zu einer Verbesserung der Kontaktsituation beigetragen zu haben schien. Im Vorfeld des Interviews wurde uns dieser Bewohner vom Personal als "etwas schwieriger Dauernörgler" vorgestellt, als jemand, der "immer viel zu meckern hat". Insgesamt ist auch hier ein recht hohes Maß an Einsamkeit festzustellen, trotz eines relativ hohen Maßes an Interaktionen mit anderen Menschen (Heimbeirat, Personal). Also selbst durch ein offensives Verhalten der Institution und dem Personal gegenüber, durch die Inanspruchnahme von Mitspracherechten und eine aktive Teilnahme am Heimleben und durch häufige Auseinandersetzungen mit anderen lässt sich das Gefühl, trotz allem einsam zu sein, nicht kompensieren. Es bestehen zwar viele Kontakte, aber nur solche, die nicht der Bedürfnisbefriedigung dienen. Demnach scheint auch der kompromisslose Standpunkt im Altenheim ("intransigent line") ein Indikator für Einsamkeit zu sei.
Die Strategie der Kolonisierung in ihrer Reinform lässt sich durch folgende Merkmale charakterisieren:
- Reduktion des Anspruchsniveaus und der eigenen Bedürfnisse
- Betonung der eigenen Unabhängigkeit und Selbstständigkeit
- Rolle des zufriedenen Alten spielen
- Kontakte zu den Mitbewohnern / Unterstützung pflegebedürftiger Bewohner
- Offenheit
- Einsicht in die Notwendigkeit einer schnellen Anpassung und der Unterordnung an gewisse Regeln
- Heimübergang weitgehend selbst bestimmt gestaltet
- Erdulden und Akzeptieren von Verlusten
- Unvermögen, nein zu sagen, Belastungen fern zu halten
- Angst, anderen zur Last zu fallen, unangenehm aufzufallen
- Gefühl, lästig zu sein, wenn man Hilfe benötigt, Personal nicht belasten
- Keine Vorstellung eigener Mitspracherechte oder Einflussmöglichkeiten
- Ablehnung häufiger Besuche des Kindes (der Kinder) bei gleichzeitigem Bedürfnis nach emotionaler Zuwendung
Beispiel II: Der kolonisierte Bewohner
"Det erste Zeit war's, war's sehr schwer, Sie wissen ja wie das is, wenn man außen freien, man hat gekocht, man gewirtschaftet, man hat gemacht was man wollte und hier stand man ja immer unter Aufsicht da, kann man sagen, so unter der Knute, trotzdem, ich kann mich nich beklagen, mir hat's nich schlecht gegangen, aber man war kein eigener Herr, nich? Na ja und jetzt hab' ich mich so gewöhnt, jetzt möchte' ich wieder gar nicht mehr zurück, wo ich mal war. (.) Nee, so gut wie ich jetzt hier hab', hab ich's mein Leben noch nich gehabt." (10. Interview)
"Haben Sie denn äh, Kontakte zu anderen Heimbewohnern?"
"Ja, selbstverständlich, ich kenn' hiers janze Haus!" (10. Interview)
"Die jetzt nachkommen, die bloß nach Haus', und die phantasiern dann richtig, phantsiern nach Hause, nach Hause, un da sach ich "Was wollt Ihr denn, wir sind doch zu Hause!" Ich sach : "ich habe abgeschlossn mit mein Leben, das is mein letztes Zuhause." Ich sach, das letzte is dann unter der Erde, aber jetz is da mein letztes Zuhause, solange ich leben tu!" Ich sach: " Ich möchte doch nich zurück wieder, was soll ich dann allein am Grundstück machen??? Wenn die LPG eines Tages sagt: "Du kannst Deinen Acker wieder bewirtschaften, was soll ich denn anfangen? Ich hab' kein Kuh, kein Pferd, ich hab' kein ( ), ich stehe da mit der nackten Hand." Und ich bin hier untergebracht, wir kriegen unser Essen, wir ham unser Schlafen, wir werden bewirtet , wer nich kann, der wird bewirtet, die werden gewaschen, die werden angezogen, die werden gekämmt un die werden abends wieder ausgezogen ins Bett gebracht, ich weiß nich die Leute, besser können ses gar nich haben, wie sie's hier haben!" (10. Interview)
