5. Diskussion
5.1. Zusammenfassung der Ergebnisse und Diskussion der Problemstellung
Ziel der Untersuchung war es, mögliche Faktoren zu identifizieren, die auf das Vereinsamungsrisiko der Heimbewohner einwirken und die darüber Aufschluss geben, warum die Bewohner die gegebenen Möglichkeiten zum sozialen Austausch in stationären Einrichtungen der Altenhilfe nicht ausreichend nutzen.
In der folgenden Grafik werden die Faktoren, die zu Einsamkeit bei Heimbewohnern führen können, dargestellt, um so einen zusammenfassenden Überblick über die Faktoren geben zu können, die im Zuge dieser qualitativ-explorativ angelegten Untersuchung identifiziert worden sind.
Tab.: Graphik zur Faktorenkonstellation
(Anmerkung: Diese Grafik ist in einem größeren Format noch einmal im Anhang zu finden.)
Wir sind im Laufe unserer Forschung zu der Erkenntnis gelangt, dass die Ursachen von Einsamkeit bei Bewohnern, die in stationären Einrichtungen der Altenhilfe leben, überaus vielfältig und komplex sind. Allerdings ist es nicht möglich, bei den identifizierten Faktoren einen Vollständigkeitsanspruch zu erheben, da die Daten auf nur 11 ausgewerteten Interviews aus zwei stationären Einrichtungen der Altenhilfe basieren. Es ist sehr wahrscheinlich, dass sich bei der Untersuchung weiterer Fälle weitere Faktoren identifizieren lassen. Weitere Faktoren wie zum Beispiel Sprachbarrieren oder unterschiedliche Religionen könnten ebenfalls einen Einfluss auf die Vereinsamung von Heimbewohnern haben, die sich möglicherweise identifizieren lassen, wenn beispielsweise Bewohner mit einem Migrationshintergrund befragt werden.
Neben den personenbedingten Faktoren hat unsere Untersuchung ergeben, dass darüber hinaus auch ursächliche Faktoren in der Heimstruktur der Einrichtungen und in der direkten Umwelt der Bewohner zu finden sind.
Wie ist es nun möglich, dass Heimbewohner sich einsam fühlen, obwohl sie in einer Gemeinschaft zusammenleben?
Die Mehrheit der Bewohner ist, dadurch dass sie in einer stationären Einrichtung der Altenhilfe lebt, nicht sozial isoliert, da sie auf Grund der hohen Bewohnerdichte regelmäßig mit anderen Menschen in Kontakt kommt. Sozialkontakte sind für Heimbewohner also ohne weiteres verfügbar, zumindest solche, die innerhalb der Einrichtung und zwar zwischen den Bewohnern stattfinden. Positive Aussagen, die sich konkret auf Kontakte zu anderen Heimbewohnern beziehen, werden allerdings kaum gemacht, und falls sie doch stattfinden, dann wird die Zufriedenheitsbekundung schnell auf andere Bereiche des Lebens im Heim ausgedehnt, wie Verpflegung, Körperpflege u. ä. Es wird also selten eindeutig zu den Kontakten, die ein Bewohner im Heim hat, Stellung genommen. Die Aussagen, in denen die Bewohner versichern, sich mit den Mitbewohnern gut zu verstehen, viele Sozialkontakte zu pflegen und zufrieden zu sein, werden oft im Laufe des Interviews vom Informanten selbst relativiert. Es stellt sich heraus, dass die Mehrheit der Bewohner doch nicht über so viele Sozialkontakte verfügt, sich einsam fühlt und unzufrieden ist, weil sich viele Heimbewohner einfach nur nach einem Gesprächspartner sehnen und auch nach der Möglichkeit, Anerkennung und Wertschätzung durch andere zu erfahren.
Aus diesem Grunde gehen wir davon aus, dass die Kontaktsituation vor allem deshalb von den Bewohnern positiv eingeschätzt wurde, um den Interviewern ein gutes Bild vom Heimleben zu vermitteln und um ein gutes Bild sich selbst gegenüber bewahren zu können. Die Problematik des sozial erwünschten Antwortverhaltens, die in einer Interviewsituation zum Tragen kommen kann, spiegelt sich in solchen widersprüchlichen Aussagen wider, die wir durch die angewandte offene Erhebungsmethode jedoch größenteils identifizieren konnten. Ein Bild, das mit der Realität nicht oder nur wenig übereinstimmt, kann von der interviewten Person bei einem narrativen Interview nur sehr schwer kontinuierlich vermittelt werden.
Folgendes Fazit zur Kontaktsituation lässt sich aus den von uns geführten Interviews ziehen: Viele Bewohner ziehen sich sehr häufig auf ihre eigenen Zimmer zurück und gehen überwiegend allein verschiedenen Tätigkeiten nach. Die Sozialkontakte finden entweder zufällig oder im Rahmen von tagesstrukturellen Programmpunkten statt, z.B. Treffen bei den Mahlzeiten, bei der Gymnastikgruppe etc. Zusammentreffen von Bewohnern, die auf Eigeninitiative beruhen, sind eher selten. Im Vergleich der beiden untersuchten stationären Einrichtungen der Altenhilfe bezüglich der Kontaktsituation kamen wir jedoch zu dem Ergebnis, dass sich die Kontaktsituation in der Einrichtung 1 im Vergleich zur Einrichtung 2 insgesamt ein Stück positiver darstellt, aber hinsichtlich der Einsamkeitserfahrungen sich keine nennenswerten Unterschiede ergeben haben.
Die von uns befragten Bewohner sehnen sich zwar überwiegend nach einer stärkeren sozialen Einbindung in die Heimgemeinschaft, aber sie fühlen sich oft auch gleichzeitig der Situation des Nicht-Kontakt-finden-Könnens hilflos ausgeliefert. Sie glauben zum Teil, dass sie selbst nichts an der Situation ändern können. Folglich versuchen sie, sich von den Mitbewohnern zum Teil deutlich zurückzuziehen, um nicht Gefahr laufen zu müssen, enttäuscht zu werden, und sich selbst für den Mangel an Sozialkontakten verantworten zu müssen. Den Mangel an befriedigenden Sozialkontakten versuchen die Bewohner vor allem auf zweierlei Weise zu rechtfertigen:
- Die Bewohner versuchen, den Interviewer glauben zu machen, dass sie keinen Kontakt zu anderen Bewohnern brauchen, da sie z.B. über ein "reiches Innnenleben" verfügen und sehr gerne allein sind und zudem keine Zeit haben, sich mit den Mitbewohnern zu beschäftigen, weil sie viel zu sehr mit anderen Dingen beschäftigt sind. Diese Rechtfertigung kann nicht ernst genommen werden, da jeder Mensch auf sozialen Austausch mit anderen angewiesen ist, um das eigene Wohlbefinden erhalten und Zufriedenheit mit der eigenen Lebenssituation empfinden zu können.
