5. Diskussion
5.2. Empfehlungen / Interventionsmöglichkeiten
Aufgrund der Komplexität unserer Ergebnisse ergibt sich auch ein umfassendes Interventionsfeld. Es soll gezeigt werden, auf welchem Wege Bedingungen geschaffen werden können, die die Bewohner in einem Heim dazu veranlassen, miteinander in Kontakt zu treten und die dementsprechend dazu beitragen, die Einsamkeit unter Heimbewohnern zu minimieren. Die Maßnahmen, die im Folgenden vorgestellt werden, verbleiben jedoch überwiegend auf einer abstrakten, theoretischen Ebene, da man Einsamkeit im Altenheim - begreift man es als soziales Problem - nicht mit Einzelmaßnahmen begegnen kann, wie Verschönerung der Gemeinschaftsräume o. ä., sondern es bedarf weitaus komplexerer Lösungsansätze. Die Maßnahmen verdeutlichen, dass Einsamkeit bei älteren Heimbewohnern das Ergebnis einer Vielzahl an Einflussfaktoren ist, wodurch auch die "Lösungen" des Problems an verschiedenen Punkten ansetzen müssen. Einsamkeit entsteht nicht linear, sondern immer im Zusammenwirken verschiedenster Faktoren. Will man die Kontakte der Bewohner untereinander ins Rollen bringen, um das Potential an vorhandenen Kommunikationsmöglichkeiten auszuschöpfen und um deren Lebensqualität zu erhöhen, durch Gefühle wie Geborgenheit und Gemeinschaftlichkeit, muss man Abstand von dem Denken nehmen, Einsamkeit und Kontaktaufnahme liege in jedem Einzelnen begründet und ist daher unbeeinflussbar.
Gleichzeitig ist immer die Rede von Verbesserung der Lebensqualität in den Einrichtungen und von Konzepten, die zu einer Förderung der Selbständigkeit und Zufriedenheit beitragen sollen. Es geht jedoch immer im Einzelnen darum, in erster Linie auf die Person (resp. den Bewohner) einzuwirken, ihn zu verändern und dessen Kompetenzen zu fördern. Der Fokus richtet sich demnach i. d. R. auf Therapie und Rehabilitation, auf Prävention von Erkrankungen und Abbauprozessen, auf Optimierung der Ressourcen, auf Krankengymnastik, Ergotherapie, Rehabilitation (vgl. Schmitz-Scherzer 1994). Natürlich ist es wichtig, das Auftreten von Erkrankungen einzudämmen und Schmerzen zu lindern. Aber ein Heim ist kein Krankenhaus. Ein Heim ist ein Wohnort. Dementsprechend müssen in erster Linie andere Werte im Vordergrund stehen: Geborgenheit, Wärme, Ruhe, Gemütlichkeit, Familialität. Was nützt dem Bewohner das Gedächtnistraining, wenn ihn niemand nach seinen Erinnerungen fragt? Kurz: es kommt nicht darauf an, den Bewohner zu ändern, sondern die Rahmenbedingungen, die wesentlich die Motivation zur Interaktion mit anderen Menschen beeinflussen können.
Insbesondere auf der Ebene der heimstrukturellen und umweltbedingten Faktoren können verschiedene Veränderungen vorgenommen werde. In Bezug auf die personenbedingten Faktoren sehen wir unseres Erachtens wenig Spielraum, zu intervenieren. Einziger Ansatzpunkt wären die Angehörigen bzw. die Kinder der Bewohner, da, wie wir zeigen konnten, ein schlechtes Verhältnis zu den Kindern maßgeblich zu Unzufriedenheit und Niedergeschlagenheit beisteuert, Rückzugstendenzen fördern und eine schnelle und unkomplizierte Eingewöhnung im Heim erheblich beeinträchtigen kann. Angehörigenarbeit würde vermutlich dazu beitragen, die Beziehung zum Elternteil ggf. zu verbessern, indem Schuldgefühle, den Elternteil ins Heim gegeben zu haben, durch Gespräche, Erfahrungsaustausche und ein aktives Einbinden in das Heimleben, aus der Welt geschaffen werden.
