6. Fazit und Ausblick
6.1. Fazit und Ausblick
Gemeinsam einsam! - Heimbewohner sind nicht in der Lage, auf Grund der verschiedenen personenbedingten, heimstrukturellen und umweltbedingten Faktoren, die vorhandenen Ressourcen zur eigenen Bedürfnisbefriedigung zu nutzen. Ein trauriges und zugleich alarmierendes Fazit, das zeigt, dass sich nicht allein auf Grund einer Ansammlung von Menschen, automatisch mitmenschliche Nähe entwickelt. Die Angst, im Alter und vor allem dann, wenn man ins Heim muss, zu vereinsamen, ist also nicht unbegründet.
Das Vereinsamungsrisiko in stationären Einrichtungen der Altenhilfe scheint erschreckend hoch und ihm scheint man durch das generell fremdbestimmte Leben in einer totalen Institution auch nur schwerlich entrinnen zu können. Der Mensch ist aber kein Einzelgänger. Er ist auf andere angewiesen. Am Lebensabend muss zum einen sicherlich die pflegerische Versorgung (z.B. Körperpflege, Ernährung etc.) gewährleistet werden. Aber leider kommen zum anderen im Heimalltag überwiegend die persönliche Betreuung (z.B. Gespräche, Fürsorge etc.) und die damit verbundene Möglichkeit zur Erfüllung individueller Bedürfnisse häufig zu kurz.
Daher stellt sich die Frage, ob heutige stationäre Pflegeeinrichtungen immer noch zeitgemäß sind.
Auch die Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Renate Schmidt, erklärt, dass die Altenhilfestrukturen der Zukunft enger an den Bedürfnissen und Wünschen älterer Menschen orientiert werden müssen. Des Weiteren sagt sie: "Wir wollen Hilfe- und Pflegebedürftigen ein selbst bestimmtes Leben bis ins hohe Alter ermöglichen. (.) Wir brauchen eine umfassende Beratung älterer Menschen und ihrer Familien. Wir müssen die notwendige Kooperation und Vernetzung zwischen Gesundheitswesen und Altenhilfe vorantreiben. Und wir können dabei auf eine neue Kultur des Helfens bauen, wenn wir die große Bereitschaft zu freiwilligem Engagement gerade auch bei der Betreuung demenzkranker Menschen fördern."55
Möglicherweise liegt die Zukunft in der neuen Heimgeneration "Hausgemeinschaften", in der Angebotsausweitung der ambulanten Pflege, wodurch auch Schwerkranke und auch Demenzkranke ohne Probleme versorgt werden können oder in der Entwicklung neuer Konzepte, wie der Eden-Alternative.
In der Forschung stellt die Einsamkeitsproblematik von Heimbewohnern eine noch weitgehend verkannte Thematik dar. Aus diesem Grund folgt ein kurzer Forschungsausblick.
Folgende Forschungsinteressen im Bereich Grundlagenforschung, Evaluations- und Interventionsforschung könnten im Annschluss dieser Arbeit qualitativ und bedingt auch quantitativ weiter verfolgt werden:
- Verifikation und ggf. Ergänzung der identifizierten möglichen einsamkeitsbedingenden Faktoren, im Fall von Heimbewohnern in stationären Einrichtungen (z.B. Zugewinn an Informationen, möglich durch Ausweitung der Informantenperspektive, d.h. neben den Bewohnern könnten auch das Personal oder Angehörige befragt werden - ein Mix aus verschiedenen Erhebungsmethoden wäre denkbar).
- Entwicklung weiterer praxisrelevanter und finanzierbarer Interventions- und Verbesserungsmaßnahmen - in Verbindung mit der Erforschung der Wirkung der einzelnen identifizierten einsamkeitsbedingenden Faktoren und deren Wirkungsbeziehung untereinander (z.B. Informationszugewinn durch die Untersuchung von stationären Einrichtungen mit einer differenzierten Heimstruktur, beispielsweise durch Erforschung einsamkeitsbedingender Faktoren in einem Wohnheim / Alten-WG o.ä.).
- Überprüfung, ob die identifizierten eisamkeitbedingenden Faktoren auf andere Totale Institutionen übertragbar sind (z.B. Justitzvollzugsanstalten).
Wir empfehlen für die Zukunft bei der Entwicklung und Durchführung weiterer Forschungsprojekte auch die ökonomischen Gegebenheiten stärker einzubeziehen als bisher. Der Heimeinzug steht in Abhängigkeit von ökonomischen Gesichtspunkten, und zwar im Hinblick darauf, welche finanziellen Möglichkeiten einem älteren Menschen zur Verfügung stehen, wonach nicht jedem Menschen alle Versorgungsalternativen hinsichtlich der Leistungsmenge und der Leistungsqualität offen stehen. Die Befürchtung liegt nahe, dass angesichts der demografischen Entwicklung hin zu einer alternden Gesellschaft und durch das Absinken staatlicher Zuschüsse sich im Laufe der Jahre eine Zwei-Klassen-Pflege herausentwickeln könnte.
Bessere Pflege kostet mehr Geld, das den Ländern und Kommunen aber nicht in ausreichender Weise zur Verfügung steht und diese desolate Finanzlage kann dazu führen, dass beispielsweise bei Investitionen in Pflegeheime und bei der Pflegeausbildung gravierende Einsparungen vorgenommen werden. Die daraus folgenden Überlegungen, dass auch durch Ein-Euro-Jobs im Rahmen der Hartz IV-Reform, Kräfte in die Pflegebranche eingeführt werden könnten, sind hinsichtlich der Erhaltung bzw. der Verbesserung eines Qualitätsstandards nicht unbedingt zuträglich.
Eine dramatische Entwicklung könnte sich daraus ergeben, dass auf der einen Seite für die Mehrheit der Bevölkerung (für den Durchschnittsverdiener) nur noch Massenheime mit standardisierter "Pflege light" finanzierbar werden. Daneben werden immer mehr teure Luxus-Heime für die zahlungskräftigere Bevölkerungsschicht mit der zunehmenden Privatisierung entstehen, deren Bewohner unter Umständen dann den Vereinsamungsrisiken auf Grund vorteilhafterer heimstruktureller Bedingungen weniger stark ausgesetzt sind.
Diesem Zukunftsszenario gilt es bereits heute entgegenzuwirken. Im Besonderen ist das möglich durch die Unterstützung von Forschungsaktivitäten, um Konzepte zu entwickeln, die den Entscheidungs-, Handlungs-, Bewegungs- und Gestaltungsfreiraum für Heimbewohner in einer lebensweltorientierten Umgebung sichern, wobei die dadurch erbrachte Leistung - die Erhaltung der individuellen Selbstbestimmung - prinzipiell für den Großteil der pflegebedürftigen Menschen erschwinglich sein sollte.
Dadurch, dass bereits viel versprechende Forschungsansätze und Modelluntersuchungen existieren, wird das Prinzip "Hoffnung" genährt. Skeptikern sei mit den Worten von Regina Hildebrandt geantwortet: "Erzählt mir doch nich, dasset nich jeht."
55 BMFSFJ: Pressemitteilung vom 06.05.04: www.bmfsfj.de/Kategorien/Presse/pressemitteilungen,did=18216.html