- Die Bewohner versuchen ihre eigene Antriebslosigkeit damit zu rechtfertigen, indem sie sich selbst täuschen oder zumindest versuchen, den Interviewer von der Ausweglosigkeit der Situation zu überzeugen. Einige der Bewohner vermitteln den Eindruck, dass sie sich bereits emotional schon so stark von den anderen distanziert haben, dass sie die Mitbewohner gar nicht als potentielle Kontaktpersonen wahrnehmen können. Die Bewohner argumentieren dahingehend , warum es ihrer Meinung nach zwecklos wäre, den Kontakt zu den Mitbewohnern zu suchen, dass sie entweder die anderen Bewohner als nicht kontaktfähig wahrnehmen, oder sie fühlen sich von den anderen ausgeschlossen bzw. können sich nicht vorstellen, dass einer der Mitbewohner Interesse an ihrer Gesellschaft haben könnte. Von daher wird auch kein Versuch ihrerseits unternommen, auf einen der Mitbewohner zuzugehen.
Wo trotz des Wunsches nach intensiveren Sozialkontakten der Antrieb fehlt, auf die Mitbewohner zuzugehen und in eine emotionale Bindung zu investieren, ist es nicht verwunderlich, dass die Bewohner diese Divergenz als Mangel empfinden und auch darunter leiden. Es konnten verschiedene grundlegende Ursachen in den einzelnen Untersuchungsdimensionen identifiziert werden. Die folgende zusammenfassende Darstellung und Diskussion nimmt Bezug auf die bereits in Kapitel 3.1. angedeuteten Faktoren:
Zu 1) Innerhalb der Untersuchungsdimension der personenbedingten Faktoren konnte unter anderem ein schlechter Gesundheitszustand als ein einsamkeitsbegünstigender Faktor identifiziert werden.
Ein großer Anteil der Heimbewohner zieht bereits mit (bzw. auf Grund von) erheblichen gesundheitlichen Einschränkungen ins Heim ein. Mit Zunahme physischer Einschränkungen im Alter steigt gleichzeitig der Grad der Hilfsbedürftigkeit. Die altersbedingten Funktionseinbußen (im Besonderen die Immobilität) schränken die Bewohner in ihrem Aktionsradius ein, wodurch parallel die Kontaktmöglichkeiten zu den Mitbewohnern schwinden und damit eine der existentiellen Ressourcen für die Überwindung des Gefühls der Einsamkeit nicht (mehr) gegeben ist (vgl. auch Tesch-Römer 2000: 165, Wenger et al.: 338; Elbing 1991: 219). Da eine Verschlechterung des Gesundheitszustandes und die damit zunehmende Hilfsbedürftigkeit häufig mit einer Schmälerung des Selbstbestimmungsgrades einher geht, bedeutet das nicht selten, dass eine physische Beschränkung auch psychische Belastungen mit sich bringt, die aus der Unzufriedenheit und einer allgemeinen Interesse- und Initiativlosigkeit resultieren. Die Bewohner zeigen daher auch überwiegend passive Verhaltensweisen, wodurch das Vereinsamungsrisiko der Bewohner noch weiter ansteigt. Anhand der Untersuchung konnte dargelegt werden, dass die Bewohner sich tendenziell einsamer fühlen, wenn der Gesundheitszustand sich verschlechtert.
In der Literatur wird der Einfluss zwischen einem schlechten Gesundheitszustand und dem Vereinsamungsgefühl als Wechselwirkung beschrieben (Tews 1979: 353; Tesch-Römer 2000: 165, Fessman / Lester 2000). Im Zuge dieser Untersuchung konnte die Annahme nicht bestätigt werden, dass sich auf Grund des Gefühls der Einsamkeit auch der Gesundheitszustand verschlechtert. Auch wenn die von uns erhobenen Daten hierzu keine Erkenntnisse zulassen, scheint es jedoch nicht allzu abwegig, dass durch Einsamkeit das Wohlbefinden der Bewohner negativ beeinträchtigt wird und somit zu einer Verschlechterung der Gesundheit führen kann.
Die Motivation, Kontakte zu den Mitbewohnern aufzubauen, wird zusätzlich dadurch gebremst, dass diese in einer stationären Institution leben, in der die gesundheitliche und pflegerische Versorgung der Bewohner im Mittelpunkt steht.
Auf der einen Seite werden die Bewohner auch jeden Tag mit den eigenen gesundheitlichen Sorgen und Ängsten (auf Grund einer allgemeinen Zukunftsangst, konkreter Diagnosen, bevorstehender Operationen usw.) konfrontiert, und darauf folgt bei einigen eine intensive Auseinandersetzung mit der eigenen Person, so dass die Motivation sinkt, sich auf einen anderen Menschen einzulassen. Auf der anderen Seite neigen die Bewohner auch dazu, einen Menschen allein nach dem Gesundheitszustand zu beurteilen, denn der Gesundheitszustand ist häufig ein offensichtliches und zentrales Kriterium, über das sich die Bewohner definieren können. Je schlechter der Gesundheitszustand eines Bewohners ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass dieser als potentieller Kontaktpartner ausgeschlossen wird. Bewohner, die unter psychischen Einschränkungen leiden, werden in der Regel noch stärker von den Mitbewohnern abgeurteilt und ausgegrenzt, so dass verhaltensauffälligen Mitbewohnern in der Regel kaum Chancen zugerechnet werden, unter den noch "fitten" Bewohnern Anschluss zu finden. Damit sind wir zu einem anderen Ergebnis gelangt als in der im Kapitel 2.2.3. dargelegten Studie von Cooper et al. Dem Ansatz von Myles (siehe Kapitel 2.2.4), dass durch Institutionalisierung die Lebenszufriedenheit steigt, da Krankheit und Behinderung viel weniger wahrgenommen werden (Myles 1978), kann hier ebenfalls nicht zugestimmt werden. Der Einfluss der Institution auf die Selbstwahrnehmung und auf das Verhalten des Individuums wird in diesem Ansatz eindeutig unterschätzt, welchen wir weiter unten in diesem Kapitel noch detaillierter diskutieren werden.