Auf heimstruktureller und umweltbezogener Ebene geht es insbesondere darum,
- den Heimübergang für den Bewohner so angenehm wie möglich zu gestalten. Um zunächst eine Einrichtung zu finden, die genau auf die Bedürfnisse des älteren Menschen abgestimmt ist und daher vermutlich zu einer leichteren Anpassung beiträgt, bedarf es einer einfachen Zugänglichkeit von Informationen. Die zunehmende Zahl an Einrichtungen mit stetig wachsenden Leistungsangeboten erschwert für Betroffene und ihre Angehörigen die Orientierung am Markt und die Möglichkeit, ein Heim zu finden, das auf die persönlichen Bedürfnisse des Pflegebedürftigen abgestimmt ist. Denkbar wäre neben dem Aufbau funktionierender Öffentlichkeitsarbeitsabteilungen in den Heimen, die Einrichtung einer Telefon-Hotline für Pflegefragen bspw. bei den Krankenkassen oder der Ausbau von örtlichen Beratungsstellen. Wichtig wäre aber auch bei Ankunft im Heim die Vermittlung oder das Angebot von Patenschaften für Neuankömmlinge, so dass von vornherein der Integrationscharakter im Mittelpunkt steht und anfänglichen Rückzugstendenzen entgegengewirkt wirkt, da viele Menschen schon vor dem Heimübergang einsam sind und daher zunächst "aufgefangen" werden müssen.
- eine gleichberechtigte Kommunikation zwischen Personal und Bewohnern zu fördern und die Hierarchie einzuebnen. Wie die kommunikativen Kompetenzen der Mitarbeiter in stationären Einrichtungen gefördert werden können, greift bereits ein Praxishandbuch des BMFSFJ (2002) - "Zur Entwicklung der Kommunikationskultur in Pflegeheimen" - auf. Offenbar wurde zu diesem Aspekt schon Handlungsbedarf erkannt. Im Mittelpunkt steht hier die subjektive Zufriedenheit der Bewohner; Ansatzpunkt dabei ist die persönliche Haltung der Mitarbeiter, die auch eine Vorbildfunktion zu erfüllen haben: "Zufriedenheit und Wohlbefinden der Bewohner hängen im Wesentlichen von der Gesamtatmosphäre eines Hauses, von der Qualität der Kommunikation und Interaktion zwischen Mitarbeitern und Bewohnern und von dem Gefühl ab, als Mensch wahrgenommen und berücksichtigt zu werden" (ebd. S. 12). Durch Fortbildungsseminare soll hier versucht werden, eine verständnisvolle und respektierende Kommunikationskultur zu entwickeln, um vor allem Konflikte frühzeitig wahrzunehmen und Aggression und Frustration auf diesem Wege zu vermeiden. Wichtigster Punkt ist u. E. die Beziehung zwischen Mitarbeitern und Bewohnern, also die Überwindung der strukturell angelegten Asymmetrie zwischen Personal und Bewohnern, die häufig verhindert, dass Wünsche und Kritik seitens des Bewohners geäußert werden, wie sich auch häufig in unseren Interviews gezeigt hat. Für eine positive Beziehungsgestaltung wäre es notwendig, dass sich Mitarbeiter und Bewohner aufeinander einlassen, dass biographisches Wissen untereinander ausgetauscht wird. Daher fordern die Forscher in der