Ein gewisser Grad an Kolonisierung war bei einigen wenigen feststellbar. Äußerlich wird hier der Eindruck einer hohen Zufriedenheit vermittelt. Der Bewohner fühlt sich wohl, kooperiert mit dem Personal und den Zielen der Institution, immer darum bemüht, Frieden zu stiften. Einerseits begünstigt dieser Typ durch Offenheit und Flexibilität den Zugang zu Kontakten, es fällt relativ leicht, Gesprächspartner zu finden oder jemanden, mit dem die freie Zeit verbracht werden will. Aber durch die extreme Zurücknahme eigener Bedürfnisse bleiben vermutlich einige unbefriedigt. Auch kann das Wohlbefinden zurückgehen, wenn belastenden Situationen (oder auch belastenden Kontakten) nicht aus dem Weg gegangen wird oder wenn Unstimmigkeiten, beispielsweise ein gestörtes Verhältnis zu den Kindern, akzeptiert aber nicht beseitigt werden. So trägt dieser Typ zwar zur Vermeidung von Konflikten und zur Zufriedenheit des Personals bei, möglicherweise aber nicht immer zum eigenen Wohlbefinden. Die Strategie der Kolonisierung verweist demnach nur bedingt auf einen Zustand der Einsamkeit, da durch hohe Akzeptanz der Situation der Zugang zu anderen leichter fällt, so dass sich die Zeit des Alleinseins reduziert und das Gefühl eines ausreichenden privaten Austauschs gegeben ist. Außerdem können auch Selbstsicherheit und die Erfahrung eigener Stärke aus einem hohen Aktivitätsniveau, welches letztendlich auf einen weitgehend guten Gesundheitszustand zurückgeht, gezogen werden. Aufgrund dessen stellt diese Strategie unter den gegebenen Umständen in einem Heim wohl den - so weit man das sagen kann - besten "Schutz" vor Einsamkeit dar, wenn auch nicht ausschließlich, und je länger der Heimaufenthalt ist, desto eher trifft dies möglicherweise zu.
Durch die Anwendung der Goffmanschen Typisierung von Anpassungsstrategien in totalen Institutionen auf das Verhalten von Bewohnern eines Altenheims lassen sich direkt Rückschlüsse auf das Risiko und ggf. das Ausmaß der Einsamkeit ziehen, dem die jeweiligen Typen ausgesetzt sind. So stellt jede Anpassungsstrategie ein unterschiedlich hohes Risiko dar, zu vereinsamen. Allerdings muss auch gesehen werden, dass jene Anpassungsstrategien nur selten eindeutig von den von uns interviewten Bewohnern entwickelt wurden. Vor allem bei den Bewohnern der ersten Einrichtung ließ sich keine eindeutige Zuordnung vornehmen. Aus dem Grund lässt sich die Vermutung anstellen, dass ein Zusammenhang zwischen der Sichtbarkeit der Anpassungsformen und dem Grad der Totalität einer Einrichtung besteht. Die Bewohner in der ersten Einrichtung waren eigenständiger, konnten ihren Tagesablauf individueller gestalten und wurden eher wie Erwachsene behandelt und entwickelten scheinbar weniger eindeutig jene Anpassungsformen, wie sie typisch für die zweite Einrichtung waren. In einer weniger totalen Struktur eines Heims besteht demnach weniger Notwendigkeit, einen Ausgleich für Belastungen zu finden und mit widersprüchlichen Rollenerwartungen umzugehen, was eine weitgehende Auflösung der Identität des Bewohners zur Folge hätte. Viele Probleme resultieren ja gerade daraus, wie Fuchs und Mussmann treffend feststellten, dass "niemandem im Heim mehr seine Individualität klar ist; dass es eine Uniformierung der Lebensvollzüge gibt, bis kaum noch jemand von den alten Leuten weiß, worin er sich einstens unterschied von den anderen, wo sein Proprium jenseits der Betreuung und Erledigung von Vitalfunktionen lag" (Fuchs / Mussmann 2001). Die Identität eines Bewohners bliebe in einer Umwelt, die die individuellen Bedürfnisse des Bewohners in den Mittelpunkt stellt, in ihrer ursprünglichen Form erhalten und müsste keinen "Nivellierungsprozess" durchlaufen, wodurch die Unverwechselbarkeit eines jeden gewährleistet wäre und der andauernde Drang zur Abgrenzung gegenüber der Bewohnerschaft sich vermutlich auf ein Minimum beschränken würde. Dem Streben des Bewohners nach Entfaltung der eigenen Persönlichkeit und damit nach einer aktiven Wahrnehmung eigener Bedürfnisse auch oder gerade im Heim würde somit Rechnung getragen werden, wodurch sich gleichzeitig die Lebensqualität eines Einzelnen deutlich erhöhen würde. Folglich erlaubt nicht nur die Existenz bestimmter Anpassungsformen, sondern allein das Vorhandensein solcher Anpassungsstrategien, überhaupt die Möglichkeit ihrer Identifizierung, den Schluss zu ziehen, dass von einem erheblichen Ausmaß an Einsamkeit - resp. an geringer Lebensqualität - unter den in der Institution lebenden Bewohnern ausgegangen werden kann.