Zu 2) Einen weiteren einsamkeitsbegünstigenden Faktor in der Untersuchungsdimension der personenbedingten Faktoren, stellen die fehlenden bzw. unbefriedigenden Kontakte zu Personen außerhalb der stationären Einrichtung dar.
Insgesamt nehmen die Außenkontakte bzw. deren Leistung, sofern vorhanden, für die Heimbewohner einen emotional höheren Stellenwert ein als die Binnenkontakte. Ein Abbruch bzw. eine starke Verringerung der Kontaktfrequenz auch auf Grund der eigenen mangelnden Möglichkeiten und Fähigkeiten, den Kontakt zu Angehörigen, Freunden und Bekannten aktiv zu gestalten, führt in den meisten Fällen zu einer starken Belastung der Bewohner, die in Einsamkeit mündet. Einsamkeitsgefühle, die aus einem unzureichenden externen Netzwerk entstehen, können nicht bzw. werden nicht von den Bewohnern durch die Binnenkontakte zu kompensieren versucht. (vgl. auch Rückert 1983, Enzlberger 1992). Ein Erklärungsansatz liegt im dem fehlenden Engagement der Heimbewohner, da diese häufig eine passive "Wartehaltung" entwickeln und demnach die Bewohner in erster Linie auf den Besuch warten und selbst keine Anstalten entwickeln, Kontakte zu initiieren. Aus diesem Grund wird auch kaum ein Bewohner auf die Idee kommen, einem Mitbewohner ohne einen konkreten Anlass einen Besuch abzustatten.
Die Kontaktsituation zu den Freunden, Bekannten und Angehörigen wird nach Enzlberger (1992) überwiegend positiv dargestellt, und zwar dahingehend, dass mit dem Heimeinzug kaum eine Reduktion des alten Netzwerkes im emotional bedeutenden Bereich einhergeht. Darüber hinaus repräsentieren die Angehörigen die größte Gruppe im Netzwerk, da die Bewohner emotional an diesen festhalten, auch wenn der Umfang der Kontaktrealisation häufig nicht den eigenen Bedürfnissen und der eigenen Erwartungshaltung entspricht. Außerdem führt der Vergleich der Qualität sowohl der außer- als auch der innerinstitutionellen Kontakte unseres Erachtens bei den Bewohnern dazu, dass diese die Kontakte zu den Mitbewohnern im Kontrast als weniger qualitativ empfinden, unabhängig von der eigentlichen Qualität der außerinstitutionellen Kontakte. Demzufolge empfinden die Bewohner zwar einen Mangel an außerinstitutionellen befriedigenden Kontakten, dieser führt aber nicht zu einer Intensivierung der Kontakte zu den Mitbewohnern. Darüber hinaus wird die unbefriedigende externe Kontaktsituation selten bemängelt.
Anders als Enzlberger kommen Wagner et al. (1996) zu dem Schluss, dass Heimbewohner auf ein kleineres Netzwerk zurückgreifen als in Privathaushalten lebende. Aufgrund der Umstände, dass Heimbewohner häufiger als ältere Menschen, die nicht im Heim leben, verwitwet, hochaltrig und kinderlos sind bzw. kein sehr gutes Verhältnis zu den Kindern haben, kann davon ausgegangen werden, dass die Größe des Netzwerks nicht unbeeinflusst bleibt. Weitere Informationen zum Einfluss der einzelnen Kennzeichen von Heimbewohnern sind dem Kapitel 2.3.2. zu entnehmen.
Außerdem vermuten wir, dass, entgegen unserer Erwartung, ein ausreichendes externes soziales Netzwerk (und dazu zählt auch ein gutes Verhältnis zu den Kindern) dazu führt, dass die Bewohner tendenziell auch innerhalb des Heims über einen guten Kontakt zu den Mitbewohnern verfügen. Möglicherweise liegen die Ursachen dafür in dem Umstand, dass durch den regelmäßigen und intensiven Kontakt zu Menschen soziale Fertigkeiten im Umgang mit anderen geübt werden oder erhalten bleiben, wodurch der Zugang zu Mitbewohnern möglicherweise leichter fällt. Die Frage, ob die Bewohner bei einem befriedigenden externen Netzwerk keinen Bedarf verspüren, intensivere Kontakte zu den Mitbewohnern aufzubauen, hat sich in unserer Datenanalyse nicht gestellt, da die Heimbewohner so gut wie alle über ein unzureichendes externes Netzwerk verfügten.
Zu 3) Weitere einsamkeitsbegünstigende Faktoren konnten neben dem schlechten Gesundheitszustand in Bezug auf die fehlenden bzw. unbefriedigenden Kontakte der Heimbewohner untereinander identifiziert werden. In der Untersuchungsdimension der personenbedingten Faktoren stellt ein Mangel an sozialen Kompetenzen, insbesondere aufgrund fehlender Erfahrungswerte, einen wesentlichen Faktor dar.
Das individuelle Kontaktverhalten wird auch maßgeblich von dem persönlichen Sozialverhalten beeinflusst. Sozial inkompetente Verhaltensweisen unter den Bewohnern scheinen keine Seltenheit zu sein, wodurch die Verhaltensdefizite besonders hinderlich bei der Kontaktaufnahme und in einer Konfliktsituation zum Tragen kommen. Im Besonderen ist das Konfliktpotential auf Grund der hohen Bewohnerdichte im Heim besonders hoch, wodurch die Bewohner im alltäglichen Umgang miteinander schnell überfordert werden.
Sozialkompetentes Verhalten beinhaltet die Fähigkeit, neue Beziehungen zu anderen aufnehmen und gestalten zu können, sich in einer Gruppe zurecht zu finden (Anpassungsfähigkeit), zuhören zu können, gruppendynamische Prozesse wahrnehmen und beurteilen zu können, Konfliktlösungsstrategien anwenden zu können, sich der eigenen Grenzen bewusst zu sein, aber auch in der Lage zu sein, seine eigenen Schwächen eingestehen und Gefühle zeigen zu können.