o. g. Studie, dass "die Pflegekräfte (.) durch Ausbildung darauf vorbereitet werden [müssen], ihre eigenen Kommunikationshürden zu erkennen und zu überwinden, jede Gelegenheit zur Kommunikation zu nutzen und die Beziehung zu den Bewohnern wertschätzend und partnerschaftlich zu gestalten" (ebd. S. 43f.). Wir gehen davon aus, dass nur durch die Überwindung der ungleichen Rollenverteilung der Bewohner in die Lage versetzt wird, Wünsche und Ängste zu artikulieren und deren Beachtung auch einzufordern. Einsamkeit gehört sicherlich zu den Ängsten, die am häufigsten vorkommen und am wenigsten artikuliert werden.50
- Zeitfenster für Gespräche in den Pflegekontext zu integrieren. Kommunikation und Wahrnehmung der Individualität des anderen erfordert Zeit. So wie die Zeit für das Essen und für das Waschen festgelegt sind, sollten auch Zeitfenster für Gespräche festgelegt werden. Will man die Kommunikation zwischen Personal und Bewohnern und damit die Atmosphäre im Heim verbessern, muss man sich vom in starre Zeitfenster festgelegten Leistungskatalog trennen. In unseren Interviews wurde z. T. deutlich, dass die Bewohner zu wenig kommunizieren und diejenigen, die häufiger die Gelegenheit zur Kommunikation hatten, schienen noch mehr Lust am Leben zu haben. Durch eine "kommunikative Atmosphäre" im Heim würden die Bewohner möglicherweise von selber wieder anfangen, miteinander zu reden.
- den Bewohnern nicht nur zu vermitteln, wie sie in Angelegenheiten, die das Heim betreffen, mitwirken können, sondern in erster Linie muss ihnen klar gemacht werden, dass sie überhaupt in der Position sind, sich beteiligen und mitwirken zu können. Es muss den Bewohnern klar gemacht werden, dass sie umfassende Rechte haben und diese einfordern können. Diese Forderung scheint trivial oder selbstverständlich, aber häufig hat sich in unseren Interviews gezeigt, dass die Bewohner sich hauptsächlich nur als "Objekte beruflichen Handelns" verstehen und weniger als "beruflicher Handlungspartner des Mitarbeiters" (Voss 1990: 12f.). Es geht also um das eigentliche Rollenverständnis des Bewohners, welches auf Unmündigkeit gründet und wenig mit einer selbst bestimmenden Klientenrolle zu tun hat. Symptomatisch für dieses Problem ist die eigentliche Ineffizienz des Heimbeirats, als jenes Gremium, das zwar Mitsprache garantieren soll, aber in der Praxis u. E. nicht annähernd diesen Anspruch erfüllen kann, wenn einem Großteil der Bewohner nicht einmal dessen Existenz bekannt ist. Folglich reicht es nicht nur, die Arbeitsweise des Heimbeirats zu überdenken, sondern es muss ein Klima des gleichberechtigten Miteinanders geschaffen werden, um Selbstbewusstsein und -zufriedenheit der Bewohner zu stärken, damit sie dann auch ihre Wünsche und Bedürfnisse artikulieren können. Vermutlich müsste dazu über weitere (andere) Möglichkeiten der Mitsprache nachgedacht werden.
Dass dieser Aspekt bisher stark vernachlässigt worden ist, wird auch im vierten Altenbericht eingeräumt, wonach bisher "keine sozialwissenschaftlichen Erhebungen zur Situation der Mitwirkung in Heimen [existieren]. Weder ist das Verhältnis der Ausübung von Mitwirkungsrechten zur jeweiligen Bewohnerstruktur erforscht, noch liegen Untersuchungen über Wahlbeteiligungen oder über faktische Wirkungsmöglichkeiten des Heimbeirats vor. Aus diesem Grund sind insbesondere vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend solche Untersuchungen zu veranlassen und zu finanzieren" (BMFSFJ 2002: 367). Da wir Kontrolle und Mitsprache für entscheidende Aspekte in Bezug auf Wohlbefinden und Lebensqualität halten, können wir dem nur zustimmen. - die Freizeit- und Aktivitätsangebote genau auf die Bedürfnisse der Bewohner zuzuschneiden. Durch Mitsprache und Einbezug der Bewohner in die Freizeitplanung könnten individuelle Bedürfnisse identifiziert werden. Die Angebote könnten dazu beitragen, dass die Bewohner miteinander in Kontakt treten und durch gemeinsame Erlebnisse den Austausch verstärken. Die Motivation zur Teilnahme würde sich vermutlich durch entsprechende Attraktivität der Angebote erhöhen, die jedoch nur dann gegeben ist, wenn sie die tatsächlichen Bedürfnisse der Bewohner ansprechen. Wichtig wäre daher, sich von Klischees zu lösen, wie z.B. alle alten Leute hören gerne Volkslieder, und es sollte sich vergegenwärtigt werden, dass es sich um erwachsene Menschen handelt, die zwar gesundheitlich beeinträchtigt sind, aber deshalb nicht mit infantilen Bastelnachmittagen oder mit Angeboten beschäftigt werden müssen, die nur an die eigenen Defizite erinnern. Daher sollte man von einem Überangebot an therapeutischen und rehabilitativen Angeboten eher absehen und Angebote, die nur der Unterhaltung dienen, in den Mittelpunkt rücken, um Entspannung und Spaß zuzulassen. Auch dies hat etwas mit dem Rollenverständnis der Heimbewohnerrolle zu tun: die Angebote antworten im Grunde nur, mit Infantilität und Defizitorientierung, auf die festgelegte Unmündigkeit und Hilflosigkeit der Bewohnerrolle.
- die enorme Langeweile der Bewohner zu minimieren und ihnen das Gefühl zu geben, gebraucht zu werden. In der vorläufigen Fassung der "Charta der Rechte hilfe- und pflegebedürftiger Menschen" (Runder Tisch Pflege)51 wurde u. a. das Recht auf Teilhabe an Beschäftigungen und Aktivitäten sowie am gesellschaftlichen Leben verankert (Artikel 6, S. 19). Darin heißt es wörtlich: "Leben Sie in einer stationären Einrichtung, können Sie erwarten, Angebote zur Betätigung zu erhalten, die Ihre Kompetenz und Kreativität fördern und Ihnen Freude machen. Dazu gehören beispielsweise die Beteiligung an hauswirtschaftlichen oder handwerklichen Verrichtungen, gemeinschaftlichen Aktivitäten, Festen und Veranstaltungen." Durch Aufgaben oder Verpflichtungen bekommt der Tag, der sich für viele Bewohner als inhaltsleer darstellt, einen Sinn, eine Struktur, der Tag wird wieder mit Lebenszeit gefüllt. Zur Normalität eines Alltags gehört auch ein Minimum an Beschäftigung, die eine Zielsetzung hat. Es kommt darauf an, dass die Bewohner spüren, dass ihre Tätigkeit zweckmäßig und sinnvoll ist und dass sie damit etwas bewirken können. Insbesondere diejenigen Bewohner, die sich noch dazu imstande fühlen, etwas zu tun, sollten die Möglichkeit haben, entweder in Form von Patenschaften oder in anderen Bereichen, sich einzubringen, das Gefühl zu bekommen, nicht nur zu nehmen sondern auch zu geben und so auch untereinander die Kontakte ins Rollen zu bringen. Ferner sehen wir es als Notwendigkeit an, den Bewohnern einen regelmäßigen Kontakt zu Kindern zu ermöglichen und die Möglichkeit zur stundenweisen Betreuung zu geben. Denkbar wäre bspw. die Partnerschaft zu einer nahe gelegenen Kindertagesstätte oder die Integration einer Kita im Heim selber. Insbesondere im Kontakt zu Kindern sehen wir viele Möglichkeiten, durch Familialität, Langeweile und Einsamkeit zu reduzieren.