Soziale Kompetenzen können durch spezifische Ereignisse und Erfahrungen erworben bzw. fortlaufend im Leben geprägt werden. Die Sozialisation, der Lebensstil, die Herkunft, die Schichtzugehörigkeit (damit sind insbesondere die jeweiligen Einkommens- und Vermögenssituationen und die erworbenen Bildungsabschlüsse gemeint), verschiedene Berufserfahrungen, geschichtsträchtige Ereignisse sowie die Persönlichkeitsmerkmale, die z. T. darauf basieren, können auf die sozialen Kompetenzen einwirken und somit das soziale Klima im Heim mit beeinflussen (vgl. auch Rückert 1983: 26).
Die Heimbewohner nennen häufig Gründe für die bescheidende Gestaltung der Kontaktsituation innerhalb des Heims, die sich auf die mangelnde Sozialkompetenz der Bewohner zurückführen lassen, beispielsweise kommen die Bewohner nicht mit Bildungs- und Interessensunterschieden sowie mit unterschiedlichen Lebensgewohnheiten auf Grund einer mangelnden Kompromissbereitschaft zurecht (vgl. auch Schmitz-Scherzer 1978: 72, Kruse 1992: 65ff.). Dass sich sogar Bewohner an der Einseitigkeit der Gesprächsthemen stören, spricht eindeutig dafür, dass die Bewohner zum Teil nicht einmal in der Lage sind, im Gespräch ein Thema von beidseitigem Interesse auszuloten, um eventuell daraufhin den Kontakt intensivieren zu können (vgl. auch Kruse 1992: 65ff.).
Warum im Besonderen die Bevölkerungsgruppe der Bewohner von stationären Einrichtungen der Altenhilfe in vielen Bereichen sozial inkompetentes Verhalten aufweist, bleibt Spekulation, und konnte auch in unserer Untersuchung nicht hinreichend geklärt werden. Kruse geht von einem Zusammenhang zwischen den Verhaltensdefiziten und einer langjährigen Beschränkung sozialer Beziehungen auf die Familie oder den Lebenspartner (Kruse et al. 1992: 67) aus. Vermutlich ist von den personenbedingten Faktoren der Mangel an sozialen Kompetenzen der ausschlaggebende Faktor in Bezug auf die Kontaktsituation, daher müsste dies in weiterführenden Studien unbedingt Berücksichtigung finden.
Im Kapitel 2.3.2. wurde zudem auf "geschlechtsspezifische Differenzen des Sozialverhaltens" hingewiesen, wodurch demnach das Einsamkeitsrisiko der verwitweten Männer gesteigert wird (Elbing 1991: 225). Darüber hinaus scheint mit zunehmendem Einkommen und höherer Schulbildung das Einsamkeitsrisiko zu sinken (Tews 1979, Elbing 1991) . Trotz der strittigen Ergebnisse hierzu in der Forschung nehmen wir an, dass hier ein Zusammenhang besteht, da hierdurch auch die sozialen Kompetenzen beeinflusst werden (können).
Das größte Problem in dem Bereich liegt nach den von uns gewonnenen Erkenntnissen darin, dass die Bewohner nicht in der Lage sind (aus Angst) oder sich nicht in der Lage sehen (aus Perspektivlosigkeit), eigene Bedürfnisse, d.h. Kontaktwünsche, zu formulieren.
Zu 4) Die Antizipation des erfolglosen Ausgangs von Beziehungen durch den Tod (Krankheit), sowie die Gewissheit der eigenen Endlichkeit (Verschlechterung der Gesundheit) und dem damit eventuell verbundenen Motivationsverlust stellt in der Untersuchungsdimension der personenbedingten Faktoren einen weiteren einsamkeitsbegünstigenden Faktor dar.
Der Tod eines Bewohners stellt in einer stationären Einrichtung kein außergewöhnliches Ereignis dar, welches den Bewohnern daher bewusst ist. Der Tod stellt nicht unbedingt ein Angst einflößendes Ereignis dar, sondern wird von einem Teil der Bewohner sehr nüchtern betrachtet. Dennoch kann dieser Umstand zu Passivität und Resignation bei den Bewohnern führen. Zudem wird die eigene, sich nahende Vergänglichkeit spürbar, auch durch die Verschlechterung des Gesundheitszustandes. Dieser Umstand und die wahrgenommene Unveränderbarkeit der Situation reduzieren die Motivation zu handeln und hindern die Bewohner daran, in irgendetwas aktiv investieren zu wollen. Das Kontaktverhalten ist auch dadurch von Inaktivität, Entmutigung oder auch Gleichgültigkeit gekennzeichnet, denn die Antizipation des erfolglosen Ausgangs eines Kontakts zu einem der Mitbewohner bezieht sich nicht nur auf den Tod, sondern auch auf die Möglichkeit einer plötzlichen Veränderung des Gesundheitszustandes, wobei dieser Gedanke die Bewohner mehrheitlich mehr beschäftigt und beunruhigt. Erschwerend kommt hinzu, dass die Bewohner Zeit benötigen, um intensivere Kontakte entstehen zu lassen und zwar Lebenszeit, die nicht immer noch ausreichend zur Verfügung steht. Zum einen muss erst einmal die kritische Phase des Heimübergangs überwunden werden, welcher in der Regel einen sehr langsamen Prozess darstellt (mindestens ein halbes Jahr). In Anbetracht der durchschnittlichen Verweildauer in pflegeorientierten Einrichtungen, die bei etwa drei Jahren liegt (siehe Kapitel 2.1.), scheinen die Chancen nicht sonderlich vorteilhaft für eine Intensivierung der Kontakte der Bewohner untereinander zu sein. Der ungemein wichtige Zeitfaktor wird in Zukunft einen wahrscheinlich noch gravierenderen Einfluss nehmen, da das Heimeintrittsalter weiter zunehmen wird und sich damit auch das Risiko erhöht, dass die Bewohner erheblich früher im Zeitverlauf des Heimaufenthalts schwerer erkranken, obwohl sich laut Drittem Altenbericht (BMFSFJ 2001) die Aufenthaltsdauer tendenziell eher verlängert, was wohl eher auf eine verbesserte medizinische Versorgung zurückzuführen sein wird. Das bedeutet nur, dass die Bewohner länger leben, aber ob diese mit der Verlängerung des Lebensalters auch länger gesund bleiben, sei noch dahingestellt.