- die Unwissenheit der Bewohner in Bezug auf dementielle Erkrankungen (und auch andere psychische Erkrankungen) zu reduzieren. In Anbetracht einer stetig wachsenden Zahl an gerontopsychiatrisch erkrankten älteren Menschen, auch oder insbesondere in den Heimen, ist es notwendig, nicht nur den Pflegenden Strategien im Umgang mit psychisch veränderten Bewohnern zu vermitteln, sondern auch den psychisch gesunden Bewohnern.
So wird beispielsweise im vierten Altenbericht "eine breite Aufklärung über (.) das Wesen der Demenz, den Umgang mit Demenzkranken, die therapeutischen Möglichkeiten und über bestehende Hilfs- und Versorgungsangebote" empfohlen (BMFSFJ 2002: 362). Wir sehen aber auch eine Notwendigkeit darin, nicht nur professionelle und nicht-professionelle Pflegepersonen zu beraten und aufzuklären, sondern auch diejenigen Personen, die mit an Demenz erkrankten Menschen z. T. über Jahre zusammenleben und täglich mit Belastungen wie Aggressionen, Beziehungskonflikten und Ängsten konfrontiert werden. Um ein harmonisches Miteinander der Bewohner in Einrichtungen der stationären Altenhilfe gewährleisten zu können, müssen eben auch Bewohner, die nicht an Demenz erkrankt sind, in die Aufklärung durch Schulungen, Vorträge o. ä. einbezogen werden.52 Ferner sehen wir eine Notwendigkeit darin, integrative Wohnkonzepte in den Heimen zu etablieren und von geschlossenen Stationen für psychisch erkrankte Menschen abzusehen, da damit umso mehr Ängsten und Vorurteilen Vorschub geleistet wird. - das Thema Sexualität / Intimität nicht aus dem Alltag der Bewohner auszuschließen. Es gilt, sich von der negativen Bewertung bzw. der Tabuisierung von Sexualität und Intimität im Alter und noch viel mehr im Heim zu lösen. Nur so können sich auch partnerschaftliche bzw. intime Beziehungen in Heimen entfalten, ohne dass die jeweiligen Bewohner irgendeine Form von Diskriminierung befürchten müssen. Außerdem kann davon ausgegangen werden, dass durch die Befriedigung sexueller Bedürfnisse zur Gesundheit und zum Wohlbefinden eines Bewohners beigetragen werden kann und sich möglicherweise sexuelle Übergriffe auf Mitarbeiter verhindern lassen. Um eine Enttabuisierung tatsächlich herbeizuführen, reicht es u. E. jedoch nicht aus, die Mitarbeiter in den Heimen über dieses Thema aufzuklären. Notwendig wäre eine diesbezügliche Reaktion auf politischer Ebene. Als richtungweisend bspw. kann eine dänische Gesetzesregelung betrachtet werden, wonach psychisch oder physisch Behinderten in Dänemark mit staatlicher Hilfe bessere Möglichkeiten zur Befriedigung sexueller Bedürfnisse verschafft werden sollen.53 Auch wenn es hier in erster Linie um behinderte Menschen geht, so verdeutlicht dieses Beispiel doch, dass sensible, tabuisierte Bereiche, wie Sexualität Behinderter oder auch Sexualität in Altenheimen, einer gesellschaftspolitischen Auseinandersetzung bedürfen und nicht losgelöst davon auf heimstruktureller Ebene angegangen werden können. Nur so könnte den negativen Bewertungen durch die Mitarbeiter aber auch anderer Bewohner begegnet werden und vertrauliche Kontakte zwischen Bewohnern könnten sich freier entfalten. Für eine Atmosphäre der Selbstverständlichkeit und Offenheit ist es natürlich auch notwendig, dass die Privatsphäre voll und ganz respektiert wird (bspw. durch einfaches Anklopfen vor Betreten des Zimmers).