In einem Heim sind die Bewohner gezwungenermaßen täglich mit den Aspekten des Alters, wie Krankheit, Demenz oder Tod, konfrontiert, was nicht immer leicht zu bewältigen erscheint. Aus den Interviews ging hervor, dass die Beobachtung psychischer Veränderungen bei einem Mitbewohner eine weitaus größere Belastung für die Bewohner darstellt als die Beobachtung schwer organischer Funktionseinbußen, was wahrscheinlich an der allgemeinen Unwissenheit bezüglich des Krankheitsbildes und -verlaufes liegt. Verhaltensauffälligkeiten werden aus diesem Grund häufig von den Bewohnern fehl interpretiert, so dass unnötige Belastungen entstehen. Darüber hinaus verfügen die meisten über ein nicht ausreichendes Maß an Konfliktlösungsstrategien, die den Umgang mit verwirrten Bewohnern erleichtern könnten (vgl. auch Kruse et al. 1992: 61ff.). Dennoch sind die Vorteile des Integrativen-Unterbringungskonzeptes nach wie vor unbestritten.
Die in der Minderheit befindlichen Heimbewohner, die mobil, weitestgehend gesund und psychisch nicht beeinträchtigt sind, tendieren darüber hinaus häufig dazu, sich insbesondere von den psychisch stark beeinträchtigten Bewohnern zu distanzieren, um sich gleichermaßen auf diese Art und Weise von der Rolle des Heimbewohners zu distanzieren und um sich so den mit der Rolle verbundenen negativen Zuschreibungen entziehen zu können (vgl. Kapitel 2.3.4.).
Zu 5) Der hier abschließend diskutierte einsamkeitsbegünstigende Faktor in der Untersuchungsdimension der personenbedingten Faktoren, stellt die Orientierung der Wahrnehmung an negativen Erfahrungen (Zurückweisung) mit anderen Heimbewohnern dar.
Die negativ besetzte Bewohnerrolle im Altenheim lässt auf eine Fülle von Konfliktpotentialen schließen, worauf die Bewohner häufig in Formen des physischen Rückzugs reagieren, da die Bewohner meistens über keine andere Konfliktlösungsstrategie verfügen.
Dadurch werden die anderen Bewohner z. T. als langweilige Charaktere wahrgenommen, die sich passiv verhalten und für nichts Interesse oder Initiative zeigen. Im Kapitel 2.3.2. wurden bereits die in der Literatur kursierenden Bedingungen für Einsamkeit im Alter benannt und aufgezeigt, dass Merkmale der Persönlichkeit auch wesentlich Einsamkeitsgefühle beeinflussen können. Zum Beispiel sind Personen, die über einen eingeschränkten Interessenradius, über eine geringe Zielgerichtetheit und über eine eingeschränkte Zukunftsorientierung verfügen, dadurch häufig unzufrieden, leiden unter einem geringeren Selbstvertrauen und klagen in der Regel häufiger über Einsamkeit (Tews 1979; Wagner et al. 1996; Lehr 1991).
Die Distanzierungsversuche der anderen Bewohner können als Zurückweisung oder als Kränkung erlebt werden. Diese werden folglich als weitere negative Erfahrungen den Bewohnern in Erinnerung bleiben, die ihnen das Scheitern der Beziehungswünsche verdeutlichen. Dadurch könnte die Angst verstärkt werden auf andere zuzugehen. Die Bewohner machen sich, unserer Meinung nach, unbegründet Sorgen darüber, dass durch eine aktive Kontaktaufnaheme die Mitbewohner sich belästigt fühlen und sie von diesen abgewiesen werden könnten (vgl. auch Kruse 1992: 65ff.).
Damit diese schmerzlichen Erfahrungen sie nicht zu sehr verletzen, ziehen sich auch diese Bewohner zurück, wodurch die eigenen Wünsche nach intensiverem sozialen Austausch verleugnet werden können und der Kontakt zu den Mitbewohnern auf einer sicheren, oberflächlichen Ebene bleibt, denn eine vertrauensvolle Beziehung wird automatisch mit Erwartungen verbunden, deren Bruch schmerzliche Folgen haben könnte. Diese passiven Verhaltenweisen und die mangelnden sozialen Kompetenzen hindern die Bewohner daran, das Risiko der Enttäuschung kalkulierbar zu gestalten, so dass die Mitbewohner zumindest als mögliche Ressource für einen positiven Leistungsträger betrachtet werden können, indem die Bewohner versuchen, sich den Mitbewohnern anzunähern.
Die wahrgenommenen negativen Erfahrungen im Heim, die aus Begegnungen mit anderen Bewohnern resultieren, behindern also die eigene Initiative, durch vorschnelle Pauschalisierungen negativ aufgefallener Persönlichkeitseigenschaften. Deren Übertragung auf alle anderen Mitbewohner helfen den Bewohnern sich von diesen abgrenzen zu können, indem von vornherein ein erfolgloser Ausgang der Kontakte antizipiert wurde. Aus diesem Grund nehmen wir an, dass von den Bewohnern die als störend bezeichneten Persönlichkeitseigenschaften und Verhaltensweisen (z.B. übermäßige Neugier, Gerede und Getratsche, Interesse- und Initiativlosigkeit) nicht die eigentlichen Ursachen für die Rückzugstendenzen darstellen, wie es in der Literatur dargelegt wurde (Schmitz-Scherzer 1978: 72, Kruse 1992: 68), sondern dass die Bewohner über kein aktives Verhaltensrepertoire (soziale Kompetenzen) verfügen, die das Leben in einer Gemeinschaft ermöglichen. Konflikte, bezüglich störend empfundener Verhaltensweisen, sind in jeder Gemeinschaft zu entdecken. Es ist nicht zu erwarten, dass sich jeder mit jedem versteht, Konflikte werden in jedem Konzept weiterhin existieren, aber die Bewohner müssten stärker differenzieren und damit aufhören, negative Erlebnisse auf alle anderen Mitbewohner zu projizieren, denn mit Sicherheit sind nicht alle anderen Mitbewohner unsymphatisch und haben schlechte Manieren, die einen kompletten Rückzug rechtfertigen würden.