- den Bewohnern durch entsprechende bauliche Gegebenheiten eine Umwelt anzubieten, die insbesondere in der Lage ist, den Bezug zur Außenwelt herzustellen. Denn, wie im Dritten Altenbericht treffend formuliert, ist "die Erschließbarkeit des ,Draußen' ein hohes Gut für Ältere. Auch wenn es stimmt, dass Alltag im Alter vor allem ein Alltag ,in den eigenen vier Wänden' ist, so ist doch und vielleicht gerade deswegen die Erschließbarkeit der verschiedensten Ressourcen der ,Außenwelt' auch ein entscheidender Faktor von Lebensqualität im Alter" (BMFSFJ 2001: 286). In unseren Interviews konnten wir feststellen, dass Einsamkeit im Heim auch mit einem weitestgehenden Verlust eines Bezuges zur Außenwelt einhergeht, der vermutlich durch entsprechende bauliche Lösungen teilweise kompensiert werden könnte. Denkbar wären das Vorhandensein und ein freier Zugang zu einer begrenzten Gartenanlage (möglicherweise mit Angliederung an einen Kinderspielplatz) und die Integration eines öffentlichen Cafés im Altenheim, das sich dementsprechend im Eingangsbereich des Heims befindet. Neben einer notwendigen Öffnung der Heime muss der Wohncharakter im Vordergrund stehen, insbesondere durch fließende Übergange zwischen öffentlichen und halb-öffentlichen Räumen und durch wohnliche Einrichtung der Gemeinschaftsräume, um das Gefühl der Anonymität zu reduzieren und Kontaktaufnahmen zu erleichtern. Daher sollten auch kleine Heime (höchstens 50 Personen) den Maßstab bilden.
Inwiefern diese Vorschläge in die Praxis umgesetzt werden können, entzieht sich unserer Kenntnis. Dennoch gehen wir davon aus, dass die Lebensqualität, die maßgeblich davon abhängig ist, ob ein Mensch sozial interagiert, in den Heimen tatsächlich nur dann gesteigert werden kann, wenn diesem existenziellen Grundbedürfnis in vollem Umfang Rechnung getragen wird. Dazu bedarf es nicht ausgefeilter Therapieformen, gemütlicherer Gemeinschaftsräume oder weiterer Demokratisierungsversuche in Form von Heimbeiräten, sondern der banalen Einsicht, den Bewohnern ein normales Leben zu ermöglichen. Es geht zusammenfassend darum, Informationen zur Verfügung zu stellen, Geborgenheit zu vermitteln, Kommunikation zu fördern, Gleichberechtigung herzustellen, realistische Möglichkeiten zur Mitsprache und zur sinnerfüllten Beschäftigung zur Verfügung zu stellen, die Bedürfnisse der Bewohner zu eruieren und die Trennung des Heims von der Außenwelt zu durchbrechen.
Für einen Überblick über die oben erläuterten Maßnahmen werden diese am Ende im Anhang in einer Übersicht - jeweils dargestellt nach Handlungsfeldern, Maßnahmen und Zielen - dargestellt.
Abschließend soll eine Möglichkeit vorgestellt werden, wie einige der oben beschriebenen Ziele zur Reduzierung der Einsamkeit bei Heimbewohnern und damit zur Verbesserung der Lebensqualität in den Einrichtungen erreicht werden können bzw. schon teilweise umgesetzt werden: es geht um die so genannte "Eden-Alternative".54 Interessanterweise scheinen hier verschiedene Aspekte unserer Überlegungen bereits aufgegriffen worden zu sein.
Die Idee der "Eden-Alternative" basiert auf der Feststellung, dass das Hauptproblem, wenn es um Probleme in stationären Einrichtungen geht, das fehlerhafte System ist, das sich immer noch an klinischen Vorbildern orientiert, d.h. Heime werden wie Krankenhäuser geführt, abgeschottet vom realen Leben, stets darum bemüht, das Leben der Bewohner perfekt zu strukturieren, zu organisieren und abzuwickeln. Konventionelle Lösungsansätze hinsichtlich Qualitätsverbesserung scheinen jedoch unangebracht, da sie in klinischen Strukturen verbleiben.