Zudem zeigt sich auch in der Literatur, dass die als angeblich als Belastung empfundenen Persönlichkeitsmerkmale und Verhaltensweisen gar kein so großes Problem darstellen, da sonst die Heimbewohner die Rückzugstendenzen der anderen wohl eher begrüßen als ablehnen würden. Beklagt wird allerdings ausdrücklich der ausgeprägte Rückzug der anderen Bewohner in das private Zimmer und die Flüchtigkeit der Kontaktsituation in den öffentlichen Bereichen der stationären Einrichtung (Saup 1990: 18, Schmitz-Scherzer 1978:72, Kruse 1992: 69f.).
Zu 6) Im Folgenden soll es darum gehen, einige der identifizierten möglichen einsamkeitsbeeinflussenden Faktoren aus den Untersuchungsdimensionen heimstrukturelle und umweltbedingte Faktoren zu diskutieren.
Beginnend soll erwähnt werden, dass die umweltbedingten Faktoren nicht unmittelbar auf die zwischenmenschlichen Beziehungen der Bewohner Einfluss nehmen, sondern eher durch die Schaffung eines günstigen oder ungünstigen Rahmens kann die Kontaktsituation unter den Bewohnern und in erster Linie die Kontaktfrequenz gefördert werden.
Der Lebensraum Altenheim und dessen Gestaltung ist ein Bereich, der Rückzugstendenzen und Einsamkeit begünstigen kann. Die Bewohner sind meistens in einem schlechten Gesundheitszustand, da diese überdurchschnittlich alt sind. Die räumlichen und atmosphärischen Gegebenheiten müssten idealerweise den Defiziten der Bewohner, so gut es geht, entgegenwirken, aber einige stationäre Einrichtungen können diesem Anspruch nicht einmal im Ansatz gerecht werden, da diese als nicht einladend und barrierefrei gelten können, weil sich die alten, gesundheitlich beeinträchtigten Bewohner dort unwohl fühlen, unorientiert sind und sich unsicher fühlen (vgl. auch Elbing 1991: 220), was auch durch einen verstärkten Rückzug in das eigene Privatzimmer nach außen deutlich wird.
Das Privatzimmer (incl. die Respektierung der Privatsphäre) spielt eine sehr wichtige Rolle in Anbetracht der Ausprägung des eigenen Wohlbefindens (vgl. auch Saup 1990: 18f.). Da es auf den Bewohnerzimmern nur in Ausnahmefällen zu Kontakten der Bewohner untereinander kommt, müsste im Besonderen überlegt werden, wie die öffentlichen Bereiche im Heim gestaltet werden müssten, und wie viele öffentliche Bereiche zur Verfügung gestellt werden sollten, damit diese den Bewohnern gute Kontaktvoraussetzungen bieten. Wahrscheinlich spielen auch Entfernungen eine Rolle, da ein schlechter Gesundheitszustand einer Überwindung langer Strecken entgegensteht. Allerdings konnten wir dies in unserer Untersuchung nicht genau beobachten. Dennoch scheint die Erklärung nachvollziehbar.
Im Folgenden werden einige der heimstrukturellen Faktoren vorgestellt. Der kritische Ablauf des Heimübergangs und der häufig damit einhergehende Zwangscharakter wurden bereits im Kapitel 2.3.3., im Zusammenhang mit dem von Goffman aufgestellten Modell der totalen Institution und bezüglich der daraus resultierenden Problematik erläutert. Ebenso wurde der Heimübergang bzw. der Umstand des Heimübergangs in verschiedenen Studien im Abschnitt 2.2.1. als Belastungsmoment angeführt.
Die Zw angssi tuation des Heimeinzugs setzt sich aus drei Komponenten zusammen: aus einer plötzlich entstehenden Notwendigkeit (unerwartetes Zusammenbrechen der häuslichen Versorgungssituation), aus einer mangelnden Vorbereitung und der Alternativlosigkeit.
Die kritische Phase des Heimübergangs wird verstärkt negativ erlebt, obwohl die Notwendigkeit des Einzuges den Bewohnern häufig plausibel ist. Der Verlust von Selbständigkeit, das Gefühl der Kontrolle und weitestgehend der Verlust der Selbstbestimmung über den weiteren Lebensverlauf im Heim sind schwer zu verkraften. Muss ein Heimeinzug mit diesen Attributen unbedingt verbunden sein?
Die Bewohner arrangieren sich mit der Zeit mit den Bedingungen im Heim, aber wirkliches Gefallen am Heimleben entwickelt sich nur in Ausnahmefällen im Laufe der Zeit. Einen weitaus positiveren Heimübergang konnten nur die Bewohner erleben, die die Möglichkeit zur Vorbereitung erhielten, die bei der Auswahl einer geeigneten Einrichtung und den Zeitpunkt des Einzuges selbstständig bestimmen konnten. Für sich allein stellt die Art des Ablaufs des Heimübergangs keinen hinreichenden Faktor dar, um von da aus auf die Art des Umgangs mit den anderen Bewohnern und auf das Ausmaß an Einsamkeit im Heim zu schließen, aber in Anbetracht der Tatsache, dass vor allem ein negativ erlebter Heimübergang psychisch nicht ohne Folgen bleibt (z.B. Depression, Traurigkeit, Schwächegefühle), wird der Zusammenhang damit und die tendenziellen Auswirkungen auf das Kontaktverhalten deutlich. Bewohnern, die sich unwohl fühlen, fällt es schwerer, Sozialkontakte zu den Mitbewohnern zu knüpfen. Von daher kann man davon ausgehen, dass diejenigen, die das Gefühl haben, ihre eigene Zukunft mitbestimmen zu können, sich schneller mit der neuen Situation arrangieren und sich aufgeschlossener den anderen Bewohnern gegenüber zeigen.
Das überwiegende Problem stellt also nicht der Heimübergang an sich dar, sondern der damit einhergehende Zwangscharakter. Aus diesem Grund gestaltet sich die Eingewöhnungsphase so langwierig, da der Zwangscharakter auch nach dem Heimeinzug im Alltag weitgehend erhalten bleibt. In dieser Problematik liegt auch einer der Schlüssel, warum Heimbewohner gemeinsam einsam sind. Initiierte Kontakte zu den Mitbewohnern (beispielsweise beim Essen, während der Freizeitangebote, das Leben in einem Zweibettzimmer) sind mit einem Zwangscharakter behaftet und werden aus diesem Grund häufig abgelehnt (vgl. auch Saup 1990: 19). Die Bewohner möchten sich selbstständig aussuchen, mit wem sie etwas zu tun haben wollen und mit wem nicht, aber auf Grund der eingeschränkten sozialen Kompetenzen und auf Grund der generell weit verbreiteten passiven Wartehaltung der Bewohner ist es fast aussichtslos, dass die Bewohner sich untereinander annähern können.
Die Faktoren Mangel an Kontroll- und Entscheidungsmöglichkeiten / Ineffizienz des Heimbeirats / Keine Vorstellung der eigenen Mitspracherechte knüpfen wiederum auch an der eben dargelegten Problematik an.
Wir nehmen an, je starrer die Heimstruktur einer Einrichtung ist, desto mehr wird bei den Bewohnern vermutlich das Gefühl verstärkt, dass sie nicht selbst etwas entscheiden bzw. verändern können, wodurch die Bewohner gleichgültig und perspektivlos werden, um sich durch die Aneignung überwiegend passiver Verhaltensweisen dann problemloser der Heimstruktur anpassen zu können. Trotz des unterschiedlichen Starregrads der Heimstrukturen konnten wir keine wesentlichen Unterschiede hinsichtlich des Kontaktverhaltens feststellen. Wahrscheinlich ist dieser Befund damit zu begründen, dass die Unterschiede in der Heimstruktur noch nicht ausreichend waren, um positive Effekte bei den Verhaltensweisen der Bewohner zu erzielen. In den von uns untersuchten Heimen bzw. unter Anwendung dieses sich uns dargestellten Pflegekonzeptes, ist anscheinend ein gewisser Verlust an Kontroll- und Entscheidungsmöglichkeiten unumgänglich bzw. auch erwünscht (vgl. auch Schroeter 2002: 162), da nur so ein reibungsloser und unkomplizierter Ablauf der Versorgung sichergestellt werden kann.
Inwiefern die Schaffung von Kontroll- und Entscheidungsmöglichkeiten von der Heimleitung und vom Heimträger tatsächlich unterstützt werden, konnten wir nicht feststellen, da unser Datenmaterial nur auf Bewohnerbefragungen basiert. Allerdings lässt sich aus den Analyseergebnissen die Tendenz ableiten, dass der Heimorganisation die passiven Verhaltensweisen der Bewohner eventuell sehr gelegen kommen. Das deutet sich beispielsweise dadurch an, dass durch die von der Einrichtung erbrachte unzureichende Kommunikation und Informationsleistung innerhalb des Heims den Bewohnern die Wahrnehmung gewisser Kontroll- und Entscheidungsmöglichkeiten zusätzlich erschwert wird (z.B. Ineffektivität des Heimbeirates). An dieser Stelle müsste man eine weitere Untersuchung anschließen, um hierzu aufschlussreicheres Material liefern zu können. Darüber hinaus besteht ein Zusammenhang zwischen dem Gefühl, nichts verändern zu können, da für die meisten Bewohner Entscheidungsmöglichkeiten mit einer gewissen Machtposition verbunden sind, die sie durch die Bewohnerrolle nicht erfüllt sehen. Es bleibt abzuwarten, ob nachfolgende Generationen auf Grund eines anderen Verständnisses gegenüber Dienstleistungen, gegenüber einer Veränderung im Verständnis des Mitbestimmungsrechts und auf Grund der Veränderung der Möglichkeiten zur Erwerbung sozialer Kompetenzen das Leben im Heim aktiver gestalten oder ob diese auf Grund des Abhängigkeitsempfindens von der stationären Einrichtung und auf Grund der Abhängigkeit vom Personal sich ebenso inaktiv verhalten wie die aktuelle Bewohnergeneration.
Der hier zum Abschluss diskutierte Faktor aus der Untersuchungsdimension heimstruktureller Faktoren besteht in dem nicht oder kaum intervenierenden Umgang des Personals mit den Heimbewohnern. Darüber hinaus ist die bereits angedeutete Asymmetrie der Beziehung zwischen dem Personal und den Bewohnern und deren Einfluss auf das Rollenverständnis thematisch interessant.
Um hier tatsächlich hinsichtlich der Arbeitsweise des Personals verwertbare Ergebnisse zu erhalten, müsste dieses auch befragt oder intensiver beobachtet werden. Aus der Bewohnersicht wird die Arbeitsweise des Personals nicht durchgängig positiv dargestellt. Die Bewohner nehmen besonders kritisch den ständigen Zeitdruck des Personals wahr (vgl. auch Gebert / Kneubühler 2003: 167f.).
Eventuell werden auch bestimmte kleinere Aktivierungsmaßnahmen, die das Personal durchführt, zum Beispiel auf Grund der Wahrnehmung eines Zeitdrucks während der Körperpflege, missverstanden und falsch interpretiert. Zum Beispiel ist es denkbar, dass das Personal die Bewohner dazu anhält, soweit sie es noch können, sich selbst zu waschen. Solche Anregungen könnten jedoch von den Bewohnern dann so ausgelegt werden, dass das Personal sie vergessen hat oder zu faul ist oder nur Zeit sparen will oder einfach unqualifiziert auf die Bewohner wirkt etc. Die Kritik wird trotzdem meistens nicht ohne anschließende Verständnisbekundungen bezüglich der schwierigen Berufssituation geäußert.
Anders als bei einer Inanspruchnahme ambulanter Hilfen hat die Versorgung im Heim für die Bewohner in erster Linie eher weniger den Charakter einer Dienstleistungsversorgung. Im Heim ist der hilfsbedürftige Mensch eigentlich nur Patient, der sich auf Grund des Abhängigkeitsverhältnisses der stationären Einrichtung vollkommen ausgeliefert fühlt. Hieraus könnte hervorgehen, dass es sich bei der Problematik der Inaktivität und der fehlenden Kompetenz der offenen Formulierung eigener Bedürfnisse um kein generationsspezifisches Problem handeln wird, da prinzipiell jeder Bewohner Gefahr läuft, auf Grund des Abhängigkeitsverhältnisses die Rolle des "Idealpatienten" zu übernehmen, um sich das Wohlwollen des Personals auf diese Art sichern zu können (vgl. auch Voss 1990: 38, Filipp / Mayer 1999: 198ff.).