Dementsprechend kreist das Leben in den Heimen ausschließlich um die Behandlung von Krankheiten. Die Bewohner werden in ein umfassendes Aktivierungs- und Rehabilitationskorsett gezwängt, das die Beschwerden lindern soll, obwohl sie eigentlich ein ganz anderes Problem haben: sie sind einsam, da niemand nach ihren individuellen Bedürfnissen fragt. Die Eden-Alternative versucht nun, die Leiden betagter Menschen durch ein neues Denkmodell zu bekämpfen. Sie wurde 1991 von Dr. William Thomas und Judy Meyer Thomas in den USA entwickelt.
In erster Linie geht es bei der "Eden-Alternative" darum, einen Zustand der "Alltagsnormalität" herzustellen. Dieser ist nur zu erreichen, wenn die Bedürfnisse der Bewohner berücksichtigt werden, wenn Spaß und Genuss den Alltag bestimmen und nicht pflegeorientierte Betriebsamkeit, denn Lebensqualität definiert jeder für sich selbst und ist daher nicht mittels festgelegter Pflegeziele bestimmbar. Die Eden-Alternative versucht, Alltagsnormalität herzustellen, indem die in den Heimen existierende Trias Einsamkeit-Langeweile-Hilflosigkeit eliminiert wird. Es geht dabei um die Implementierung von vier zentralen Aspekten:
- Gemeinschaft schaffen (Einsamkeit lindern)
- Aufgaben und Verantwortung übertragen (Hilflosigkeit lindern)
- Selbstbestimmung und Mitsprache fördern (Hilflosigkeit lindern)
- Abwechslung und Spontaneität zulassen (Langeweile lindern)
In Eden-Heimen steht die Fürsorge an erster Stelle, indem ein menschenwürdiges Wohnumfeld geschaffen wird, das sich an der Natur inspiriert und eine vielfältige und gleichberechtigte Umgebung für alle bildet. Um eine Gemeinschaft erzeugen zu können, ist es notwendig, die Hierarchie zwischen den Mitarbeitern der Institution und der Bewohnerschaft zu beseitigen. Das heißt, alle Mitarbeiter des Heims verrichten nicht nur ihre Arbeit, sondern tragen mit ihrer Persönlichkeit und ihrer Lebenserfahrung zur Gemeinschaft bei, so dass persönliche Beziehungen zwischen Bewohnern und Personal möglich werden. Ebenso werden berufliche Erfahrungen der Bewohner für die Gemeinschaft genutzt. Aufgaben und Verantwortung, aber auch Erfahrungen von Abwechslung und Spontaneität, finden sich in Gelegenheiten, für andere zu sorgen oder in anderen Bereichen. Das kann über verschiedene Wege bewerkstelligt werden: dauerhafte Betreuung von Haustieren, stundenweise Betreuung von Kindern, Mitarbeit in der Küche, Beratung in der Menükommission, Verteilung der Post, Pflege von Pflanzen und / oder Gärten u. a. Die Bewohner sollen dazu befähigt werden, Strategien und Pläne der Einrichtung mitzugestalten, sie sollen ihre Vorstellungen von Lebensqualität formulieren und umsetzen können. Außerdem steht auch immer das Wohl des gesamten Personals im Mittelpunkt, da hier der Grundstein für die Arbeitsmotivation gelegt wird.
Umgesetzt wurde die "Eden-Alternative" bisher in ca. 300 Alters- und Pflegeheimen, hauptsächlich in den USA und Kanada, aber auch in Australien und in der Schweiz. Studien von Eden-Heimen zeigen eine signifikante Abnahme vieler Indikatoren u. a. bei Depressionen, Reizbarkeit, Medikamentengebrauch, Dekubitus, Abhängigkeit und sogar Sterblichkeit. Verglichen mit traditionellen Heimen nehmen auch die Fluktuationen beim Personal und die Anzahl der Reklamationen ab.