Die weiteren Faktoren, wie z.B. der Mangel an Aufgaben und Verantwortung und unpassende Freizeit- und Aktivitätsangebote, sind auch unweigerlich mit der Fremdversorgung verknüpft. Durch den Verlust der eigenen Haushaltsführung und den eingeschränkten Aktionsradius, muss den Bewohnern etwas geboten werden, das die erlittenen Verluste ausgleicht. Neue Aufgaben steigern das Wohlbefinden, eröffnen zukunftsorientiertes Handeln und fördern aktive Verhaltensweisen. Die Versorgung der Bewohner durch das Personal lässt wahrscheinlich jedoch wenig Eigenständigkeit allein auf Grund des chronischen Zeitmangels zu.
Wie wichtig die Erhaltung der Eigenständigkeit ist, soweit noch möglich, oder wie viel den Bewohnern durch den Umgang des Personals noch zugestanden wird, wurde unter anderem im Kapitel 2.2.4. behandelt. Als Ergebnis konnte festgehalten werden, dass mehr Eigenständigkeit förderlich zu sein scheint. Es zeigte sich, dass Bewohner in Einrichtungen der Tagespflege eigenständiger waren, da sie ihren Tagesablauf individueller gestalten konnten, wie Erwachsene behandelt wurden und sich daher weniger passiv gaben (Salari / Rich, 2001: 115 - 134).
Da es sich bei Einsamkeit um eine individuelle Empfindung handelt, durch die sich ein empfundener Mangel ausdrückt, der aus der Differenz zwischen dem Wunsch nach befriedigenden Sozialkontakten und dem im Alltag stattfindenden Erfahrungen resultiert, ist diese nicht immer eindeutig zu erfassen. Wir gehen beim derzeitigen Wissensstand davon aus, dass das individuelle Risiko zur Vereinsamung in einer stationären Einrichtung der Altenhilfe zunimmt, je mehr von den identifizierten Ursachen von Einsamkeit bei Heimbewohnern zutreffend sind.
Wie stark der Einfluss der einzelnen Faktoren zu bewerten ist, können wir nicht beantworten, sondern nur darüber spekulieren, da anhand dieser Studie die Wirkungen der einzelnen Faktoren nicht separiert wurden. Wir nehmen auch an, dass die einzelnen Faktoren bei verschiedenen Bewohnern eine verschieden starke Wirkung, hinsichtlich der Begünstigung von Einsamkeitsgefühlen, erzielen können.
An dieser Stelle muss festgehalten werden, dass es gilt, die hier identifizierten Faktoren an die Forschung weiter zu delegieren, um diese durch weitere Untersuchungen absichern zu können. Mit Hilfe einer quantitativ angelegten Untersuchung könnten unserer Ansicht nach die Ergebnisse allerdings nur bedingt abgesichert werden, da es sich bei dem Untersuchungsgegenstand "Einsamkeit" um einen sehr schwierigen quantifizierbaren Untersuchungsgegenstand handelt. Sicherlich lassen sich quantitativ die einzelnen Faktoren erheben und feststellen, wie viele der Faktoren auf die Heimbewohner wirken. Welcher der Faktoren die Bewohner jedoch tatsächlich wie stark belastet und wie viele der befragten Bewohner sich wirklich einsam fühlen, wird sich wahrscheinlich nicht ohne weiteres quantitativ ermitteln lassen. An dieser Stelle soll nicht die Problematik quantitativer vs. qualitativer Forschungsdesigns diskutiert werden, sondern nur auf diese hingewiesen werden.
Unabdingbar ist allerdings, dass für zukünftige Untersuchungen das jeweilige Untersuchungsdesign speziell auf die zukünftige Forschungsfrage, den zeitlichen zur Verfügung stehenden Rahmen und die sonstigen zur Verfügung stehenden Ressourcen ausgerichtet werden muss. Allerdings sehen wir uns hier nicht in der Lage, weiterführende konkrete Forschungskonzepte zu entwerfen. Trotzdem sollen an dieser Stelle kurze Hinweise gegeben werden, wie man unserer Ansicht nach die Forschung in diesem Bereich weiterführen könnte.
Es erscheint uns sinnvoll, weitere Untersuchungen bevorzugt in anderen Formen stationärer Einrichtungen der Altenhilfe durchzuführen. Beispielsweise wäre es interessant, die Kontaktsituation von Altenwohnheimbewohnern und deren Vereinsamungsrisikos zu untersuchen und diese mit der von Altenheim-WG-Bewohnern zu vergleichen, um daraufhin detaillierter Rückschlüsse betreffend der identifizierten Faktoren, die Einsamkeit bei Heimbewohnern bedingen können, ziehen zu können. Sehr interessante Ergebnisse würden wir uns von einer Längsschnittuntersuchung versprechen, da durch diese der Einfluss der einzelnen Faktoren, die zu Einsamkeit führen können, eindeutiger bestimmt werden könnte.
Bei der Fülle der identifizierten Ursachen von Einsamkeit bei Heimbewohnern lassen sich genügend Ansatzpunkte für Verbesserungs- und Interventionsmaßnahmen zur Kontaktsituation der Bewohner in stationären Einrichtungen der Altenhilfe untereinander ableiten. Gute Ansätze für die Formulierung verschiedener Verbesserungs- und Interventionsmaßnahmen bieten sicherlich die identifizierten heimstrukturellen und umweltbedingten Gegebenheiten der Einrichtung 1, wodurch aber die Einsamkeitsproblematik, trotz einiger beobachtbarer Verbesserungen in der Kontaktsituation, sich sicherlich noch nicht vollständig lösen ließe.
Von daher stellt sich nun die Frage, wie man der Einsamkeit in stationären Einrichtungen der Altenhilfe am effektivsten begegnen kann. In erster Linie müssen die Maßnahmen an den heimstrukturellen und umweltbedingten Faktoren anknüpfen, da die personenbedingten Faktoren, wie z.B. Kinderlosigkeit oder ein schlechter Gesundheitszustand, sich nur schwerlich verändern lassen. Im folgenden Abschnitt wird es darum gehen, welche strukturellen und umweltbedingten Maßnahmen nach unseren Erkenntnissen getroffen werden müssten, damit sich die Heimbewohner als Gemeinschaft wahrnehmen, damit sie in die Lage versetzt werden, befriedigende Kontakte untereinander aufzubauen und damit die Mitbewohner als eine weitere wichtige emotionale Ressource wahrgenommen werden, so dass kein Heimbewohner mehr einsam sein muss, der dieses nicht will.