Teile der Eden-Alternative werden natürlich bereits, auch ohne es so zu bezeichnen, in vielen Heimen verwirklicht. Spezifisch neu sind der gesamtbetriebliche Ansatz und die mit ihm systematisch ausdefinierten Inhalte und die in ihm geforderte kommunikative Arbeit. Bei der Umsetzung muss bedacht werden, dass den Mitarbeitern die erforderliche Handlungskompetenz eingeräumt werden muss, damit sie die nötigen Entscheidungen zugunsten der Bewohner treffen können. Das geht nur im Rahmen eines Führungsstils, der die Mitarbeiter ebenso fordert wie fördert. Zur Umsetzung der Eden-Alternative ist die Einebnung von Hierarchien vordergründig notwendig, da es sich um ein gesamtbetriebliches Konzept handelt, so dass alle Mitarbeiter gleichwertig an der Umsetzung beteiligt werden müssen.
Die Entwickler der "Eden-Alternative" fordern, dass Pflegeheime sich zu einer echten Option entwickeln und dazu einladen einzuziehen, wenn die Kräfte nachlassen. Ein Heim soll zu einer guten Alternative werden, um Gemeinschaft zu finden, bevor sich Einsamkeit folgenschwer bemerkbar macht. Tiere, Pflanzen und Kinder können dazu beitragen, ein reiches Wohnumfeld zu schaffen. Um Gemeinschaft und ein Gleichgewicht von Fürsorge, Vielfalt und Spontaneität im Alltag in Pflegeheimen entwickeln und um sämtliche Vorgänge dem pflegeorientierten Denkmodell entheben zu können, bedarf es jedoch sicherlich großer Anstrengungen.
50 Möglicherweise sollte diesbezüglich über neue Ausbildungsinhalte oder sogar neue Ausbildungsgänge im Bereich der Altenpflege nachgedacht werden, bspw. in Form von eigens für die Problematik der Bewohnerkultur in Heimen zugeschnittenen sozialpflegerischen Berufen.
51 Ein Entwurf der Charta ist abrufbar unter (wird voraussichtlich im Herbst 2005 verabschiedet): http://www.bmfsfj.de/RedaktionBMFSFJ/Abteilung3/Pdf-Anlagen/
charta-der-rechte-aelterer-menschen,property=pdf.pdf
52 Es finden sich erste Hinweise für Bewohner in Heimen zum Umgang mit psychisch beeinträchtigten Personen in der Broschüre vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hg.), 2004: Ihre Rechte als Heimbewohnerinnen und Heimbewohner. Berlin. S. 55f. Allerdings haben diese "Tipps" nicht den Charakter einer breiten Aufklärung zum Krankheitsbild und zum Umgang damit. Nur Anleitungen zur Verfügung zu stellen, ohne ein Verständnis der Ursachen von Verhaltensauffälligkeiten zu vermitteln, greift u. E. zu kurz, zumal fraglich ist, inwiefern die Bewohner mittels solcher Broschüren überhaupt erreicht werden.
53 Im Jahr 2001 vom dänischen Sozialministerium erlassen, nachlesbar unter: www.ufch.dk/Files/Filer/nordisk/A_guide_to_sexuality.pdf ("A guide to sexuality - Regardless of disabilities", The Ministry of Social Affairs, March 2001, Danmark). In Deutschland werden in der "Charta der Rechte hilfe- und pflegebedürftiger Menschen" erste kleine Schritte gemacht, das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung und auf Wahrung und Schutz der Privat- und Intimsphäre hilfe- und pflegebedürftiger Menschen schriftlich zu verankern. http://www.bmfsfj.de/RedaktionBMFSFJ/Abteilung3/Pdf-Anlagen/
charta-der-rechte-aelterer-menschen,property=pdf.pdf
54 Folgende Ausführungen basieren alle auf der ersten deutschen Veröffentlichung zum Konzept der "Eden-Alternative" von Monkhouse / Wapplinger (2003).

